Dienstag, 20. Januar 2015
Zurück aus Berlin
A: Du warst doch in Berlin. Was gibt’s denn Neues in der Hauptstadt?
B: Nichts.
A: Gar Nichts?
B: Nö … ein Hund hat gebellt.
A: Ein Hund hat gebellt?
B: Ja, da war eine Menschenmenge. Und da hat eben ein Hund gebellt.
A: Warum waren denn da so viele Menschen?
B: Nichts Besonderes … Es gab eine Schlägerei.
A: Eine Schlägerei? Wer hat sich denn geschlagen?
B: Ein Politiker. Ein Polizist hat ihn geschlagen, da hat er eben zurück geschlagen.
A: Ein Politiker? Warum hat der Polizist ihn denn geschlagen?
B: Weil er ihn verhaften wollte. Und der Politiker hat sich gewehrt.
A: Warum wollte er denn den Politiker verhaften?
B: Er hat sich bestechen lassen. Das ist rausgekommen.
A: Ein Politiker hat sich bestechen lassen. Aber das ist doch nichts Neues.
B: Hab ich dir doch gleich gesagt, dass es in Berlin nichts Neues gibt.
Harlan A. Levey
Was wären Menschen wie ich, die gleichzeitig faul und neugierig sind, ohne das Internet? Eine Erinnerung, eine Visitenkarte und ein Notizbuch. Dann werfe ich die Suchmaschine an, der alte Motor stottert, es qualmt – und dann verzieht sich der süße Duft von kalifornischem Gras und ich sehe alles wieder ganz klar vor mir.
Er lebt inzwischen in Santa Cruz, „Surf City USA“. Und hier ist er in seiner ganzen Datenpracht zu sehen. Das Beste: Als Rasse wird „Hawaiianer“ angegeben. Der Haftbefehl von 2012:
http://sccounty01.co.santa-cruz.ca.us/SHF/SearchWarrants/Detailsview.aspx?warrantid=417931&lastname=l
Angeklagt wegen Hausfriedensbruch (California Penal Code Section 602.5). Darauf steht bis zu einem Jahr Knast. Und er ist gar nicht erst zu seiner Verhandlung erschienen (California Penal Code Section 853.7).
Es war im Sommer 1993 und wir rollten gegen Abend in Cambria ein. Route 1, Kalifornien. C. und ich kauften ein paar Flaschen Wein und checkten im billigsten Motel ein, das wir finden konnten. Der Korken der ersten Flasche ließ sich mit dem Daumen nicht eindrücken. Ich durchsuchte meine Jeansjacke nach einem geeigneten Werkzeug und fand den Schlüssel unseres Mietwagens. Beim Versuch, diesen steinharten Korken zu knacken, brach der Schlüssel ab. Der erste Tag meines Lebens in einem Mietwagen, meine erste Fernreise. Ich fluchte wie ein Sizilianer. Wir würden in dem Kaff hängen bleiben – und nüchtern waren wir auch noch!
Während ich in Schwermut und Agonie verfiel, ging C. zur Managerin des Motels, einer einarmigen Frau um die Vierzig. Sie lieh sich einen Korkenzieher und bekam auch noch die Telefonnummer des ortsansässigen „Locksmith“. Der Abend war gerettet, wir betranken uns auf dem Kingsize-Bett und am nächsten Morgen kam der Schlosser. Kostete gerade mal 3,50 Dollar. Zur Feier des Tages gingen wir in ein Restaurant, um unsere Weiterreise nach Süden mit einem opulenten Frühstück zu beginnen. Der Kellner hatte einen edlen Anzug an und war sehr freundlich. Er war braungebrannt und hatte schulterlange Haare. Wir kamen ins Gespräch und irgendwann sagte er uns, um zwölf Uhr hätte er Feierabend. Ob wir nicht Lust hätten, mit zu ihm zu kommen. Er sei eigentlich Musiker. Wir hatten ohnehin keinen Plan – außer dass wir am Ende der fünfwöchigen Reise in New York ein Flugzeug erwischen mussten – und warteten nach dem Frühstück noch eine Viertelstunde, bis sein Arbeitstag beendet war.
Als wir ihn auf dem Parkplatz trafen, hätten wir ihn fast nicht wiedererkannt. Er trug ein Batik-Shirt, abgeschnittene Jeans und Turnschuhe. Er ging zu einem VW Käfer, der aus einer Million bunter Farbtupfer bestand, und bat uns, ihm zu folgen. Ein paar Minuten später waren wir in seinem winzigen Haus, das er sich mit ein paar anderen Jungs teilte. Sein Zimmer bestand aus einem kompletten Tonstudio. Er nahm eigene Stücke auf und produzierte Jingles für die örtlichen Radiosender. Erst vor einem halben Jahr hatte man ihm die komplette Anlage geklaut, jetzt jobbte er als Kellner, um seine Schulden für das neue Equipment abzustottern. Wir tranken den ganzen Nachmittag Eistee und rauchten Gras, während er uns seine Musik vorspielte und Geschichten erzählte. Seine Visitenkarte habe ich bis heute: Harlan Andrew Levey, True Light Productions.
Als ich wieder in Berlin war, rief ich ihn an. Wir telefonierten regelmäßig und schrieben uns Briefe. Wenn morgens um sechs Uhr das Telefon klingelte, wusste ich genau, dass es Harlan war. Er schickte mir Videokassetten mit Musik, die den Titel „Surfbeat“ trugen. Zu Harlans Punkrock waren er und seine Freunde beim Surfen oder Snowboarden zu sehen. Die Tapes waren phantastisch! Da ich zu diesem Zeitpunkt bei FAB („Fernsehen aus Berlin“), ganz in der Nähe meiner Wohnung in einem Hinterhof an der Nollendorfstraße, als freier Mitarbeiter jobbte, sollte ich das Material bei irgendeinem Fernsehsender unterbringen. Ich hatte die europaweiten Exklusivrechte für True Light Productions, ich stand kurz vor meinem ganz großen Durchbruch. Echt, Mann! Aber leider wollte niemand die Bänder kaufen. Irgendwann schlief der Kontakt zu Harlan ein.
