Montag, 11. April 2016

Las divertidas aventuras de Angelo Bonetti

Es hat auch einen Vorteil, dass man in Schweppenhausen nichts kaufen kann. Dann kann man auch kein Geld ausgeben. Nicht mal eine Zeitung kann man hier kaufen, kein Brot, keine Wurst, keinen Käse, kein Bier. Fisch oder Schweinebraten gibt’s auch keinen. Autos oder Flugreisen? Nö. Eigentlich gibt es nur zwei Sachen: Wein und Boote. Denn Schweppenhausen beherbergt nicht nur diverse Winzer, sondern auch eine Werft, in der Boote hergestellt werden.
Im Prinzip kann man sich hier also nur hemmungslos betrinken und dann ein Boot kaufen, den Guldenbach bis Lalo (Langenlonsheim) hinunterschippern, in die Nahe einbiegen, die wenige Kilometer weiter in den Rhein mündet. Von dort komme ich dann problemlos bis nach Honolulu, wenn ich will. Und auf hoher See gibt es auch keine Geschäfte und Restaurants. Du kannst nichts kaufen. Du bist auf dich alleine gestellt.
Nennt mich Ismael. Und mein Boot werde ich Pequod nennen. Derzeit lese ich Melvilles „Moby Dick“ – da träumt man gelegentlich von großen Abenteuern …

Die deutsche Sprache – Versuch einer Annäherung

„Scribunt carmina quae legunt cacantes.“ (Sie schreiben ihre Ergüsse für Latrinenleser)
Das Gegenwartsdeutsch („Dauertiefpreise“, „Kompetenzteam“, „Vollkorntoast“) ist schon schwer erträglich, macht es doch zum Beispiel aus den „Alternativen“ meiner Kindheit, friedensbewegten häkelnden Softies, einen Haufen neoliberaler Nationalisten, die gerade zur perfekten Symbiose von Biedermann und Brandstifter mutieren. Aber früher war es nicht besser. Die widerliche Formulierung „Versuch einer Annäherung“ weist bereits den Weg in die grauenhafte Sprachverhunzung der siebziger und achtziger Jahre.
Hier einige Exemplare seltener Dämlichkeit aus der Bonner Republik:
Abenteuerspielplatz: Habe ich schon als Kind nicht begriffen (siehe auch: Erlebnisgastronomie)
Anturnen und Abturnen: Szeneausdrücke, die nichts mit Sport zu tun haben.
Betroffenheit: Wortseuche aus dem rhetorischen Reich der „deutschen Innerlichkeit“.
Center: Irgendwann wurden der Bäcker zum Back-Center und die Pommesbude zum Snack-Center, ohne ihr Angebot zu verändern.
Denkanstoß: Kam von Leuten, die sich für schlau hielten, und lief regelmäßig ins Leere.
Einbringen: Typen, die sich in eine Diskussion einbringen wollten, gingen mir vom ersten Moment an auf den Sack.
Entsorgungspark: Klang besser als Atommüllkippe. Wir warten bis heute.
Erwartungshorizont: Habe ich nie begriffen. Hört sich nach geistigem Sonnenuntergang an.
Freiräume und Freizeit: Sehr schöne Begriffe, da sie auf den Charakter anderer Räume und Zeiten (z.B. Arbeit) unfreiwillig einen wertvollen Hinweis geben.
Ganzheitlich: Klang für mich von Anfang an nach traditionell chinesischer Abzocke.
Handlungsbedarf: Wurde von Politikern meist nur gesehen.
Irgendwie: Das Füllwort meiner Jugend. Wer es wohl erfunden hat?
Knabberfrisch, Kuschelweich, Kaugenuss: Werbedeutsch. Brummt im Kopf.
Kulturbeutel: Offensichtlich ist der Waschzwang Kern deutscher Kultur.
Leistungsträger: Gab es auf dem Fußballplatz und in der Berufswelt, nicht aber in der Familie oder der Kultur.
Liedermacher: Die Genitalwarzen der Musikbranche.
Medienlandschaft: Lag direkt neben dem Entsorgungspark und war mindestens genauso schön.
Motivation: Wurde gebraucht, wenn man den Sinn einer Tätigkeit nicht sofort erkannt hatte.
Paradigma: Durfte erst nach abgeschlossenem Studium verwendet werden.
Postmoderne: Begann unverhofft in meiner Jugend und gilt bis heute als schwerintellektuelle Hirnschwurbeligkeit ohne tiefere Bedeutung.
Sachzwänge: Entdeckten Politiker immer dann, wenn sie keine Lust zu diskutieren hatten.
Schweinesystem: Hier führten wir unser Hundeleben. Kommt womöglich von Orwells „Animal Farm“, wo bekanntlich die Schweine regieren.
Selbstverwirklichung: Endete in der Realität stets dann, wenn man merkte, dass niemand die selbstgetöpferten Kerzenhalter kaufen wollte und keiner in Kalkutta Deutsch verstand.
Sensibel: Bei dem Wort könnte ich heute noch spontan kotzen.
Super: Erst gab es nur Supermärkte und Superstars, aber dann war das Wort nicht mehr zu bremsen – bis „Mega“ kam.
Umwelt: Wurde erst in den siebziger Jahren entdeckt (lange nach Amerika!). Doch, doch. Siehe auch: Umweltbewusstsein (= Groschen gefallen).
Verkehrsberuhigung: Bis heute ein Begriff aus dem Bereich der Utopie.
Zielgruppe: Reklamedeutscher Begriff, der Klasse, Generation oder regionale Bezüge ersetzen sollte.
Martha & The Muffins - Echo Beach. https://www.youtube.com/watch?v=WNy8ePVkPVk

