Samstag, 8. August 2015

Appassionato

„Einst war Deutschland stark und böse, dann schwach und gut – heute ist es stark und gut.“
Schrieb ein gewisser Malte Lehming (Ein Name, der nach Wortspielen geradezu schreit) einst im Berliner Tagesspiegel. Und das war bereits am 1.7.2011. Für diesen Artikel, der das Latrinenvokabular der Neonazis in vollständige Sätze verpackt, könnte man heute das gesamte Verlagsgebäude in der Potsdamer Straße niederbrennen. „Deutschlands neue Führungsrolle“ heißt das fäkalfarbene Lutschbonbon der Hauptstadtpresse. Warum? Frühlingsrolle hätte doch auch gereicht. Neu? Wie war das nochmal mit der alten Führerdingsbums?
http://www.tagesspiegel.de/meinung/kraft-ohne-protz-deutschlands-neue-fuehrungsrolle/4348938.html
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Durch die Flüchtlinge droht Deutschland angeblich Überbevölkerung, Wohnungsnot und dann wird vermutlich noch der Schweinebraten knapp. Schön wäre es ja, wenn man Flüchtlinge gegen Nazis und andere Rassisten eintauschen könnte. Eine Flüchtlingsfamilie zieht in der Nachbarschaft ein, ein paar Hakenkreuz-Hooligans müssen gehen. Das Problem ist aber: Wer nimmt diesen teutonischen Sondermüll?
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Zwei Umstände begünstigten die Französische Revolution. Zum einen die maßlose Ungleichheit: Hunger im Land und Völlerei in Versailles. Am Ende fraß der Hofstaat des Königs ein Drittel der Steuereinnahmen. Zum anderen die Konzentration der Elite in Versailles: Der gesamte Hochadel war am Hof des Königs versammelt. Der Enthauptungsschlag der Revolutionäre hatte ein klares Ziel, sein Symbol ist die Guillotine. Die Elite hat daraus gelernt. Der Hydra sind so viele Köpfe gewachsen, das Vermögen ist so dezentral verteilt, dass jede revolutionäre Bewegung gegen eine Gummiwand rennen würde.
Neil Young - Don't Let It Bring You Down. https://www.youtube.com/watch?v=1jzhLtt_pGQ

Im Grenzland der Vernunft

„Eine Rose gebrochen, ehe der Sturm sie entblättert.“ (Gotthold Ephraim Lessing: Emilia Galotti)
Wenn Sie einem Kind etwas erklären müssen, erkennen Sie schnell, ob ein Zusammenhang logisch oder sinnvoll ist – oder eben nicht. Nehmen wir die Bienen als Beispiel: Die Natur – also auch wir – braucht sie, weil sie die Blüten bestäuben, für Wachstum sorgen (im ökologischen, weniger im ökonomischen Sinne), das Leben erhalten und obendrein auch noch leckeren Honig für das Frühstücksbrötchen liefern. Das ist ein sinnvoller, logisch nachvollziehbarer Zusammenhang. Deswegen sind Erwachsene und Kinder gleichermaßen traurig, wenn sie vom Massensterben der Bienen hören.
Wie erklären Sie einem Kind Ungleichheit? Es gibt Reiche und Arme auf der Welt. Es gibt Kinder, die haben fünfzig Kuscheltiere, und es gibt Kinder, die haben gar keins. Obwohl es genug Kuscheltiere auf der Welt gibt. Das wird schwer, Sie ahnen es schon. Warum ist man schon als Kind reich oder arm? Da nutzt es auch nichts, wenn man darauf hinweist, dass es arme und reiche Länder auf der Welt gibt. Denn auch in Afrika gibt es reiche Kinder mit fünfzig Kuscheltieren und arme Kinder, die ohne den Trost eines Teddybären durchs Leben gehen müssen. Warum verhungern täglich zehntausende Menschen, warum müssen täglich zehntausende fette Menschen eine Diät beginnen? Warum gibt es in Griechenland Menschen, die sich Medikamente nicht mehr leisten können und sterben? Obwohl es doch auch reiche Griechen gibt, die in St. Moritz Ski laufen und ihre Kinder zum Studium nach Oxford schicken.
Liegt es an der Leistung des Einzelnen, wie uns neoliberale Ideologen weißmachen wollen? Liegt es an der klugen Staatsführung, wie uns die Sozialisten erklären wollen? Versuchen Sie einmal, Ihrem Kind die Ungerechtigkeit der Welt zu erklären, die mit dem Tag der Geburt für jeden von uns erfahrbar wird. Warum gibt es Ungleichheit? Gibt es dafür wirklich eine vernünftige, sinnvolle Erklärung?
Ultravox - Passionate Reply. https://www.youtube.com/watch?v=MbifoIRY6-Y