Vor zehn Jahren habe ich mal im Netz nach ihm Ausschau gehalten. Da hat er als Musiklehrer an einer kalifornischen Grundschule gearbeitet. Keiner von uns hat Karriere gemacht, aber jeder ist seinem Traum treu geblieben. Er macht Musik, ich schreibe. Heute, am 20. Januar 2015, wird dieser Mann fünfzig Jahre alt. Herzlichen Glückwunsch, Harlan!
Wir hören den “King of the Surf Guitar”: Dick Dale & The Del Tones – Misirlou. https://www.youtube.com/watch?v=ZIU0RMV_II8
Die Pulp-Fiction-Version: https://www.youtube.com/watch?v=dld8MmLbjQg
Montag, 19. Januar 2015
2006, Teil 3
Auszüge aus dem Notizbuch:
30. Oktober. In seinem Reich geht die Sonne nie auf.
Es wird viel vom „Weg“ gesprochen. Aber wer redet vom Rückweg?
Was macht Musik mit uns, wenn wir nicht wach sind?
3. November. Home is where the toilet is. Buchtitel: „Furz und Bedeutung“.
4. November. Essay „Kunst und Durst“: Während der Durst mit sogenannten geistigen Getränken gelöscht wird, verwandelt er sich in eine künstlerische Ausdrucksform.
5. November. Die Sonne macht kein Geräusch, die Stille am Morgen und im Weltall.
7. November. Wenn ich mit meinem Notebook etwas herunterlade, knistert das elektronische Lagerfeuer richtig in den Dioden, die Kiste vibriert leicht und wird warm – wie meine alte elektrische Schreibmaschine.
11. November. Ich glaube ja, dass sie Dumm-Macher ins Billigbier tun, damit das Proletariat nicht revoltiert.
12. November. Wer sich im Wasser nicht bewegt, geht unter. Wer sich auf dem Land nicht bewegt, wird gefressen. Also bleiben wir alle permanent aktiv, nur wenige finden die Autobahnabfahrt in die selig lächelnde Gelassenheit echter Untätigkeit. Gute Reise!
Seit Jahren hört man in Deutschland praktisch nichts mehr von Bankräubern und Tresorknackern in den Medien. Wo sind die Leute geblieben, die den Reichen ihren Überfluss nehmen? Das Verbrechen fällt als Korrektiv der wachsenden Ungleichheit genauso weg wie die öffentliche Kritik.
13. November. Kommen Sie in mein Museum! Sehen Sie das älteste ungespülte Geschirr der Welt!
14. November. Das Leben ist herrlich, wenn man nichts erwartet. Man freut sich, wenn die Sonne plötzlich hell zum Fenster herein leuchtet, bleibt lächelnd vor einem schönen Haus stehen oder kickt Steinchen über den Bürgersteig.
Ich sehe in die Ferne, einige Birken und Fichten sind im Dunst zu erkennen. Das machen nicht viele. Die anderen haben Fernseher.
25. November. Frauen haben Angst vor Hässlichkeit, Männer vor Schwäche. Das Alter versetzt die Frauen in Panik, die Krankheit die Männer.
26. November. Es gibt nicht nur einen „Arbeitskreis Deutscher Sauerbraten“, sondern sogar eine Sauerbraten-WM. Der menschliche Fortschritt ist praktisch nicht mehr aufzuhalten.
A: Was machst du, wenn du alleine bist? B: Ich versende telepathische Botschaften.
Jetzt, da ich begreife, verlässt mich das Glück. Als Idiot konnte ich mich immer auf glückliche Zufälle verlassen. Wissend oder unwissend sein – was ist besser?
27. November. A: Möchtest du die geheime Liebesformel wissen, willst du den Schlüssel zum vollkommenen Leben?
B: Klar.
A begann, auf einem Bierdeckel zu schreiben, und erklärte: I plus I gleich G. Wie alle großen Formeln der Menschheitsgeschichte ist auch diese Formel sehr einfach.
B: Und was bedeutet sie?
A: Idiot + Idiot = Glück.
28. November. Habe ich so etwas wie „Kultur“? Wenn ich zwischen einem Kasten Bier und einer Eintrittskarte fürs Museum wählen könnte, würde ich immer das Bier nehmen.
Der verbotene Apfel im Paradies der Bibel war vielleicht ein vergorener Apfel, der den ersten Rausch ausgelöst hat. Heute ist der Tabubruch organisiert und industrialisiert – keine Kultur ohne Stimulanz- und Rauschmittel.
Die lachenden Kindergesichter kleiner Japanerinnen in der U-Bahn.
Ich sitze allein im „Engelbecken“ am Lietzensee und lausche den Eitelkeiten der Menschen. Früher gab es wenige große Themen, heute viele viele kleine: I c h.
Ich mag den Gesang der Krähen. Das Gezwitscher der Singvögel hört sich immer an wie Handy-Klingeltöne.
29. November. Warum stehen die Todesanzeigen eigentlich im Feuilleton und nicht im Reiseteil?
Leute, die gar nichts machen, nennt man oft „Lebenskünstler“.
Habe heute Nacht von einer Kneipe geträumt, in der der Wirt kleine Löcher in die Biergläser gebohrt hat, damit die Gäste schneller trinken.
