Samstag, 31. Januar 2015

Richard von Weizsäcker

Heute ist der ehemalige Bundespräsident im Alter von 94 Jahren gestorben. Mit seiner Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai 1985 hat er mehr Spuren hinterlassen als viele Akteure der Berliner Republik. Er war ein Konservativer, aber seine Rede wirkt heute, als hätte sie ein linksalternativer Student gehalten:
Quelle: Süddeutsche Zeitung
Wussten Sie, dass Richard von Weizsäcker vor seiner politischen Laufbahn in meiner Heimatstadt Ingelheim gearbeitet hat? Im selben Unternehmen wie mein Vater? Die beiden waren damals befreundet und mein Vater war immer sehr stolz darauf, wenn er an Weihnachten eine persönliche Karte von ihm aus dem Bundespräsidialamt bekommen hat. Können Sie sich vorstellen, dass dieser Mann mich als Baby auf seinem Arm getragen hat?

Mein schönstes Ferienerlebnis

Es war letzten Herbst und ich hatte bei einem Online-Preisausschreiben der „Bäckerblume“ ein Meet&Greet mit Andy Bonetti gewonnen. Also bin ich mit meiner Mutter nach Bad Nauheim gefahren, wo ich den berühmten Schriftsteller treffen sollte.
Um acht Uhr abends kamen wir an der Stadthalle an. Wir mussten uns nicht in die riesige Schlange vor der Halle stellen, denn wir hatten ja Backstage-Pässe. Wir kamen durch den Hintereingang in das Gebäude und wurden von einem großen Mann mit breiten Schultern, Sonnenbrille und Pferdeschwanz in einen Raum geführt, wo schwarze Ledersessel und ein Sofa standen. Wir bekamen jeder eine Cola und durften von den Chips essen, die in einer Glasschüssel auf dem Tisch standen.
Während wir warteten, hatte Mister Bonetti seinen Auftritt. Er las aus seinem neuen Buch „Ein langes Gespräch mit mir selbst“. Wir hörten abwechselnd helles Gelächter und tosenden Applaus. Mit den Zugaben dauerte es zwei Stunden. Dann kam Mister Bonetti hinter die Bühne und wir wurden in seine Garderobe gebeten.
Der große Künstler saß vor einem Spiegel, als wir zu ihm kamen. Um den Spiegel herum waren lauter Glühbirnen und alte Schwarz-Weiß-Fotos von verstorbenen Filmstars klebten an der Wand. Über seinem Stuhl hing eine bunte Federboa. Mister Bonetti sah ziemlich erschöpft aus.
Ein Mitarbeiter schminkte ihn gerade ab. Er trug einen schwarzen Frack, eine schwarze Stoffhose, eine hellgraue Weste, einen schwarzen Schlips und weiße Handschuhe. Der Dreiteiler wird ja bei uns in Offenbach anders definiert als in Frankfurt oder Bad Nauheim: Jogginghose, Basecap, Hoodie. Dann half der Mitarbeiter, Bonetti auszuziehen. Er zog ihm den schwarzen Rollkragenpullover über den Kopf und zog an den Hosenbeinen der engen Jeans.
Anschließend half er Bonetti, in einen Jumpsuit aus rotem Flanell zu schlüpfen, so einen kuscheligen Ganzkörperanzug oder Schlafanzugoverall. Als er angezogen war, ging er zu einem Sofa hinüber und legte sich hin. Sein schmales Gesicht war auffallend blass, auf seiner hohen Stirn schimmerten die Adern bläulich durch die Haut. Er war sehr erschöpft. „Johann“, flüsterte er. „Zum Diktat“. Sein Mitarbeiter setzte sich zu ihm und Mister Bonetti diktierte ihm einen Brief an den amerikanischen und an den russischen Präsidenten, dass sie endlich mit ihren Feindseligkeiten Schluss machen sollen. Das fand ich gut.
Als er fertig war, schloss er die Augen. Würde er jetzt einschlafen? Ich hatte Angst etwas zu sagen, aber dann räusperte sich meine Mutter geräuschvoll und sprach ihn an. „Das ist Manfred“, sagte sie. Mister Bonetti sah sie lange an. Meine Mutter hat ein melancholisches Mopsgesicht mit einer kleinen Stupsnase und großen Augen. Er lächelte und fragte, was wir wünschen. Meine Mutter erklärte es ihm.
Mister Bonetti ließ sich von seinem Mitarbeiter ein Exemplar seines neuen Buches reichen und signierte es für mich. Das fand ich richtig toll. Er sah mir sogar ins Gesicht, als er es mir gab, und sagte: „Viel Spaß noch“. Dann gingen meine Mutter und ich. Wir übernachteten in einem Hotel und fuhren am nächsten Tag zurück nach Hause. Das war mein schönstes Ferienerlebnis.
P.S.: Bonetti hat mal den Papst auf dem Flughafen in Rom gesehen. Aber der Papst hat ihn nicht erkannt.
The Stranglers – Golden Brown. https://www.youtube.com/watch?v=d7R7q1lSZfs&x-yt-ts=1422503916&x-yt-cl=85027636

