Samstag, 17. Mai 2014

Der Babo sagt YOLO

Dies ist ein Rant.
(Nachtrag: Nein, es ist kein Rant, worüber ich bereits eine halbe Stunde nach Veröffentlichung in der Kommentar-Zone belehrt wurde, aber jetzt habe ich diesen ganzen gottverdammten Mist geschrieben und jetzt wird er auch gefälligst bis zum Ende gelesen, verstanden?!!)
Bis letzte Woche habe ich bei dem Wort „Rant“ ja noch gedacht: ‚Rant? Das war doch dieser slowenische Bogenbiathlet, der 2002 mit der Staffel Silber bei der Weltmeisterschaft in Pokljuka geholt hat‘. Aber seit letzter Woche besuche ich den Volkshochschulkurs „Internet – Deutsch, Deutsch – Internet“. Daher weiß ich: Ein Rant ist ein Text, der länger als 140 Zeichen ist, daher nicht mehr ins Twitter-Korsett passt und jeden ADS-Freak im Netz an den Rand des Wahnsinns treibt. Babo heißt irgendwie Chef und war das Jugendwort des Jahres 2013. Was es nicht alles gibt. Seniorenwort des Jahres war übrigens „Stricknadelentroster“, aber das interessiert ja die Medien offenbar nicht. In die Welt gesetzt wurde „Babo“ von einem gewissen Herrn Haftbefehl aus Hessisch-Kurdistan aka Offenbach. Da würde ich ja auch gerne mal ein Wörtchen mit den Eltern und dem zuständigen Einwohnermeldeamt reden. Ist so ein Name überhaupt erlaubt? YOLO kannte ich auch nicht. Ich dachte immer, dass wäre dieser Joghurt für Kinder mit den lustigen Kuhflecken. „You only live once“. Wer hätte das gedacht? Damit haust du heutzutage höchstens noch einen Hindu vom Hocker bzw. vom Rad der Wiedergeburt. Aber ich lerne täglich dazu. „Aka“ statt „alias“ zum Beispiel. Und LOL sowie ROFL führt umgehend zu Rollatorpflicht und Windelzwang. AFAIK.
Lernziel: BOFH. Bastard Operator From Hell. Dabei sitze ich schon sehr lange vor dem Monitor und penetriere die Tastatur. 1987 ging es mit einem Atari 1040 ST los. Hatte keine Festplatte. Wenn du zu schnell geschrieben hast – und ich habe die beiden schnellsten Zeigefinger diesseits des Mississippi -, erschien immer eine Reihe kleiner Bomben und der ganze Text war weg. Damals warst du in der sogenannten „Szene“ als Computerbesitzer ungefähr so beliebt wie mit einer Hakenkreuztätowierung auf der Stirn. Aber es ermöglichte mir Schreiben ohne Tippex, einer Korrekturflüssigkeit zum Überdecken von Tippfehlern (hat eine Ewigkeit gedauert, bis sie getrocknet war und man weiterschreiben konnte). Außerdem konnte ich am PC endlich in meinem eigenen Zimmer zocken und nicht nur auf der Atari-Konsole im Wohnzimmer, wo immer irgendwelche „Eltern“ rumhingen und den Fernseher blockierten. 1992 war ich in einem der ersten Cyber-Cafés Deutschlands in Kaiserslautern und hatte einen abgefahrenen Datenhelm auf dem Kopf. Wir dachten, das wäre die Zukunft. Zum Internet kam ich über einen Studienfreund, der zu diesem neuen Medium Seminare am Institut für Publizistik der Uni Mainz anbot. Er hat 1996 mit „intern.de“ den ersten Internetnewsletter Deutschlands gegründet, der inzwischen nicht mehr erscheint (anfangs nur als Print-Version – Wahnsinn, oder?). Wolfgang hat mich immer auf dem neuesten Stand gehalten. 2008 wurde ich dann Kiezschreiber im Berliner Brunnenviertel und ein netter Kollege namens Hubert richtete mir dieses Blog ein, in dem Sie gerade einen Rant lesen. Nach Ende des Vertrags 2011 habe ich einfach weiter gemacht.
Die Leserzuschrift, Verzeihung: der/die/das Post eines gewissen „Kiezneurotikers“ brachte mich dazu, dessen Blog zu lesen und über dessen Blogroll andere Blogs zu entdecken. Diese Welt war mir neu. Die Fernseh-, Radio- und Zeitungsredakteure, die ich kenne (und die alle, wie ich, noch die Punischen Kriege erlebt haben – nein, jetzt nicht googeln, Kevin!), lesen grundsätzlich keine Blogs, weil sie ja den ganzen Tag das angeblich relevante Zeug in den Mainstream-Medien lesen müssen. Und vor einiger Zeit ist mir dann auch noch aufgefallen, dass dieser Kiezneurotiker letztes Jahr 606 Posts, also fast zwei am Tag, ins Netz gestellt hat. Angeblich hat er ja Frau, Kind und Beruf, aber wahrscheinlich sind das in der Internetsprache nur Synonyme für Pornosammlung, Playstation und Job-Center. Wie kann man nebenher so viel schreiben? Oder verbirgt sich hinter dem Pseudonym ein mehrköpfiges Team des Springer-Verlags? Jedenfalls probiere ich es inzwischen auch, möglichst jeden Tag etwas zu „posten“. Und sobald ich den VHS-Kurs mit einem Jodeldiplom (jetzt googeln, Kevin!), äh … BOFH-Zertifikat bestanden habe, bin ich endgültig Teil der „Blogosphäre“ und habe meine eigene „Filter-Bubble“. EOBD.
Das heißt übrigens “End of business day”. Was für eine gequirlte Scheiße! Früher hat die Oberschicht Latein gesprochen und der Pöbel deutsch. Dann haben die feinen Pinkel französisch gequasselt und heute reden alle Wichtigtuer englisch. Englisch ist die Sprache der Unterdrücker. Keiner mag Obamas Drohnenkrieg, NSA-Überwachung, Yankee-Gentechnik und andere Sauereien in Lebensmitteln, die wir demnächst per „Freihandelsabkommen“ auf den Frühstückstisch bekommen, aber es wird natürlich fleißig im US-Jargon kommuniziert. Viele dieser Abkürzungen aus der Internetwelt stammen direkt vom amerikanischen Militär. Zum Glück muss ich als alter Mensch nicht mehr „in“ oder „cool“ sein. Ich bin einfach nur froh, dass ich noch lebe. „Halt endlich den Rant, Grandpa Simpson!“ Du hast Recht, Kevin. Aber diese billige Seniorenmasche ist nun mal mein USP im Netz, auf BWL-Deutsch: mein „Alleinstellungsmerkmal“. Feierabend.
P.S.: Und wer als erstes im Kommentarbereich einen „Godwin droppt“ (habe ich alles im Schweiße meines Angesichts recherchiert, ihr Lausebengel), bekommt von mir eine Dose JC spendiert. Und falls es der KN ist, auch eine Dose JG. OK?
P.P.S.: Rammstein dankt „Amerika“. http://www.youtube.com/watch?v=4NAM3rIBG5k