2. Dezember. Ein paar Tage in Wroclaw/Breslau. Einzelne beeindruckende Orte wie das Rathaus und seine unmittelbare Umgebung oder die Dominsel wechseln sich mit Orten unbeschreiblicher Hässlichkeit (sozialistische Nachkriegsarchitektur) ab. In den Vororten das gleiche: der Charme der heruntergekommenen Mietskasernen (Kreuzberg) und Plattenbauelend (Marzahn). So ist die Stadt: Du gehst um eine Ecke und hast plötzlich das Gefühl, etwas bräche ab, als sei die Zivilisation hier zu Ende. Man wundert sich, dass manche Ruine überhaupt bewohnt ist. Dreckige Hinterhöfe, Betrunkene am Vormittag, ziellos wandernd. An manchen Häusern sind noch die stählernen Luftschutzfenster aus dem Zweiten Weltkrieg angebracht. Schön wiederum der alte Hörsaal in der Universität, in dem die Studenten wie in einer Kirche sitzen. Die schmalen Häuser am Rynek, dem Hauptplatz der Altstadt wirken, als wären tatsächlich Märchen in ihnen geschehen. So wie die Geschichte von dem alten Mann, der nie arbeitet, trotzdem immer Geld hat und dessen Lachen überall zu hören ist. Als die Nachbarn ihn fragen, wie er das anstellt, erzählt er ihnen von einem Schatz, den er in seinem Haus versteckt hält. In der folgenden Nacht, der alte Mann trinkt gerade im Ratskeller Bier, wird sein Haus von Einbrechern durchsucht. Aber sie finden nichts. Als der Mann davon erfährt, lacht er lange und laut. Der Schatz, so erklärt er, sei unsichtbar. Nur er könne ihn sehen und etwas Geld zum Leben entnehmen. Das besondere und vielleicht einmalige an der Stadt ist, dass die Bevölkerung nach dem Krieg komplett ausgetauscht wurde. Die Deutschen mussten gehen, die Lemberger Polen übernahmen die leere Stadt. Vertriebene vertrieben andere Vertriebene. Breslau im zwanzigsten Jahrhundert ist ein Spielball totalitärer Politik, Menschen wurden zu Schachfiguren degradiert. Der Größenwahn ehemals kleiner Leute wie Stalin und Hitler.
5. Dezember. Wir entdecken keine Wahrheiten, wir erfinden Meinungen.
9. Dezember, Prag. Einsamkeit, Wandern, Trinken, Beobachten, Schreiben, Scheitern. Vorbilder: Franz Kafka, Robert Walser, Thomas Bernhard und Robert Musil. Am frühen Morgen bin ich auf dem Hradschin und habe das unfassbare Glück, alleine im Goldenen Gässchen zu sein. Ab neun Uhr fallen hier die Touristen wie Heuschreckenschwärme ein und für das Betreten der Gasse wird sogar Eintritt genommen. Kafkas Häuschen mit der Nummer 22 ist inzwischen ein Kafka-Laden, wenig später kommen zwei junge Frauen, die das Geschäft aufschließen. Ich darf eintreten und genieße sogar für kurze Zeit, während die Frauen Waren holen und hereintragen, die Einsamkeit und den Blick in den tiefen Burggraben. Das Haus besteht nur aus einem Raum und einer Kammer in Schrankgröße, es ist kaum höher als ich. In den Achtzigern war das Betreten nicht erlaubt. Dann der Veitsdom, Horden von Japanern umwogen mich. Arbeitet heute jemand in Tokio? Die strahlende Morgensonne dringt durch die farbigen Fenster und lässt selbst die Steinsäulen aufleuchten. Am Strahov-Kloser ein Bettler mit blutigen Beinstümpfen. An der Hungermauer hinab laufe ich auf die Kleinseite mit der liebenswerten Kampa und über die Karlsbrücke, auf der es zugeht wie in der Rüdesheimer Drosselgasse, zum Altstädter Ring. Die Teynkirche gebietet wie bei jeder Reise Ehrfurcht und Schweigen. Die Häuser vor ihr wirken wie ein Schutzriegel vor allem neuen und lauten. Kafkas Denkmal am Geburtshaus wird von lärmenden Reisegruppen belagert, im Inneren des Gebäudes gibt es sogar ein Restaurant, das seinen Namen trägt. Im U Vejvodu: Trinken und Schreiben. Nachmittags: Robert Walser-Ausstellung im Klementinum. „Ich erwarte, verlange ja im Grunde vom Leben nichts“, schreibt er. Eine Stunde lang bin ich der einzige Besucher. Schön ist der Nachbau des winzigen Mansardenzimmers, in dem er gelebt hat. Am nächsten Morgen stehe ich dreißig Minuten ganz allein an Kafkas Grab. Es ist wie eine Meditation. Ich beschließe, meine eigene Verbindung von Sinn und Genuss bis zur Neige auszukosten: Leben und Schreiben, bis auch dieses Menschenleben zu Ende gelebt ist. Später sitze ich in der Altneusynagoge, ein karges Wohnzimmer, das schon viel erlebt haben muss. Menschen sitzen hier und schreiben, also tue ich es ihnen gleich und sitze ein Weilchen mit einer bescheuerten blauen Plastik-Kippa in der Ecke hinter der Tür. Anschließend trinke ich in einer Vorortkneipe, wo sich die Mittagstrinker offenbar alle gegenseitig kennen, köstliches Gambrinus.
11. Dezember. Bernhards „Kalkwerk“: Der zwanghafte Kampf um Ruhe als Ursache der Unruhe. Vollkommene Stille als Voraussetzung der Arbeit. Geräusche eliminieren, indem die Geräuschquellen eliminiert werden.
12. Dezember. Ein Fenster ging ein Haus suchen.
31. Dezember. Natürlich gibt es ein Leben nach dem Tod, aber man sollte die Sache nicht egoistisch betrachten. Es ist das Leben der Anderen.