Freitag, 30. Januar 2015

Wiener Reisenotizen

Ein Sonntagmorgen im November. Als ich in Klosterneuburg aus dem Zug steige, liegt der Ort in dichtem Nebel. Nach ein paar Schritten über den Vorplatz taucht die Klosteranlage zur Linken auf wie eine Trutzburg. Glocken beginnen zu läuten, ich trete näher. Über dem weitläufigen Gebäude werden die Türme einer Kirche sichtbar. Auf dem Hügel angelangt, eröffnet sich eine weite schlossartige Fassadenfront.
Bevor man das Kloster erreicht, muss man einen Platz überqueren, auf dem gerade ein Jahrmarkt stattfindet. Offensichtlich haben die Stände erst kürzlich geöffnet, es ist noch früh und es ist keine Kundschaft zu sehen. Alles lautlos und wegen des Nebels ohne Farben. Ein gespenstischer Ort, ich wandere ein wenig durch die leeren Straßen. Später am Tor zum Innenhof ein Schild mit der Aufschrift „Fremden ist der Zutritt verboten“. Hier ist Kafka also gestorben, in einem Sanatorium im nahen Kierling. Die letzte Station seiner Reise ...
Bahnhof Wien-Mitte am frühen Nachmittag. Ein trauriger kleiner Bierstand, die „Gösser-Insel“, nach einer hiesigen Brauerei benannt. Einige Männer trinken schweigend. Am Stand ist eine verblichene Schrift zu lesen: „Spiel Glück Gewinn“. An solche Orte führt mich eine geheimnisvolle Schwerkraft immer wieder.
Je früher du resignierst, umso besser. Verwandle deine Hoffnungen in Träume. Lass deine Träume nie Wirklichkeit werden.
Ein Haus am Meer. Lesen, Schweigen, Trinken.
Matthias klingt ein wenig wie „my tears“.
Nach uns die Sintflut? Wir sind die Sintflut.
Ultravox – Vienna. https://www.youtube.com/watch?v=3DuCIGvsbMA

Donnerstag, 29. Januar 2015

Berliner Scheißdreck

„Unter den Wolken, die keine Straßen kennen, bahnte sich Schlomo einen Weg durch den Schmutz des Bürgersteigs. Geschickt umschiffte er einen ockerfarbenen spiralförmigen Kothaufen, der von grün und blau schillernden Fliegen umkreist wurde. Er sah beim Gehen meist nach unten. Dadurch hatte er zwar noch nie eine Sternschnuppe gesehen, aber er war vielen Hundehäufchen erfolgreich ausgewichen.“ So steht es in meinem ersten Berlin-Krimi „Ich träume deinen Tod“ von 2009.
„Als erstes lernst du, den Dreck in Berlin zu akzeptieren. Noch besser: Du lernst den Dreck zu schätzen. Er gehört zur Hauptstadt wie der Sand zur Sahara oder das Eis zur Arktis. Dreck ist der Gründungsmythos von Berlin: Nur wo etwas Unfertiges existiert, dort lohnt es sich, etwas Neues entstehen zu lassen.“ Das schreibt die Huffington Post über das Leben in der Hauptstadt, das man lernen muss. (http://www.huffingtonpost.de/2015/01/27/phasen-berlin_n_6554064.html)
Mein Damaskuserlebnis hatte ich in einem meiner ersten Winter in Berlin. Es war kurz vor meiner Haustür, als ich volle Kanüle in einen Haufen getreten bin, den ein Bernhardiner, eine Dänische Dogge oder ein Brontosaurus hinterlassen haben musste. Tückischerweise war er mit einer dünnen Schicht Schnee bedeckt wie mit Puderzucker. Aber unter dem Schnee war es warm und weich. Ich sank bis zum Knöchel hinein …
Es war nicht der erste Hundehaufen, den ich in Berlin sauber mittig getroffen habe, aber der größte. Die gröbsten Brocken streifte ich am an der Bürgersteigkante ab (die in Berlin nur zu diesem Zweck erfunden wurde), dann hickelte ich ins Haus. Schon vor der Wohnungstür zog ich die Schuhe aus und trug das zugeschissene Teil ins Bad, wo ich es mühselig gereinigt habe. Ein Winterstiefel mit daumentiefem Rillenprofil an der Sohle. Es wollte kein Ende nehmen. Es stank. Hinterher habe ich das gesamte Bad geputzt, alle verwendeten Putzmittel weggeschmissen – und fühlte mich trotzdem noch bis in die Seele von dieser Stadt beschmutzt.
Seitdem sehe ich in Berlin immer nur auf den Boden, wenn ich mich durch die Stadt bewege. Ich nehme keine Häuser war, die Sehenswürdigkeiten bleiben mir verborgen, den Himmel über Berlin kenne ich nur aus dem Kino. Ich sehe den Menschen nicht ins Gesicht, die neben mir gehen und mit mir reden. Ich grüße meine Nachbarn nicht, weil ich sie nicht anschaue. Aber ich bin danach nie wieder in einen Hundehaufen getreten. Nie! Wieder! Seit dieser Mutter aller Kackburgen habe ich viel gelernt. Ich konnte Menschen beobachten, die den Haufen defloriert haben und denen unter lautem Fluchen der ganze Tag versaut war. Ich habe beobachtet, wie sich nach dem Urtritt in die Scheiße der ganze Haufen über zwanzig Meter Bürgersteig und Bürgersteigkante verteilt hat. Denn der erste Pechvogel hinterlässt braune Fußspuren, in die dann der zweite und dritte hineintritt, bis nach ein paar Tagen der vormals kompakte Haufen großflächig verteilt ist. Kinder, das Entropieprinzip! Wurde von Albert Einstein entdeckt, als er noch in Schöneberg gewohnt hat. Ohne Hunde gäbe es die moderne Physik nicht.
Zwanzig Jahre Berlin haben aus mir einen buckligen Gollum gemacht, dem jeglicher Weitblick abhandengekommen ist. Wozu soll ich hinauf zu den Sternen schauen? Dann kriege ich doch die Vogelscheiße direkt ins Auge.
Sex Pistols - Holidays In The Sun. https://www.youtube.com/watch?v=227m9lw5CcI (da sind die Jungs auch an der Berliner Mauer)