Sonntag, 10. April 2016

Zu schön, um wahr zu sein

Adolf Hitler hatte einen Halbbruder, Alois Hitler. Aber schon als Kinder konnten sich die beiden nicht ausstehen, Hitler erwähnte seinen Halbbruder nie. Im Jahre 1900 – mit achtzehn Jahren – wurde Alois wegen Diebstahls zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt. 1902 kam er für weitere acht Monate ins Gefängnis. Drei Jahre später wanderte er nach London aus, heiratete eine Irin, wurde Alkoholiker und verdrosch regelmäßig seine Kleinfamilie.
Sein Sohn, Willy Hitler, versuchte in den Jahren nach 1933, in Deutschland seinen Onkel Adolf Hitler um Geld und andere Vorteile zu erpressen, was jedoch misslang. Der Führer bezeichnete ihn als seinen „widerlichsten Verwandten“. Willy Hitler wanderte in die USA aus und starb 1987 auf Long Island.
1915 kehrte Alois Hitler nach Österreich zurück, 1924 stand er wegen Bigamie in Hamburg vor Gericht. Er hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Sein zweiter Sohn Heinrich Hitler – 1920 geboren - starb im Zweiten Weltkrieg in russischer Kriegsgefangenschaft.
1934 eröffnete Alois Hitler am Wittenbergplatz in Berlin ein Restaurant, das er „Alois“ nannte. Es war ein beliebter Treffpunkt der SA, sein Halbbruder Adolf besuchte es jedoch nie. Beide hatten nach der Machtergreifung Hitlers keinen Kontakt mehr zueinander, dem „Führer“ war die Verwandtschaft offenbar peinlich.
Nach dem Krieg lebte Alois Hitler in Hamburg-Fuhlsbüttel. Auf dem Hauptfriedhof Ohlsdorf wurde er 1956 unter dem Namen „Alois Hiller“ beerdigt.
https://de.wikipedia.org/wiki/Alois_Hitler_junior

Blogstuff 34 – oder nur die mutlosen Kritzeleien eines Minderbegabten?