Queen - Seven Seas of Rhye. https://www.youtube.com/watch?v=P1j-6vRykFs
Sonntag, 18. Januar 2015
2006, Teil 2
Auszüge aus dem Notizbuch:
20. Juni. Fußballweltmeisterschaft, am Brandenburger Tor geht es zu wie in Woodstock. Selbst in Kreuzberg hängen schwarz-rot-goldene Fahnen, wo sonst nur Revolutionsflaggen zu sehen sind. Die Stimmung war nur beim Fall der Mauer 1989 besser. Trotzdem bleibt der Berliner ruhig. Als ein arabischer Jugendlicher aufmunternd „Ihr seid Deutschland“ in die Menge ruft, kommt als Antwort: „Ick bin arbeitslos.“
25. Juni. Phußball und Filosophie: Der Ball ist unstet, er springt mal hierhin, mal dorthin. Und alle Leute laufen ihm besinnungslos hinterher. Die Weltmeisterschaft ist wie eine Betäubungsspritze: real, irreal, scheißegal.
9. Juli. Was einfach ausgedrückt wird, bleibt erhalten, denn das Einfache kann nicht vernichtet werden, weil es eben jeder versteht. Alles Komplizierte kann dagegen sehr leicht zerstört werden.
22. Juli. Die besten Texte der Menschheit sind bereits geschrieben, sie sind da draußen, aber sie sind noch nicht geborgen. Niemand kümmert sich um sie, die Medien sind blind für diese Texte. Nicht jeder Autor ist ein guter Selbstvermarkter oder hat Fürsprecher.
24. Juli. Ich bin so arm, selbst die Fliegen haben mich gestern verlassen. Viel Glück!
25. Juli. Flussgeschichten: Herr L. erwachte in einem kleinen Boot. Zunächst fand er die beiden Ruderhölzer und begann zu rudern. Bald hörte er den Wasserfall, auf den er zu trieb. Da erkannte er, dass rudern sinnlos war. Daraufhin begann er, den Wasserfall und alles Wasser zu verteufeln und sich die Zustände an beiden Ufern paradiesisch vorzustellen. Schließlich wurde er tief religiös und erkannte die Ursünde als Ursache für das Unvermeidliche. Herr M. erwachte ebenfalls in einem Boot, blinzelte träge in die Sonne und blieb einfach liegen. Die Reise war die gleiche.
29. Juli. Meine Handschrift ist in Hollywood zu sehen, wenn es z.B. um Abschiedsbriefe geht. Ich bin ein Stunt-Schreiber.
8. August. Niemand will arm sein. Warum eigentlich nicht?
Es gibt zwei Typen von Menschen: Selbstmörder und Amokläufer.
Derzeit lese ich Robert Walser, ein Träumer wie Kafka, der seinen Traum vom Scheitern Wirklichkeit werden ließ. Ein naiver Nichtsnutz – was wäre uns nicht alles erspart geblieben, wenn es mehr von seiner Sorte gegeben hätte.
Mutig und ängstlich zugleich sein: Die Angst steigert die Empfindungsfähigkeit, der Mut die Ausdrucksfähigkeit.
14. August. Mein vierzigster Geburtstag, jetzt kommt das Wochenende meines Lebens. Ich hatte nie einen Plan für die Zeit danach, denn ich hatte nie erwartet, so alt zu werden. Andere reden von ihren nächsten Projekten, ich habe mit allem abgeschlossen wie ein Sterbenskranker.
15. August. Fußballer sehen in Fernsehzeitlupen oft bescheuert aus, vor allem beim Kopfball. Wie wir wohl manches Mal in Zeitlupe aussehen würden? Beim Essen, beim Lachen usw.?
Die Fische hatten mit der Sintflut kein Problem.
16. August. Die kleinen Augenblicke des Glücks sind in die Zeit eingestreut wie funkelnde Diamantsplitter. Diesen Aphorismus widme ich Gisela Neumond-Barschhacke.
21. August. Wenn ich jetzt auch noch zu faul zum Atmen wäre, gäbe es ein Unglück.
22. August. Das selbstbewusste Dehnen und Strecken in einem frisch bezogenen Bett, wohlig vom Duft der Sauberkeit betäubt. Oder sich zusammenrollen in einer finsteren, feuchten und kalten Ecke. Schon im Augenblick des Einschlafens gibt es gewaltige Unterschiede zwischen den Menschen.
23. August. Was mir alles in den wenigen Sekunden einfällt, während ich den Wohnungsschlüssel aus der Hosentasche ziehe: meine von einem Platzregen tropfnassen Haare mit einem Handtuch trockenrubbeln, die eingekauften Lebensmittel im Kühlschrank deponieren, nach dem umfangreichen Mittagessen ein kleines Nickerchen machen, später dann eine Flasche Wein öffnen usw. – und dann ist mir tatsächlich zum ersten Mal in meinem Leben der Schlüssel im Türschloss abgebrochen. Zwei Stunden habe ich auf den Schlüsselnotdienst gewartet. Hätte ich doch wenigstens die Weinflasche öffnen können!
26. August. Was können wir von erfolgreichen Verbrechern lernen? Stichworte: Projektarbeit, Personalauswahl, Organisation, Vertrauen, Präzision, Erfolgsdruck, Flexibilität, Tarnung, Flucht, Täuschung. Analog: Was können wir von Kindern, Naturvölkern oder Geisteskranken lernen?
1. September. Reichtum stumpft ab, Armut fördert die Aufmerksamkeit. Für einen Reichen, der alles haben kann, ist nichts wirklich wertvoll, für einen Armen ist alles kostbar.
2. September. Seit Wochen der zermürbende Lärm einer Baustelle gegenüber meiner Wohnung, Montag bis Samstag ab sieben Uhr morgens. Hammerschläge, Bohren, das Klappern aufeinander fallender Holzlatten, das Rauschen abgekippten Schutts, das helle Kreischen einer elektrischen Säge und ganz besonders schön der unglaubliche Krach der Presslufthämmer und Dampframmen.