Freitag, 16. Mai 2014

Energie 1975

„Die Stimme Der Energie“:
Hier spricht die Stimme der Energie
Ich bin ein riesiger elektrischer Generator
Ich liefere Ihnen Licht und Kraft
Und ermögliche es Ihnen Sprache, Musik und Bild
Durch den Äther auszusenden und zu empfangen
Ich bin Ihr Diener und Ihr Herr zugleich
Deshalb hütet mich gut
Mich, den Genius der Energie
Als Kraftwerk diesen Text 1975 auf „Radioaktivität“ veröffentlicht haben, stand die Anti-Atomkraft-Bewegung noch ganz am Anfang. In diesem Jahr gab es die ersten großen Proteste gegen den Bau eines Atomkraftwerks. Es waren anfangs weder Studenten noch Linke (und schon gar nicht die „Grünen“, die es damals noch gar nicht gab), sondern Weinbauern vom Rheinufer, die befürchtet haben, die Böden ihrer Weinberge würden verseucht und die Qualität des Weins könnte sinken. Diese tapferen Winzer legten sich als erstes mit der Polizei und der Obrigkeit an. Ihnen schlossen sich dann die Jugend und die Regimekritiker an und machten den Widerstand gegen Atomkraft zu einer Massenbewegung. Im Februar 1975 wurde die Baustelle des geplanten Atomkraftwerks in Whyl von 28.000 Menschen besetzt und gegen massive Polizeikräfte gehalten. Der Bau galt als „politisch nicht durchsetzbar“, das Gelände ist heute ein Naturschutzgebiet. Von hier aus breitete sich der Protest aus: 1976, drei Jahre vor dem Reaktorunglück von Harrisburg (USA) und zehn Jahre vor dem GAU in Tschernobyl (damals: UdSSR, heute: Ukraine), kam es in Brokdorf zu bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen zwischen Bevölkerung und Polizei. 1981 demonstrierten 100.000 Menschen gegen den Bau des Kraftwerks, das im Tschernobyl-Jahr 1986 dennoch ans Netz ging. Die damalige Bürgerbewegung ging in den frühen achtziger Jahren in der Partei der „Grünen“ auf, die ab 1998 als Regierungspartei Deutschland wieder in internationale Kriegseinsätze geführt hat (Kosovo 1999, Afghanistan 2002 – beide Einsätze dauern bis heute an), den Spitzensteuersatz gesenkt und die Hartz-Gesetzgebung eingeführt hat.
We are standing here / Exposing ourselves / We are showroom dummies
We're being watched / and we feel our pulse / We are showroom dummies
We go into a club / And there we start to dance / We are showroom dummies
[Repeat to fade:] We are showroom dummies
(Kraftwerk: Showroom Dummies, 1977)
Klangprobe: “Neonlicht”. http://www.youtube.com/watch?v=hNNZz3zhnFM