„Unter all den Myriaden von Dichtern, Rhetorikern, Philosophen und Sophisten der früheren Zeiten hat (…) kaum ein Werk von tausend überlebt; nomina et libri cum corporibus interierunt, ihre Werke und Körper sind miteinander verwest. Es trifft nicht ein, was sie in ihrer Eitelkeit glauben, dass ihnen Bewunderung und Unsterblichkeit gewiss sind.“ (Robert Burton: Die Anatomie der Melancholie)
Hätten Sie’s gewusst? Manche Geschichten von Andy Bonetti sind so nervenaufreibend, dass er beim Schreiben ein Stuntdouble braucht.
Jedes seiner Beine wog so viel wie ein Gymnasiast.
Ist es nicht unfassbar, dass wir diese ganze komplizierte Welt nur dazu erschaffen haben, uns das Leben ein bisschen einfacher zu machen?
Die etablierten Parteien sind einander so ähnlich geworden; sie haben nur eine einzige Perspektive, einen immer gleichen Blickwinkel auf die Gesellschaft. Sie sind wie die Nornen, die nur ein Auge haben, das sie sich gegenseitig ausleihen.
CEBIT-Neuheit: die intelligente Mettwurst. Schmeckt lecker und verwandelt sich im Magen in eine kalorienfreie Flüssigkeit. Ohne Geschmacksverstärker, künstliche Aromen oder andere Chemie!
Was waren das für Zeiten, als ich als junger Mann mit abgewetzter Jeansjacke und Zehn-Tage-Bart am Bahnhof Zoo mit einem angedeuteten Nicken und fragendem Blick wortlos auf das Thema Drogen angesprochen wurde. Jetzt stehe ich dort grauhaarig in Jack Wulfskin-Uniform am U-Bahnsteig und ein junger Mann spricht mich an: „Ich bin von einer evangelischen Gemeinde. Möchten Sie an unserem Bibelunterricht teilnehmen?“
Berlin ist so hip – jetzt soll angeblich sogar der BVG-Fahrplan verfilmt werden.
Die mächtige Bronzestatue eines berühmten Entdeckers weist mit ausgestrecktem Arm auf einen fernen Horizont – in Wirklichkeit zeigt der Finger auf den dritten Stock einer Mietskaserne, deren Anstrich längst vergilbt ist.
Es ist nichts anderes als die Gewohnheit, die uns beim Blick in den Spiegel das eigene Gesicht vertraut erscheinen lässt. Sehen wir einen Teil unserer Haut in einem Schminkspiegel stark vergrößert, haben wir den Eindruck, wir betrachten die Oberfläche eines unbekannten Planeten.
Die Halbschuhe der alten Frau hatten die Farbe von flüssigem Schweinekot.
Der feuchte Glanz ihrer riesigen dunklen Pupillen erinnerte mich an einen Seehund.
Das ist Berlin: Nach einem köstlichen mehrgängigen Menü im iranischen Restaurant „Olivengarten“ in der Spichernstraße komme ich auf dem Rückweg nach wenigen Schritten an dem Haus vorbei, in dem Bert Brecht die „Dreigroschenoper“ geschrieben hat.
Die elektronischen Klänge der Melodie tropften einzeln herab, als hallten sie von den Wänden einer großen Höhle wider.
Meine linke Hand ist eingeschlafen. Was sie wohl gerade träumt?
Welcher Gedanke ist wirklich neu, wenn siebeneinhalb Milliarden Menschen den ganzen Tag denken?
Wir hatten jetzt Frauen, Farbige, Homosexuelle und Behinderte in hohen Staatsämtern. Hier und anderswo. Genutzt hat es nix. Aber wenigstens hätten wir das mal geklärt.
Werbung: Jetzt neu! „Hegel Knoblauch mit scharf – Berliner Leitkultur“ von Andy Bonetti. Neue Argumente zu einer alten Debatte. In Ihrer Bahnhofsbuchhandlung.
Max Frisch schreibt in seinem „Tagebuch 1966-1971“ über seine erste Begegnung mit Brecht Ende 1947 in Zürich: „ein Mann in der Fremde, die seine Sprache spricht“. Nach zwölf Jahren Exil war der deutsche Schriftsteller pleite, aber mit einem Koffer voller Manuskripte aus Amerika zurückgekehrt. „Vielleicht kommen Sie auch einmal in diese interessante Lage“, sagte er zu Frisch, der ihm von seinen Reisen durch das zerstörte Deutschland berichtet hatte, „dass Ihnen jemand von Ihrem Vaterland berichtet und Sie hören zu, als berichtete man Ihnen von einer Gegend in Afrika.“
Über seine Schweizer Heimat hat Frisch einmal geschrieben: „Ein kleines Herrenvolk sieht sich in Gefahr: man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen.“
Hätten Sie’s gewusst? Das Saarland und die Insel Borneo haben auf der Landkarte denselben Umriss.
P.S.: Der neueste Trend aus Berlin: BierYoga. „BierYoga ist die Kombination aus einer Yogastunde mit zwei Flaschen Bier.“ Kein Scherz!
http://bieryoga.de/
The Sound – Fatal Flaw. https://www.youtube.com/watch?v=0z078J2VlDo

Samstag, 9. April 2016

Ausgerechnet Schmitten!

