Samstag, 26. Dezember 2015

Berliner Asche, Kapitel 2, Szene 3

Sie saßen zu dritt in der Küche ihrer Wohngemeinschaft in Neukölln und diskutierten. Elias Merck war noch voller Adrenalin, als er von seiner nächtlichen Tour erzählte.
„Welche Autos nehme ich? Ganz einfach. Die Frage ist doch eigentlich: Wie schade ich dem arischen Imperialismus am meisten? Also nehme ich Mercedes, BMW und Audi. Natürlich auch Kriegsverbrecher wie VW oder Rüstungskonzerne wie MAN. Wenn ich einen Rolls Royce oder einen Ferrari erwische, sage ich nicht nein.“ Er kratzte sich seinen Bart, den er sich seit einigen Wochen wachsen ließ.
Felix Schlosser betrachtete Mercks Aktivitäten mit Skepsis. „Mit dem Abfackeln von Autos triffst du doch die Reichen gar nicht. Die richtig teuren Autos stehen in gut gesicherten und überwachten Garagen, da kommst du noch nicht mal unbemerkt aufs Grundstück.“
Schlosser war bekennender Hedonist, schlank, drahtig und an manchen Tagen vor Energie vibrierend. Er gehörte zu den Leuten, die alles taten, um cool rüberzukommen, es aber nie wirklich schafften. Vielleicht weil er es zu angestrengt versuchte. Er verbrachte viel Zeit damit, sich so zu kleiden, dass es total lässig und wie zufällig zusammengewürfelt aussah. Er hatte große Sätze auf Lager, deren Klang er über alles liebte. Sätze mit „Kampf“, „Respekt“ und „Solidarität“. Es war ihm wichtig, die angesagte, die richtige Meinung zu haben. Auf der Höhe der Zeit in Sachen Independent Rock, weiche Drogen und Antifaschismus. Er hatte ein Bild von sich erschaffen, dass nichts mehr mit dem Felix Schlosser zu tun hatte, der im vergangenen Jahr aus seinem Kinderzimmer in Kassel ausgezogen war. Er arbeitete an einer T-Shirt-Kollektion für die urbane Jugend mit Sinnsprüchen wie „Langsamkeit ist Luxus“, „Nicht-Erreichbarkeit ist Prominenz“, „Ineffizienz ist ein Spiel“ oder „Faulheit ist Vollendung“. Touristen und Neu-Berliner, die nach Szene riechen wollten, würden ihm seine Shirts auf dem Flohmarkt im Mauerpark aus den Händen reißen.
„Außerdem ist das ökologisch totaler Blödsinn. Was da verbrennt, bringt giftige Emissionen in die Luft und mit dem Löschwasser verseuchst du auch das Grundwasser. Und wenn der Typ sich gleich wieder ein neues Auto kauft, wovon ich mal ausgehe: Für den Neuwagen hat man jede Menge Energie und Wasser verbraucht. Das ist nicht nur ökologisch sinnlos, mit diesen Aktionen kurbelst du doch die Gewinne der Autoindustrie an. Denk doch mal an so was!“
Merck grinste nur. „Dann soll Porsche eben ein Modell entwickeln, das umweltfreundlich verbrennt.“
„Und am besten gleich eine Urne mitliefern, was?“ warf Magnus Kirsch ein und lachte laut. Der dritte WG-Genosse war ein zwei Meter großer Nihilist, der am liebsten an seinem gewaltigen schwarzen Schreibtisch saß. Uhr und Kalender, Handy und PC als Zeichen der Knechtschaft waren aus seinem Leben verbannt. Wenn nichts einen Sinn ergibt und alles nur eine Lüge ist, dann ist alles erlaubt. Keine Verbote, keine Grenzen. Voller Aschenbecher, heruntergelassener Rollladen, brechend voller Bücherschrank, Stapel von Papieren auf dem Boden, an der Wand ein Poster mit der Aufschrift „Fortschrott beenden“. Seine linke Schädelhälfte war kahl rasiert und mit einem Che-Guevara-Tattoo verziert, auf der rechten Hälfte hatte er schwarz gefärbte lange Haare.
„Der Kapitalismus verbrennt sowieso in kürzester Zeit alle Ressourcen der Erde. Alles wandert in den großen Ofen, alles wird zu Geld gemacht. Ich beschleunige das Ende nur, indem ich den ganzen Scheiß anzünde“, antwortete Merck.