Donnerstag, 15. Mai 2014

Überwachung 1981

Interpol und Deutsche Bank, FBI und Scotland Yard
Finanzamt und das BKA, haben unsere Daten da
Automat und Telespiel
Leiten heute die Zukunft ein
Computer für den Kleinbetrieb
Computer für das eigene Heim
Computerwelt
Denn Zeit ist Geld
Die meisten Sachen werden einfach nur alt und nutzlos. Sie sind dann eben verbraucht und das war es dann. Müll. Aber einige Sachen bekommen Patina. Sie werden Antiquitäten, sie reifen, sie werden wertvoller. Sie sind heute noch besser als sie es bei ihrer Schöpfung waren. Dazu gehört die visionäre Musik von Kraftwerk. Vor 33 Jahren waren sie schon klüger als das Werbemaskottchen von SPD und Vodafone mit dem roten Hahnenkamm, das uns in seinen erbärmlichen Predigten hilflos um Geld für eine angebliche „Netzpolitik“ anbettelt. Ein Politiker, der Bargeld dafür verlangt, politisch die Interessen seiner Wähler zu vertreten – alle Achtung! So dummdreist ist ja noch nicht mal sein Chef Käpt’n Schweinebacke aka Sigmar Gabriel. SPD und Vodafone … die einen sind als Regierungspartei unmittelbar verantwortlich für die Überwachung, die anderen liefern ihnen unsere Daten (und lassen mit Genehmigung des Berliner SPD-Bürgermeisters einen Teil der East Side Gallery für ihre O2-Wörld abreißen). Und solchen kompetenzfreien Rattenfängern wie Sascha „Internet-kaputt“ Lobo, die rhetorisch noch nicht einmal das Niveau amerikanischer Fernsehprediger erreichen, hört das iPhone-süchtige Jungvolk ergriffen zu. Ihr habt euch den Überwachungsstaat wirklich verdient. Aber leider gibt es bei dieser endlos pubertierenden Generation Leerzeichen (bitte einen Großbuchstaben, ein Konsumprodukt oder einen Kraftausdruck Ihrer Wahl einfügen) nichts, was einen Überwachungsstaat verdient hätte.
Kraftwerk: Computerwelt. http://www.youtube.com/watch?v=zWSkwvvfmco
Ich kann mich noch genau an diese Schallplatte erinnern. Ich war mit einem Freund auf einem Crackers-Konzert in der Schlossgartenhalle in Schweppenhausen. Die Eintrittskarten waren nummeriert und unter den Besuchern wurden Schallplatten verlost. M. stand vor mir in der Warteschlange an der Kasse und bekam die Karte mit der Losnummer für die Kraftwerk-Platte. Ich hatte die nächste Nummer und ging leer aus. Bis heute zieht er mich damit auf, wenn er die Platte auflegt. Hätte ich vor ihm in der Schlange gestanden und nicht umgekehrt, wäre ich stolzer Besitzer der Scheibe geworden. Natürlich habe ich sie inzwischen als CD, aber damals waren Schallplatten etwas Besonderes. Erstmal musste man das Geld haben bzw. auftreiben, dann ist man in die Stadt gefahren, hat die Platte in einem Fachgeschäft gekauft, sie wurde von einem Verkäufer eingepackt und in eine Tüte mit dem Logo vom Plattenladen gesteckt (allein mit so einer coolen Plastiktüte warst du der King, die hast du noch wochenlang benutzt und wenn es nur zum Transport von Katzenfutter war), man ist mit dem kostbaren und zerbrechlichen Tonträger nach Hause gefahren, hat die glänzende schwarze Scheibe mit leichtem Herzklopfen aufgelegt und zum ersten Mal angehört. Dieses Gefühl kann man gar nicht beschreiben. Meine ersten Schallplatten habe ich mit meiner Oma bei „Musik Alexander“ in Mainz gekauft. An- und Abreise per Zug, da ging ein halber Tag drauf und dann stehst du im Laden und darfst dir zwei Schallplatten aussuchen. Was für eine Aufregung, was für ein Stress … alter Finne – der erste Kuss nix dagegen! Es wurden dann die „Wish You Were Here“ von Pink Floyd und die „Highway to Hell“ von AC/DC. Heute ist Musik ein beliebiges Konsumprodukt im Internet geworden: Anklicken, Nörgeln, nächster Reiz.