Freitag, 7. August 2015

Blogstuff 8

„Sie achten kein Recht, spricht der HERR; sie sammeln Schätze von Frevel und Raub in ihren Palästen. Darum spricht Gott der HERR: Man wird dies Land ringsumher bedrängen und dich von deiner Macht herunterreißen und deine Häuser plündern.“ (Altes Testament: Amos 3, 10-11)
Das Bewusstsein atmet einen Gedanken aus.
Von Sonnenlicht bekommt man gute Laune, sagt mein Psychotherapeut. Von Sonnenlicht bekommt man Krebs, sagt mein Hautarzt.
Mit dem Übermut und der Gleichgültigkeit eines spielenden Kindes erschafft man Phantasiewelten. Aber auch für Muße und Genuss muss man eine gewisse Begabung haben. Im Idealfall hat man Talent für beides.
Er spielte den Blues so langsam, als ob er die Melancholie jedes einzelnen Akkords genüsslich in sich hineinschlürfen würde.
Das Fernsehprogramm ist von einer geradezu unmenschlichen Belanglosigkeit.
Lutz Knopfmacher ging jeden Tag in die Stadt. Wenn er von seinem Spaziergang zurück kam und in seine heimatliche Gasse einbog, wurde er sogleich von einer schreienden und lachenden Horde Kinder umringt. Er gab jedem Kind ein Bonbon, um sich für einen weiteren Tag von ihren Streichen freizukaufen. Nur die kleine Sarah stand abseits und wartete stumm. Der alte Knopfmacher ging stets zu ihr hin und gab auch ihr ein Bonbon. Dann wartete er geduldig, bis sie es in den Mund gesteckt hatte, damit es ihr keines der anderen Kinder abjagen konnte.
Wenn das Thermometer mehr als dreißig Grad anzeigt, sollte man sich scham- und hemmungslos der Trivialität seiner augenblicklichen Gelüste hingeben.
Idee für ein Stillleben: einen Eimer Rhabarberpudding aus fünf Metern Höhe auf einen leeren Taucheranzug kippen. Schönes Motiv.
Wen erreichen die Wortmacher und Satzbauer, die Gaukler und Seiltänzer mit ihren Blogs eigentlich? Den stets gehetzten Kaufmann, dem jede Sekunde unter den Nägeln brennt? Den dumpfen Rassisten, den ein längerer Text schnell ermüdet? Den jugendlichen Computerspieler? Die Rentnerin, die einmal am Tag die Mainstreamseiten anklickt? Sie erreichen nur ihresgleichen, andere Zweifler und Grübler, eine Minderheit, die so wenig verändern wird wie das Publikum einer Dichterlesung oder einer Vernissage.
Das „Beamen“ wurde übrigens nicht von Gene Roddenberry für die Serie „Raumschiff Enterprise“ erfunden, sondern ist ein literarisches Produkt: Der Ruhm gebührt Edward Page Mitchell, der in seiner 1877 in der New York Sun erschienenen Kurzgeschichte „The Man without a Body“ die Teleportation als Umwandlung von Materie in Energie beschreibt. Im Film taucht das „Beamen“ zum ersten Mal 1939 bei „Buck Rogers“ in „Die Welt von Morgen“ auf. Bei 12:10 geht’s los:
https://www.youtube.com/watch?v=qOFyufZyn8w
Ein zarter Hauch klammheimlicher Sympathie für die Möglichkeit des Aufbegehrens ist manchem kritischen Geist in Deutschland durchaus nicht abzusprechen. Also, wenn die Franzosen, Spanier und Griechen … andererseits: man muss auch an die Kinder denken … und es würde sich womöglich ungünstig auf den Wiederverkaufswert unseres Reihenhauses auswirken … und jetzt, wo Christian endlich die feste Stelle in der Agentur hat … ein Like kriegt die Revolte auf Facebook aber auf jeden Fall … wir lassen uns in Osnabrück nicht von der NSA einschüchtern!
„Deutschland tanzt nicht, es döst auf dem Vulkan.“ (Jürgen Habermas: Ein Fall von Elitenversagen)
Um die von Russland besetzte Halbinsel Krim ist es ja ruhig geworden. Wussten Sie, dass die Nazis im Zweiten Weltkrieg vorhatten, die Krim als „Gotengau“ zu annektieren und mit Südtirolern zu besiedeln? Simferopol sollte in „Gotenburg“ und Sewastopol in „Theoderichshafen“ umbenannt werden. Es wäre unser Mallorca im Schwarzen Meer geworden – vor allem für die AKW („Alte Kameraden von der Waffen-SS e.V.“).
Kennen Sie Ross Perot und Ralph Nader? Beide waren unabhängige Kandidaten bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen und haben durch ihre Teilnahme den Ausgang entschieden. Perot 1992, als er Bush sen. die entscheidenden Stimmen gegen Clinton nahm, und Nader 2000, als er Gores Kampagne störte und der Welt unfreiwillig die Bush jun.-Jahre bescherte. Donald Trump wird nächstes Jahr als unabhängiger Kandidat Hillary Clinton ins Weiße Haus bringen. Wetten?
Und jetzt der absolute Hammer. Eat this, Haschbruder! Leg die LSD-Spritze weg und dreh die Anlage voll auf:
Kurt Dehn - En echter Pfälzer racht ken Hasch. https://www.youtube.com/watch?v=gTT-YMWwz1A