„Und was kommt danach, Nero?“
„Vielleicht leben wir dann wie in den Mad Max-Filmen, ihr Dissidenten. Keine Ahnung.“
Merck wusste, was er nicht wollte: kein Gott, kein Staat, kein Mietvertrag. Das hatte er an einer Kreuzberger Hauswand gelesen. Auch keinen Arbeitsvertrag oder irgendetwas anderes, dass ihn festgenagelt hätte. Was er wollte, würde er schon herauskriegen. Frei sein, das war das wichtigste. Frei von Unterdrückung und Ausbeutung, frei von Not und Entbehrung, frei von Arbeit und Pflichten. Einfach nur das tun, was man selbst wollte. Ohne Zwang, ohne Konventionen. Kein Alltag, nur Leben! Ohne Rollenspiele, ohne Heuchelei, einfach jeden Augenblick die absolute Freiheit genießen. Hinter der Maske ist der wahre Mensch, nach dem Feuer kommt das wahre Leben.
„Du kannst das System nicht bekämpfen, aber du kannst es untergraben. Wenn Leistung der Gradmesser für Erfolg ist, dann verweigerst du die Leistung. Wenn die fette Kohle der Maßstab für Ansehen ist, lebst du von Brot und Wein. Wenn Konsum der Lebensinhalt der Idioten ist, kommst du mit dem Minimum zurecht. Sei faul, sei frech, sei Berlin. Und lass dir keine falsche Zukunft einreden. Es ist ja auch irgendwie wichtig, dass du es für dich erkennst.“ Schlosser hätte Werbetexter oder Sozialpädagoge werden sollen.
„Da muss man sich entscheiden: Havanna oder Kingston? Revolution oder Hedonismus?“ Kirsch lachte laut.
„Genau mit solchen Aktionen sollen die Linken ihre Energie verbrauchen“, entgegnete Merck wütend. „Wir stellen an der Kasse von McDonalds eine Spendenbüchse für Greenpeace auf und haben uns mit dem Kapitalismus versöhnt. Mehr kann man ja nicht machen, als Fairtrade-Kaffee zu trinken und Neuland-Würste zu braten, oder? Boykott reicht nicht, das führt nie zu wirklichen Veränderungen.“
„Du bist so zu, du kriegst doch eh nichts mehr mit. Ich hätte mit den Wänden bessere Gespräche als mit dir.“ Schlosser rollte genervt mit den Augen. In dieser Frage war sein WG-Genosse wirklich beratungsresistent.
„Schau dir doch die ganzen Harmonie-Clowns und Betroffenheitsschwuchteln in der linken Szene an. Und dann die ganzen Leute an der Uni, die allerhöchstens mit gelangweilter Hochnäsigkeit den Gefällt-mir-Button drücken, ohne sich wirklich zu engagieren. Diese verweichlichten Waschlappen, die den ganzen Tag nur ihren Sarkasmus und ihre weinerliche Dekadenz ausleben. Sie haben alle Möglichkeiten und wissen nichts mit sich anzufangen, als auf ihren dämlichen Wichtigtuer-iPhones rumzudrücken und BWL zu studieren.“
Seine Augen blitzten zornig. „Das einzige, was die Menschen von einem besseren Leben trennt, ist ihre eigene Feigheit. Und ihre Feigheit hängt eng mit ihrem Besitz zusammen. Ich helfe ihnen, sich von ihrem Besitzdenken zu lösen“, sagte Merck entschlossen.
In der Wohnung über ihnen wurde es plötzlich laut. Der eigentliche Mieter, ein Hartz IV-Empfänger, hatte offenbar mal wieder die Wohnung untervermietet. Es war für alle Seiten ein einträgliches Geschäft: Der Mieter bekam fünfzig Euro die Nacht und pennte bei seiner Freundin, die Touristen, oft Kids im Abiturientenalter kamen mit zehn Leuten nebst Schlafsäcken und hatten eine billige Bleibe in Berlin. „Frollein Langner“, eine Szenekneipe im Haus gegenüber, und der Kiosk um die Ecke machten zusätzlichen Umsatz und gelegentlich verkaufte Schlosser den Kids ein bisschen Dope. Sie selbst zahlten für ihre hundertzwanzig Quadratmeter Altbau in der Weisestraße im Schillerkiez neunhundert Euro warm, drei West-Papas überwiesen jeden Monat brav die Kohle. Offiziell studierten alle drei Kulturwissenschaft an der Freien Universität Berlin in Dahlem.
„Was ist denn da los?“ fragte Schlosser genervt und sprang auf.
Er ging in Richtung Hausflur und blieb abrupt stehen. „Was riecht denn hier so? Habt ihr den Herd angelassen?“
„Nö, was gibt’s denn?“ sagte Kirsch und stand ebenfalls auf.
Schlosser öffnete die Wohnungstür. „Mensch, es brennt!“
Qualm kam das Treppenhaus heraufgezogen, irgendwo in der Ferne hörte man eine Sirene. Es war ein komisches Gefühl, denn normalerweise hörte man ja, wie sich das Geräusch näherte und dann wieder verschwand. Diese Sirenen näherten sich und blieben.