Mittwoch, 14. Mai 2014

Eiche rustikal

Letzte Woche habe ich die Deutschen durch den Kakao gezogen, gestern waren die Polen dran. Und jetzt kriegen natürlich die Frauen, Moslems und Behinderten ihr Fett weg. Das ist gerecht – und außerdem bin ich auch im Humorbereich allerschwerstens für die Frauenquote. Fangen wir mit den Moslems an: Ich vermisse Jimmy, unseren Dorfpakistani, der direkt über seiner Kneipe gewohnt hat und bechern konnte wie ein Russe. Manchmal kam er zur täglichen Eröffnung um 17 Uhr völlig verkatert im Schlafanzug die Treppe runter und der Tresen stand noch voller Gläser vom Vortag. Hier ging es in guten Nächten bis zum Sonnenaufgang – Berlin nix dagegen! Sperrstunde? Dann wurde die Tür eben abgeschlossen und es ging im kleinen Kreis weiter. Bis zum völligen Filmriss und Pupillenstillstand. Wenn irgendein Nazi aus dem Nachbardorf rumgepöbelt hat, weil Jimmy Moslem ist (obwohl Mr. Jimmy Beam vermutlich noch nie eine Moschee von innen gesehen hat), haben wir ihn immer lautstark verteidigt. Dorfehre kommt vor Religion.
Wirklich diskriminiert wirst du in Schweppenhausen nur, wenn du Bayern-Fan bist. In einer anderen, inzwischen ebenfalls geschlossenen Dorfkneipe, dem „Hinkelstall“, gab es einen höchst adipösen Wirt aus Nürnberg (nebenbei: Glückwunsch zum achten Bundesliga-Abstieg. Respekt!) namens Manni, der hat mal einen Kumpel von mir beim Eintreten ins Gasthaus mit den Worten begrüßt: “Na, du Bayernsau!“ Das ist FCK-Land. Selbst ich als Mainz-Fan muss vorsichtig sein, obwohl Rheinhessen von meinem Haus nur fünfhundert Meter entfernt beginnt. Bei Manni ging es immer ziemlich rustikal zu. Ich habe mal vom Tresen aus beobachtet, wie eine Maus in der Küche verschwand. Dann rannte eine Katze hinterher – und eine Minute später kam sie mit der Maus im Maul wieder raus. Das wäre ein Fall für Günter Wallraff gewesen. Der war im Nachbarort Stromberg tatsächlich mal undercover unterwegs. Danach konnte die Bäckerei dicht machen und einige Leute im Dorf brauchten einen neuen Job. Aber der Mann hatte seine Publicity. Der Prozess läuft angeblich noch in Bad Kreuznach.
Jimmy ließ sich leider nicht überreden, eine Al-Qaida-Ortsgruppe Schweppenhausen zu gründen. Ich wäre so gerne mit einem Dynamitstäbchen zwischen den Zähnen bei McDonald’s an der Autobahnauffahrt reinmarschiert (nur einen Kilometer vom Dorf entfernt), um ein Zeichen gegen US-Imperialismus und Kapitalismus zu setzen. Aber als Deutscher kriegst du wahrscheinlich nach deinem Tod keine 72 Jungfrauen im Paradies, sondern sitzt mit irgendwelchen ungewaschenen Wikingergöttern in Walhalla. Ach Jimmy, mit dir war es lustig. Jetzt jobbt er in irgendeiner Küche in Wiesbaden. Und ich war gestern mit einem Vegetarier (meine Toleranz gegenüber Andersdenkenden ist nicht in Worte zu fassen) in eben jenem McDonald‘s an der Autobahnraststätte Waldlaubersheim und habe mit gutem Appetit einen Big Tasty Bacon, einen McRib, Pommes und zum Abschluss einen Erdbeermuffin verdrückt. Auf dem Parkplatz gegenüber war früher mal der Hunsrücker Gummistiefelstrich, aber das ist eine andere Geschichte.
Und eine schöne Überleitung, denn jetzt komme ich zu den Frauen und Behinderten. Ich erzähle einen kurzen Witz, der für mich alle drei Kriterien hochwertigen Humors erfüllt: Er ist frauenfeindlich, ausländerfeindlich und behindertenfeindlich. Oder sagt man inzwischen politisch korrekt tussiphob und migrantenfeindlich? Egal. Danach wird sich meine weibliche Leserschaft ohnehin auf den harten Kern reduzieren (an dieser Stelle grüße ich Dagmar in Hamburg, Ina in Köln, Elif in Mainz und Annette in Kreuzberg), weil die deutsche Humorpolizei und alle PolitkommissarINNEN Blut und Galle spucken werden. Here we go: Wie nennt man eine Türkin mit einem Holzbein? Na? Naaa?! Aische rustikal. Der Hammer, oder? Mega-Börner. Schmeissde dich weg unn kannsde nichmehr. Morgen schreibe ich über Homosexuelle, Waldorf-Schüler und Kommunisten. Mein Management hat mir gesagt, auf dieser Sarrazin-Schiene gegen Tugendterror und die Political Correctness des Mainstreams könnte ich wesentlich mehr Geld verdienen. Bin mal gespannt …
P.S.: Musikalisch wie wettertechnisch ist „Rain in May“ von Max Werner angesagt. http://www.youtube.com/watch?v=rukGNCqOBgY