3. September. Er kam sich vor wie eine Ameise, die versucht, den Ku’damm zu überqueren.
4. September. In der Natur wirken unterschiedliche Kräfte, die der Zersetzung und Zerstörung des Bestehenden dienen. Es gibt einzelne Ereignisse ungeheurer Tragweite wie Meteoriteneinschläge oder Flutwellen, es gibt begrenzte Zeiträume negativer Entwicklung wie Dürreperioden oder Eiszeiten – und es gibt die zeitlose schleichende Erosion durch Regen und Wind. Manchmal sind es die weniger auffälligen Phänomene und Veränderungen, auf dich sich unser Blick richten sollte: die unsichtbare Erosion der Gesellschaft. Es sind nicht Terroristen oder Tsunamis, die unsere Zivilisation bedrohen, sondern das alltägliche Vergehen des Gemeinwesens in der schleichenden Spaltung, Verblödung und Vergreisung.
5. September. Die Schleimigkeit und Wurstigkeit des modernen Erwerbsmenschen.
9. September. Gott bringt es auf etwa 55 Millionen Einträge im Internet, ich nur auf tausend. Diese Welt ist einfach ungerecht.
18. September. Google-Suchbegriffe ohne Treffer: Himmelarschsackzement, Rotkrautrülpser, Vorstadtarschloch, Blutwurstvisage. Noch mehr Wissen: Der Begriff „Gammler“ leitet sich vom althochdeutschen „gaman“ (=Lust) ab.
17. Oktober. Dir wurde das Leben geschenkt, du hast nicht danach gefragt. Also frag auch nicht nach dem Tod, genieße das Leben wie Geld, das du auf der Straße gefunden hast. Gestern sah ich in Schöneberg eine bewusstlose Frau auf der Straße liegen, den Kopf in einer riesigen Blutlache. Sanitäter und Schaulustige waren bereits da, Aluminiumfolie war über ihrem Körper ausgebreitet, die in der Sonne glänzte. Alles wirkte so unwirklich, als wären es Filmdreharbeiten, an denen man in Berlin so oft vorbei kommt. Heute lese ich, dass die Frau gestorben ist, direkt an der Friedhofsmauer von St. Matthias in der Monumentenstraße.
19. Oktober. Man rächt sich für das Ferne immer am Naheliegenden.
29. Oktober. Ergebnis eines Selbstgesprächs: Ich bin immer noch interessanter als das Fernsehen. Aber mein Schiff segelt an einer Grenze, links die tiefen schwarzen Gewässer der Müdigkeit, rechts die klaren grauen Gewässer der Nüchternheit.
Osten: Land der aufgehenden Sonne. Westen: Land der untergehenden Träume.
Der süßliche, schwere Geruch des bevorstehenden Todes, der aus dem geöffneten Fenster eines Altersheims strömt.
Das sympathische Nicht-vorwärts-kommen-WOLLEN, der Zauber der Resignation – das zeichnet Wien und Berlin gleichermaßen aus.
Man kann aufsässig sein, weil man Hoffnung auf die Verbesserung seiner Lage hat. Man kann aber auch ohne Hoffnung aufsässig sein. Der sinnlos gewordene Trotz ist der letzte Kampf.
Blur - Song 2. https://www.youtube.com/watch?v=SSbBvKaM6sk
Samstag, 17. Januar 2015
2006, Teil 1
Auszüge aus dem Notizbuch:
10. Januar, Berlin. Ich kenne persönlich Menschen, die waren so besoffen, dass sie am nächsten Tag ihre TV-Fernbedienung im Kühlschrank wiedergefunden haben. Oder sie fanden sich selbst ohne Schuhe auf der Straße wieder, ohne sich an die Stunden zuvor erinnern zu können.
18. Januar. Unser Denken kommt keinen Augenblick zur Ruhe, die Gegenwart ist eine rasende Flipperkugel.
9. Februar. Mein Großvater war ein unglaublicher Trinker. Ich erinnere mich, wie ich ihn als Kind vom Fenster aus beobachtete, während er die hundert Meter von der Dorfkneipe zu unserem Haus hinter sich brachte. Er schwankte schwer, breitbeinig und wie blind tastend torkelte er die schmale Gasse entlang. Manchmal mussten ihn auch zwei starke Männer nach Hause tragen – und das war erst der Vormittag. Am Nachmittag wiederholte sich diese Prozedur. Keinen Tag ließ er aus, ein Mann mit Prinzipien.
3. März. E. wird wegen seiner miesen Pointen in mehreren Ländern steckbrieflich gesucht.
4. März. Wer trinkt, verliert sein Gedächtnis. Also schreiben viele Trinker. Nicht um zu vergessen, sondern um sich an etwas zu erinnern.
6. März. Heute gab es bei McDonald’s vergünstigte Bahnfahrkarten und so ging ich zur nächstgelegenen Filiale an der Tauentzienstraße. Ausgerechnet diese Filiale wurde offenbar vom Management für die Medien freigegeben, denn es warteten Viertel vor Acht nicht nur ein Dutzend Kunden, meistens Rentner, sondern ebenso viele Kamerateams. Endlich konnte ich einmal sämtlichen großen Fernsehsendern ein Interview verweigern wie ein Filmstar. Als um acht Uhr die Türen geöffnet wurden, ging ich in ein Blitzlichtgewitter und durch ein Spalier von Kameras wie ein frisch gewählter Bundeskanzler. Ich stellte mich an einer der fünf Kassen an – genau die, die nicht funktionierte. Nach quälenden Minuten des Wartens, in denen ich registrierte, dass weder Burger fertig waren noch die Fritteuse in Betrieb war (ich hätte etwas zu essen bestellen sollen, dann hätte ich den Laden vor der ganzen Presse blamiert), hatte ich endlich meine Tickets. Auf SAT 1 sah man mich abends in den Nachrichten: beim Schlangestehen, beim Reingehen, beim Bezahlen. Und später auch noch auf Pro7. Danke!