„Literatur muss nicht wahr sein, sie muss sich nur wahr anfühlen.“ (Andy Bonetti)
St. Pauli. Die Bar „Zum lachenden Buddha“ liegt an Pier 17 hinter verrosteten Containern und leeren Fässern. Hier gibt es Tsingtao-Bier, Mekhong-Whisky und die gefürchtete „Spezialität des Hauses“: eine Portion Reis und ein halbes Dutzend Chicken-Nuggets werden in einer Schüssel mit einer thailändischen Currysuppe aus der Dose übergossen und in der Mikrowelle warm gemacht. Alles in allem kein übler Laden.
In meinem Job treibt man sich jede Nacht in solchen Spelunken herum. Trinkt morgens einen miesen Kaffee und einen Jägermeister an einem schäbigen Kiosk. Und wenn du dir den müden Spaß erlaubst und den Kioskfritzen nach dem Barista fragst, antwortet er dir staubtrocken und humorlos, dass er diese Zigarettenmarke nicht verkauft.
In meinem Job ernährst du dich nur von Schnaps, Bier und Fischbrötchen. Meine Frau hätte mich längst verlassen, wenn ich jemals eine gehabt hätte. Die Kollegen muss ich an Autobahnraststätten und in heruntergekommenen Kinosälen treffen, in denen Filme laufen, die keiner sehen will. In mein Büro komme ich nur durch einen unterirdischen Geheimgang von der Herrentoilette des benachbarten Einkaufszentrums. Mein Name ist Gregory Schmendrick. Ich bin Undercover Agent.
Das „Buddha“ und der schmierige fette Chinese hinterm Tresen gehören seit drei Monaten zur Ausstattung meines Alltags. Ich sitze mit Jens-Klaus Van Dumm und Philip „Hurricane“ Pfützenhobl in einer düsteren Ecke der Bar. Es geht um eine Lieferung Chrystal Meth für den Bundestag. Die Fraktion darf ich Ihnen nicht verraten. Wäre auch unwichtig. Die „Buddha Crew“, wie ich sie in meinen Berichten nenne, beliefert alle Parteien.
Die beiden Jungs sind völlig identisch: sie haben eine flache Stirn und sind durch eine Überdosis Steroide bis zur Lächerlichkeit aufgepumpt, sie tragen eine Art Kriegsgefangenenkurzhaarfrisur und schwarze Lederjacken. Sie sind natürlich nur die Laufburschen. Ich will an den Mann rankommen, der hinter ihnen das große Rad in diesem Geschäft dreht: James Doogan. The Doog. Doogman. Doogikowski. Ein ultrabrutaler Kerl. Selbst seine Mutter hat Angst vor ihm. Er kann dir nur mit seinem Blick unvorstellbare Schmerzen zufügen.
Es ist mein härtester Einsatz.
Und dann kommt Schmitten.
Steht plötzlich in der Tür und grinst.
Schmitten.
So, wie er immer war. Stone-washed-Jeans. Stone-washed-Jeansjacke. Wahrscheinlich ist auch seine Unterwäsche stone-washed.
Er darf mich hier nicht sehen. Ich bin mit diesem Idioten in die Schule gegangen. Also lehne ich mich weit ins Dunkel zurück und senke den Kopf.
Schmitten geht zum Tresen und bestellt ein Bier.
Endlose Minuten des Schweigens. Ich höre nur das Sirren des Deckenventilators und in der Ferne das Signalhorn eines Frachters.
Der Wirt stellt Schmitten das Glas vor die Nase.
Schmitten trinkt.
Er steht auf.
Oh,nein!
Er kommt zu uns an den Tisch.
„Mensch, Greg“, sagt er freudestrahlend. „Lange nicht gesehen.“
Ich sage nichts. Mir fällt auch nichts ein.
„Du hast ja heute gar nicht deine Polizeiuniform an.“
Nur eine Nanosekunde später blicke ich in die hässlichen Mündungen von zwei Revolvern. Und selbst der fette Chinese hält plötzlich eine abgesägte Schrottflinte in den Händen.
Und er hat, verdammt nochmal, nicht gelacht.
Fortsetzung folgt nicht
AC/DC - You Shook Me All Night Long. https://www.youtube.com/watch?v=Lo2qQmj0_h4