Später saßen sie wieder in der Küche. Im Hausflur hatte ein Kinderwagen gebrannt, auf diese Weise bekämpften die Linken die Gentrifizierung in ihrem Kiez. Neukölln geriet langsam aber sicher ins Fadenkreuz der Immobilienspekulanten und Besserverdienenden, es drohte die Vernichtung der Alternativszene wie im Prenzlauer Berg.
Die verdreckte Küche, mit gefährlich hohen Stapeln verkrusteten Geschirrs und einem Meer leerer Flaschen, deren Berührung gefährliche Kettenreaktionen auslösen konnte, war der Lebensmittelpunkt der WG. Hier wurde gesoffen, gekifft und gelacht, die Küche als kunstfreie Fettecke à la Joseph Beuys. Ein geschickter Kunsthändler hätte ein Vermögen mit dieser Installation gemacht und für den amerikanischen Action-Painter Jackson Pollock wären die eingetrockneten Ketchupreste auf den Tellern eine stete Quelle der Inspiration gewesen. „Wenn es sich nicht bewegt, ist es Dreck, wenn es sich bewegt, ist es Ungeziefer“, wie Kirsch immer zu sagen pflegte.
Merck musste grinsen. Sollte er plötzlich selbst Angst vor dem Feuer haben? War es ein Zufall oder gezielte Rache an ihm und seinen Ideen? Und wenn es Rache war –oder eine Art Konkurrenz: Wer steckte dahinter?
Schlosser brach das Schweigen: „Habt ihr das mitgekriegt? Hat mir eben noch eine Nachbarin erzählt. In einer der Kisten, die letzte Nacht gebrannt haben, lag einer drin. Der ist tot!“
Schlosser und Kirsch sahen Merck an und schwiegen. Natürlich zogen noch andere als Merck durch die Stadt, um Feuer zu legen. Aber womöglich saßen sie in diesem Augenblick mit einem Mörder zusammen. Das veränderte alles.
Das Schweigen wurde unerträglich.
Mercks Augen flackerten wild, er dachte angesprengt nach. „Aber wir müssen es dem System doch zeigen! Soll ich mir alles gefallen lassen? Ich will ein Zeichen setzen. Ein Feuerzeichen. Die ganze Stadt soll es in der Nacht sehen, wie ich Rache an den Bonzenschweinen nehme.“
„Wenn du das System lahmlegen willst, reicht eine Streichholzschachtel aber nicht“, antwortete Schlosser matt. Und ich will gar nicht davon reden, dachte er, dass der bürgerliche Staat nur ein Symptom, aber nicht die Ursache des Problems ist. Doch wie sollte man jemandem, der weder Job noch Geld hat, den Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit erklären?
„Und was soll ich deiner Meinung nach konkret gegen die bestehenden Unrechtsverhältnisse machen?“ Merck schien gar nichts begriffen zu haben und diskutierte einfach weiter.
„Wenn du was gegen die Autos unternehmen willst, müsste man die Fabriken bestreiken. Irgendwie die Herstellung blockieren.“
„Dann kaufen die Leute eben andere Autos aus anderen Ländern. Und die Leute bei Opel oder VW verdienen eine Mörderkohle. Fünftausend brutto im Monat. Die streiken doch nie!“
„Wer ist denn deiner Meinung nach das revolutionäre Subjekt, das die bestehenden Ausbeutungsverhältnisse aufheben kann?“ fragte Kirsch.
„Ich bin das Subjekt. Ich alleine. Keine Ahnung, was die anderen machen. Aber ich will jetzt was tun, verstehst du? Jede Nacht. Ich will in keiner Diskussionsgruppe enden.“
„Aber ohne Genossen schaffst du es nicht. Du wirst alleine nichts erreichen.“ Schlossers Stimme wurde immer leiser.
„In der Gruppe erreiche ich auch nichts. Ich will alleine entscheiden, welche Aktionen ich mache. Ich will gegen das System zuschlagen, wann und wo es mir passt.“
„Du hast einen Menschen getötet, Elias.“
„„Ach, Quatsch. Der war vielleicht schon vorher tot.“
„Die Leute von der RAF haben sich mit solchen Aktionen ins Abseits manövriert. Am Ende hatten sie über dreißig Tote auf beiden Seiten und nichts erreicht“, warf Kirsch ein.
„Ich will ja niemanden abknallen oder so. Aber ich muss was machen. Ich brauch das Feuer, Alter. Ich will es brennen sehen!“
„Mach, was du denkst. Aber du wirst nicht viel Unterstützung erwarten können.“
„Die brauche ich nicht.“
„Und wenn dich die Bullen hochnehmen? Was dann?“ fragte Schlosser.
„Ist meine Sache.“
„Wenn sie uns das Haus anzünden, ist das nicht mehr allein deine Sache.“
„Das fand ich ja auch Scheiße. Aber dafür kann ich doch nichts.“
„Wenn du meinst.“
Und damit endete das Gespräch.