Dienstag, 13. Mai 2014

Ein Lob der kulturellen Vielfalt

Neulich stand ein Streifenwagen der Hunsrücker Mounties vor dem Haus, in dem früher die Familie Schröder gewohnt hat. Jetzt wohnen Polen hier und ich freue mich über die Bereicherung, die das Gemeinschaftsleben und vor allem der für mich als Geschichtenerzähler so eminent wichtige Anekdotenschatz des Dorfes durch den zahlreichen Zuzug aus Osteuropa erfahren. Von den gut achthundert Einwohnern Schweppenhausens sollen etwa fünfzig aus Polen stammen, angeheiratete Damen aus unserem sympathischen Nachbarland nicht eingerechnet. Neulich verließ ein Freund von mir morgens sein Haus, um mit dem Wagen zur Arbeit zu fahren. Da er sein Fahrzeug auf dem eigenen Grundstück hinter dem Haus geparkt hatte, war das Auto nicht abgeschlossen gewesen. Fehler! Auf dem Fahrersitz fand er einen offensichtlich angetrunkenen Polen, der beschlossen hatte, an diesem wetterfesten und bequemen Plätzchen seinen Rausch auszuschlafen. Nachdem er sanft aufgeweckt und zum Verlassen des Fahrzeugs aufgefordert worden war, stieg er auch brav aus und versuchte, durch die Hintertür ins Haus zu gelangen, um dort weiterzuschlafen. Auf diesen Fehler aufmerksam gemacht, wechselte er die Laufrichtung und torkelte schließlich über die Bachbrücke davon.
Vor zwei Jahren, als das alte Dorfgasthaus „Zur Pfalz“ noch unter pakistanischer Bewirtung geöffnet hatte, kam einmal ein ortsansässiger Mitbürger mit polnischem Migrationshintergrund an die Theke, setzte sich auf einen Barhocker und verlangte einen Wodka. Jimmy, der Wirt – inzwischen hat er auf der anderen Rheinseite ein neues Leben begonnen und Pachtschulden für sechs Monate hinterlassen – holte ein Schnapsgläschen und eine Flasche mit feinstem Kartoffelschnaps hervor, um den Wunsch des Gastes zu erfüllen. Dieser verneinte mit geschwenktem Zeigefinger und deutete auf ein Wasserglas auf dem Regal. Jimmy goss also ein 0,2-Liter-Glas voll Wodka und reichte es dem Gast, welcher es mit zurückgeworfenem Kopf in einem Zug leerte. Er knallte es auf den Tresen und deutete mit dem Zeigefinger und einem ergänzenden kurzen Nicken auf das Glas. Jimmy füllte es erneut, der Gast leerte auch dieses Glas wortlos. Es folgte eine kurze Pause. Stille. Schweigen. Dann kippte der Mann vom Barhocker und blieb bewusstlos liegen. Jimmy rief den Sohn des Polen an, der auch unverzüglich kam. Zusammen hoben sie den Betrunkenen in eine Schubkarre und der Sohn fuhr seinen Vater durch das Dorf nach Hause. Andere migrantische Teilpopulationen sind nicht einmal halb so lustig wie unsere polnischen Dorfbewohner.
P.S.: Leider werden die Polen auf dem deutschen Arbeitsmarkt eher stiefmütterlich behandelt. Einer von ihnen hat letzten Monat seine Stelle als Lagerarbeiter bei einer großen Supermarktkette verloren, weil er zwei Äpfel gegessen hat. Fristlose Kündigung wegen Obst, das in der Lagerkantine vierzig Cent gekostet hätte (und den Konzern im Einkauf vielleicht zehn Cent) – wäre das einem Deutschen passiert, wäre dieser Fall wegen „sozialer Ungerechtigkeit“ oder sowas in der Richtung sicher ganz groß in die Medien gekommen.
P.P.S.: In Erinnerung an einen wunderbaren Abend in der Dorfkneipe, den ich mit ein paar schottischen Bauarbeitern verbracht habe, obwohl ihr Dialekt und mein Oxford-Englisch von verschiedenen Planeten zu stammen schienen, spielen The Cure: „Just Like Heaven“. http://www.youtube.com/watch?v=RS_ux2H473I