Freitag, 8. April 2016

Das Kartell

„Ungehorsam ist die wahre Grundlage der Freiheit. Die Gehorsamen sind Sklaven.“ (Henry David Thoreau)
Die fruchtbaren Ebenen des Wetterau-Kreises liegen auf der richtigen Höhe, der Säuregehalt des Bodens ist perfekt und es fällt ausreichend Niederschlag. Und so wundert es in Nordhessen niemanden, dass in diesem Gebiet seit Generationen Mohn angebaut wird. Die Campesinos liefern ihre Ernte an eine Handvoll Latifundistas, die den Landkreis kontrollieren und den Mohn zu Opium weiterverarbeiten. Die Kunden waren im 19. Jahrhundert zunächst chinesische Gleisarbeiter, die an den Strecken der Northwestern Railway Company von Frankfurt nach Köln, Essen und Dortmund beschäftigt waren.
Als um die Jahrhundertwende via Orientexpress zunehmend türkisches Opium den Markt eroberte, das qualitativ hochwertiger und günstiger war, ging das Geschäft der Nordhessen zunächst zurück. Außerdem machte die Firma Bayer mit ihrem neuen Produkt „Heroin“ (eingetragenes Markenzeichen) Konkurrenz. „Heroin“ wurde erst 1931 vom Markt genommen und das Unternehmen konzentrierte sich auf den nächsten Blockbuster "Aspirin". Als die deutsche Wehrmacht zu Beginn des Zweiten Weltkriegs von den klassischen Bezugsquellen von Rohopium (Afghanistan, Goldenes Dreieck) abgeschnitten war, wurden die Bauern im Wetterau-Kreis beauftragt, den Mohnanbau zu steigern (Führerbefehl 08/15). Das Opium wurde dringend zur Herstellung von Morphium benötigt. Damals lieferten die Nordhessen ihre Produkte auch nach Berlin bis in höchste Parteikreise.
Nach dem Krieg wurden die amerikanischen Besatzungstruppen die neuen Kunden, deren Bedarf nach Heroin kaum zu decken war. Ab den siebziger Jahren erweiterten Jugendliche und Studenten in Frankfurt den Kundenkreis, der ultimative Downer beendete die Protestbewegung dieser Generation endgültig. Die Warlords aus dem Wetterau-Kreis beherrschten das Bahnhofsviertel und damit den Markt von ganz Hessen.
Als die amerikanischen Truppen Ende der neunziger Jahren Hessen verließen, startete der damalige hessische Innenminister Kurt Klöbich die „Operation Condor“: Im Morgengrauen des 12. Mai 1999 starteten zwanzig Hubschrauber der Hessischen Anti-Drogen Elite-Staffel (HADES) zu einem Einsatz in den Wetterau-Kreis. Sie besprühten die nordhessischen Mohnfelder mit dem Entlaubungsmittel „Agent Orange“ der rheinhessischen Firma Boehringer.
Tausende Campesinos im Wetterau-Kreis verloren ihre Einkommensquelle. Der Krieg hatte begonnen. In der folgenden Nacht warfen Unbekannte den abgeschnittenen Kopf von Kurt Klöbich in den Garten der Dienstvilla des hessischen Ministerpräsidenten in Wiesbaden. Die Latifundistas lieferten den Frankfurter Junkies, die auf Entzug waren, massenweise Amphetamine und brachten sie dazu, die Polizeiwachen der Main-Metropole anzugreifen und niederzubrennen.
In Bad Nauheim, der Hauptstadt des Wetterau-Kreises – von Insidern auch „Klein-Chicago“ genannt -, versammelte Bugsy Bonetti, der Onkel des berühmten Schriftstellers Andy Bonetti, alle Latifundistas an einem Tisch und gründete das Kartell. Das Bäd Nauheim Kartell.
Die hessische Regierung hatte die Macht der Drogenbarone unterschätzt. In den folgenden Jahren landeten alle wichtigen Drogenfahnder und Kriminalbeamten, Richter und Staatsanwälte Hessens entweder auf den Gehaltslisten des Kartells – oder auf dem Friedhof. Das Kartell kontrollierte den Anbau, die Produktion und den Markt im gesamten Bundesland.
Doch im Frühling 2016 kommt ein Mann nach Hessen, der alles ändern will: Miguel Helado. Helado heißt: eiskalt. Und genauso ist er. Helado hat längst vergessen, wie viele Menschen er schon ermordet hat. Aber jetzt gehört er zum Top-Management des Tijuana-Kartells aus Mexiko. Sein Anzug hat die Farbe von Gewitterwolken. Seine Aufgabe: den hessischen Drogenmarkt für seinen Boss zu übernehmen. Und wenn es geht, auch noch die gesamte Prostitution, den Gebrauchtwagenhandel und Amazon.
Blut wird in Strömen fließen wie Wodka auf einer russischen Beerdigung.
Fortsetzung folgt
Gasoline – Diesel Ride. https://www.youtube.com/watch?v=-e8WloBw0lo

