Donnerstag, 5. Februar 2015

Hundstage

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich bin schon ein bisschen neidisch. Auf die Griechen. Die Griechen? Denen steht das Wasser doch bis zum Hals und dieser Hals ist am Abgrund und überhaupt! Die Griechen? Haben eine linke Widerstandsbewegung zu ihrer Regierung gemacht und ihr komplettes politisches Establishment vom Hof gejagt. Junge Leute, die mit dem Motorrad ins Ministerium gefahren kommen. Nicht, um dort eine Pizza abzuliefern, sondern weil sie der Minister sind. Und die Spanier wollen bei ihren Wahlen in diesem Jahr dasselbe machen.
Ganz Europa ist entsetzt. So muss der Adel gestaunt haben, als die Bürger Frankreichs 1789 die Monarchie abgeschafft haben. Diese Typen in Athen haben einfach keinen Bock mehr auf Ausgabendisziplin und Schuldengehorsam! Wir müssen das Abendland nicht vor dem Islam retten, sondern vor Alexis Sorbas, äh: Tsipras. Und ich bin kein bisschen besorgt, sondern neidisch. Die Griechen hatten eine echte Wahl. Können Sie sich noch an die deutschen Wahlzettel der letzten Jahre erinnern? Was hätte man da ankreuzen sollen? Mir ist nix eingefallen und für den Gag mit der Titanic-Partei war mir der Gang zum Wahllokal zu beschwerlich.
Tanja hat alles richtig gemacht. Sie hat die DLP gewählt. Finde ich gut. Unterstütze ich. Sie ist in ihr Wahllokal in Ingelheim gegangen, hat sich den ganzen Zettel mit dem gleichgeschalteten Mumpitz und den obskuren Splitterparteien angeschaut und dann – ganz unten am Rand – die DLP dazugeschrieben. „Deutsche Labrador Partei“. Ihre Labradorhündin Ruthie ist inzwischen 14 Jahre alt und sicherlich klüger als das intellektuelle Zentralgestirn der SPD Siggi „Pop“ Gabriel. Also hat sie ein Kreuz hinter den Parteinamen gemacht und ihre Tat mit dem Smartphone dokumentiert. Großartig. Warum bin ich nicht auf diese Idee gekommen? Ich gehe erst wieder wählen, wenn wir auch sowas wie Syriza oder Podemos haben.
The Wipers - When it's over. https://www.youtube.com/watch?v=jXBK16ffWQs
P.S.: Nur noch mal fürs Protokoll: Vor einigen Jahren ist Griechenland pleite gegangen. Sie hatten sich eine Menge Geld von den Banken geliehen, es ausgegeben und konnten es nicht mehr zurückzahlen. Dergleichen passiert im Privatbereich weltweit millionenfach. Ist nicht schön, kommt aber vor. Aber man hat die Griechen nicht pleite gehen lassen. Warum? Weil dann einige Banken auch pleite gegangen wären. Also hat die Politik in der Öffentlichkeit unter tätiger Mithilfe der Medienkonzerne eine sogenannte Griechenlandrettung bzw. Eurorettung bzw. Abendlandrettung inszeniert („Scheitert der Euro, scheitert Europa“ – seit 2010 das Merkel-Mantra), die in Wirklichkeit eine lupenreine Bankenrettung war. Die griechischen Schulden haben jetzt die Staaten via EZB, ESM, ESFS usw., also die Steuerzahler.
Pleite ist Griechenland immer noch. Aber die Banken müssen den Bankrott nicht mehr fürchten. Warum eigentlich nicht? Haben sie eine Bestandsgarantie für die Ewigkeit? Sie kommen weder in der biblischen Schöpfungsgeschichte noch im Grundgesetz vor. Dann geht eine Bank, die sich verzockt hat, eben pleite. Na und? Dergleichen passiert im Privatbereich weltweit millionenfach. Das nennt man unternehmerisches Risiko und ist integraler Bestandteil einer Marktwirtschaft. Aber seit 2008 und dem Bankrott von Lehman Brothers wissen wir, dass wir in einer ganz anderen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung leben. Einzelne Unternehmen machen Fehler, für die wir alle gerade stehen müssen, obwohl wir persönlich mit diesen Geschäften gar nichts zu tun haben. Das ist keine Marktwirtschaft, das ist staatlich geschützter Konzernkapitalismus. Haben Sie schon mal versucht, Ihre Steuererklärung über die Cayman-Inseln laufen zu lassen?