Montag, 12. Mai 2014

Grandpa Simpson über Politik

Ich war auch mal jung. Das muss so in den Achtzigern gewesen sein. Im vergangenen Jahrhundert. Ich habe an drei Universitäten in drei Bundesländern studiert (Mainz, Heidelberg, FU Berlin), aber eins war überall gleich: Die dümmsten Rübenschweine auf dem Campus waren die Sportstudenten und die BWLer. Okay, die Sportstudenten haben an ihrem Body gearbeitet, da muss man nicht viel im Kopf haben. Geschenkt. Aber die BWLer? Wir haben sie verachtet. Selbst die VWLer haben auf sie hinabgeblickt. Die Omegatierchen auf jeder Party. Haben nur an ihre Karriere gedacht und sich an keiner Demo oder Aktion beteiligt. Und heute? Sitzen genau diese Rübenschweine in der Wirtschaft auf den Chefposten und bestimmen das Schicksal der Welt. Mich würde mal interessieren, ob sich daran in der nächsten Studentengeneration was geändert hat. Aber ich kenne keine Studenten, nur Professoren. Und die erzählen mir, dass selbst die BWLer noch dümmer sind als zu ihrer eigenen Zeit als Student.
Aber ich will nicht lästern, denn auch wir haben versagt, wenn es darum geht, die Welt zu verändern und das Leben zu verbessern. Wir haben bei jeder Unterschriftenaktion von Greenpeace, Amnesty International oder irgendwelcher langhaarigen Öko-Heinis brav unterschrieben und unsere Adresse angegeben. Wir haben uns nächtelang die Köpfe heiß diskutiert, wie wir es denen „da oben“ zeigen werden und überhaupt, Mann! Manche von uns haben die Wände mit Graffiti verziert. Mein alter Kumpel P. hat „Wo Recht zu Unrecht wird, wird Wiederstand zur Pflicht“ in riesigen Buchstaben an die Schulhofwand unseres Gymnasiums in Ingelheim gepinselt. Widerstand mit „ie“, doch, doch. Die Täter wurden deswegen in der benachbarten Realschule vermutet. Mein alter Kumpel I. hat „Fritz-Teufel-Schule“ über den Eingang geschrieben, weil der frühere Berliner Kommunarde und spätere Terrorist in Ingelheim geboren wurde. Zu meiner Zeit gab es in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn eine Riesen-Demo mit einer halben Million Menschen für den Frieden und gegen die NATO-Aufrüstung (bundesweit waren es 1,3 Millionen). Um ein Haar wäre ich sogar mitgefahren, aber im Auto war kein Platz mehr. Ich war nie auf einer Demo, bis heute nicht.
Was macht die junge Generation heute? Im Internet wird eine politische Position, die man gut findet, per Mausklick „geliket“. Man nimmt online an einer Petition teil, so wie wir früher Unterschriftensammlungen gemacht haben. Was passiert mit den vielen Unterschriften und Petitionen eigentlich? Sie werden zu Altpapier und Datenmüll. Politiker nehmen sie nicht wahr, denn sie haben keinen Einfluss auf die Politik. Petitionen sind Bittgesuche, die Teilnehmer Bittsteller. Und die Bitten werden vom Fürsten eben abgelehnt. Ein höfliches Nicken. „Danke für Ihre Meinungsäußerung“. Und dann fliegt das Zeug in den Abfalleimer. Und die Konzerne und ihr Management nicken noch nicht einmal höflich. Sie nehmen die Unterschriften und Petitionen im Regelfall auch nicht entgegen. Wozu auch? Zeitverschwendung – und Zeit ist bekanntlich Geld. Genauso ist es mit Demonstrationen und Protestcamps. Ich habe es ja bei meinen Spaziergängen durch Berlin oft genug gesehen. Da latschen ein paar hundert oder tausend Studenten durch die Innenstadt, in der einen Hand die Bierflasche und in der anderen das Smartphone, und nach einer Stunde geht’s in die Szenekneipe, wo man sich selbst auf die Schulter klopft und berichtet, man hätte es diesem Scheißstaat und seinen Drecksbullen mal gezeigt, man hätte was gegen Gewalt und Unterdrückung, wahlweise für Frauen und Tiere gemacht, ein Zeichen gesetzt usw. Gar nichts hat man gemacht. Nichts erreicht. So wenig wie die 1.300.000 meiner Generation 1983 in Bonn, Hamburg, Berlin und anderswo. War jemand mal bei Blockupy vor einem Jahr? Ich habe das Frankfurter Camp gesehen. Das war einfach eine Party mit Gitarre und Bierkasten, mehr nicht. Und dann auch noch vor der falschen Bank, vor der EZB, anstatt vor die Deutsche Bank oder zu Goldman Sachs zu gehen. In den Türmen der Finanzindustrie hat man jedenfalls sehr lachen müssen, wie mir ein Frankfurter Journalist erzählt hat. Wahrscheinlich haben im Protest-Camp die BWL-Studenten gefehlt, die hätten das gewusst. Aber die Chefs von morgen waren offenbar anderweitig beschäftigt.
P.S.: Ich höre schon das Gegenargument: „Die Montagsdemonstrationen 1989 haben aber was gebracht. Die Leute haben gemeinsam das Honecker-Regime beendet und sich ihre Rechte erkämpft“. Aber: Erstens fanden diese Demonstrationen nicht in der Bundesrepublik und nicht im Kapitalismus statt, zweitens waren Bundesrepublik und Kapitalismus das Ergebnis dieser Demonstrationen. Spitzenmäßig gelaufen, liebe Ex-DDR-Bürger … Und wenn jetzt wieder Montagsdemonstrationen veranstaltet werden, sollten sie dort stattfinden, wo die Richtlinien der deutschen Politik bestimmt werden: Vor dem Weißen Haus in Washington. Wenn die höchsten deutschen Staatsämter, Bundeskanzler und Bundespräsident, wirklich wichtig wären, hätte man sie wohl kaum mit einer Frau und einem Pfarrer aus dem Osten besetzt, oder? In den Vorstandsetagen der Konzerne sind die Westmänner jedenfalls noch unter sich …(Kleine Info: Die geplante Frauenquote gilt nicht für den Vorstand der Unternehmen, also im eigentlichen Management, sondern nur für den zahnlosen Aufsichtsrat, der sich alle mal Jubeljahre trifft und wo auch das ganze andere Mitbestimmungslametta mit Arbeitnehmervertretern, Betriebsräten usw. untergebracht ist – Frauenverarsche vom allerfeinsten, Glasperlen für das ahnungslose Volk)
P.P.S.: Ich höre schon die Frage: „Grandpa Simspon, was sollen wir denn jetzt machen?“ Das habe ich in meiner Jugend auch mal einen Soziologieprofessor in Heidelberg gefragt, als ich mich ein Semester lang durch die Habermas’sche „Theorie des kommunikativen Handelns“ gearbeitet habe (tausend Seiten Steine fressen, alter Finne!). Er hat mir die Alternative zu einem angepassten Leben in zwei Worten erklärt: „selbstbestimmte Verelendung“. Das kann man machen. Ich lebe als Schriftsteller so. Ich habe zum Beispiel kein Auto. Aber nicht, weil das politisch und ökologisch korrekt wäre, sondern weil ich kein Geld für ein Auto und seinen Unterhalt besitze. Ich habe, um ein weiteres Beispiel zu nennen, nur zwei Hosen. Eine habe ich an, eine liegt im Wäschekorb oder hängt im Schrank. Ich könnte aus diesem Umstand eine Philosophie machen, aber es ist letztlich ganz einfach. Selbstbestimmte Verelendung. Armut ist im Kapitalismus der Preis der Freiheit. Oder man heiratet eine reiche Frau. Oder man gewinnt im Lotto. Oder man überfällt eine Bank. Oder …
P.P.P.S: Joy Division spielen für Grandpa Simspon „Love will tear us apart“. http://www.youtube.com/watch?v=GL9rSAz_oc4