Donnerstag, 6. August 2015

Der Bote

Bote – das war einmal ein ehrenwerter Beruf. In stolzer Uniform ritt er durch Wälder und Dörfer, trotzte den Gefahren in Gestalt wilder Tiere und arglistiger Räuber, unaufhaltsam flog er seinem Ziel entgegen. Eine ehrenvolle Aufgabe erfüllte sein Herz mit Pflichtgefühl, und er ruhte nicht eher, als bis die Botschaft endlich ihren Empfänger erreicht hatte.
Müde stieg er am Abend vom Pferd und nahm die kostbare Schriftrolle aus der Satteltasche. Dann rannte er mit letzter Kraft die Stufen des Palastes hinauf, eilte zum Fürsten und überbrachte ihm mit einer tiefen Verbeugung die wichtige Nachricht. Alsdann brachten ihm die Hofdiener Brot und Wein.
Noch in meiner Kindheit war der Postbote ein geachtetes Mitglied der Gesellschaft. Und heute? Was ist geblieben? Schauen Sie sich dieses gehetzte Wesen namens "Zusteller" an: Die Ideologie totaler Effizienzmaximierung und die unstillbare Gier nach Profit haben diesen Beruf zerstört.
Thievery Corporation - No More Disguise. https://www.youtube.com/watch?v=lggbXcxGmrc

