Dienstag, 31. August 2010

Hören und Sehen vergehen

Meine Nachbarin ist ein Messie. Jahrelang habe ich ihr Hämmern gehört. Ein leises ausdauerndes Hämmern. Nicht so, als ob größere Arbeiten zu hören gewesen wären. Das leise Hämmern kleiner Hände mit kleinen Werkzeugen auf kleine Nägel. Auf der anderen Seite der Wand, in die diese Nägel geschlagen wurden, steht mein Bett. Am Ende des tausendfachen Klopfens stellte ich mir diese Wand immer als eine Galerie winzigster Gemälde vor, die alle mit einem einzigen Nagel befestigt waren. Die ganze Wand voller winziger Bilder in winzigen Rahmen.

Jetzt hat sie einen Maler gerufen, der ihre Wohnung renoviert hat. Am Ende seiner Arbeit, während immer noch ihre merkwürdigen Möbel auf dem Hausflur stehen, drängt sie mich förmlich in ihre Wohnung, die ich in all den vielen Jahren nie von innen gesehen habe. Die Wände sind neu gestrichen und es findet sich nicht ein einziges Bild an der Gegenwand zu meinem Schlafzimmer. Ihr Bett steht tatsächlich direkt auf der anderen Seite der Wand, unsere Köpfe sind in der Nacht also nicht viel mehr als einen Meter voneinander entfernt. Die Nachbarin scheint zufrieden, während sie in endlosen Monologwellen von ihren neuen Kieferholzmöbeln erzählt. Sie wirkt fast, als würde sie triumphieren.