Sonntag, 11. Mai 2014

Im Fernsehen scheint immer die Sonne

Es war eine große Gnade, morgens nicht aufstehen zu müssen. Unter warmen Decken verborgen lauschte er den Geräuschen der Straße und des Hauses: die Müllabfuhr, Autohupen oder das Klappern des alten Aufzugs im Hausflur. Er lugte aus seinem Kissenberg heraus, Licht drang durch den Spalt der Tür und zeichnete erste vage Konturen. Der Kleiderhaufen neben seinem Bett ein Vorgebirge, das in die schroffe Silhouette der Zeitschriftenstapel überging, in der Ferne lockte das majestätische Panorama seines Schreibtisches, wenn er nur die Tür öffnete. Er schloss die Augen und döste ein wenig weiter. Letztlich war die Faulheit die einzige Philosophie, die im Angesicht der Weltkatastrophe und der allgemeinen Beschleunigung des Lebens ihren praktischen Wert bewies. Einem unschuldig Schlafenden, einem bewusst Untätigen fiel die geringste Schuld zu. Untätig erinnerte ihn an untot, die untätigen Untoten, die untoten Untätigen – aber was waren dann die anderen: die Lebenden oder die Toten? Und gab es ein Leben nach dem Tod und wie würde das Reich der Toten wohl aussehen? Wie Hannover? Und würde es dort etwas Anständiges zu trinken geben?
Wenn er sich kurz nach dem Erwachen die erste Pfeife anzündete, gefüllt mit wundersamen Heilkräutern, die von mexikanischen Mönchen hinter dicken Klostermauern angebaut wurden, spürte er den Feuerstein seines Feuerzeugs stärker, seine Fingerspitzen waren viel empfindlicher. Abends waren die Hände dagegen abgestumpft. Es gab also eine Form der Untätigkeit, die ihn nicht abstumpfte, sondern sensibel machte, die die Sinne schärfte und die Aufmerksamkeit zu erhöhen vermochte. Aber warum machte er sich solche Gedanken? Was wollte er begreifen und wozu? Große philosophische Fragen: Wer hat den Käse zum Bahnhof gerollt? Da draußen war eine Welt, in der sich diejenigen, die gerade Lust auf Gewalt hatten oder glaubten, einen bestimmten Grund für Gewalt zu haben, mit den augenblicklich Friedfertigen die Waage hielten; und es war ein Wunder, das dieses Gleichgewicht stand hielt. Aber war die Welt darum schlecht? Vielleicht hat die ganze Entwicklung der Menschheit auch gar keine Richtung und wir deuten nur eine Menge von Wichtigkeiten in den aleatorisch mäandernden Ablauf hinein? Vielleicht ist das Leben einfach nur banal, was – zugegebenermaßen – schwer zu ertragen wäre? Immerzu gibt es gute und schlechte Taten, gute und schlechte Menschen, und ein Jahr folgt dem anderen. Vielleicht ist die Erde nur eine Kugel, die durchs Weltall rauscht und auf deren Oberfläche ein Schimmel wächst, der von einem Bakterienstamm aus lauter Wichtigtuern und Besserwissern bevölkert wird?
Er hätte loslaufen wollen, zur Haustür hinaus, durch Straßen, über Plätze, auf die wieder Straßen folgten, stundenlang, bis ans Ende der Stadt, auf ein weites Feld, das sind hinter den letzten Häusern auftat. Hier wollte er ein Weilchen ausruhen und auf die ferne Stadt schauen, selbst wenn ein solcher Blick dieser Stadt nichts abtrotzen konnte, nichts wirklich aufschloss. Aber der Sommer war vorbei und der Morgen schon kalt. Und so blieb er träumend im Bett liegen. Ewig hätte er so liegen können, aber die Aussicht auf ein Jägerschnitzel mit Pommes frites, einzunehmen im Gasthaus „Ambrosius“, lockte ihn mit imaginären Gerüchen und Geschmäcken. Jägerschnitzel ... – allein das Wort öffnete schon eine Tür in die Vergangenheit. In den siebziger Jahren stellte das auswärtige Essen von panierten Schweineschnitzeln den Höhepunkt gesellschaftlichen Lebens dar. Am öffentlich gegessenen Schnitzel hatte er jeden Sonntag von seinen Eltern die Tischmanieren beigebracht bekommen, die man später als erwachsener Schnitzelesser, vor allem in Gegenwart anderer, vorzugsweise in sogenannten Gasthäusern mit gutbürgerlicher Küche, beherrschen musste.