Mittwoch, 28. Januar 2015

Notizen aus der Provinz

Er klickte das Blog an und es war, als hätte er die Tür zu einem neuen Universum geöffnet. Ein merkwürdiger Mechanismus, der sich pfeifend, quietschend und ratternd bewegte, ohne dass sich der tiefere Sinn der Bewegungen sofort erschloss: https://marcuskluge.wordpress.com/
Demonstrationen sind zu einem Zählappell verkommen. Welche Meinung bringt wie viele Menschen auf die Straße? Zur Qualität von Argumenten, zur Stichhaltigkeit einer Beweisführung erfahren wir nichts.
Egal, ob es sich um linke Demos für den Frieden oder rechte Demos gegen den Islam handelt: Die Medien schweigen jede öffentliche Meinungsäußerung entweder tot oder sie denunzieren sie höhnisch. Nicht nur die staatsgelenkten Medien wie ARD oder ZDF, sondern auch die privatwirtschaftlich organisierten Medien sind nur noch Teil eines höfischen Zeremoniells. Sie verkünden die Meinung des Geldadels und seiner politischen Gutsverwalter.
Eine Volkserhebung in Deutschland kann es nur geben, wenn man nicht an das Herz und den Verstand, sondern an den Verdauungsapparat, die Blödheit und die Geschlechtsteile appelliert: Preise für Alkohol und Fleisch verdoppeln, Steuern auf Internetpornographie und Fußballübertragungen erheben, Flatrates für Internet und Smartphones abschaffen. Dann brennen die Paläste. Also wird es nie passieren.
Ich lese gerade „Krieg und Frieden“ von Tolstoi. Gegen die Aufhebung der Leibeigenschaft und die Befreiung der Bauern wurden damals von alten Männern dieselben Argumente vorgebracht wie heute gegen das bedingungslose Grundeinkommen: Ohne Zwang arbeiten die Leute nicht mehr. Aber was wäre, wenn man ein wenig auf die Gesetze der Marktwirtschaft vertrauen würde? Tausend Euro Grundeinkommen (plus Krankenversicherung), zweitausend Euro netto für Altenpfleger und Putzfrauen. Wenn man die Einkommen gerechter verteilt, funktioniert das. Die russische Landwirtschaft ist im 19. Jahrhundert schließlich auch nicht zusammengebrochen.
Was haben uns eigentlich das neoliberale Konkurrenzdenken und die Schröder-Reformen gebracht? Wir sind jetzt die Nummer 1 in Europa mit den wenigsten Arbeitslosen, dem größten Wirtschaftswachstum und einem ausgeglichenen Staatshaushalt. Wir sind der Klassenstreber, den keiner mag. Wir hocken in der ersten Reihe und schleimen uns beim Klassenlehrer Uncle Sam ein, für den Rest der Klasse, vor allem Italien, Frankreich, Griechenland, Spanien und Portugal, sind wir der Feind, den man von hinten mit Papierkügelchen beschießt. Ich wäre lieber die Nummer 17 in Europa und werde auf jede Party eingeladen, als der Beste zu sein!
Im Winter muss man ja den Kleinen helfen. Ich habe mit Vogelfutter gute Erfahrungen gemacht. Vor meinem Fenster ist die Hölle los. Jetzt probiere ich es mal mit Studentenfutter.
P.S.: Was wurde eigentlich aus den Redewendungen „Ich versteh immer nur Bahnhof“ und „Das kommt mir spanisch vor“?
P.P.S.: „Pfuel war von einem unerschütterlichen, unheilbaren, geradezu fanatischen Selbstbewusstsein erfüllt, wie es eben nur bei den Deutschen vorkommt, und zwar besonders deswegen, weil nur die Deutschen aufgrund einer abstrakten Idee selbstbewusst sind, aufgrund der Wissenschaft, d.h. einer vermeintlichen Kenntnis der vollkommenen Wahrheit. Der Franzose ist selbstbewusst, weil er meint, dass seine Persönlichkeit sowohl durch geistige als durch körperliche Vorzüge auf Männer und Frauen unwiderstehlich bezaubernd wirkt. Der Engländer ist selbstbewusst aufgrund der Tatsache, dass er ein Bürger des besteingerichteten Staates der Welt ist, und weil er als Engländer immer weiß, was er zu tun hat, und weiß, dass alles, was er als Engländer tut, zweifellos das Richtige ist. Der Italiener ist selbstbewusst, weil er ein aufgeregter Mensch ist und leicht sich und andere vergisst. Der Russe ist besonders deswegen selbstbewusst, weil er nichts weiß und auch nichts wissen will, da er nicht an die Möglichkeit glaubt, dass man etwas wissen könne. Aber bei dem Deutschen ist das Selbstbewusstsein schlimmer, hartnäckiger und widerwärtiger als bei allen andern, weil er sich einbildet, die Wahrheit zu kennen, nämlich die Wissenschaft, die er sich selbst ausgedacht hat, die aber für ihn die absolute Wahrheit ist.“ (Tolstoi: Krieg und Frieden, Dritter Band, Erster Teil, Kapitel 10)
AC/DC - You Shook Me All Night Long. https://www.youtube.com/watch?v=xuoXkMZvD5Q

