Dienstag, 4. August 2015
Weihnachten 2015
Es ist August. Also werden in den nächsten Tagen Schokoladennikoläuse in den Supermärkten angeboten. Falls Sie jetzt über das kommende Weihnachtsfest lamentieren und vor Selbstmitleid zerfließen wollen, denken Sie vielleicht zuerst mal an die Reichen. Was machen die an Weihnachten? Die haben schon alles. Das Fest ist der totale Horror für sie. Entweder bekommen sie Sachen geschenkt, die sie schon haben, oder Sachen, die sie nicht wollen. Und dann erwartet jeder von ihnen, dass sie Anderen große Geschenke machen. Vielleicht auch noch Geld für die Armen spenden. Das nervt! Weihnachten ist die Hölle für Reiche. Denken Sie mal darüber nach, bevor Sie pünktlich zur Adventszeit nächste Woche mit Ihren Jammerarien anfangen.
Süße Tierbabys sehen dich an
„Der Zweifel ist das Wartezimmer der Erkenntnis.“ (Indisches Sprichwort)
Welchen Vorteil hat der Euro dem normalen Bürger eigentlich gebracht? Da hört man immer, man muss vor der Urlaubsreise kein Geld mehr wechseln. Und das war’s auch schon. Mehr hört man nicht.
Aber wenn man es sich genauer überlegt, ist selbst das kein wirklicher Vorteil. Erstens gilt es nur für andere Länder der Eurozone, aber nicht für knapp zweihundert Länder auf der Welt, die nicht den Euro haben. Zweitens kann man sich im Ausland bequem die heimische Währung aus dem Bankautomat holen.
Der Gang zu meiner Bank war für mich immer Teil der Reisevorbereitungen und der Vorfreude auf den Urlaub. Und mehr als einmal im Jahr sind wir doch damals nicht verreist. Ich fand es immer toll, eine andere Währung in der Brieftasche zu haben, Peseten, Lire oder Francs. Es war Teil des Reisevergnügens, für eine gewisse Zeit nicht die grimmigen Gesichter von Albrecht Dürer oder Sebastian Münster betrachten zu müssen. Die Franzosen hatten beispielsweise einen Geldschein mit dem kleinen Prinzen als Motiv. Und dann die fremden Münzen. Damals fand man doch auch ausländische Briefmarken schön und exotisch.
Am Ende der Reise musste man das letzte Bargeld irgendwie loswerden. Grandios! Leider, leider musste man noch eine Flasche Schnaps oder ein paar Schachteln wildfremder Zigaretten, einen winzigen Sombrero oder einen Plastik-Eiffelturm für Tante Erna, Bonbons oder Kaugummis kaufen. Und dann hatte man immer noch ein bisschen Klimpergeld in der Hosentasche, wenn man wieder zu Hause angekommen war. Man warf es in eine Schreibtischschublade, wo man es Jahre später wiederfand, um sich noch einmal an den schönen oder schrecklichen Urlaub zu erinnern. Damals in Rimini.
P.S.: Es ist „die Wirtschaft“, die vom Euro profitiert. Hatte ich ganz vergessen.
P.P.S.: „Süße Tierbabys sehen dich an“ ist eine Superlockvogelüberschrift, oder? Hätte der Text einfach nur „Der Euro“ geheißen, hätten Sie ihn nicht gelesen. Sie sind so leicht auszurechnen, das glauben Sie gar nicht …
Dave Dee Dozy Beaky Mick & Titch – Zabadak. https://www.youtube.com/watch?v=YEBFH9R3cg4
Montag, 3. August 2015
Batura
„Once you realize nothing makes sense it all makes sense.” (God@The Tweet of God)
Es ist schon einige Zeit her, da habe ich einmal eine Stadt besucht. Die Häuser dieser Stadt sind sehr schön und sie stehen genau im richtigen Abstand zueinander, so dass man problemlos zwischen ihnen hindurch gehen kann. Einige Häuser sind schon sehr alt, aber es gibt auch viele neue Häuser in den unterschiedlichsten Farben und Formen.
