Montag, 15. November 2010

Die Rache der Engstirnigen

Letzte Woche hat der Bundestag in erster Lesung ein Sparpaket beschlossen und es gibt wenig Hoffnung, das er in zweiter Lesung zu einer anderen Schlussfolgerung kommen wird. Zu den Kürzungen gehört auch, dem seit 1999 bestehenden Projekt "Soziale Stadt" über siebzig Prozent der Mittel zu streichen. Damit stehen bundesweit hunderte von Quartiersmanagements vor dem Aus, die sich in den vergangenen Jahren erfolgreich gegen die soziale Spaltung der Gesellschaft gestellt haben - mit Sprachkursen, Spielzeug, Straßenfesten, Gewaltprävention und zahlreichen anderen Angeboten in Sachen Integration und Bildung. In den Talkshows wird von diesen Themen immer nur geredet, an Orten wie dem Brunnenviertel werden sie gelebt. Und im nächsten Jahr werden in meinem Kiez das einzige Gymnasium und die einzige Kinder- und Jugendbibliothek geschlossen. Die Botschaft an die Unterschicht, der Hass der bürgerlichen Parteien und ihrer Regierung auf die Migranten waren nie deutlicher. Kahlschlagpolitik hat im Wedding lange Tradition - aber auch der Widerstand.

Zwischen Gleimstraße und Millionenbrücke - eine Tour mit „Nächste Ausfahrt Wedding“

Rolf Gänsrich ist ein Urberliner und arbeitet als Hörfunkmacher und Autor im Prenzlauer Berg. Als er am Nachmittag des 30. Oktober bei Kaiserwetter vor dem Kino Collosseum an der Schönhauser Allee auf die Teilnehmer seiner Tour wartet, staunt er nicht schlecht, als schließlich knapp dreißig interessierte Menschen vor ihm stehen. Es sind vorwiegend Einheimische und in den folgenden zwei Stunden werden seine profunden Ortskenntnisse immer wieder durch Anekdoten der Kiezbewohner illustriert. Begleitet wird der Berlin-Scout von Tanja Kapp, die gemeinsam mit Lothar Gröschel das Projekt „Nächste Ausfahrt Wedding“ zum Leben erweckt hat.
Die Reise durch Berlin zwischen Gleimstraße und Millionenbrücke, vom Kaiserreich bis ins 21. Jahrhundert beginnt am einstigen „Boulevard des Nordens“ und „der“ Einkaufsstraße der DDR schlechthin. Um die Ecke, in der Gleimstraße, stehen wir kurz darauf vor einigen alten Pferdeställen, die in einem Hinterhof die Zeit überdauert haben. Ein paar Häuser weiter, in der Nummer 42, lebte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Joseph Weißenberg, ein berühmter Heiler und Religionsreformer. Er behandelte die Menschen durch Handauflegen und gründete die Johannische Kirche, die bis heute besteht. Bald darauf sind wir in der Kopenhagener Straße, wo sich ein altes Umspannwerk in Ateliers und Lofts für Kreative verwandelt hat. Daneben ein heruntergekommener Plattenbau aus der DDR-Zeit, malerisch mit überfülltem Aschenbecher auf der Fensterbank, in dem sich früher eine Meldebehörde der Elektrizitätsbetriebe befand.
In Berlin kann man die bewegte deutsche Geschichte noch sehen, beispielsweise an den Einschusslöchern an einem wilhelminischen Gymnasium in der Ystader Straße, das in der Weimarer Republik nach Heinrich Schliemann und im Dritten Reich nach Horst Wessel benannt wurde, in dem in der DDR Medaillenhoffnungen gedrillt wurden und heute die “Grundschule am Falkplatz” zu Hause ist. Neben den sichtbaren gibt es auch die unsichtbaren Narben der Stadt: Der Ort, bis zu dem man als DDR-Bürger in der Gleimstraße gehen durfte, bevor man den Grenzanlagen zu nahe gekommen war, ist leicht an einer alten Kastanie zu erkennen - die jüngeren Bäume bis zum Gleimtunnel wurden erst nach dem Mauerfall gepflanzt. Im Mauerpark erklärt Rolf Gänsrich, wo die Mauer stand und zeigt Reste der Hinterlandmauer und des Postenwegs, bevor wir uns durch den Wedding zur Swinemünder Brücke - die auch Millionenbrücke genannt wird - bewegen, die den Schlusspunkt einer spannenden Reise durch Zeit und Raum bildet.