Dienstag, 27. Januar 2015

2007, Teil 3

Auszüge aus dem Notizbuch:
24. Juli, Schweppenhausen. Stundenlang das monotone Rascheln, Knistern und Rauschen des Regens bei offenem Fenster, nur unterbrochen von vereinzeltem Plätschern und gelegentlichen, bogenförmig an- und abschwellenden Autogeräuschen. Glück der abgelehnten Wanderung mit H., Abend: Weizenbierplan.
25. Juli. Compadre J. hat vier Tage nach seiner schweren Kieferoperation (Motorradunfall) versucht, eine Dose Whisky-Cola in den Beutel seiner Magensonde zu schütten. Wegen der Kohlensäure schäumte es aber, und er musste schnell den Beutel reinigen, bevor die Krankenschwester wieder kam.
26. Juli. Unbenötigte Gemälde, Teil 353: Dicke Frau auf dickem Pferd, von hinten gesehen.
5. August. Die feiste, steife, sich nicht nur in die tägliche, sondern in eine lebenslange Bewegungslosigkeit hineingesoffen und –gefressen habende Landbevölkerung, die man sonntags zur Mittagszeit in den umliegenden Gasthöfen antrifft.
8. August, Berlin. Heftiger Sommerregen und Gewitter, die Straße vor dem Haus steht einen halben Meter unter Wasser, auch die Bürgersteige sind überflutet. Autos pflügen gemächlich hindurch wie Boote, ihre Bugwellen schwappen in den Vorgarten. Mann ohne Schirm gesehen, er ging ganz ruhig.
Auf die Frage eines Touristen nach einer bestimmten Adresse einfach antworten: „Wer hat Ihnen meine Tarnadresse verraten? Wer schickt Sie?“
9. August. Kleine Ereignisse: „Reden wir nicht davon. Wir haben es gesehen, es hat uns ein Lächeln entlockt, es hat unsere Existenz für einen winzigen Augenblick nicht nur erträglich, sondern auch bemerkenswert gemacht.“
10. August. Es ist, als habe man Post bekommen, wenn man morgens die – allerdings äußerst fragmentarischen und häufig befremdenden – Sinnschnipsel des vorherigen Tages liest. Es sind die verbrannten Reste eines Feuerwerks.
12. August. Als mir bei einem Gelächter ein Popel in den Mund rollte, war natürlich zufällig die gesamte Weltpresse anwesend.
15. August. Was wäre, wenn die Menschheit für ihre vielen Botschaften ins All in zehntausend Jahren eine Eingangsbestätigung irgendeiner extraterrestrischen Bibliothek bekommt und das war’s dann einfach?
16. August. ... und irgendwann gibst du dein Leben zurück wie ein geliehenes Paar Schlittschuhe an der Eislaufbahn.
17. August. In meiner Kindheit waren auf der Nike Missile Base, die 1993 geschlossen wurde, im Ober-Olmer Wald zwischen Mainz-Lerchenberg und Wackernheim, also nur wenige Kilometer von meinem Zuhause entfernt, Atomwaffen stationiert. Die Raketen hatten eine Reichweite von 6 bis 140 Kilometern. Die zwölf Meter langen Nike Hercules-Raketen waren zur Abwehr sowjetischer Langstreckenbomber installiert worden. Sprengkraft: bis 40 Kilotonnen TNT (Hiroshima-Bombe: 13 kT TNT). Die pyramidenförmigen Abschussbunker kann man noch heute sehen.
20. August. Sprichwörter, das geistige Schwemmgut des nahezu schriftlosen Jahrtausends vor Gutenberg (in Europa). Ein Beispiel: „Du bist nur einmal jung“. Die Menschen wussten instinktiv, wie dämlich und naiv die Jenseitslogik des Christentums ist (ebenso wie die griechisch angehauchte Gottessohnmythologie – tote Halbgötter waren schon vor Jesus der Theaterhit im Mittelmeerraum). Man lebt eben nur einmal, man wird nur einmal zehn, zwanzig usw. Lauter Einmaligkeiten.
23. August. „Wieso ich?“ (Jugendfrage)
„Wieso eigentlich immer ich?“ (Erwachsenenfrage)
„Ja gut, ich komme.“ (Altersantwort)
24. August. Mathematikerwitz, Nr. 407: Treffen sich zwei parallele Linien in der Unendlichkeit. Sagt die eine ...
25. August. Irgendwie hat es die Natur klug eingerichtet, dass wir zugleich alt und sarkastisch werden. Es erleichtert das Sterben ganz erheblich.
26. August. Die Formulierungen „Geld oder Leben“ bzw. „Hände hoch“ finden bei der Verbrechensdurchführung auch immer seltener Verwendung.
Das Wochenende war nicht unvergesslich, sondern das genaue Gegenteil: Er konnte sich an nichts mehr erinnern.
30. August. Hätten Pflanzen eine Religion, wäre Photosynthese bestimmt eine ganz große Sache.
9. September. Ich bin Gottes letzte Schöpfung: Das Fünf-Finger-Faultier. Irgendwo im Niemandsland zwischen Tier und Gott.
10. September. Als Zyniker erwartet man vieles, aber manchmal kommt es noch schlimmer. Tatsächlich habe ich diese Anzeige im Internet gelesen: „Wann sterbe ich? Jetzt anmelden und Test starten!“
15. September. Wirklich menschlich sind nur Mitgefühl und Selbstaufgabe, alles andere ist bloße Steigerung des Tierischen (Verstand, Sprache, Technik usw.).
19. September. „Wohin gehen wir?“ ist die falsche Frage. „Wohin werden wir gebracht?“ müsste es heißen.
26. September. TV-Werbung: „Kein Geld, keine Hoffnung, keine Zukunft. Jever Suizid. Jetzt mit noch mehr Strychnin.“
27. September. Es war die Zeit, in der die Farbe Schwarz für ein Geheimnis stand und nicht für das Unglück. Auf seiner Landkarte gab es nicht nur weiße, sondern auch schwarze Flecken. Er kämpfte beim Notieren mit jeder Silbe, der Stift oder vielmehr seine Hand schienen ihm nicht zu gehorchen, bis er merkte, dass er gar nicht schrieb, sondern nur vom Schreiben träumte.
28. September. Ein Mann steht in einer Gegend. Nein, er liegt in einer Gegend. Grundlos. Jetzt schwebt er und nun ist auch die Gegend verschwunden.