Besonders haben mir die Frauen gefallen. Sie sind ruhig, aber nicht schweigsam. Sie erzählen Geschichten, ohne geschwätzig oder aufdringlich zu sein. Man trifft sie auf der Straße, aber auch in Kaffeehäusern und Geschäften. Ich möchte ihre besondere Bekleidung hervorheben, die elegant, aber nicht prätentiös ist. Man findet diese Art von Bekleidung ausschließlich in jener Stadt, die ich einmal besucht habe, und sie passt hervorragend zu den Schuhen und Hüten, die von diesen Frauen getragen werden. Die Männer, die in der Stadt leben, sind gut erzogen und freundlich. Sie tragen adrette Hosen und Hemden, die stets sauber sind.
Die Menschen gehen tagsüber ihren Geschäften nach, sie haben ganz verschiedene Tätigkeiten, so dass in der Stadt für alles gesorgt ist und es nie langweilig wird. Abends sitzen die Einwohner gerne in Gasthäusern und verspeisen gemeinsam ein Gericht, das nur in dieser Stadt zubereitet wird. Es ist überaus köstlich und gut bekömmlich, wobei es sich aus mehreren, sehr schmackhaften Zutaten zusammensetzt.
Die Jahreszeiten machen sich übrigens in dieser Stadt, von der ich Ihnen berichte, nur sehr wenig bemerkbar. Ich habe den Aufenthalt, der – wie ich eingangs erwähnt habe – schon einige Zeit zurückliegt, in angenehmer Erinnerung und könnte mir vorstellen, diesen Besuch eines Tages zu wiederholen. Es war sehr interessant, obwohl nichts Ungewöhnliches passiert ist.
Wo ist diese Stadt, werden Sie jetzt fragen. Nun, zunächst muss man die eigene Stadt oder das eigene Dorf verlassen. Dann fährt man eine Weile. Es ist eine im Vergleich zur unendlichen Weite des Universums recht kurze Strecke. Wenn man endlich angekommen ist, merkt man sofort, dass es sich um die Stadt handelt, von der ich gesprochen habe. Vertrauen Sie mir.
Übung für Studierende der Publizistik:
Schreiben Sie bitte eine Zusammenfassung des vorliegenden Textes!
Schreiben Sie bitte eine Rede für den Bürgermeister der Stadt!
Schreiben Sie bitte ein Gedicht, in dem die Formulierung „ein luftiges Nichts“ vorkommt!
Crosby, Stills, Nash and Young – Chicago. https://www.youtube.com/watch?v=Pswvi3QN_tI
Sonntag, 2. August 2015
Die große Raubtierfütterung
Samstags gehe ich immer in den riesigen Supermarkt in Gensingen, in den an diesem Tag die Menschen aus allen umliegenden Dörfern strömen. Vor dem Eingang ist gelegentlich eine Würstchenbude oder ein Getränkestand aufgebaut, so dass man häufig Männer, die an einer Bratwurst kauen, mit ihren Frauen, die den Einkaufswagen schieben, in den Markt gehen sieht.
Am besten gefällt mir die Fleischerei, wo Frauen in weißen Kitteln unaufhörlich große Fleischpakete in die Auslage packen. Vor den Auslagen stehen ganze Rudel von Männern, die diese Fleischpakete, die in Klarsichtfolie verpackt sind, in ihre Einkaufswagen werfen. Die Frauen können gar nicht schnell genug Fleisch herbeischaffen, wie die Männer an diesen Samstagen, gerade wenn Grillwetter ist, die kiloschweren Brocken an sich reißen.
Es ist tatsächlich eine Raubtierfütterung, wie ich sie früher gelegentlich im Berliner Zoo beobachten konnte. Aber hier ist der Eintritt frei.
