Freitag, 5. März 2021

Die neue Normalität


Als er aufwachte, war er einen Augenblick verwirrt. Hatte er den Wecker überhört? Hatte der Wecker nicht geklingelt? Er schaute hinüber. Der Wecker stand auf drei Uhr zehn und tickte nicht mehr. Er stand auf und zog den Rollladen hoch. Die Sonne stand bereits am Himmel. Er sah auf sein Handy. Drei Uhr zehn. Er machte den Fernseher an und schaltete auf einen Nachrichtenkanal. Unten links stand die aktuelle Uhrzeit. Drei Uhr zehn. Die Sprecherin berichtete gerade, dass alle Uhren in Deutschland heute Nacht stehengeblieben waren.

Er zog sich an und ging zur Bushaltestelle. Dort hing zwar ein Fahrplan, aber er war längst nutzlos geworden. Irgendwann kam ein Bus. Der Busfahrer wusste auch nicht, wie spät es war. Er war am Morgen zum Busbahnhof gefahren, in den Bus gestiegen und würde jetzt seine übliche Strecke fahren, bis er das Gefühl habe, seine Schicht sei vorbei.

Im Büro waren einige Plätze mit Kollegen besetzt, andere nicht. Er ging zum Chef und fragte, was los sei. Der konnte ihm auch keine Auskunft geben. Die Uhren funktionierten nicht. Daher wusste auch niemand, wie man Termine einhalten sollte. Natürlich konnte man sich am Kalender orientieren. Die Tage konnte man notfalls per Hand zählen, aber nicht die Sekunden, Minuten und Stunden.

Also setzte er sich an seinen Arbeitsplatz und checkte erstmal seine Mails. Auch sie hatten als Uhrzeit alle drei Uhr zehn. Er beantwortete sie in der Reihenfolge ihres Eingangs und klickte dann Twitter an. Große Aufregung überall. Menschen verpassten ihre Züge und ihre Flüge. Manche Geschäfte hatten offen, manche nicht. Überall auf der Welt gingen die Uhren nicht mehr. Kein Mensch kannte die genaue Zeit.

Alle Versuche der Techniker und Ingenieure, die Uhren wieder zum Laufen zu bringen, scheiterten auf rätselhafte Weise. Keiner konnte erklären, warum sie nicht funktionierten. In den Baumärkten waren Sonnenuhren der große Renner, aber die Sonne scheint nun einmal nicht den ganzen Tag. Und nachts überhaupt nicht. Wochenlang gingen die Uhren nicht und aus Wochen wurden Monate.

Man verabredete sich zu ungefähren Zeiten. Zum Sonnenaufgang, vormittags, wenn am Mittag die Sonne am höchsten stand (sofern sie zu sehen war), nachmittags oder zum Sonnenuntergang. Man telefonierte mehr miteinander. Überhaupt wurde mehr gesprochen, man hatte ja Zeit. Niemand blickte mehr nervös auf die Uhr. Die Uhrenhersteller gingen natürlich reihenweise pleite.

Die eng vertakteten Fahrpläne der Bahn mussten entzerrt werden, auch der Flugverkehr wurde drastisch reduziert, weil man nicht mehr wusste, wann der Slot eines Abflugs oder einer Ankunft begann oder endete. Die Geschäfte öffneten nach Gefühl. Im Sommer einige Zeit nach Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, im Winter von Sonnenaufgang bis einige Zeit nach Sonnenuntergang. Die Büroarbeit wurde ins Homeoffice verlegt und man terminierte die Arbeit nur noch nach dem Kalender.

Sportarten, in denen Zeitmessung eine Rolle spielt, wurden aufgegeben. Ski-Abfahrtslauf oder Bobfahren machten ohne Uhr keinen Sinn mehr. Beim Fußball einigte man sich darauf, dass die Mannschaft gewonnen hat, die zuerst das dritte Tor schießt. Die Spiele waren also unterschiedlich lang. Ebenso war es bei Fernsehsendungen, die neu produziert wurden. Die Tagesschau war mal länger und mal kürzer. Je nachdem, was am Tag losgewesen war. Zum Glück konnte man sie in der Mediathek ansehen, wann immer man wollte.

Ohne die Uhren war das Leben wesentlich entspannter. Es wurde weniger produziert und weniger gekauft. Die Mobilität nahm ab und die Menschen verbrachten mehr Zeit mit ihren Familien und ihren Freunden. Irgendwann hatten sich alle an die neue Normalität gewöhnt.

Suicide - Ghost Rider (Taxi Driver) - YouTube

Kommentare:

  1. Eine schöne "Apocalypse" (so ohne Zombies und Zusammenbruch und so), in so einer würde ich auch gerne aufwachen :-)

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  2. .....die Sanduhr wäre doch eine Lösung.......hilfsweise....

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  3. Hic et nunc. (Hier und jetzt.)
    Römisches Sprichwort

    Kein Latein kann,
    zeitloses googeln...
    nur SCHÖN,
    im hier und jetzt !!!

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  4. Nette Idee. Ohne funktionierende Zeitmessung ist aber auch nix mehr mit Computer und alles, was mit digitaler Datenverarbeitung zu tun hat - zumindest nicht, solange es auf den bisherigen Prinzipien basiert. Auch das müsste also neu gedacht und erfunden werden. Daher wohl auch erstmal keine E-mails mehr, und selbst das Telefonieren läuft heutzutage meist nicht mehr analog, sondern über digitale Leitungen. Ich denke, wir würden uns sehr wundern, was alles inzwischen von einer funktionierenden genauen Zeitmessung abhängt.

    Das Leben würde aber trotzdem weitergehen. Und man würde sich dran gewöhnen, irgendwann. Das ist das hoffnungsvolle daran :-)

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    1. Mhm ... dann gäbe es auch dieses Blog nicht und keiner könnte die Geschichte lesen, die ich in mein Notizbuch geschrieben hätte ...

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  5. Ein Actionfilm aus dem Hunsrück. Einer liegt im Bett, zwei stehen daneben und rauchen.

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    1. Das Dolce Vita kann ultrabrutal sein. Eben schon wieder Weißwein zum Mittagessen. Ich erwarte eine Lieferung dragierter Erdnüsse am Nachmittag. Am Abend Termine mit Welke und Böhmermann.

      Ich nehme an, die schreibst mir von deinem Arbeitsplatz ;o)))

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    2. Lief eigentlich schon auf Radio Bonetti Powerplay Du hast eine Rolex von Ferris?
      Und wann wird es in die Heavy Rotation aufgenommen?

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    3. Sehr gut! Läuft am Sonntag. Mit dem passenden Text ;o)

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