11. November. Ich mahle etwas Pfeffer über das Rindersteak mit Steinpilzen. Ein ganz vorzügliches Mahl, beim Aufstoßen verbinden sich die Geschmacksnoten des Essens mit dem Rotwein. Wenig später bin ich auf dem Weg zu einer Beerdigung. Es sind Hunderte Menschen, die zum Friedhof wollen, ich gehe mitten unter ihnen. Die scharfkantigen Schattenrisse der unbelaubten Bäume auf dem Kiesweg, der unter meinen Stiefeln knirscht wie zerbrochenes Glas. Ein klarer kalter Sonnentag, der Wind rauscht in meinen Ohren, als lauschte ich an einer Muschel. Jedes Geräusch ist kristallklar zu hören. Schließlich kommen wir auf dem Friedhof an. Viele Menschen, ganz in schwarz gekleidet, sind bereits im Halbkreis um einen offenen Platz versammelt. Mit stummen Gesten bittet man mich in die Mitte, erst jetzt bemerke ich, daß meine Hände auf den Rücken gefesselt sind. Es ist keine Beerdigung, schießt es mir durch den Kopf, es ist meine Hinrichtung.
23. November, Prag. Es ist eine Choreographie des Trinkens. An jedem Tisch im „schwarzen Ochsen“ auf dem Burgberg sitzt ein einzelner Mann, nach einer Weile haben sich die Trinkrhythmen eingespielt. Der Kellner geht in schöner Regelmäßigkeit durch den Gastraum und nimmt stumm die Bierbestellungen entgegen. Wie englische Auktionsteilnehmer nicken die Gäste andeutungsweise oder sie schließen für einen kurzen Moment bedeutungsvoll die Augen. Der Kellner sieht, freilich ohne auch nur den Kopf in Richtung der Gäste zu wenden und mit geradezu schläfriger Selbstverständlichkeit, die getätigten Bestellungen und bestätigt sie im Vorbeigehen mit einem Handzeichen in Richtung der einzelnen Gäste. Kein Radiogeplärre, keine Hintergrundmusik, überhaupt keine trinkfremden Geräusche, nur die fast zärtlich zu nennende Schweigsamkeit, mit der man hier mit unvergleichlich gutem Bier versorgt wird. Hier in dieser Kneipe nahe dem Hradschin, wo gerade Wachablösung war, dieses blödsinnige Operettenritual mit der Star Wars-Musik einer Kapelle, die am offenen Fenster steht, mit all dem Gequatsche und Handybimmeln der Touristenmassen, zur Mittagszeit, wo rundherum in den Lokalen die Hölle los ist, finde ich die Ruhe zum Schreiben. Offensichtlich denken viele, das kleine uralte Haus sei längst verlassen. Aber hier drinnen ist Leben, hier sitzen die Einheimischen in all ihrer brasilianisch zu nennenden Gelassenheit und trinken. Geradezu rührend die Speisekarte: fünfzig Gramm Brot für eine Krone, zwanzig Gramm Butter für vier Kronen. Also kann man sich für umgerechnet zwanzig Cent ein Butterbrot schmieren. Die bedächtigen regelmäßigen Bewegungen der Trinker, harmonisch wie ein Glockenspiel heben sie die Arme. Wozu reden? Im Grunde drehen sich die meisten Gespräche doch überall auf der Welt um die gleichen Themen oder Probleme: das Geld, die Arbeit, die Frau, die Kinder. Ich habe es mir ganz einfach gemacht: kein Geld, keine Arbeit, keine Frau und keine Kinder. Mir gegenüber nun ein raues Trinkerlachen, als ich die Frage nach der Uhrzeit mit einem Schulterzucken und dem Verweis auf meine nackten Unterarme beantworte.
27. November, Berlin. Ordnung ist die Sehnsucht der Idioten.
28. November. Er erinnerte sich an einen alten Freund, der einmal schlafend aus seinem Hochbett gefallen war und während des Fluges aufwachte. Da bleibt keine Zeit zum Nachdenken. Wo bin ich? Wer bin ich? Wo komme ich her, wo gehe ich hin? Der Körper ist in diesem Fall schneller als der Geist. Und tatsächlich ist er unverletzt geblieben. Hätte er nachgedacht, würde er heute vermutlich auf Krücken gehen.
29. November. Kinderlogik, eine Vierjährige beim Spiel mit Lego. Auf meine Frage, was es denn werden soll, bekomme ich zur Antwort: „Das weiß ich doch erst, wenn’s fertig ist.“ Ein leeres Blatt Papier ist „ein Bild mit nix drauf“. So kann man es auch sehen.
2. Dezember. Typisch Frau: „Ich schaff’s nicht.“ Typisch Mann: „Es geht nicht.“
Die Brutalität der sogenannten Zivilisation ist grenzenlos, nichts unterscheidet die Vernichtung der amerikanischen Kultur seit dem frühen 16. Jahrhundert vom Totalitarismus des 20. Jahrhunderts. Wir sind wie Katzen, die aus Spaß quälen und aus Langeweile töten.
3. Dezember. Wie kommt man durch einen Irrgarten? Mit Geduld und Verstand. Wie kommt man durch einen riesigen Irrgarten, der bis zum Horizont reicht? Mit der Axt deiner Unverschämtheit.
Er: Man müsste fünf Hände haben. Ich: Nö (rülps), aber ein zweiter Mund wäre nicht schlecht (hicks).
7. Dezember. Idee für eine Horrorgeschichte: Ein Mensch stirbt, ist aber danach nicht tot, sondern erlebt seine eigene Verwesung. Er kann sehen, bis Vögel seine Augäpfel zerstören, und hören, bis das Trommelfell zerfällt usw. Das Kribbeln der Maden in seinem Bauch und unter seiner Haut kann er immer spüren. Gag: Er kann seinen eigenen Leichengeruch so wenig riechen wie vorher seinen Mundgeruch. Die Wahrnehmung ändert sich, um ihn herum geschehen Dinge, die ihn seinen Tod begreifen lassen bzw. die Gründe für seine Ermordung. Als er alles begriffen hat, verschwindet sein Geist, seine Seele endgültig.
12. Dezember. Es ist einer dieser Tage, an denen man sich fragt, warum nicht auch tagsüber die Straßenbeleuchtung eingeschaltet ist. Bei einem Spaziergang habe ich ein Wort entdeckt, das uns augenblicklich ganz selbstverständlich und banal erscheint, aber in zwanzig Jahren Literatur sein und vieles klarer erscheinen lassen wird: Matratzenoutlet.
13. Dezember. „Gefühlte Kevin-Dichte“ als Maßstab für den Verblödungsgrad einer Bevölkerung.
Er wurde mit einer 9mm Garamond erschossen.
Winternacht. Die riesige Kälte draußen. Die winzige Wärme innen. Erst bei geöffnetem Fenster merkst du den Unterschied.
Sobald der Beweis erbracht ist, dass das Universum nicht existiert, verschwindet es augenblicklich.
18. Dezember. Ich weiß auch nicht, was ich hier soll. Aber ich lasse es mir gut gehen, während ich darüber nachdenke.
24. Dezember. Wie friedlich und ruhig es wäre, wenn alle Menschen zur gleichen Zeit besoffen wären.
Mississippi Fred McDowell - John Henry. http://www.youtube.com/watch?v=54GNI2K3-ec