Donnerstag, 14. Oktober 2010

Proseminar: Soziologie der Gruppe

Im Soziologiestudium habe ich bereits im ersten Semester gelernt, wie der Mensch als Herdentier funktioniert: Er sucht Gemeinsamkeiten innerhalb der eigenen Gruppe und grenzt sich gegen andere Gruppen ab. Wie das in Deutschland abläuft, ist eigentlich ganz einfach: „Wir“ mögen Oktoberfest, Volksmusik, Fußball, Alkohol und Autos. Was wir nicht mögen, unterliegt allerdings gewissen Schwankungen. Wichtig ist jedoch, dass wir immer einen Sündenbock haben müssen, um uns als Deutsche definieren zu können. Denn wenn es mit den Gemeinsamkeiten etwas schwieriger wird, weil uns beispielsweise auch Hip-Hop, Beachvolleyball und Fahrräder gefallen oder wir gerade von einer Zonenschrippe und einer Schwuchtel regiert werden, sollte es wenigstens mit dem Ausgrenzungsmechanismus klappen. In den achtziger Jahren war „der Russe“ das Feindbild (im Westen), in den Neunzigern dann Asylanten und Ausländer (wobei Russland-Deutsche, jugoslawische Kriegsflüchtlinge, Wirtschaftsmigranten und ehemalige Gastarbeiter in einen Topf geworfen wurden - eben alles ohne blondierte Vokuhila-Frisur, Jeansjacke und Dosenbier in der Hand), in den nuller Jahren folgten Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger und in unserer trüben Gegenwart ist es „der Moslem“. Hauptsache, man hat mal nach draußen gekeilt, gekeift oder gespuckt. Das gehört offenbar zur Sozialhygiene einer Viehherde dazu. „Die“ sind anders als wir und „die“ gehören nicht dazu. Schon geht es einem durchschnittlichen Schaf, Ochsen oder Esel besser. Jeder für sich - oder hat man schon mal Lämmer, Kälber und Fohlen zusammen spielen sehen? Eben. Brauchen wir nicht, haben wir schon immer so gemacht, wollen wir auch nicht. Sonst müssten ja auch die ganzen Soziologielehrbücher umgeschrieben werden.

Montag, 4. Oktober 2010

The things you do for money

Sicher ist es keine angenehme Geschichte, aber auch sie muss erzählt werden. Wir wissen ja alle, dass man sich gelegentlich mit gewissen temporären Tätigkeiten herumschlagen muss, die einem die Miete und andere Rechnungen bezahlen und über die man im Nachhinein nicht mehr sprechen möchte. So ging es einem Freund von mir aus Köln, der sich ansonsten als Fotograf durchs Leben schlägt, aber eben auch eine Tochter und andere längerfristige Projekte am laufen hat. Und daher hat er eines Tages, als sich eine günstige Gelegenheit ergab, seine Hände und seine Unterarme verkauft. Nicht etwa an die bekannte Organmafia oder andere Ersatzteilhändler, sondern an eine Organisation, deren Erwähnung uns allen das Blut in den Adern stocken lässt oder wahlweise mindestens Gänsehaut verursacht: Die FDP.
Die FDP, meine Damen und Herren! Für ein Wahlplakat. Glücklicherweise wurde es noch nicht einmal bundesweit verbreitet, es war für den regionalen Wahlkampf gedacht. Und so waren die Hände und die Unterarme von meinem Kumpel Teil des FDP-Wahlkampfs geworden. Die Hände haben übrigens die Unterarme durch Aufkrempeln der Hemdsärmel freigelegt, was wiederum vorzüglich zum FDP-Motto passte, in dem es um das Aufkrempeln der Hemdsärmel zu Wirtschaftszwecken ging. Denn bekanntlich geht mit aufgekrempelten Hemdsärmeln volkswirtschaftlich so richtig die Post ab. Aber so bezahlt sich die Miete der linksalternativen Lebenskünstler eben auch und sein Gesicht hat ja niemand gesehen. Hätte er mir die Story nicht selbst erzählt, ich hätte seine Hände nie und nimmer auf dem FDP-Plakat erkannt. Aber man erkennt ja auch nicht seinen eigenen Vater in einem Coffee-Shop in Amsterdam, oder?

Sonntag, 3. Oktober 2010

You only tell me you love me when you're drunk


Ein Gedanke noch zur deutschen Einheit, dann wenden wir uns wieder wichtigeren Dingen zu wie beispielsweise dem EM-Qualifikationsspiel im Berliner Olympia-Stadion: Wieso redet man in Sachen Einheit immer nur von den Ossis? Das ganze Fernsehprogramm heute sieht aus, als hätte der MDR die Weltherrschaft übernommen. Unsere Ossis! Wie geht es ihnen denn? Fühlt er sich wohl, der Ossi? Hat er genug Futter? Glänzt das Fell auch schön? Es sind aber nur zwanzig Prozent der Bevölkerung Ossis. Was macht eigentlich der Wessi (and by the way: der Migrant)? Was hatte der von der Einheit? Cindy aus Marzahn.

