Dienstag, 2. Dezember 2014

Kiezschreiber

Hei, wie lustig geht’s doch im Kiezschreiberleben zu, mag mancher unbedarfte Schwärmer und Bruder Leichtfuß denken, wenn er gelegentlich auf seinen Streifzügen durch das Internet auf dieser drolligen Seite verweilt. Er denkt an die Stadtschreiber in Mainz oder Dresden, denen man als Stipendiat ein halbes oder ein ganzes Jahr zubilligt, um sie in ihrem Kunsttreiben ein wenig zu beobachten und sich eine kleine Stadtansicht in Prosaform anfertigen zu lassen. Doch wir wissen alle, wie es endet. Der haltlose und lasterhafte Künstler gerät schnell aus dem Tritt, er trinkt ohne Maß und Ziel, schreibt wirres Zeug und am Ende sind doch alle erleichtert, diesen Lotterbuben, der den Mädels hinterher pfeift und am helllichten Tag ganz unverschämt seine sogenannte künstlerische Freiheit auslebt, endlich losgeworden zu sein, bevor die Jugend durch seine dauerhafte Anwesenheit nachhaltigen Schaden nehmen kann.
Einen ganz neuen und innovativen Ansatz hat man in Berlin-Mitte entwickelt, um diesen destruktiven und kaum steuerbaren Tendenzen einen Riegel vorschieben zu können. Hier wird der Kiezschreiber einer umfassenden Neuorientierung teilhaftig, die ihn den brotlosen Künsten entwöhnen und wieder lebensfähig machen soll. So besucht er nun regelmäßig Weiterbildungsveranstaltungen zu den Themenbereichen BWL und EDV, die als bewährte Säulen unserer, im sechzigsten Jahr ihres Bestehens in voller Leistungskraft erstrahlenden und blühenden Wirtschaftsrepublik den Wohlstand kommender Generationen sichern werden. Jetzt wird er endlich im Kaufmannsdeutsch der Erfolgsmenschen geschult. Früher hat er bei dürren und blutleeren Begriffen wie „Beschaffungsmarketing“ noch an die Panzer der Waffen-SS denken müssen, die in den Osten rollen. Jetzt leuchten seine Augen, denn er hat begriffen, dass man die Welt auch einmal aus dem Blickwinkel der Unternehmen betrachten sollte: Neue Absatzgebiete statt neuer Lebensräume. Sei dir versichert, zielloser Wanderer durch das Netz, dass die Tür des Seminarraums nur aus rein sicherheitstechnischen Gründen während des Unterrichts abgeschlossen wird. Und es ist die heilige pädagogische Pflicht der Vorgesetzten, den tagträumenden Dichterbengel darauf hinzuweisen, dass er gefälligst mehr mitschreiben solle und weniger häufig aus dem Fenster zu schauen habe.
Es heißt, er begänne im nächsten Monat mit der Fortbildung zum Gabelstaplerfahrer. Bekanntlich erhöht der „Staplerschein“ die beruflichen Chancen eines Schriftstellers beträchtlich und eröffnet ihm die weite und nicht minder aufregende Welt der Lagerarbeit. Auch hier geht der Regierungsbezirk im Herzen der Hauptstadt auf beispielhafte Weise auf dem Weg in eine effektivere Form des Kulturschaffens voran. Kampf dem Dreitagebart! Für verstärkte Kontrollen von Fingernägeln und Hemdkragen! Aufgepasst, angelsächsische und romanische Literatur: Hier kommt Berlin!
P.S.: Dieser Text entstand 2009 nach dem ersten Jahr in meinem Job als Kiezschreiber im Wedding.
Rolling Stones - Under My Thumb. http://www.youtube.com/watch?v=nYYTLJ8YHi4