Montag, 26. Januar 2015

Winter

Es ist tiefe Nacht, als ich mit dem Schlitten aus dem Nachbardorf zurückkehre. Im Mondlicht glitzern die weiten Schneeflächen zu beiden Seiten des Wegs. Ich atme kleine Wolken in die Stille. Die Tannen am fernen Waldrand sind eine Tempelstadt mit silbernen Dächern. Und dann beginnen tatsächlich die sechzig Mäuse meines Gespanns, mit glockenhellen Stimmen das alte Lied von dem Mädchen zu singen, das am Brunnen Wasser holt.

Deutsche Leitkultur

Es gibt kaum einen Begriff aus den letzten Jahren, der schwammiger ist als „deutsche Leitkultur“. Wer in dieses Land kommt, wer hier leben möchte, soll sich „integrieren“, so heißt es. Und auf die Frage, in was man sich integrieren soll, werden selten der Staat und seine Gesetzgebung, seine Rechtsprechung und seine Institutionen, Demokratie und Menschenrechte genannt, sondern die „Kultur“. Das allein ist schon ein sehr dehnbarer Begriff. Aber „Leitkultur“? Was ist das genau? Wie definiert man die „deutsche Leitkultur“?
Häufig beginnen die Erklärungen mit abstrakten Substantiven, die angeblich typische deutsche Charaktereigenschaften umschreiben: Ordnung, Fleiß und Sauberkeit. Ich habe in meinem Leben eine Menge deutsche Wohnungen von innen gesehen: Manchmal sieht es aus, als würde das Wohnzimmer im nächsten Augenblick für „Schöner Wohnen“ fotografiert werden, manchmal sieht es aus, als ob dort RTL für eine Reality-Soap über Messies drehen würde. Ich war bei Menschen zu Gast, die eilig in die Küche rennen, um mir einen Untersetzer für meine Bierflasche zu holen oder bereits während des Besuchs mit einem Handstaubsauger die Kuchenkrümel entfernen, die ich hinterlassen habe. Und ich war zu Gast bei Leuten, wo ich beim folgenden Besuch zwei Monate später die leere Bierflasche exakt am selben Ort wiederfinde, wo ich sie damals abgestellt habe. Ich habe studiert – ich weiß selbst, wie dreckig eine Wohnung werden kann. Aber die italienischen, amerikanischen, türkischen oder japanischen Wohnungen, die ich in meinem Leben gesehen habe, waren im Durchschnitt nicht anders als deutsche Wohnungen.
Soviel zu Ordnung und Sauberkeit. Dann der sprichwörtliche Fleiß der Deutschen: Ja, es gibt einige fleißige Menschen, wir nennen sie „Workaholics“. Ansonsten kenne ich fast nur Deutsche, die über ihre Arbeit schimpfen, ihr nach Möglichkeit aus dem Weg gehen und sich wie kleine Kinder über jede Woche freuen, die sie mit Grippe im Bett verbringen dürfen. Hinzu kommt eine pathologische Abneigung gegen jede Form der Handarbeit, der körperlichen Betätigung. Diese Jobs machen heute Menschen aus Süd- und Osteuropa. Der Deutsche pflegt den handwerklichen Fleiß in seiner Freizeit, diese folkloristische Form der Werkzeugnutzung nennt man „Do-it-yourself“ und die Angehörigen dieser Religion versammeln sich in eigens hierzu geschaffenen Kultstätten, die man „Baumärkte“ nennt. Nach Feierabend Heimwerker sein, ansonsten aber sein Geld mit Arsch und Maul verdienen – das ist typisch deutsch.
Andere urdeutsche Charaktereigenschaften wie Unterwürfigkeit gegenüber Vorgesetzten und der Obrigkeit im Allgemeinen, Herrschsucht und Arroganz gegenüber Untergebenen und Fremden, Humorlosigkeit, Pedanterie, Sammelwahn, Vereinsmeierei und ein zwanghafter Hang zur Optimierung der Welt an sich bis hinunter zur bedeutungslosesten Petitesse erspare ich mir in der Analyse. Kommen wir zu den Dingen, die das deutsche Leben charakterisieren. Zu unserer Alltagskultur gehören mittlerweile amerikanische Smartphones und Hamburger, schwedische Möbel und italienische Schuhe, koreanische Fernseher und chinesische Winterjacken, Jeans aus Bangladesch und Spielzeug aus Vietnam, japanische Computerspiele und schottischer Whisky, englische Popmusik und polnischer Gänsebraten, dänische Matratzen und holländische Tomaten. Noch nicht mal die Bananen sind aus Deutschland. Was sind die teutonischen Restbestände unseres Alltags? Eine sibirische Schlagersirene namens Helene Fischer und „deutsche“ Autos, deren Bauteile aus aller Welt kommen, Wurst und Bier.
Was ist deutsch? Die Sprache? Man könnte sich mittlerweile auch nur mit Englisch durch dieses Land bewegen. Das beschissene Wetter? Das ewige Genörgel? Das notorische Selbstmitleid? Machen wir uns nichts vor: Deutschland ist längst in ein Mosaik von tausenden Parallelgesellschaften zerfallen, in der eine bajuwarische Dirndlträgerin in der U-Bahn neben dem Punk steht und die Türkin neben dem Banker. Deutschland ist die Summe dessen, was man 2015 aushalten muss. Und hohle Phrasen von der „deutschen Leitkultur“ kann man getrost den Sonntagsrednern und Wichtigtuern überlassen. Vermutlich kommt in ein paar Jahren raus, dass der Begriff von einer Werbeagentur in Hongkong entwickelt wurde, die für die CSU arbeitet. Es würde mich nicht wundern.
Marek Weber und sein Orchester - Das gibt‘s nur einmal, das kommt nicht wieder. http://www.youtube.com/watch?v=70XO7OaJSc8