Mittwoch, 4. Februar 2015

Gefangen in der Suppenhölle

„Zeitmangel. Faulheit. Keine Lust, selbst zu kochen ...
... sind die Hauptgründe, warum junge Menschen mit Gründung des eigenen Haushaltes Intensiv-Verwender von Dosensuppen und Tiefkühlpizza werden (Studie 2013 Techniker Krankenkasse in der Zielgruppe der 25-jährigen).“ (http://www.barteroder.de/index.php/supp-kultur.html)
Das ist Globalisierung: Die Original-Bihunsuppe ist aus Barterode in Niedersachsen und die bayrischen Dirndl sind aus Taiwan. http://www.barteroder.de/index.php/indonesia.html
Ich hatte tatsächlich nachts Hunger auf diese Suppe. Und die „Anekdote“ auf dieser Werbeseite ist aus meinem Geburtsjahr … Als ich mit 23 endgültig von zu Hause auszog, schenkte mir meine Mutter eine Mikrowelle zum Abschied (die heute noch funktioniert!). Damit fing alles an, nein: damit ging es weiter. Ich bin verloren. Ich bin auf der Evolutionsstufe der „jungen Menschen“ stehengeblieben.
Mir kann niemand mehr helfen, aber warnt alle anderen Menschen vor diesem Convenience Food-Knusperhäuschen!
P.S.: Kommen Sie zum großen Bihunsuppenfest! Für 3,50 € können Sie so viel Suppe essen, bis Ihnen schlecht wird – und die Firma macht immer noch ein gutes Geschäft.
http://www.hna.de/lokales/goettingen/rock-zwischen-suppendosen-beim-bihunfest-2528431.html
Disclaimer: Ja, das ist Werbung! Wir haben von Google/BND/Hackern aus Pjöngjang Ihre IP und Ihre Privatadresse. Und wenn Sie nicht für mindestens zwanzig Euro Bihunsuppe online bestellen, wird Ihnen Kiezschreiber Heavy Industries peruanische Alpaka-Pornos (unglaublich illegal!) auf Ihren Computer überspielen und Ihnen anschließend DIE POLENTE AUF DEN HALS HETZEN. Alles klar?
Daft Punk - One More Time. https://www.youtube.com/watch?v=FGBhQbmPwH8

Kneipendialog (2008)

A: Hast du mir die Platte mitgebracht?
B: Gebrannt.
A: Wie – gebrannt?
B: Na, „gebrannt“ wie in „gebrannte Mandeln“.
A: Da verdient aber kein Musiker was damit.
B: Und? Ich bin der Tod der Musikindustrie. Erst diese Industrie und dann die nächste. Bis die ganze Scheiße in Trümmern liegt.
A: Warum denn gerade die Musik?
B: An andere Sachen komme ich doch gar nicht ran. Zum Beispiel die Rüstungsindustrie. Soll ich mir jetzt weniger Panzer kaufen oder was?

Dienstag, 3. Februar 2015

Bild im Spiegel

Die älteren Leser werden sich noch erinnern. Früher gab es in der sogenannten Medienlandschaft ein Meinungsspektrum. Ebenso in der sogenannten Parteienlandschaft. Jetzt marschieren alle in die gleiche Richtung. Natürlich ist es richtig, die Inszenierung zu kritisieren. Aber es ist ebenso richtig, sich umzudrehen und das Publikum zu kritisieren.
Der folgende Auszug ist aus Peter Handkes „Publikumsbeschimpfung“. Ich mag Peter Handke nicht, seit er sich mit den Mördern des jugoslawischen Bürgerkriegs solidarisiert hat. In unserem Lehrbuch des Deutsch-Leistungskurses, den ich mit einer schriftlichen Abiturprüfung über Franz Kafka 1985 abgeschlossen habe, war Handke das letzte Kapitel. Die Zukunft der deutschen Literatur. Er ist zu seinen Lebzeiten Vergangenheit geworden.
„Sie werden hier nichts hören, was Sie nicht schon gehört haben. Sie werden hier nichts sehen, was Sie nicht schon gesehen haben. (…) Sie sitzen in Reihen. Sie bilden ein Muster. Sie sitzen in einer gewissen Ordnung. Ihre Gesichter zeigen in eine gewisse Richtung. Sie sitzen im gleichen Abstand voneinander. Sie sind ein Auditorium. Sie bilden eine Einheit. (…) Sie denken nichts. Sie denken an nichts. (…) Sie hören. (…) Ihre Gedanken sind nicht frei.“
Das ganze Stück: https://www.youtube.com/watch?v=duRdDqWKumI
P.S.: Uraufführung war am 8.Juni 1966 im Theater am Turm unter der Regie von Claus Peymann in Frankfurt am Main.