Der Schweineschnitzelesser löste entwicklungsgeschichtlich den Konsumenten von Schweinehaxen bzw. Eisbein ab. Später folgte auf das Schweineschnitzel in der Genealogie kulinarischer Rituale der Bundesrepublik das Rumpsteak. Damit korrespondiert die Evolution der Beilagen, vom Knödel und der Salzkartoffel ging es zu Pommes frites und Kroketten, die später vielfältig variiert wurden (z.B. „Country Potatoes“). Der obligatorische Salatteller retardierte und diffundierte über ein wenig Grünzeug am Tellerrand zum fakultativen Angebot der Speisekarte – zu Recht, wie er meinte. Wesentlich waren natürlich die unterschiedlichen Phänotypen des Schweineschnitzels. Die vornehmste, edelste Variante war das Jägerschnitzel, d.h. mit brauner Soße und Dosenchampignons. Es folgte das Zigeunerschnitzel, d.h. mit roter Soße und Dosenpaprika. Zu erwähnen sind noch andere Variationen: das Rahmschnitzel, das Schnitzel Wiener Art (ohne Soße und mit einem Zitronenachtel), das Schweizer Schnitzel (mit Käse) und natürlich das Cordon Bleu (Schweineschnitzel mit Schinken und Käse im Innern). In seiner Spätphase hatte das Essen von Schweineschnitzeln seinen dekadenten Höhepunkt bzw. den Wendepunkt in Richtung Niedergang erreicht. Viele Lokale boten sogenannte „Elefantenohren“ an, Riesenschnitzel also, welche die Gier nach überdimensionierten, flachgeklopften und panierten Fleischfetzen befriedigen sollten. Inzwischen ist das Schnitzel fast zum Paria der Speisekarte verkommen, andere Gerichte – vor allem „internationale Küche“ – sind längst beliebter. Es ist auf das Niveau der Würstchenbuden (hier wird das Schnitzel einfach in die Friteuse geworfen) und der Imbissständchen („Schnitzelbrötchen“) abgerutscht. Es ist im Laufe der Zeit einfach untergegangen, hat seinen Zauber verloren, wie so vieles.
Das Bett war ihm inzwischen, da der Herbst sich von seiner unangenehmen Seite zeigte, der liebste Ort geworden. Viele andere Möbel hätte er getrost entbehren können. Wozu besaß er drei Stühle? Und was hätte er an seinem überfüllten Schreibtisch arbeiten sollen? Selbst die Regalwand war überflüssig, Fernseher und Stereoanlage konnte er auf den Boden stellen, die Bücher an den Wänden stapeln oder gleich zum Altpapier werfen. Dazu all der Mist aus diesem merkwürdigen Zwischenreich des Eigentums: Man hat es zwar nicht weggeschmissen, aber man findet es auch nicht mehr; es ist hier irgendwo, doch mehr du weißt nicht. Nur die Kleidertruhe hätte er nicht missen wollen, dazu Kühlschrank und Waschmaschine in der Küche (obwohl sie ja strenggenommen keine Möbel waren, sondern nur ebenso sperrige Gegenstände). Wenn man es sich recht überlegt, ist doch jede Stunde, die man gefaulenzt hat, auf das Sinnvollste verwendet worden. All die Zeitschätze, die er dem Imperium der Vernunft vorenthalten und freudig verschwendet hatte. Keine Minute mochte er missen, die er auf dem Bett liegend oder aus dem Fenster starrend in den Augen anderer vergeudete. All die Traumfetzen der zahllosen Nickerchen, all die zufriedenen Grunzer der Behaglichkeit nach einem guten Essen, all das gedankenverlorene Dösen vor dem Fernseher, all die gemütlichen Zeiten der Müdigkeit und der Melancholie. Der süße Zauber vollkommener Untätigkeit ...
(Schlusskapitel von "Im Fernsehen scheint immer die Sonne", der letzten von fünf Erzählungen in „Die singende Fleischwurst“ von Rondo Delaforce)
Musik: Ultravox. “Reap the wild wind”. http://www.youtube.com/watch?v=xedDbfwGqMA