Sonntag, 25. Januar 2015

2007, Teil 2

Auszüge aus dem Notizbuch:
12. bis 29. Mai, China. Auf Reisen finde ich Fernsehen und Supermärkte immer ebenso aufschlussreich wie Kirchen und Paläste. Etwa fünfzig einheimische Kanäle werden aufgeboten, viele historische Serien und bunte Shows, westliche Klamotten und Frisuren, Omo- und L’Oreal-Werbung, chinesische Hiphopper mit blond gefärbten Haaren, dazu US-Sender wie CNN und HBO. Es überraschen die vielen lateinischen Buchstaben und arabischen Zahlen, obwohl ich natürlich den ganzen Abend kein Wort verstehe. Verbotene Stadt und die chinesische Mauer – ein Muss für jeden Berliner. Eine Rikschafahrt durch die Altstadt, die Existenz und die Aufdringlichkeit der Bettler und Straßenhändler erstaunen mich. Den Sozialismus habe ich nur in Form von Folklore (etwa der morgendliche Fahnenappell vor der Provinzverwaltung in Xian) und Fassade (rote Fahnen und Mao-Mausoleum am Platz des Himmlischen Friedens in Peking) wahrnehmen können. In den Metropolen finden wir Kaufhäuser, die den Kathedralen des Kapitalismus in Europa, etwa dem KaDeWe in Berlin, in nichts nachstehen. Die großen Kaufhäuser sind jedoch fast menschenleer, da die Kaufkraft des Durchschnittsbürgers zu gering ist. Beispiel: Ein Paar deutsche Markensportschuhe kosten einen chinesischen Arbeiter drei Wochenlöhne.
Zudem fällt der verschwenderische Umgang mit Arbeitskräften auf: Im Lokal warnt ein Mensch permanent alle eintretenden Gäste vor den Gefahren einer bestimmten Stufe, in einem anderen Lokal reicht ein Mensch auf der Toilette Papierhandtücher aus einer Selbstbedienungsbox an die Besucher weiter. Was mir noch auffiel: Als „Langnase“ stellt man häufig eine kleine Sensation dar, etwa als wir gemeinsam in einem Kleinstadtladen einkaufen waren. Kinder staunen mich offen an und gaffen ungeniert – ich gaffe grinsend zurück. In einem Bahnhof versammelt sich das Restaurantpersonal, um mich beim Essen der bestellten Suppe mit Stäbchen zu beobachten, ist dann aber enttäuscht, weil ich die Technik beherrsche. Die Menschen sind hier im Schnitt unglaublich jung, man sieht fast keine alten Menschen. Nur ein Kioskverkäufer, bei dem ich Tsingtao-Bier erwerben möchte, ist älter als ich, doch sein Enkel steht schon neben ihm. Ich verlange drei Dosen, er packt mir sieben in die Tüte, wir einigen uns schließlich auf vier.
Die scheinbar regellose Naturwüchsigkeit des Straßenverkehrs, die es in Europa allenfalls noch in Süditalien zu beobachten gibt. Der Busfahrer schert noch zum Überholen aus, wenn man schon das Weiße im Auge des entgegenkommenden Lkw-Fahrers sehen kann. Zwischen den glitzernden Metropolen mit fußballfeldgroßen Leuchtreklamen wie in Shanghai und dem staubigem Land mit seinen holprigen Buckelpisten gibt es keinen Übergang, plötzlich ist die Zivilisation wie abgerissen. Und die Chinesen sind irgendwo dazwischen. Eines Morgens sehe ich sie beim Frühstück im Hotel, wie sie das Toastbrot mit Stäbchen essen. Den Europäern bietet man zur Sicherheit schon um diese Uhrzeit Pizza und Pommes frites an (die ich dankbar annehme). Auf mancher Toilette in der Provinz entleert man sich rittlings über Löcher, Zwischenwände gibt es nicht. Im Hotel in Shanghai (wo es aus Rücksicht auf westliche und östliche Zahlenmagie weder einen 13. noch einen 14. Stock gibt) ist in der Badezimmerwand ein Flaschenöffner so angeschraubt, dass man – auf dem Klo sitzend – den Kronkorken von der Bierflasche bekommt.
Die altertümliche Stadt Pingyao, ich bummele gemütlich durch die Gassen, Kinder grüßen winkend mit einem „Hello“ und freuen sich über den Gegengruß. Die traumhafte Landschaft am Li: Sanft windet sich der Fluss an teils bewaldeten, teils felsigen Hügeln vorbei, am Ufer Bambus, kleine Wälder, Wasserbüffel und Fischer. Dann wieder: Fahrt mit dem Transrapid von der Blade Runner-Stadt Shanghai zum Flughafen. Ankunft im Dorf Berlin mit seiner Sanatoriumsatmosphäre, die zeitlupenhafte Eleganz seiner Bewohner. Wie dörflich mir der Ku’damm erscheint, in der blinkenden Welt der Nanking Road wird man alle fünf Meter von Zuhältern, Nutten und anderen Waren- und Seelenverkäufern belästigt. Im Kaufhaus „New World“, in dessen Eingangsbereich es sogar Laufbänder wie auf Flughäfen gibt, gibt es auf zwölf Etagen mehr, als ich im KaDeWe je gesehen habe.