Die 68er

„Aufrecht sein Gang, doch nicht sein Verhalten.“ (Günter Kunert)
Ich habe einen „Alt-68er“ persönlich als Kollegen kennengelernt. Als die „Studentenunruhen“ stattfanden, hat er in Berlin ein Ingenieurstudium absolviert. Im Zuge der Ereignisse sattelte er auf Soziologie um und ging nach dem Studium „in die Produktion“, um im Kreise der Arbeiterschaft zu agitieren. An einer Maschine verlor er die Kuppe seines linken Zeigefingers (ein so hochsymbolischer Vorgang, dass es wie ausgedacht klingt) und wurde anschließend von Beruf Soziologe. Er schrieb viele Bücher zum Thema Arbeit, die hauptsächlich von Gewerkschaftsfunktionären gelesen wurden. Jeden Tag kam dieser Mann erst kurz vor Zwölf in sein Büro, ging die Post durch und lief dann zur Kantine hinüber. Den Nachmittag verbachte er meist lesend und telefonierend. Ich hatte niemals einen Kollegen, der so wenig geleistet hat und doch so sehr von sich überzeugt war, wie ihn.
Eine Freundin hatte mal einen „Alt-68er“ als Chef, der 1968 in Frankfurt Soziologie studiert hatte. Bekanntlich waren die Soziologie-, Philosophie- und Politologiestudenten in Berlin und Frankfurt in der Protestbewegung federführend. Er stellte sich auch immer als aktiver „Revoluzzer“ jener Zeit dar, hatte in Wirklichkeit aber nie an einer Demonstration teilgenommen, weil er nur an zwei Tagen in der Woche an der Uni war und den Rest der Zeit bei seiner damaligen Freundin in Marburg verbracht hat. Er wurde übrigens Moderator beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen und ist wie sein Berliner Genosse längst pensioniert. Viel ist von den 68ern nicht geblieben. Die meisten haben es sich nach dem Studium im Staatsdienst bequem gemacht, anstatt die Gesellschaft zu verändern. Und diejenigen aus der Generation, die heute noch beruflich aktiv sind wie beispielsweise Heino oder Schäuble, waren keine 68er.
„Die Reize der vorgestanzten Warenwelt, der industrialisierten Erlebniswelt beherrschen die Freizeit, in die der lange Arm der Arbeit mit den Möglichkeiten der elektronischen Medien permanent hineinreicht, um ein völliges Abdriften des Konsumenten in die Welt seiner Gelüste und Bedürfnisse zu verhindern. Die absorbierte Zeit, Energie und Aufmerksamkeit der Konsumenten wird als Teil der Produktion unmittelbar für die Kapitalakkumulation fruchtbar gemacht, die sich auf diese Weise ad infinitum selbst perpetuiert.“ (Andy „Che“ Bonetti: Die Revolte ist vorbei)
Woody Guthrie & David Rovics - Sacco and Vanzetti. https://www.youtube.com/watch?v=N0sYAU96FY0

Mittwoch, 5. August 2015

Achtung! Hören Sie mir bitte genau zu!

„And I hold within my hand / Rains of golden sand“ (Propaganda: Dream Within A Dream)
Ich gründe eine neue Religion. Hier ganz kurz die Eckpunkte: Mir persönlich bekannte übersinnliche Astralwesen aus dem Sternensystem Aldebaran werden die Erde vernichten, weil die Seelen der Menschen von bösen Dämonen besessen sind. Nur auserwählte Mitglieder meiner Kirche werden in Sicherheit gebracht und auf einem neuen, viel schöneren Planeten angesiedelt. Wenn Sie Mitglied werden wollen, schicken Sie mir bitte bis zum 6.12.2015, dem Tag des Weltuntergangs, 999,90 Euro in bar (auch die Banken und das Finanzamt werden von Dämonen kontrolliert). Über Ort und Zeitpunkt Ihrer Rettung bzw. Abreise werde ich Sie rechtzeitig telepathisch informieren.
Matia Bazar – Ti sento. https://www.youtube.com/watch?v=AN2WHl-93rM

