Er hätte es wissen müssen. Nur
der Mond schien auf die Wellen und sein Smoking hatte sich voll Wasser gesogen.
In einiger Entfernung glitzerten die Lichter am Ufer. Mühsam paddelte er weiter
und widerstand dem Drang, die schweren Sachen einfach auszuziehen. Es würde
ohnehin eine Odyssee voller Peinlichkeiten werden, bis er wieder zu Hause war.
Alles hatte gestern Vormittag
begonnen, als ein „singendes Telegramm“ vor seiner Haustür stand. Johann hatte
die junge Dame, die eine rote Pagenuniform trug, ins Empfangszimmer gebeten und
ihn gerufen. Dann hatte sie ihren Text gesungen: „Mister Bonetti, wir laden Sie
ein, wir laden Sie ein, unser Gast zu sein. Auf unserem Schiff, da gibt es ein
Essen, und dieses Essen wird keiner vergessen. Morgen um acht, da geht es los,
all you can eat, ist das nicht famos?“ Dazu überreichte sie ihm einen kostbaren
Umschlag aus handgeschöpftem Papier, das in Thailand aus der Rinde des
Maulbeerbaums hergestellt wird. Darin lag eine Einladung, die auf feinstes
Seidenpapier aus dem Himalaya gedruckt war. Bonetti hatte ein luxuriöses
Abendessen auf dem chinesischen Restaurantschiff „Shangdang“ gewonnen, das im
Hafen von Bad Nauheim lag. Komisch, hatte er noch gedacht, ich habe doch an gar
keinem Preisausschreiben teilgenommen.
Gut gelaunt und hungrig hatte er
sich am nächsten Tag von seinem Kammerdiener ankleiden lassen und sein
Chauffeur hatte ihn an das Restaurantschiff gebracht. Die Tische des
Restaurants waren mit exotischen Blumen geschmückt, Bonetti setzte sich und sah
sich um. An jedem Tisch saßen Menschen, die offenbar die gleiche Einladung
erhalten hatten und die sie den Kellnern entgegenhielten. Zu Beginn wurden Dim
Sum in einem Bambuskörbchen gereicht, die mit Meeresfrüchten und Gemüse gefüllt
waren. Dann kamen ein brodelnder Feuertopf mit verschiedenen Fleischsorten,
Pilzen, Blattgemüse und Glasnudeln auf den Tisch. Währenddessen begann das
Schiff zu vibrieren. Offenbar hatte man die Motoren angelassen und verließ den
Hafen zu einer nächtlichen Rundfahrt. Nach dem Feuertopf wurde Peking-Ente
serviert, die kleingeschnittenen knusprigen Hautstücke wurden in hauchdünne
Pfannkuchen gewickelt, zum zarten Fleisch gab es diverse Soßen. Die
abschließende Suppe und den Quallensalat ließ er aus.
Nach dem Digestif, Bonetti hatte
einen 1999er Pflaumenwein Shanghaier Südhang gewählt, kam ein asiatisch
aussehender Herr in einem schwarzen Anzug an seinen Tisch. Er hatte ein fast
faltenfreies Gesicht, aber unglaublich alte Augen mit fürchterlichen Tränensäcken.
Sein Haar war glatt zurück gekämmt und wirkte wie schwarz lackiert. Die dünnen
Lippen unter seinem schmalen Schnurrbart kräuselten sich zu einem schwachen
Lächeln.
„Würden Sie mir bitte folgen,
Mister Bonetti. Wir schreiten nun zur Verleihung des Hauptpreises.“
Bonetti folgte ihm in ein
Hinterzimmer, das von einem langen Mahagonitresen mit etlichen leeren
Barhockern fast vollständig ausgefüllt war. Auf der Theke standen eine Flasche
Veuve Clicquot in einem Eiskübel nebst zwei Champagnerschalen aus Kristallglas.
„Champagner!“ rief Bonetti
erfreut aus. „Lassen Sie mich das machen.“ Er setzte sich an die Bar.
Der Mann wirkte für einen kurzen
Augenblick irritiert. Dann lächelte er und nickte Bonetti zu. „Ich habe lange
auf diesen Augenblick gewartet, Mister Bonetti. Unser Volk wartet seit über
einhundert Jahren auf diesen Augenblick. China hat, wie die ganze Welt
außerhalb Europas, schrecklich unter dem Imperialismus gelitten. Ihr habt uns
viele Dinge gestohlen, deren Wert ihr noch nicht einmal ahnen könnt. Aber
Europa wurde das Opfer seiner eigenen Gier: Als die Imperialisten die ganze
Welt unter sich aufgeteilt hatten, fuhren sie sich wie Kannibalen gegenseitig
an die Kehle und zerfleischten sich in zwei mörderischen Weltkriegen, um im
Anschluss sämtliche Kolonien wieder zu verlieren.“
„Woher rührt eigentlich der
Irrglaube, der Westen sei fortgeschrittener oder der Osten hole auf? Osten und
Westen waren schon immer gleich gut, gleich blöd und auf gleiche Weise
oberflächlich dem materiellen Erfolg verpflichtet.“ Bonetti lächelte.
Der Chinese lächelte nicht, er
zog eine Pistole aus der Innentasche seines Jacketts.
Bonetti hatte die
Champagnerflasche schon in der Hand, jetzt ließ er sie langsam sinken. „Wer
sind Sie und was wollen Sie von mir?“
„Sie kommen sehr schnell auf den
wesentlichen Punkt, das gefällt mir. Man nennt mich Longwang, das bedeutet
Drachenkönig. Und ich möchte die Formel, Mister Bonetti.“ Seine Stimme klang
jetzt kalt und hart.
„Welche Formel?“ fragte Bonetti.
„Spielen Sie keine Spielchen.
Sie sind ganz allein auf diesem Schiff. Ich habe alle anderen für diesen Abend
engagiert.“
„Daran bin ich gewöhnt, ich bin
Einzelkind.“ Bonetti versuchte, Zeit zu gewinnen. Natürlich ging es um die
tibetanische Pergamentrolle, auf der die Formel für ein lebensverlängerndes
Elixier stand.
Longwang grinste. „Eins ist die
Zahl des Himmels.“ Er entsicherte die Waffe. „Es gibt ein altes chinesisches
Sprichwort, Mister Bonetti: Im Auge des Tigers ist kein Platz für die Ameise.“
„Der weise Mann hütet sich in
der Jugend vor der Fleischeslust, in den mittleren Jahren vor der Streitsucht
und im Alter vor der Habgier. Auch ein altes chinesisches Sprichwort“,
antwortete Bonetti.
„Donnerwetter, was Sie alles
wissen!“
„Ich staune selbst immer
wieder.“
„Genug geplaudert, Mister
Bonetti. Die Formel, bitte.“
„Das Unendliche ist ein Quadrat
ohne Ecken, wie es im Daodejing heißt.“ Und mit diesen Worten ließ Bonetti den
Champagnerkorken knallen.
Er traf Longwang mitten ins
Gesicht, ein Schuss löste sich aus dessen Waffe und traf den Kronleuchter, der
krachend zu Boden stürzte. Bonetti schleuderte die Flasche auf den Chinesen und
rannte zum anderen Ende der Bar. Er nutzte diesen kurzen Moment der Verwirrung,
um ein Fenster zu öffnen und in die dunklen Fluten zu springen. In den alten
Schriften über die nördliche Qi-Dynastie heißt es, man solle im Falle einer
Niederlage lieber als zerschlagenes Juwel denn als unversehrter Dachziegel
enden.
Danke für die hübsche Geschichte.
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