Das stille Sterben

Gerd ist tot. Der Wirt meiner Stammkneipe. Gestern ist er in der Mainzer Uni-Klinik gestorben. Offiziell an multiplem Organversagen. Wir alle wussten, dass er Leberzirrhose hatte. Ich habe mir gerade mit einem Freund „Out of the Furnace“ auf DVD reingezogen, als der Anruf kam. Wir stoßen mit unseren Schoppengläsern auf ihn an. Er hat zu unserem Dorf gehört wie die Kirche, deren Glocken am Abend für ihn läuten. Ein feiner Kerl, der dich nie rausschmeißen würde – egal wie besoffen du bist. Wo du anschreiben lassen kannst, wenn du pleite bist. Am Freitagabend war ich noch in seiner Kneipe und habe sogar meinen Deckel bezahlt. Die „Bierpumpe“ bei mir um die Ecke ist der letzte Ort, an dem sich die Menschen noch treffen können. Weder seine Frau noch seine Kinder wollen die Kneipe – eigentlich die umgebaute Garage in ihrem Haus – noch weiterführen. Es lohnt sich nicht.
Hier ist alles eingegangen. Früher gab es in Schweppenhausen drei Gasthäuser, in denen man essen konnte. 2013 wurde als letztes das Gasthaus „Zur Pfalz“ geschlossen, die traditionelle Dorfkneipe, die es immer gegeben hat. Am Ende wurde es von einem Pakistani bewirtet, der bei Nacht und Nebel abgehauen ist und eine Menge unbezahlte Schulden (Pacht, Lohn, Privatkredit) hinterlassen hat. Im November 2013 eröffnete Giovanni dann seine Pizzeria im Sportheim am Fußballplatz. Er hat Ende letzten Jahres die Segel gestrichen und ist nach Mainz zurückgegangen. Das Sportheim wird nicht mehr eröffnen. Auch die Fußballmannschaft unseres Dorfs wird am Ende dieser Saison den Spielbetrieb einstellen und abgemeldet werden. In meiner Kindheit hat es nicht nur den Fußballverein gegeben, für den ich selbst gespielt habe, sondern auch einen kleinen Supermarkt, einen Bäcker, diverse Kneipen und sogar einen Puff außerhalb des Dorfes. Alles ist weg, alles stirbt. Es vergeht lautlos wie der Sommer. Wir werden alle auf Gerds Beerdigung gehen. Und wir werden uns von mehr verabschieden als nur von einem alten Kumpel.
Samuel Barber - Adagio for Strings. http://www.youtube.com/watch?v=izQsgE0L450