Der Meister und sein Publikum

Größe! Außerordentlichkeit! Welteroberung und Unsterblichkeit des Namens! Was galt alles Glück der ewig Unbekannten gegen dies Ziel? Gekannt sein, - gekannt und geliebt von den Völkern der Erde! Schwatzet von Ichsucht, die ihr nichts wisst von der Süßigkeit dieses Traumes und Dranges! (…) Eine fliegende Röte war in seine hageren Wangen getreten, eine Lohe, emporgeschlagen aus der Glut seines Künstleregoismus, jener Leidenschaft für sein Ich, die unauslöschlich in seiner Tiefe brannte. Er kannte ihn wohl, den heimlichen Rausch dieser Liebe. Zuweilen brauchte er nur seine Hand zu betrachten, um von einer begeisterten Zärtlichkeit für sich selbst erfüllt zu werden, in deren Dienst er alles, was ihm an Waffen des Talentes und der Kunst gegeben war, zu stellen beschloss. Er durfte es, nichts war unedel daran. Denn tiefer noch als diese Ichsucht lebte das Bewusstsein, sich dennoch bei alldem im Dienste vor irgendetwas Hohem, ohne Verdienst freilich, sondern unter einer Notwendigkeit, uneigennützig zu verzehren und aufzuopfern.“ (Thomas Mann: Schwere Stunde)
Es war ein regnerischer Dienstag im Oktober. Ein Tag wie geschaffen, um in Schweinfurt zu lesen. Das Stadttheater war gut gefüllt. Einige Wochen zuvor hatte Andy Bonetti den Konsalik-Preis des deutschen Bahnhofsbuchhandels verliehen bekommen, so dass bei der anschließenden Lesereise durchaus größere Säle gebucht werden konnten.
Bonetti saß in seinem weißen Anzug mit der karmesinroten Krawatte auf der Bühne an einem schlichten Holztisch und wartete, bis sich der Begrüßungsapplaus gelegt hatte. Dann nippte er an seinem Wasserglas – das in Wirklichkeit mit Gin gefüllt war – und begann, aus seinem neuen Werk „Die Schweinesülze am Ende der Straße“ vorzulesen. Die Menschenmenge lauschte stumm, und während er las, fragte Bonetti sich, was die Zuhörer in diesem Augenblick wohl denken mochten.
„Natürlich beginnt er mit einem atmosphärischen Einstieg“, dachte der Amateurdichter. „Er beschreibt das Wetter, den Ort und die Zeit. Na bitte, das hätte ich auch gekonnt. Ich habe Höllenrauch & Schobel, Bonettis Verlag, schon drei Romanmanuskripte geschickt und nur Absagen bekommen. Was der Mann kann, kann ich auch. Ich sag’s ja immer: Beziehungen sind alles. Wenn du dazu gehörst, gehörst du dazu. Dann wirst du gedruckt und dann verdienst du Geld.“
„Also die Aufnahmen in der ‚Landbild der Frau‘ waren sicher mit Photoshop bearbeitet“, dachte die elegante Mittvierzigerin, die sich extra einen Platz in der ersten Reihe reserviert hatte. „Aus der Nähe betrachtet sieht man ihm seine fünfzig Jahre schon an. Wenn das Alter überhaupt stimmt. Diese Medienmenschen schummeln doch immer mit ihrem Alter. Außerdem ist er viel zu dick. Das kann auch der Anzug nicht verdecken. Der Mann hat einen regelrechten Bierbauch. Und die Ringe unter den Augen. Das schüttere Haar. Also für mich wäre der Typ nix, Dichter hin oder her.“
