Sonntag, 24. Januar 2016

Mein Leben ist ein Traum

"Denn die Welt ist nicht geschaffen worden, damit man sie versteht. Sie schert sich nicht um Erkenntnis. Vielleicht ist sie sogar geschaffen worden, um nicht verstanden zu werden. Die Erkenntnis ist zwar Teil der Welt, aber nur als totale Illusion. Genau das finde ich interessant, denn es bedeutet, dass das Denken nur Teil eines Ganzen ist, und dass es für dieses Ganze keine Interpretation gibt." (Jean Baudrillard)
Bei dieser Geschichte wird die Berliner Polizei nicht gut wegkommen, so viel steht fest. Der junge Krankenpfleger schüttelt nur den Kopf, als der Mann auf der Krankenbahre an ihm vorbeigerollt wird. Ich stehe an einer Glastür im Eingangsbereich und mache mir Notizen in ein kleines Buch. Weiter darf ich nicht, der riesige Pressesprecher der Polizei versperrt mir und anderen Kollegen den Weg. Im Hintergrund verschwindet der Verletzte im Gang zum OP.
Was für eine Schlagzeile! Ein Polizist hat bei einem Einsatz – eine Demonstration vor einem Kulturzentrum in der Innenstadt, wo demnächst Flüchtlinge untergebracht werden sollen – seine Dienstwaffe gezogen und sich dabei selbst in den Fuß geschossen. Der Pressesprecher weiß, was wir aus dieser Story machen werden. Nicht nur die ganze Stadt, das ganze Land wird über die Berliner Polizei lachen.
Schlecht gelaunt fragt er mich nach meinem Presseausweis. Lächelnd erwidere ich, dass ich keinen Ausweis hätte. Ich bin Autor von Kriminalromanen, erkläre ich ihm, und würde nur Material für mein nächstes Buch sammeln. Er sagt, zu den Presseveranstaltungen rund um das Thema Kulturzentrum und Flüchtlinge hätte man zukünftig nur mit Presseausweis Zutritt. Das macht nichts, sage ich, als Autor könne ich mir Geschichten ausdenken, die viel spannender als der Polizeialltag seien. Aber heute hätten mir die Einsatzkräfte wirklich gutes Material geliefert.
Gut gelaunt fahre ich aus der Innenstadt nach Hause. Als ich meinen Wagen in der Garage parken will, sehe ich eine junge Frau, die regungslos auf dem Boden liegt. Mitten in der Garage. Links und rechts von ihr liegen zwei weiße Plastiktüten, offenbar ihre Einkäufe. Ich sehe kein Blut. Sie hat lange braune Haare, ihr Gesicht ist sorgfältig geschminkt. Eine hübsche Frau, um die zwanzig. Ich beuge mich zu ihr hinunter und spreche sie an. Sie schlägt die Augen auf, sagt aber nichts. Ich helfe ihr hoch, sie ist benommen.
Da kommt ein junger Mann mit Vollbart und Bauchansatz um die Ecke.
„Wo bleibst du denn? Musst du wieder eine Szene machen?“
„Ich halte das nicht mehr aus“, schreit sie. Sie hat einen osteuropäischen Akzent. „Der miese Job im Tierheim. Den ganzen Tag dieser Gestank! Neun Euro in der Stunde. Ich will das nicht mehr machen! Was ist das für ein Leben?“
Der junge Mann führt sie von der Garage weg. „Toll. Wirklich ganz toll. Willst du dem Mann vielleicht noch von deinen vielen Liebhabern erzählen?“
Ich fahre den Wagen in die Garage und gehe in meine Wohnung. Ich muss sofort mit dem Schreiben anfangen, denke ich. Für heute habe ich genug Material. Das Leben bietet doch den besten Rohstoff. Eigentlich wollte ich heute ja eine Geschichte über eine Familie schreiben: Vater, Mutter und zwei kleine Töchter. Die Geschichte sollte immer mehr ins Phantastische abgleiten und der Leser sollte allmählich merken, dass die einzelnen Familienmitglieder nacheinander gestorben und in eine Traumwelt übergegangen sind.
Als ich an meinem Schreibtisch sitze, wache ich auf. Ich bin in Schweppenhausen. Es ist fünf Uhr morgens und jetzt setze ich mich wirklich an den Schreibtisch, um diese Zeilen zu schreiben. Was für ein Leben.
Yes - Wonderous Stories. https://www.youtube.com/watch?v=9-BMlq_zyko

Kommentare:

  1. Vor dem Einschlafen Chandler gelesen? (Ich komme jetzt gerade nicht drauf, welcher Roman es ist, in dem die weibliche Leiche in der Garage gefunden wird). Der Satz des jungen Mannes mit Vollbart ist jedenfalls sehr chandleresk.

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  2. Nein, Chandler habe ich schon seit Jahren nicht mehr gelesen. Aber von ihm, Hammett und Don Winslow habe ich eine Menge gelernt. Derzeit arbeite ich mich durch Central Europe von Vollmann. Da müsste ich eher von Stalin oder Hitler träumen ...

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