Montag, 2. Februar 2015

Analstöpsel mit Fuchsschwanz

„Gerechtigkeit und Vernunft sind die großen Utopien der Menschheit.“ (Johnny Malta)
Es scheint eine unausrottbare Sucht des Menschen zu sein, sich zu unterwerfen. Die meisten Menschen brauchen etwas, das sie vergöttern können. Einen Herrscher oder einen Rockstar, eine Fußballmannschaft oder die Idee einer Nation. Irgendetwas muss immer mit großer Begeisterung bewundert und ohne jeden Sinn und Verstand verehrt werden. Die Poster von Schauspielern haben die Heiligenbilder und Fürstenporträts ersetzt. Das höchste Glück ist die persönliche Begegnung mit dem Idol. Zusammen mit tausenden anderen Anhängern jubeln sie einer Sängerin oder einem Politiker zu und eine Autogrammkarte gilt ihnen als größte Erfüllung ihrer Wünsche.
Und so darf es nicht verwundern, wenn sich die Armen in diesem Land den Reichen unterwerfen. Wie in einem Kinosaal schauen die Armen aus der Dunkelheit ins Licht, wo die Reichen leben. Mit welcher Anteilnahme denkt man an den kranken Schlagermillionär, welches Mitgefühl wird einer hochschwangeren Prinzessin entgegengebracht. Wie verkraftet X die Scheidung und Y den plötzlichen Ruhm? Wie Efeu rankt sich ein großer Teil der Medienindustrie um diese Fragen. Und diese fortwährende Unterwürfigkeit, diese kritiklose Wertschätzung ist die Ambrosia der Eliten, ohne die jenes Gefühl der eigenen Unentbehrlichkeit und Auserwähltheit gar nicht entstünde. Und dieses Gefühl ist wiederum die Basis und die Begründung, alles tun zu dürfen und sich alles nehmen zu können.
Es geht uns allen doch gut, muss man dieser Tage wieder feststellen. Unsere Reichen sind reicher als die anderen Reichen in fernen Ländern. Und unseren Armen geht es besser als den Armen anderswo. In Afrika oder anderen ungastlichen Orten bedeutet Armut Tod. In Deutschland bedeutet Armut: Übergewicht und Unterhaltung. Das Fleisch ist billig, das Brot ist billig, der Schnaps ist billig. Es gibt kostenlose Online-Spiele und Fernsehen rund um die Uhr. Auch die Armen haben Flachbildschirme, Notebooks und Smartphones. Kühlschränke und Autos, Haustiere und Zentralheizung. Brot und Spiele. Und auf dem Friedhof liegen die Angehörigen aller Schichten einträchtig nebeneinander. Was der Mensch trennt, führt die Natur wieder zusammen.
P.S.: Die Überschrift hat nichts mit dem Text zu tun. Aber Sie haben den Text gelesen. So läuft das Geschäft um das knappe und kostbare Gut der Aufmerksamkeit, meine lieben Freunde der Sonne und der Berge. Hintergrund: In meiner Dorfkneipe erfahre ich immer die wesentlichen Neuigkeiten. Kennen Sie Analstöpsel mit Fuchsschwanz? Das war neulich ein Thema am Tresen. Das gibt es bei uns in Schweppenhausen. Ich werde dieses Bild nie wieder aus meinem Kopf bekommen. Man kann sie für 19,90 Euro im Internet bestellen. Und gebraucht für das Doppelte, wie eine kreischende Frührentnerin meinte, die von achthundert Euro im Monat lebt.
Kaufen Sie „Der dritte Nippel“ von Andy Bonetti! Neu! Jetzt im Bahnhofsbuchhandel!
R.E.M. - What's the Frequency, Kenneth? https://www.youtube.com/watch?v=jWkMhCLkVOg

Sonntag, 1. Februar 2015

Was wurde eigentlich aus … Dan Quayle?

Erinnern Sie sich noch an Dan Quayle? Vize-Präsident der Vereinigten Staaten 1989 bis 1993. Nur einen Herzschlag entfernt vom Oval Office. Oder eine Revolverkugel. Was haben wir damals geschwitzt. Ein kompletter Vollidiot könnte den Finger auf dem roten Knopf haben, der die Atomraketen startet und den Planeten einäschert. Wir hatten gerade acht Jahre Ronald Reagan hinter uns. Ein geistig unterbelichteter B-Film-Held aus Hollywood. Und George Bush sen. war acht Jahre sein Vize-Präsident. Jetzt war Bush Präsident – schlimm genug. Aber Dan Quayle, der tatsächlich noch dämlicher als Bush war, der noch dämlicher als Reagan war, der noch dämlicher als Dosenbrot war … und in dieser Zeit ging es um die deutsche Wiedervereinigung, die Zukunft Europas, kurz: um alles.
Was macht der Mann heute? Er ist Vorstandsmitglied bei Cerberus Capital Management in New York, einem Private Equity-Unternehmen, das weltweit investiert. Cerberus hat u.a. zehntausende Wohnungen im Ruhrgebiet und in Norddeutschland gekauft. Außerdem haben sie deutschen Gewerkschaften ihre Gewerkschaftshäuser abgekauft und dann wieder vermietet. In Berlin hat das Unternehmen zusammen mit Goldman Sachs 2004 das größte private Immobilienunternehmen, die Gemeinnützige Siedlungs- und Wohnungsbaugesellschaft Berlin mbH (GSW), gekauft. Die GSW hat etwa 60.000 Wohnungen im Bestand. Der gute alte Dan Quayle … - jetzt macht er also mit Gentrifizierung und dem Immobilienboom in der deutschen Hauptstadt sein Geld. Scheiße schwimmt eben immer oben.
Pink Floyd – Money. https://www.youtube.com/watch?v=JkhX5W7JoWI