„Ich schätze mal, dass hier zweihundert Leute im Saal sind. Die Karte kostet zwanzig Euro“, dachte der Kaufmann, der die Filiale eines Baumarktes leitete. „Das macht viertausend Euro brutto. Davon muss man die Saalmiete abziehen und das Personal. Bleiben vielleicht zweitausend Euro für diesen Schreiberling. Gut, davon muss er die Reisekosten abziehen und den Rest versteuern. Bleiben locker zwölfhundert Euro. Für zwei Stunden, in denen er aus seinem Buch vorliest. Das ist echt ein Witz! Und hinterher werden seine Bücher noch im Foyer verkauft, da verdient er gleich nochmal. So leicht möchte ich’s auch mal haben. Künstler! Von ehrlicher Arbeit wissen diese Typen natürlich nichts.“
„Was für ein langweiliger Scheiß“, dachte der Politiker. „Noch zwei Stunden? Aber ich kann mich ja schlecht verdrücken. Muss mir der Veranstalter einen Platz in der ersten Reihe geben? Das gehört zu den Nachteilen meines Jobs. Hinterher soll mich der Semmelmayr von der Zeitung mit ihm fotografieren, da habe ich wenigstens eine gute Presse. Schließlich ist in drei Monaten die Wahl zum Stadtrat. Verdammter Mist! Aber ich muss es halt absitzen wie einen Gottesdienst.“
„Ein weißer Anzug. Furchtbar“, dachte der Boutiquebesitzer. „Aber Künstler glauben ja, alles anziehen zu können. Er sieht doch aus, als würde er gerade in Las Vegas auftreten. Mit Siegfried & Roy. Und dann diese weißen Lederschuhe mit den weißen Socken. Weiße Socken passen zu gar nichts. Noch nicht einmal zu einem weißen Anzug. Also ich hätte ihm ja einen anthrazitfarbenen Kaschmirpullover angezogen, dazu eine apricotfarbene Hose und dunkelbraune Wildlederschuhe. Ein weißer Anzug! Er will prätentiös erscheinen und wirkt doch nur ordinär. Und diese Krawatte …“
„Der Konsalik-Preis, das ist bares Geld“, dachte der Verlagsleiter. „Wieviel Prozent wird er in seinem Vertrag stehen haben? Zwanzig, fünfundzwanzig Prozent? Bei seinem ersten Verlag in Saarbrücken hatte er noch fünf Prozent am Umsatz nach Mehrwertsteuer. Als wir mit ihm verhandelt haben, war er bei zehn Prozent. Da hätten wir ihn haben können. Aber der Alte wollte ja keine Krimis. Dieser Kretin! Mit Krimis werden inzwischen die besten Umsätze gemacht. Aber er wollte ja unbedingt seine künstlerischen Ansprüche im Programm verwirklicht haben und hat Bonetti abgesagt. Millionen hätten wir mit diesem Mann verdient. Millionen! Wenn ich nur an die Filmrechte denke.“
„Das ist der blödeste Mist, den ich je gehört habe“, dachte das Kind. „Wieso geht ein Mann mit einem Strauß roter Rosen in ein Kino? Das ist doch total unpraktisch. Dann hat seine Freundin doch die ganze Zeit die Rosen in der Hand. Und wann kommt endlich die Sülze ins Spiel? Nur weil ich ab nächstem Schuljahr Deutsch als Leistungskurs in der Schule habe, schleppt mich meine Mutter hierher. Ich könnte ihr den Hals umdrehen. Und mein Smartphone hat sie natürlich einkassiert. Wie soll ich das nur zwei Stunden aushalten? Inzwischen stapeln sich die Nachrichten und meine Freunde denken, ich wäre tot.“
„Er ist eine lebende Legende. Nein, ist er nicht. Das ist kein guter Einstieg“, dachte der Lokaljournalist. „Er hat den Kriminalroman neu definiert – und zwar in Angriff und Verteidigung. Reiß dich zusammen! Du machst jetzt Feuilleton und nicht mehr Sport. Auf jedem Fall muss rein: Saal bis auf den letzten Platz gefüllt, tosender Applaus, Konsalik-Preisträger. Den weißen Anzug bringe ich auch unter. Und den Buchtitel. Wie hieß die Schwarte noch gleich? Irgendwas mit Sülze. Ich bekomme hinterher sicher ein Belegexemplar. Da schau ich dann bei Amazon nach der Zusammenfassung und den Kommentaren. Dazu ein paar Fotos von Bonetti mit der Lokalprominenz. Das krieg ich schon hin. Dazu muss man nicht Germanistik oder so einen Käse studiert haben.“