11. April. Plötzlich bin ich nicht mehr einer der vielen Bekloppten und Gescheiterten in dieser großen Stadt, sondern „Suhrkamp-Autor“. Unter diesem Label macht plötzlich alles einen Sinn: der Suff, der Schmutz, die Tage im Bett. Ja, so leben Schriftsteller eben. Das ist exzentrisch, nicht asozial! „Er hielt, wie viele damals, einen Autor kaum für etwas Besseres als einen Hanswurst, Windbeutel, Trunkenbold oder Spaßmacher nach Art eines Seiltänzers“ (Gontscharow im „Oblomov“). Viele stellen sich dieses Schriftstellerleben ganz einfach vor, aber die Zeit zwischen Verkatert-Sein und Besoffen-Sein ist knapp bemessen!
12. April. Letzter Satz einer Diskussion, die ich bei einem Nickerchen träumte: „Nichts wirklich Anziehendes hat seine Wurzel in der Materie.“
14. April. Die Beute überrascht den Jäger im Schlaf. Noch ehe er vollständig wach ist, hat sie ihre spitzen Zähne tief in das warme Fleisch seines Halses geschlagen.
15. April. Warten und Erwarten erzeugen Langeweile. Wer nichts erwartet, kann jeden Augenblick genießen.
16. April. Das Gehirn ist zur Lösung kleiner überschaubarer Aufgaben gemacht, nicht für große Gedanken. Kann sich jemand sein gesamtes eigenes Wissen vorstellen? Das gelingt so wenig wie die Vorstellung, eine Million Menschen seien in einem Krieg oder einer Hungersnot umgekommen. Alles Große sprengt unsere Vorstellungskraft und verflüchtigt sich ins Abstrakte, in die Dämonenwelt der Zahlen.
17. April. Die Schönheit der Ruinen, die sie ihrer Nutzlosigkeit verdanken. Die Ruine als Idealbild der Muße. Unsterbliche Botschaft, sterbender Bote.
19 April. Aus dem Logbuch der Realität, geschrieben bei acht Glasen: Die einzige Macht, die einzige Autorität, die der Pirat anerkennt, ist der Tod. Keine Regierung, keinen Gott. Daher die Piratenflagge mit Totenkopf und gekreuzten Knochen.
17. Mai. Gegen sechs Uhr morgens wurde die Stadt Wolfsleben angetrieben. Langsam drückten sich ihre ersten Häuser gegen die hölzernen Bootsstege am Ufer, die schließlich, nachdem sie wie gequält geklungen hatten, krachend zerbarsten. Wenig später saß sie endgültig und ein wenig schief auf dem Strand fest. Wir rieben uns verwundert die Augen, in den angeschwemmten Häusern wurden die ersten Fenster geöffnet. Nach einer Weile öffnete sich auch eine Tür, ein Mensch trat heraus und fragte, wo er denn sei. Die Stadt musste sich nachts losgerissen haben und wurde offenbar von der Strömung hierher getrieben. Wir waren alle ein wenig ratlos.
18. Mai. Suchen bringt Segen, Finden Fluch.
Der Papst nennt sich jetzt TAFKAR: The Artist formerly known as Ratzinger.
22. Mai. An dieser Stelle könnte der Text enden. Aber der Text endet nicht, das Selbstgespräch, die Selbstbeschimpfung enden nicht. Es geht weiter. Solange Blut durch diese Adern und Tinte durch diesen Stift fließen, geht es weiter. Das Wort „Ende“ wird eine völlig neue Bewertung, nein: eine abschließende und endgültige Neubewertung erfahren, mit diesem Wort wird buchstäblich alles vorbei sein. Ich werde mich Jonathan von und zu Ende nennen, wenn es vorbei ist, wenn der letzte Satz geschrieben ist. Ungeheuerlicherweise ist es jetzt fünf Uhr morgens, es ist Montag. Eigentlich fängt alles gerade erst an. Hier endet also nichts, gar nichts werde ich hier beenden. Ganz im Gegenteil beginnt hier etwas, eine neue Textform wird geboren, die Negation des Endes, das Ende des Endes wird hier erschaffen. Jeder Text soll zukünftig in diese Endlosigkeit, in diese Unendlichkeit münden, sich in sie ergießen wie ein Fluss ins Meer, nicht aufhören, sondern aufgehen im Strom der Erzählung, in der offenen See des Erzählens. Ein solches Ende ist eine neue Gestaltungsform und wahrlich diesen ersten Schluck Wein wert, der die Woche einleitet.
30. Mai. Dieser Satz eines vierjährigen Mädchens ist ein gutes Beispiel für magischen Realismus: „Der Flaschenöffner ist ein nützliches Haustier.“
11. Juni. Sehr sympathisch ist das Motto auf der brasilianischen Flagge: Orgien und Prosecco.
Beck – Loser. https://www.youtube.com/watch?v=YgSPaXgAdzE
Freitag, 16. Januar 2015
Der Untergang des Abendlands
Der Untergang des Abendlands war bekanntlich 1918. Das wird Ihnen jeder Buchhändler bestätigen können. In diesem Jahr erschien Oswald Spenglers berühmtes Buch „Der Untergang des Abendlandes“, in dem er den Niedergang der hiesigen Kultur als natürlichen Abschluss einer unvermeidlich vorausgehenden Blütephase beschreibt. Am Ende dieses Niedergangs stünde eine sogenannte „Fellachen-Unkultur“, wobei den Angehörigen der Ackerbau betreibenden Landbevölkerung des Vorderen Orients mit diesem, wenig schmeichelhaften Vergleich Unrecht getan wird.
Würde Spengler noch leben, fände er in unserer Gegenwart sicherlich genügend Belegmaterial für seine These. Mit mahnendem Blick würde er uns den Programmteil einer Fernsehzeitschrift präsentieren, auch die Presse und die Parteien bieten anschauliche Beispiele für den geistigen Niedergang unserer Kultur. Und sähe er die selbsternannten Retter des Abendlandes, die jeden Montag Parolen grölend und Fahnen schwenkend durch Dresden laufen, würde er die Hoffnung endgültig begraben. Schon allein das aktuell wieder täglich stattfindende Medienspektakel namens „Dschungelcamp“ wäre 1918 nicht möglich gewesen.