Conway Twitty - I See The Want To In Your Eyes. https://www.youtube.com/watch?v=d2aeRg_yMSE
Heimatlos
Kennen Sie das Gefühl, in eine dieser Kneipen zu kommen, die gar nicht ihre Stammkneipe ist, sondern die Stammkneipe anderer Leute? Du kommst herein und schlagartig verstummen alle Gespräche. Die Leute am Tresen starren dich an. Bewegungslos. Manche halten ihr Bier- oder Schoppenglas noch auf halber Höhe, sind aber scheinbar unfähig, es wieder abzustellen oder den geplanten Bewegungsablauf zu beenden. Hinter dir hörst du das leise Quietschen der Saloontür. Du weißt in diesem Augenblick, dass du einen gewaltigen Fehler gemacht hast. Aber nun ist es zu spät. Du kannst nicht mehr zurück. Also setzt du dich hin.
Wir sind zu zweit. In unserem Dorf gibt es keine Kneipe mehr, seit im Februar der Wirt der „Bierpumpe“ beerdigt wurde. Man hängt halt doch symbiotisch am Wirtstier, seitdem heißt es hier im Dorf: Parasiten suchen Anschluss. Unbehaust, aber durstig wie immer. Also haben wir einen Tages den Entschluss gefasst, es zwei Dörfer weiter zu versuchen. Wir setzen uns an einen großen Tisch, der Wirt kommt und wir bestellen zwei Weizenbiere. Zögernd und leise beginnen die Gespräche der Stammgäste wieder. Nach dem ersten Bier wird das unangenehme Gefühl, am falschen Ort zu sein, langsam schwächer. Wir unterhalten uns über Fußball. Bloß nichts falsch machen.
Dann kommt eine Gruppe junger Leute herein und setzt sich zu uns an den großen Tisch. Es scheint ihr Stammtisch zu sein. Sie grüßen höflich und bestellen Bier und Schnaps. Stammgäste. Das ist ihr Dorf, das ist ihre Kneipe. Einer von ihnen fragt schamlos, woher wir eigentlich kommen würden. Als wir „Schweppenhausen“ sagen, lachen alle. „Ah, Hunsrücker“. Sie hätten auch „Ah, Chinesen“ rufen können. Heimatlos, würdelos, trostlos würgen wir das zweite Bier hinunter. Dann zahlen wir und gehen. Mit dem Bus sind wir gekommen (Schande!), mit dem Taxi fahren wir zurück (Wucher!). Nie mehr, schwören wir uns. Nie mehr!
Manfred Mann's Earth Band - Black And Blue. https://www.youtube.com/watch?v=XPV2tvWzYvU
Samstag, 1. August 2015
Huckleberry moments
Zwei Freunde von mir arbeiten nachts in einem Kühlhaus, wo sie die LKWs aus Spanien oder Polen entladen. Wenn sie morgens um sechs Schichtende haben, begießen sie den Feierabend immer mit ein paar Dosen Jacky-Cola. Aber wo geht man in dieser gottverlassenen Gegend um diese Uhrzeit hin? In die „blaue Lagune“. So nennen sie die ARAL-Tankstelle an der Ausfallstraße einer nahegelegenen Kleinstadt, wo man rund um die Uhr Alkohol verkauft. Klingt doch gleich viel besser, oder?
***
A: „Auf zur Zitadelle!“
B: „Was wollen wir da?“
A: „Zitadellenbrötchen.“
Für diesen Mörderdialog bekam Andy Bonetti das goldene Zippo von Montabaur.
***
Der Dialog „Auf zur Zitadelle!“ – „Was wollen wir da?“ ist übrigens aus dem neuen Mad Max-Film, den ich mir mit den beiden Jungs gestern reingezogen habe. Sinnfreie Action vom Allerfeinsten. Dazu gab es natürlich Jacky-Cola. Und Frikadellenbrötchen, vulgo: Hamburger, haben wir nebenbei gefuttert, womit meine in das abgedunkelte Wohnzimmer hinein gerülpste Bemerkung erst ihre tiefere Bedeutung erhält.
P.S.: Auf dem Heimweg grüßte mich auf der Dorfstraße ein Traktorfahrer. Daran merke ich, wie alt ich geworden bin. Früher haben mich noch die Motorradfahrer gegrüßt.