„Stilistisch ist er halt doch eher schlicht“, dachte die ältere Deutschlehrerin. „Früher hatte er teilweise die expressionistische Wucht eines Werfel, die sprachliche Innovationskraft eines Arno Schmidt und die epische Tiefe eines Grass. Aber das ist wirklich äußerst konventionell. Die Hauptfigur trägt überhaupt keinen Konflikt aus. Sie scheint mit sich selbst im Reinen zu sein und lebt auch noch in einer intakten Beziehung. Rote Rosen! Das ist metaphorisch auf Hauptschulniveau. Und wieso spielt die erste Szene in einem Kino. Da müsste man etwas mit neuen Medien machen. Meine Schüler schauen doch alle nur noch Youtube.“
„Hoffentlich kippt er mir da oben nicht um“, dachte der Veranstalter. „Eine ganze Flasche Champagner zur Einstimmung, wie er es nennt. Und dann Gin im Wasserglas. Und welcher Schriftsteller hat es im Vertrag stehen, dass in seiner Garderobe eine Flasche Bushmills, eine Flasche Bombay Sapphire und eine Flasche Zubrowka stehen muss? Und anschließend kommt noch der Smalltalk mit den Honoratioren der Stadt. Da habe ich von Kollegen schon schlimme Dinge gehört. Wir haben hier bald Wahlen, das muss ich ihm nach Abschluss der Lesung nochmal klarmachen. Da kann er nicht wieder mit seinem humanistischen Geschwafel kommen, wo wir hier bald ein neues Flüchtlingslager bekommen.“
„Endlich kann ich ihn mal sehen“, dachte der Fan. „Eine Wahnsinnsstimme. Immer, wenn ich in Zukunft Bonetti lese, werde ich diese Stimme im Ohr haben. Diese beruhigende sonore Bassstimme. Wie gelassen er am Tisch sitzt. Nicht ein Versprecher. Ganz souverän. Der Künstler auf der Höhe seines Schaffens. Niemand bringt die Schwingungen unserer Zeit so auf den Punkt wie er. Eine Szene in einem Kino. Ein roter Blumenstrauß. Das sind Zitate, das ist Ironie, das ist Retro, das ist Postmoderne. Und die Geschichte spielt in Offenbach. Trotz seines weltweiten Erfolgs hat er seine Heimat nie vergessen. Er bleibt Hessen treu. Die Story könnte ja auch in Honolulu oder Katmandu spielen. Er ist auf dem Boden geblieben. Sich selbst und seinen Fans treu geblieben. Nachher werde ich mir ein signiertes Exemplar kaufen, obwohl ich das Buch schon habe.“
„Noch eine Stunde“, dachte Bonetti, als er verstohlen auf seine Armbanduhr schaute. Dann nahm er einen tiefen Schluck aus seinem Glas.
„Nur bei Stümpern und Dilettanten sprudelte es, bei den Schnellzufriedenen und Unwissenden, die nicht unter dem Druck und der Zucht des Talentes lebten. Denn das Talent, meine Herren und Damen dort unten, weithin im Parterre, das Talent ist nichts Leichtes, nichts Tändelndes, es ist nicht ohne weiteres ein Können. In der Wurzel ist es Bedürfnis, ein kritisches Wissen um das Ideal, eine Ungenügsamkeit, die sich ihr Können nicht ohne Qual erst schafft und steigert. Und den Größten, den Ungenügsamsten ist ihr Talent die schärfste Geißel…“ (Thomas Mann: Schwere Stunde)
David Bowie - It's No Game (Part 1). https://www.youtube.com/watch?v=9KdYAVjRiJ4