Steht im Jahre 2015 also das Abendland vor dem Untergang? Oder müssten wir nicht eigentlich fragen: Ist das Abendland nicht schon längst untergegangen? Womöglich ist es in der sächsischen Provinz noch fünf vor Zwölf, aber in Wirklichkeit ist es finsterste Nacht. Ich lege mich jetzt mal auf halb Vier fest, aber das ist nur eine vorläufige Arbeitshypothese. Vielleicht gibt es Dresden gar nicht mehr, wenn es das nächste Mal fünf vor Zwölf ist? Zur Illustrierung dieser Behauptung mag folgendes Gedankenspiel helfen: Was wird von unserer gegenwärtigen Kultur in hundert Jahren übrig sein? An was werden sich unsere Nachfahren erinnern? An die Memoiren von Dieter Bohlen, die gesammelten Heiratsurkunden von Lothar Matthäus oder die Vierteljahresberichte von Siemens und VW?
Das bringt mich zu einer noch kühneren These: Vielleicht hat es das Abendland niemals gegeben? Auf was beruht denn unsere abendländische Zivilisation und Kultur? Und jetzt lassen wir mal den ganzen materiellen Plunder, unsere Autos, Smartphones und Schnellkochtöpfe weg und fragen uns: Auf was beruht unsere Kultur geistig? Dann ist man ganz schnell bei der Bibel. Dieses Buch hat ein wenig geschätztes Volk aus dem Vorderen Orient (siehe „Fellachen“) vor langer Zeit zusammengestellt. Wenn man so will, sind es die gesammelten Notizen der Juden aus einigen Jahrtausenden, in denen unsere Vorfahren noch nicht einmal wussten, dass man Worte auch aufschreiben kann – allerdings ohne präzise Zeitangaben, dafür mit vielen Übertreibungen und Ausschmückungen, wie man sie von orientalischen Geschichtenerzählern gewohnt ist. Angeblich geht diese Chronik zurück bis zum Anfang der Zeit. Es heißt in diesem Buch, Gott habe den Menschen persönlich und nach seinem Ebenbild geschaffen. Das ist doch eine sehr optimistische Annahme. Nach Gottes Ebenbild? Denken Sie an Rainer Calmund oder Ursula von der Leyen. Schon an diesem Punkt habe ich erhebliche Bedenken.
Die gesamte Grundlage der abendländischen Kultur ist äußerst zweifelhaft. Und da ist nicht nur die Bibel gemeint. Die Antike, Griechenland und Rom, werden ja auch gerne als kulturelles Fundament angeführt. Das waren gewaltgeile Sklavenhaltergesellschaften, in denen Frauen nichts zu sagen hatten. Nichtsdestotrotz wurde aber ausgerechnet wegen einer Frau ewig und drei Tage in Troja Krieg geführt. Und dieser dämliche Odysseus hat für die Heimreise zehn Jahre gebraucht (Luftlinie: etwa 600 km). Was war noch im Abendland los? Zeit der Völkerwanderung – ich nenne das Orientierungslosigkeit. Dann das Mittelalter mit diesen albernen Rittern, gefolgt von einer Zeit mit bescheuerten Perücken und unpraktischen Klamotten, die Weltkriege, Kabelfernsehen. Ich bitte Sie! Das ist doch alles nicht ernst zu nehmen. Wir sollten aufhören, vom Abendland zu sprechen. Tun wir einfach so, als hätte es den Begriff nie gegeben. Es gibt wichtigere Dinge im Leben. Zum Beispiel: Essen. „Oma, haben wir noch CURRYKING?“
Hawkwind - Spirit of the Age. https://www.youtube.com/watch?v=Lbq0EjSt7XY
Retter des Abendlands sehen sich bitte das folgende Video in voller Länge an: https://www.youtube.com/watch?v=Nki25GNO07g
Dienstag, 13. Januar 2015
Der lachende Detektiv
Ding-Dong. Ding-Dong. Das war das Zeichen für Frau Wagner. Die Kollegin Yilmaz von Kasse 1 hatte zweimal geklingelt. Sie musste die zweite Kasse aufmachen, es standen zu viele Kunden in der Schlange. Behutsam legte sie das angebissene Brot zurück in die Aluminiumfolie und faltete sie zusammen. Graubrot mit Scheibletten. Nichts Besonderes, aber MHD-Ware, die kurz vor dem Erreichen des Verfallsdatums war, gab es immer zu einem Viertel des VK für die Angestellten. Mindesthaltbarkeitsdatum, Verkaufspreis.
„Du hast es gut, Herr Barbarino“, sagte sie zu ihm. „Du kannst wenigstens in Ruhe deine Pause zu Ende machen.“
Dann verließ sie das spiegelverglaste Kabuff neben den Kassen des JUMBO-Supermarkts. An ihrer Kasse warteten schon ungeduldig die Kunden und durchbohrten sie mit hasserfüllten Blicken.
Vinnie Barbarino sah sich die Szene durch die verspiegelte Scheibe an. Er hasste es, dass sich die Angestellten zwar duzen konnten, sich dabei aber dennoch mit Nachnamen ansprechen mussten. Welcher Sozialkrüppel gab solche Dienstanweisungen raus? Und welches perverse Schwein war auf die Idee mit den verspiegelten Scheiben des Sozialraums gekommen? Und warum war dieser Raum mitten im Laden, wo man die Kollegin beobachten konnte, die sich gerade alleine abmühte, damit die andere ihre Pause machen konnte? Er hasste JUMBO und er hasste seinen Job.