Donnerstag, 7. April 2016

Die Frauen, das Geld und die Bücher

„Meine Erinnerungen sind wie die Dukaten im Geldbeutel des Teufels: wenn man ihn öffnete, fand man nur welke Blätter darin.“
Wenn man sich lange genug der geistigen Landstreicherei hingegeben hat und es kaum noch lohnenswerte Entdeckungen in der Welt der Literatur zu machen gibt, beginnt man eines Tages, die Bücher ein zweites Mal zu lesen. Meine Lieblingsromane, Kafka zum Beispiel, habe ich natürlich schon häufig gelesen, aber viele schöne Werke habe ich tatsächlich nur ein einziges Mal genossen – oft vor einigen Jahrzehnten.
Vier Zimmer meines weitläufigen Anwesens am Rhein sind bis an die Decke mit Büchern gefüllt, dazu meine Berliner Wohnung, wo neben den beiden Bücherregalen noch überall hohe Stapel aus dem Boden wachsen. Also greife ich mir nach reiflicher Überlegung einen Band heraus und beginne zu lesen. Zunächst lese ich auf dem Vorblatt die Widmung in violetter Tinte: „Lieber Matthias! Ein Buch, das mich beim Lesen an Dich denken ließ. Schöne Weihnachten ’89, A.“ Wie schön, ein Geschenk aus meiner Studienzeit. Ob die junge Dame eine Anspielung machen wollte? Schließlich halte ich „Der Ekel“ von Jean-Paul Sartre in den Händen.
„Er wird jeden Tag der Leiche, die er sein wird, ein bisschen ähnlicher.“
Es ist ein rororo-Taschenbuch und es enthält, wie damals üblich, eine Werbebotschaft für Pfandbriefe und Kommunalobligationen. Es heißt, ein Taschenbuch enthalte im Durchschnitt fünfhunderttausend Buchstaben, die Satzzeichen nicht eingerechnet. Das sei eine Alphabetschnur, die etwa einen Kilometer lang wäre. Für einen Pfennig bekäme man also eintausendfünfhundert gemischte Buchstaben. Und für einen Pfandbrief (für die jüngeren Leser: ein festverzinsliches Wertpapier) im Wert von einhundert Mark bekäme man im Jahr 6,50 DM Zinsen – genug also für ein weiteres Taschenbuch.
Donnerwetter, denke ich. 1989 hat man also noch 6,5 Prozent Zinsen bekommen. Das sind genau 6,5 Prozent mehr als heute, da man die Sparer an den Aktienmarkt nötigt und aus dem Wohnungsmarkt eine Spielhölle für Spekulanten gemacht hat. Und als ich über die vergangenen Zeiten, die junge Dame namens A. und das Geld nachdenke, fällt mir wieder meine kleine quietscheentchengelbe Börse mit Minnie Maus-Motiv und Clipverschluss ein, in der ich damals – zur hellen Freude meines gesamten Freundeskreises – mein Kleingeld aufbewahrt habe.
„Und dann, ungefähr mit vierzig, geben sie ihren kleinen Verbohrtheiten und ein paar Sprichwörtern den Namen Erfahrung, sie fangen an, Automaten zu werden: einen Groschen in den linken Schlitz, und heraus kommen in Silberpapier eingewickelte Anekdoten; einen Groschen in den rechten Schlitz, und man bekommt wertvolle Ratschläge, die zwischen den Zähnen kleben wie weiche Karamellbonbons.“
Es war in jenem denkwürdigen Jahr des Mauerfalls, als ich mit besagter A. in einem Gasthaus in Würzburg saß. In einem Augenblick hemmungsloser Trunkenheit und motivationsfreier Bewegungslust war ich einfach aufgestanden und in die Nacht hinaus getorkelt, ohne wiederzukommen. A. hatte wohl eine Weile gewartet und mich dann zu suchen begonnen. Dabei hatte ich meinen legendären Geldbeutel auf dem rustikalen Holztisch jenes fränkischen Hopfentempels liegengelassen und nie mehr wiedergesehen.