The Black Keys – Gold On The Ceiling. https://www.youtube.com/watch?v=ds93wkpbccI
Die Antwort
„Der Rauch meiner Zigarette bildete das japanische Schriftzeichen für ‚Metapher‘. Schauer der Bedeutungslosigkeit liefen mir über den Rücken.“ (Johnny Malta: Buffalo Bill Bonetti bei den Mulatten in den Sushi-Minen von Hanoi)
Es war einer dieser heißen Julitage, als ein Mann mit langen schwarzen Haaren unter den Yorckbrücken den Bürgersteig entlang spazierte. Er hatte gerade im „+39“ am Viktoriapark Tagliatelle mit Calamaretti gegessen und dazu eiskalten Prosecco getrunken. Nun ging er gut gelaunt zur Bushaltestelle hinüber.
Bremsen quietschten.
„Können Sie nicht aufpassen? Das ist ein Radweg“, brüllte ein Anzugträger mit Fahrradhelm.
„Mach dich mal locker, mein kleiner Machiavelli“, antwortete der Mann und grinste.
„Wie haben Sie mich genannt? Das ist eine Unverschämtheit. Ich werde Sie anzeigen!“
„Da kommt mein Bus. Schick mir'n Beschwerdebrief, du Fahrradnazi.“
„Sie bleiben hier, bis ich die Polizei geholt habe. Als Bürger habe ich das Recht, Sie festzuhalten.“
„Hab ich dir heute eigentlich schon gesagt, dass du die Fresse halten sollst? Nein? Dann sag ich’s dir jetzt: Halt die Fresse!“
„Nicht in diesem Ton, junger Mann! Was glauben Sie eigentlich, mit wem Sie es hier zu tun haben?“
Da nahm der Mann zwei Schritte Anlauf und trat den Anzugträger vom Rad.
Er flog direkt vor den anrollenden Bus, der nicht mehr bremsen konnte.
Das Geräusch war sehr hässlich.
Etwa so, als ob man auf eine Nacktschnecke treten würde.
Der Mann drehte sich um und lief die Treppe zur U7 hinunter. Den nächsten Zug würde er nehmen, egal in welche Richtung. Er ging den Bahnsteig entlang und hielt den Kopf gesenkt, um den Überwachungskameras kein Bild zu liefern. Zum Glück hatte er kein Handy dabei, die Polizei würde ihn also auch nicht über eine Funkzellenauswertung kriegen.
Die U7 Richtung Rudow fuhr ein. Nach zwei Stationen stieg er am Mehringdamm in die U6 in Richtung Wedding um. Am Leopoldplatz, viele Kilometer vom Tatort entfernt, verließ er die U-Bahn und schlenderte die Müllerstraße entlang.
Kurze Zeit später betrat er einen Klamottenladen, kaufte ein weißes T-Shirt und zog es in der Umkleidekabine an. Sein schwarzes T-Shirt packte er in eine Tüte, die er wenig später in einen Abfalleimer warf. Danach ging er in einen Friseursalon und ließ sich seine langen schwarzen Haare schneiden. Mit einem weißblonden Kurzhaarschnitt betrat er eine halbe Stunde später den Laden eines Optikers, um eine schicke Brille für schwach Kurzsichtige zu erstehen.
Anschließend fuhr er mit der S-Bahn auf dem Ring vom Wedding bis zum Bundesplatz. Er stieg aus und ging in aller Ruhe ein Bierchen trinken. Gegen Abend lief er zu Fuß nach Hause und sah sich in der Abendschau des RBB den Bericht vom tragischen Tod eines Wirtschaftsprüfers in Schöneberg an, nach dessen Verursacher die Polizei gerade suchte.
P.S.: Jetzt in einem Kiosk ganz in Ihrer Nähe: „Buffalo Bill Bonetti bei den Mulatten in den Sushi-Minen von Hanoi“. Kaufen, bevor es zu spät ist!
Queen - Bicycle Race. https://www.youtube.com/watch?v=GugsCdLHm-Q
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