Barbarino stand auf und schlenderte ins Lager hinüber. Es war ein Witz, dass in diesem riesigen Supermarkt nur zwei Frauen arbeiteten. Da nutzten auch die nagelneuen Überwachungskameras nichts und die großen Spiegel in den beiden hinteren Ecken des Flachbaus. Sie hatten keine Zeit, die Kunden zwischen den Regalen zu kontrollieren. Es diente nur der Abschreckung der Ladendiebe – inklusive der lächerlichen Aufkleber an der Eingangstür: „Diese Filiale ist kameraüberwacht“ und „Jeder Diebstahl wird zur Anzeige gebracht“. Von wem denn? Barbarino war der Ladendetektiv und er hatte überhaupt keine Lust auf irgendeinen Stress mit Kleinstkriminellen.
Inzwischen war er vor dem Regal mit den Spirituosen angekommen. Die feinen Sachen wie schottischer Single Malt Whisky standen leider in einem Glasschrank, den man sich von einer der Kassiererinnen aufschließen lassen musste. Aber der Bourbon war auch nicht übel. Er nahm einen ganzen Karton aus dem Regal und verließ das Lager durch das Tor zum Hinterhof. Die staubige Asphaltfläche war menschenleer. Erst nach Einbruch der Dunkelheit würden die Armen kommen, um in den Müllcontainern nach Essbarem zu suchen. Er legte den Karton in den Kofferraum seines Wagens und ging zurück in den Supermarkt.
Er griff sich ein Päckchen Nudeln und eine Tafel Schokolade, dann spazierte er gemächlich durch die langen Gänge zwischen den Regalen. Natürlich, dachte Barbarino, wieder die alte Frau mit dem dunkelblauen Regenmantel. Er hätte ihr am liebsten Nachhilfeunterricht erteilt. Sie blickte sich so auffällig nach links und rechts um, als wäre sie ein Zirkusclown, der einen Ladendieb imitiert. Dann öffnete sie vorsichtig ein Netz mit Kartoffeln und ließ ein paar Knollen in den Seitentaschen ihres Mantels verschwinden. Ware für ein paar Cent. Wie blöd kann man sein? Für ein paar Kartoffeln riskiert man die ganzen Unannehmlichkeiten einer Strafanzeige, dachte Barbarino kopfschüttelnd. Aber natürlich würde er sie auch diesmal in Frieden lassen. Schließlich hatte er eine Mutter, die im gleichen Alter wie diese Frau war.
Barbarino war ein guter Ladendetektiv. Ihm entging nichts. Die Kinder, die sich Süßigkeiten in die endlosen Weiten ihres Arschgehänges namens Hose stopften. Die Alkis, die sinnloserweise immer den schlechtesten Weinbrand oder Doppelkorn klauten. Er hätte gerne mal mit ihnen geredet. Wenn ihr schon klaut, hätte er ihnen eingetrichtert, dann nehmt wenigstens einen guten Cognac. Davon bekommt man auch nicht solche Kopfschmerzen wie von dem Billigfusel. Dann gab es die gelangweilten Hausfrauen, die einfach den Adrenalinkick suchten. Sie kauften für dreißig Euro Markenprodukte und steckten sich einen Deostift für 1,99 in die Hosentasche. Und es gab natürlich die Kleptomanen, die man daran erkannte, dass sie eine Weile ziellos durch den Markt schlenderten, um sich in Stimmung zu bringen. Und wenn sie dann ein paar Sachen in ihre auffällig weite Jacke mit den tausend winzigen Taschen gesteckt hatten, liefen sie mit ratlosen Gesichtern die Gänge auf und ab, weil ihnen nicht einfiel, welchen Alibikauf sie jetzt machen sollten, da sie doch schon alles hatten, was sie aus dem Supermarkt brauchten. Die größten Idioten unter ihnen waren eine halbe Stunde im JUMBO, um dann mit einem selten dämlichen Grinsen ein Päckchen Kaugummi zu kaufen, das es direkt an der Kasse gab.
Sie alle hätte Barbarino problemlos schnappen und von einer Streifenwagenbesatzung abholen lassen können. Aber er hatte keine Lust. Es war ihm zu blöd. Es war eine Mischung aus Mitleid mit den Kunden, Faulheit und Hass auf seinen Arbeitgeber. Aber gelegentlich musste er natürlich einen Erfolg nachweisen. Schließlich wurde bei JUMBO ja auch eine Menge geklaut. Von den Kunden und von ihm selbst. Genau deswegen hatte man ihn schließlich eingestellt. Also inszenierte er alle zwei Monate eine spektakuläre Festnahme. Er zahlte einem Obdachlosen fünfhundert Euro, der das Spiel mitspielte. Dafür musste er mit seinem Diebesgut aus dem Laden auf die Straße rennen, wo er sich mit Barbarino eine herzergreifende Verfolgungsjagd zu liefern hatte. Damit schaffte es der Ladendetektiv sogar gelegentlich in die Zeitung. Der Obdachlose sah der Anzeige wegen Diebstahls gelassen entgegen. Wenn es hoch kam, musste er für kurze Zeit in den Knast, wo er ein Dach über dem Kopf und geregelte Mahlzeiten hatte. Und Barbarino hatten seinen Erfolg. Die JUMBO GmbH war über die Zeitungsartikel, die ihren unbarmherzigen Kampf gegen das Verbrechen schilderten, natürlich hoch erfreut. Gute Publicity für kleines Geld. Eigentlich gab es nur Gewinner.
P.S.: „Mit der Figur eines Detektivs oder eines anderen Ermittlers in einem Kriminalfall schafft sich der Schriftsteller eine einfache Möglichkeit, seinen Protagonisten auf die Suche nach der Wahrheit zu schicken. Es ist der banalste Weg, diese uralte Sehnsucht des Lesers zu befriedigen.“ (Andy Bonetti)
Fehlfarben - Rhein in Flammen. https://www.youtube.com/watch?v=AQcyAIqnMzg
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