Im übrigen wird ja das Verhältnis zwischen Ost- und Westdeutschen völlig falsch interpretiert. Man schaue sich mal andere Länder an: In Spanien können sich Katalanen, Kastilier und Basken nicht leiden, in Großbritannien die Schotten und die Engländer, in Italien und Frankreich Norden und Süden. Der unmittelbare Nachbar ist immer der schlimmste Feind. Kenne ich vom Rhein: Köln gegen Düsseldorf, Mainz gegen Wiesbaden. Das geht runter bis auf Dorfebene. Auf meinem Gymnasium wurde die jahrhundertealte Feindschaft zwischen zwei Nachbardörfern noch liebevoll gepflegt: Die Kinder der gleichen Jahrgangsstufen kamen in unterschiedliche Klassen, auf dem Schulhof standen sie in verschiedenen Ecken. Ich kenne bis heute lokale Feindschaften, dagegen sind Israelis und Palästinenser richtig dicke Freunde. Wären Ost- und Westdeutsche, Nord- und Süddeutsche, Badener und Schwaben, Bayern und Hanseaten, Thüringer und Sachsen ein Herz und eine Seele - ich würde mir direkt Sorgen machen.

Zu einem lebendigen Familienleben gehören Freud und Leid, Streit und Versöhnung, Liebe und Hass (sowie wohltemperierte Hassliebe), wir lachen zusammen bei Hochzeiten und wir heulen zusammen bei Beerdigungen. Der Osten und der Westen sind in dieser Hinsicht wirklich ein siamesisches Zwillingspaar der besonderen Art, denn sie sind erst lange nach ihrer Geburt zusammengewachsen.


Samstag, 2. Oktober 2010

Heimat des Goldbroilers


Es war natürlich nicht alles schlecht in der DDR - was im übrigen auch noch niemand behauptet hat. Da gab es vor allem zwei Dinge, die ich sehr sympathisch fand. Zum einen waren die Städte nicht mit Werbung für irgendwelche Produkte und Konzerne zugepflastert wie in meiner westdeutschen Heimat. Es gab vielmehr aufmunternde Sprüche für die Werktätigen, die unermüdlich für den Frieden und den Sozialismus gearbeitet haben. Man hatte den Eindruck, irgendwelche Motivationskünstler von McKinsey hätten das ganze Land mit positiven Botschaften voll gepflastert. Zum anderen gab es in der DDR überall Parkplätze, selbst in der Innenstadt und vor wichtigen Sehenswürdigkeiten. Nicht zu vergessen sind auch die kulinarischen Besonderheiten, die leider in Vergessenheit geraten sind: Grilletta - Honeckers Antwort auf den BigMäc. Ein gewagtes Product-Placement in einer ketchup-freien Zone. Oder Krusta, die viereckige Pizza für die Helden der Planübererfüllung. Von großem Unterhaltungswert waren auch die Grenztruppen der DDR. So wurde ich von einigen Herren zu einem kostenlosen Striptease in ein Hinterzimmer des Bahnhofs Friedrichstraße eingeladen - den Grund weiß ich bis heute nicht. Als wir ein anderes Mal mit einer Reisegruppe zum Flughafen Schönefeld fuhren, weil wir mit Interflug in die Sowjetunion düsen wollten (für jüngere Leser: mit der DDR-Fluggesellschaft nach Russland), wurde unser Bus von einem Offizier kontrolliert, der uns fragte, ob wir Schusswaffen dabei hätten. Als ein Spaßvogel mit einem lauten „Noch nicht!“ antwortete, bekam der Grenzer einen Tobsuchtsanfall und brüllte minutenlang herum, bevor er sich mit lila geschwollenem Schädel wieder davon machte. Diese Dinge fehlen eigentlich schon ein bisschen, wenn ich darüber nachdenke.

Porzellanhochzeit

Zwanzig Jahre ist der Beitritt der neuen Bundesländer zum Bundesgebiet nun her. Da wird natürlich auch noch einmal der verblichenen DDR gedacht, der ich mit meinen 44 Jahren inzwischen altersmäßig weit voraus bin (Tendenz: steigend). Ein wesentliches Element der DDR war der Hang zu allem Militärischen: festungsähnliche Grenzanlagen mit einem Schießbefehl wie zu Kriegszeiten, Wehrkundeunterricht für die Kinder und zackige Paraden der Armee zum Staatsgeburtstag (weiß eigentlich jemand genau, wann die Bundesrepublik Geburtstag hat?). Das skurrilste waren aber sicherlich die sogenannten Betriebskampfgruppen. Warum hatte eigentlich eine, sagen wir mal: Hosenträgerfabrik eine eigene Kampfgruppe? Fürchtete man den Angriff der Jungs von der Gürtelfabrik? Oder hatte man Angst, dass die bösen Imperialisten aus dem Westen bei Nacht und Nebel anrücken, um den ganzen Muckefuck und die rollenden Todesfallen namens Trabant zu stehlen? Hat man sich im Manöver mit Knöpfen beworfen? Und gab es für diese Einheiten, die mit Kalaschnikows und eigenen Panzern ausgerüstet waren, einen speziellen Hosenbandorden? Fragen, Fragen, Fragen zu einem merkwürdigen kleinen Land …