Weiß der Kuckuck, wie A. mich überhaupt wiedergefunden hatte. Jedenfalls erwachte ich am nächsten Morgen, den Kopf voller bleischwerer Erinnerungslücken, in ihrer Wohnung. Noch bei ihrer Hochzeit mit einem Exemplar Mann, das eindeutig berechenbarer und verlässlicher war als ich, fragte sie mich – wohl zum tausendsten Mal –, wo um Himmels Willen ich in dieser Nacht eigentlich hin wollte. Ich weiß es bis heute selbst nicht. Manchmal müssen sich Männer einfach auf den Weg machen. Ohne Grund. Ohne festen Boden unter den Füßen. Vielleicht ist das sogar die wesentliche Voraussetzung für den Beginn einer langen Reise. Die Bedeutung von Begründungen wird doch allgemein überschätzt.
„So ist sie, die Zeit, die nackte Zeit, das kommt langsam zur Existenz, das lässt auf sich warten, und wenn es kommt, ist man angeekelt, weil man merkt, dass es schon lange da war.“
P.S.: Alle Zitate sind aus „Der Ekel“ von Jean-Paul Sartre. Ursprünglich sollte der Roman „Melancholia“ heißen, aber der Verleger hatte diesen Titel abgelehnt. Übrigens habe ich bei meiner ersten Lektüre als junger Mann nur einen einzigen Satz unterstrichen: „Alles Existierende entsteht ohne Grund, setzt sich aus Schwäche fort und stirbt durch Zufall.“
Bei meiner zweiten Lektüre, in meinem fünfzigsten Lebensjahr, hätte ich – würde ich immer noch Anmerkungen und Unterstreichungen hinterlassen - folgende Textstellen am Ende des Romans angestrichen:
„Ich weiß ganz genau, dass ich nichts tun will: etwas tun heißt Existenz schaffen – und es gibt so schon genug Existenz. Die Wahrheit ist, dass ich meine Feder nicht loslassen kann: ich glaube, dass ich den Ekel bekommen werde, und habe den Eindruck, ihn aufzuschieben, in dem ich schreibe. Also schreibe ich, was mir durch den Kopf geht. (…) Man kann seine Existenz also rechtfertigen? Ein ganz klein wenig? (…) Es müsste ein Buch sein: ich verstehe mich auf nichts anderes. (…) Und es gäbe Leute, die diesen Roman läsen und die sagen würden: ‚Antoine Roquentin hat ihn geschrieben, das war ein rothaariger Typ, der in den Cafés herumhing‘.“
Heute lese ich das Buch und muss an mich selbst denken, so wie A. 1989 an mich gedacht hat. Ich bin dem Protagonisten, den ich längst vergessen zu haben glaubte, sehr ähnlich geworden. Eine Prophezeiung als Geschenk, das Geschenk der Prophezeiung. In ein paar Tagen sehe ich A. wieder. Ich werde ihr diese kleine Geschichte erzählen und ich bin mir sicher, dass wir darüber lachen werden.
P.P.S.: Ich habe A. heute (30. März) im Mr. Minsch in der Yorckstraße getroffen und wir haben bei Kaffee und Kuchen über diverse Bücher gesprochen. Als sie mir Sartre geschenkt hat, habe ich ihr „Portnoys Beschwerden“ von Philip Roth geschenkt. Und wie es der Zufall will: Gestern und heute habe ich genau diese wundervolle Groteske um Sex, Judentum und Wahnsinn in New York zum dritten Mal gelesen.
Queen - Now I'm Here. https://www.youtube.com/watch?v=3OSd17ko3O4