Dienstag, 24. März 2015

Money talks – people listen

„Es ist ein Märchen, zu glauben, in Berlin haste (…) man nur. Man versteht hier geradezu drollig, Zeit dahinfließen zu lassen (…).“ (Robert Walser: Aschinger)
„Hören Sie mir gut zu, junger Mann“, sagte der ältere Herr im dunklen Maßanzug und nahm einen Schluck von seinem vierzigjährigen Single Malt. „Sie gehören jetzt zu meiner Firma und daher möchte ich Ihnen auch die Spielregeln erklären. Ich bin jetzt so lange in der Baubranche wie es diesen Whisky gibt. Als ich in den siebziger Jahren nach Berlin kam, funktionierte das System schon genauso wie heute.
Passen Sie auf! Die Politiker des Senats beschließen ein Bauprojekt und die Beamten in der Senatsverwaltung vergeben die Aufträge. Wir bekommen die Aufträge und führen sie aus. Das ist der offizielle Teil. Sie haben sich, wenn Sie klug sind, vermutlich schon einmal gefragt, wieso ein Bauprojekt wie der neue Berliner Flughafen über fünf Milliarden Euro kosten kann. Es ist schließlich nur ein langes Asphaltband für Starts und Landungen und ein Gebäude, wo die Passagiere auf der einen Seite reingehen, ihr Gepäck abgeben, ihr Flugticket bekommen und durch den Sicherheitscheck müssen, um auf der anderen Seite ins Flugzeug zu steigen. Keine komplizierte Sache, kein Vergleich mit einer modernen Fabrik mit Reinraumtechnologie oder Industrierobotern. Nicht komplizierter als ein Einkaufszentrum.
Was kostet an so einem Flughafen fünf Milliarden? Das Grundstück? Nein. Das Baumaterial? Nein. Die polnischen Arbeiter? Nein. Das Geld fließt in die Taschen der Bauunternehmer, der Politiker und Beamten. Es werden Aufträge für teure Gutachter und Berater fällig, die bestätigen, dass alles teuer ist. Sie alle zahlen Geld, um an die Aufträge zu kommen. Es sind ein paar hundert Leute, die von diesem System profitieren. Niemand kann aus diesem Netzwerk aussteigen, weil alle erpressbar sind. Und niemand will aus diesem Netzwerk aussteigen, weil die Summen, um die es geht, verlockend hoch sind. Dieses viele Geld muss von den ahnungslosen Steuerzahlern aufgebracht werden. Je größer das Projekt, je unübersichtlicher die Zahl der Einzelaufträge, umso besser. Die Politiker und Beamten bekommen später wiederum Posten als Berater. Sie arbeiten natürlich nicht dafür, sie bekommen nur fette Honorare und eine Limousine mit Chauffeur. Das kostet alles eine Menge Geld, weswegen die öffentlichen Bauten jedes Jahr teurer werden. Und selbstverständlich will man das Geschäft so lange wie möglich am Laufen halten, darum werden diese Großprojekte praktisch nie fertig. Und falls sie fertig werden, muss schon ein neues Großprojekt in der Pipeline sein, damit das Spiel weitergehen kann. In diesem konkreten Fall ist es die Nachnutzung des Flughafens Tegel, der stillgelegt wird, wenn der neue Flughafen eröffnet wird. Haben Sie das verstanden? Gut.
Dann bereiten Sie jetzt die Pressekonferenz für morgen früh vor. Ich habe ein Gutachten in Auftrag gegeben, das beweist, wie schwierig die Bodenbeschaffenheit unter der Abfertigungshalle ist und dass Risse im Gebäude aufgetaucht sind. Die Eröffnung des Flughafens verzögert sich, sagen wir mal, um ein halbes Jahr. Alles klar? Verkaufen Sie das den Journalisten! Sie werden es widerstandslos schlucken, sonst bekommen die Zeitungen Probleme mit ihren Anzeigenkunden. Nicht nur mit den Kunden aus der Baubranche. Die Politiker, die auf unserer payroll stehen, informieren ihre Kontaktleute in anderen Unternehmen, die wiederum Druck auf ihre Kontaktleute in der Verlagsleitung machen. Die Presse macht uns also sicherlich keine Sorgen. Und im Senat weiß man ohnehin Bescheid. Das ist alles mit denen abgesprochen. Wenn Sie Ihren Job gut machen, verspreche ich Ihnen eine glänzende Zukunft bei Mörtel & More.“
Dann trank der ältere Herr sein Glas aus und blickte zufrieden aus dem Fenster.
Naughty By Nature – O.P.P. http://www.youtube.com/watch?v=6xGuGSDsDrM