Mittwoch, 23. November 2016

Nero-Plan 2.0

„Der Norden ist reich an Völkern von ungeheuerlicher Seltsamkeit ohne menschliche Kultur.“ (Saxo Grammaticus, 12. Jhd.)
Ich sterbe. Ich bin jetzt fünfzig Jahre alt und habe die guten Zeiten hinter mir, machen wir uns nichts vor. Meine Zivilisation stirbt auch. Die Welt, in der ich aufgewachsen bin, geht unter. Während Rom brennt, werde ich ein Gedicht schreiben.

Ich bin nicht traurig. Mein Plan geht auf. Ich habe praktisch nichts in die Rentenkasse eingezahlt, ich habe keine Kinder in die Welt gesetzt. Meine Leitsterne waren Pessimismus und Sarkasmus - und ich habe Recht behalten. Ich darf das Ende noch erleben.

Es macht mich sprachlos: Trump ist Präsident. Mit dem Brexit beginnt der Untergang der EU. Die Österreicher und die Franzosen wählen demnächst Faschisten ins höchste Staatsamt. Hass, Vorurteil und Gewalt sind wieder salonfähig geworden. Wenn ich das Wort „Kultur“ höre, greife ich zum Revolver.
Seine Majestät, das Wahlvolk, hat gesprochen. Pflanzen Sie kein Apfelbäumchen. Es lohnt sich nicht mehr.
P.S.: Erinnern Sie sich noch an den Text „Bonetti for president“ (Juni 2015)? Damals habe ich mich zum ersten Mal über Trumps Kandidatur lustig gemacht. Weitere satirische Texte folgten, bis zu einer sarkastischen „Wahlempfehlung“. In „Blogstuff 16“ habe ich für dieses Jahr den Sieg Trumps angekündigt: „Was dürfen wir 2016 erwarten? Cher wird siebzig, zumindest Teile von ihr. Und Donald Trump wird Präsident der Vereinigten Staaten.“ Am Silvesterabend schrieb ich: „Wer profitiert von den Terroranschlägen des IS und anderer Organisationen? Die Rechten in Amerika und Europa. Das Blut der Opfer wird direkt auf ihre Mühlen geleitet. Donald Trump in den Vereinigten Staaten, Marine Le Pen in Frankreich, die AfD in unserem Land, die rechten Regierungen in Polen, Ungarn usw. profitieren unmittelbar von jedem einzelnen Toten.“ Im Januar 2016 dichtete ich spontan: „Bitte, lieber Sensenmann / Nimm Donald Trump als nächsten dran.“ In Blogstuff 22 nannte ich ihn noch einen „Frisurdarsteller“. Bereits im Februar 2016 titelte ich „Wahnsinn, Wahlkampf, Wrestling – Wo ist da der Unterschied?“ Im Mai 2016 stellte ich fest: „Parteien funktionieren wie Konzerne, Abgeordnete sind Angestellte, Minister ebenso. Ihre politischen Ideen gehören ins Reich des Vorschlagswesens, wo man Verbesserungsvorschläge für einen effizienteren Ablauf des Betriebs machen darf. Man ist nicht seinem Gewissen verantwortlich, sondern seinem Bankkonto und der Karriereperspektive. Warum dann nicht gleich einen Konzernchef zum Staatschef machen? Italien hat mit Berlusconi den Anfang gemacht, es folgten die Ukraine und aktuell Österreich. Vielleicht erleben wir ja im Herbst mit Trump in den USA den Höhepunkt des Trends der Ökonomisierung des politischen Systems?“ Im Text „Der letzte Sommer“ träumte ich schon vor Monaten, dass Trumpo Präsident wird. Bereits in Blogstuff 31 habe ich berichtet, dass die Großeltern von Donald Trump aus Kallstadt an der Weinstraße in Rheinland-Pfalz sind. Die Analyse des Wahlsiegs gab es für aufmerksame Leser in Blogstuff 68: „Warum hat es Trump so weit gebracht? Weil der linke und rechte Rand der Gesellschaft heute von den gleichen Ängsten beseelt ist. Die einen nennen es Multikulti und wollen es nicht in ihrer Nachbarschaft. Die anderen nennen es Globalisierung und kämpfen dagegen. Ob aus sozialer oder ökonomischer Perspektive: zusammen bilden Linke und Rechte eine Mehrheit gegen die Menschen, die nicht zu ihrer Nation gehören. Der Nationalismus ist zurück. Und ökonomisch ist der Protektionismus zurück.“ Noch vor wenigen Wochen schrieb ich: „Die Saat der Angst ist nach 9/11 systematisch gestreut worden. In den Vereinigten Staaten gilt seitdem der Ausnahmezustand, in Frankreich seit 2015. Der Feind ist unter uns, wir werden unterwandert. Bewaffnet Euch und seid wachsam! Die Saat geht auf – Trump, Le Pen, Hofer, Wilders, Orban, Petry u.v.m. möchten die Ernte einfahren.“ Am Ende vergleiche ich Trump mit Hitler („Der Rattenfänger“). Kiezschreiber-Leser haben es also schon immer gewusst.
P.P.S.: Diesen Text habe ich am Morgen des 9.11.16 (nine-eleven) geschrieben, trunken vor Trauer und anderen Dingen. Am nächsten Tag folgte das Postskriptum, jetzt ist die Wahl fünf Tage her und ich denke: Unsere Hoffnungen sind mit Obama nicht Wirklichkeit geworden, weil der politische Apparat in Washington ihn zermürbt und verschlissen hat. Vielleicht passiert mit unseren Befürchtungen und Trump das gleiche?
Queen – Who Wants To Live Forever. https://www.youtube.com/watch?v=_Jtpf8N5IDE