Mittwoch, 17. Juni 2015

Die Zukunft von gestern 2

„Dieser moderne Mensch ist schneidig, tüchtig, gesund, kühl und straff, ein vortrefflicher Typ, er wird sich im nächsten Krieg fabelhaft bewähren.“ (Hermann Hesse: Der Steppenwolf)
In den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts hatte man schauerliche Vorstellungen vom Leben in unserer Zeit. Seuchen und Hungersnöte würden eine Welt prägen, die durch Überbevölkerung unbewohnt geworden ist. Hermann Kahn, der berühmte Futurologe, sah die Menschen in unterirdischen Städten hausen, um die Umwelt zu schonen und der Landwirtschaft keine Flächen zu rauben. Der UN-Berater Constantinos Doxiadis schlug eine Dreiteilung der Welt vor: Menschenleere Natur (50 Prozent der Landfläche), Landwirtschaft (45 Prozent) und eine Mega-City mit 15 Milliarden Einwohnern (5 Prozent). Andere Zukunftsforscher sahen die Menschheit in riesigen Türmen für jeweils 25.000 Menschen, die mit Röhren verbunden waren, um Platz zu sparen. Die Menschen wären in superschnellen Zügen mit 20.000 Stundenkilometern unterwegs oder bewegten sich mit Fluggeräten von Ort zu Ort. Das Automobil war in ihren Augen nur eine Übergangstechnologie.
Herman Kahn, der Chef des Hudson Institute, prophezeite eine Welt, die in Zonen des Reichtums und Zonen der Armut geteilt war: Nordamerika, Nord- und Westeuropa sowie Japan würden in der " postindustriellen Wohlstandsgesellschaft" leben. Die Menschen des 21. Jahrhunderts hätten ein Heer mechanischer Sklaven mit elektronischen Gehirnen, die ihnen sämtliche unangenehmen und gefährlichen Arbeiten abnehmen würden – praktischerweise könnten sie sich gegenseitig bauen, warten und reparieren. Die Umwelt ist in den Augen der Futurologen von damals längst gestaltbar geworden. Wir lassen es regnen, wann und wo wir wollen, Sturm und Gewitter sind von Menschenhand zu steuern. Klima ist machbar. Städte wie New York werden mit Plexiglas überdacht, unter dem ein permanenter Frühling herrscht. Die Erfolge der Raumfahrt würden sich bis in unsere Gegenwart fortsetzen, Mond, Mars und Venus werden erobert. Auch die Landwirtschaft würde vom technischen Fortschritt längst revolutioniert sein. In künstlichen Biosphären gibt es sechs Getreideernten im Jahr und vier Meter lange Gurken. Mit Altöl füttert man Mikroben, die in chemischen Fabriken zu Eiweiß werden. Man züchtet Fische ohne Gräten und Schuppen.
In den siebziger Jahren werden die Prognosen wieder düsterer. Es ist die Zeit der Weltwirtschaftskrise. Die „Grenzen des Wachstums“ durch Rohstoffknappheit werden diskutiert und die Studie „Global 2000“ prophezeit eine ökologische Katastrophe. Erdöl wird es im 21. Jahrhundert nicht mehr geben, Energie wird von 24.000 Atomkraftwerken erzeugt – von denen bisher fünfhundert gebaut wurden. Das Geschäft der säkularen Propheten ist immer das gleiche, es unterscheidet sich auch nicht von dem ihrer religiösen Vorgänger: Wir landen entweder im Paradies oder in der Hölle. Warum sind so wenige dieser Prognosen eingetreten? Das Kernproblem ist die mangelnde Phantasie der Propheten, der „Zukunftsforscher“ und „Futurologen“. Sie schreiben die aktuellen Entwicklungen ihrer Zeit einfach in die nächsten Jahrzehnte fort (Extrapolation). Geschichte ist aber kein linearer Prozess, sondern ein Chaos als Ergebnis von derzeit über sieben Milliarden Einzelprozessen namens Mensch.
Wir können doch heute noch nicht einmal mit Sicherheit sagen, wie morgen das Wetter wird. Wir können planen und uns den Kopf zerbrechen – letztlich können wir über die Zukunft nichts sagen. Ein Virus oder ein durchgeknallter Politiker können einen Schmetterlingseffekt auslösen, dessen Auswirkungen wir unmöglich berechnen können. Das ist ja auch kein Problem. Es wäre doch schade, wenn wir unsere Zukunft schon kennen würden. Prognosen sollte man als Entertainment betrachten. So wie man in der Vergangenheit Wahrsager, Orakelpriesterinnen und Seher als Unterhaltungskünstler betrachtet hat – wenn man klug war.