30. Mai. Geschwindigkeit und Zeit sind relative Begriffe. Es kommt darauf an, wo man hin will. Wer angekommen ist, kennt keine Eile. Das Ziel ist das Innere der Welt, es ist wie das Auge des Hurrikans. Hier sind Zeit und Geschwindigkeit aufgehoben. Das Tao als ewige Ruhe – zu Lebzeiten. Diese Erkenntnis habe ich chinesischen Philosophen zu verdanken. Die drei Wochen, die ich gerade in China verbracht habe, konnten dazu keinen Beitrag mehr leisten. Ein Land auf dem Weg in die Marktwirtschaft, fröhlich und laut wie eine Schar Kleinkinder, selbst die lamaistischen Mönche tragen Turnschuhe und Baseballkappen, sie fotografieren und plappern in ihre Handys. Einer spricht mich mit den Worten „Hello, money“ an. Aber bei uns ist am „Land der Dichter und Denker“ ja auch längst der Lack ab.
6. Juni. Topographische Denunzierung, erster Versuch: Die Küste ist doch auch nur eine Gegend, die sich nicht zwischen Land und Meer entscheiden kann!
7. Juni. An manchen Tagen ist Schreiben wie Bernsteinsammeln. Kleine Bruchstücke, deren Verwendung höchst ungewiss ist.
19. Juni. Wie Kinder, die ganz in ihrem Spiel versunken sind, wälzen wir unsere kleinen Sorgen, während gewittergleich Tod und Verderben über uns am Himmel trommeln. Vielleicht ist Kleinkariertheit ein Glück?
22. Juni. Das uralte verbrauchte Licht weit entfernter Sterne am Nachthimmel.
27. Juni. Leben an sich ist schon Sucht: Lebens-Lust, Gier nach Leben usw. Das Leben verlangt unaufhörlich etwas, es will weiter, es will mehr. Die Sucht nach Leben erzeugt und stillt die Sucht, ein perfekter Kreislauf, Leben als Urdroge.
28. Juni. Manche Leute rätseln ja, wie man dienstags jemanden anrufen kann, bei dem es schon Mittwoch ist. Für religiöse Fundamentalisten sind die Zeitzonen sicher schon Teufelswerk.
29. Juni. Die Paul- und Schlauenseuche hatte viele prominente Opfer. (Beginn einer längeren Erörterung)
1. Juli. Stille Demütigungen durch Frauen, Teil 19: Männer müssen immer die Sekt- und Weinflaschen entkorken, weil sie dabei ein Gesicht machen wie beim Sex.
2. Juli. Heute und morgen gibt es wegen Reparaturarbeiten an den Wasserleitungen von acht bis fünfzehn Uhr kein Wasser in meiner Wohnung. Natürlich regnet es in Strömen, ich gehe mit dem Regenschirm in den Garten hinter dem Haus, um zu pinkeln. Also unter diesen Bedingungen kann ich nicht arbeitslos sein!
4. Juli. Mein Deodorant? „Kalkutta“ von Calvin Klein.
Immer, wenn ich Pudding mit dem Kochlöffel esse, weiß ich, dass es Zeit zum Geschirrspülen ist.
5. Juli. Ein Künstler muss nichts machen, er kann auch einfach nur Künstler sein. Man sollte sich von dem Zwang lösen, etwas produzieren zu wollen.
6. Juli. So ändert sich die Kindheit: Früher wurde man mit Modellbausätzen auf das Industriezeitalter, auf die Fabrikarbeit vorbereitet, heute mit Computerspielen auf das Informationszeitalter, auf die Arbeit am PC.
7. Juli. Einer der zwölf Schnapszahltage in diesem Jahrhundert.
Der Bettler, der den Millionär beim Diebstahl erwischt: unwahrscheinlich. Der Bettler, der von einem Millionär bestohlen wird: noch unwahrscheinlicher. Aber ganz groß: Bettler bestiehlt Millionär. Die Story kaufen wir.
Zum leeren Namensschild neben der Klingel an meiner Wohnungstür: Wer mich kennt, findet mich, wer mich nicht kennt, soll mich nicht finden.
12. Juli. Über Uruguay: Zwischen Brasilien und Argentinien ist ein kleiner Fleck auf der Landkarte. Man wischt, man reibt, man rubbelt, man fährt mit einem nassen Lappen drüber, aber es ist immer noch da – das ist Uruguay.
13. Juli. Biblische Frage, Teil 321: Bin ich meines Brüters Hut?
14. Juli. Verkaufsgespräch:
X: „Eine Bebauung für Freizeitzwecke ist auf diesem Grundstück erlaubt.“
Y: „Cool! Dann bauen wir eine Erdbong.“
X: „Wo studieren Sie, wenn ich fragen darf?“
Y: „Am Metaphysical Institute of No Return.“
15. Juli. Stille Demütigungen durch Frauen, Teil 88: Wenn dich eine Frau umarmt und sie dabei deinen Rücken reibt, weißt du, dass du nie mit ihr schlafen wirst.
16. Juli. Meeresrauschen: schön. Radiorauschen: nicht so schön.
Ich wiege 111 Kilogramm – das sind 555.000 Karat.
Die Frauenwelt liege Luca Toni zu Füßen, hieß es in der Sportschau. Deswegen ist sie also heute nicht bei mir.
Auch nach fünfzehn Jahren in dieser Wohnung finde ich es immer noch erstaunlich, wer alles in einem Umkreis von wenigen hundert Metern gewohnt hat: Albert Einstein, Robert Musil, Berthold Brecht, Billy Wilder, Kurt Tucholsky und schräg gegenüber Erich Kästner, von dem der Satz stammt: „Toren bereisen in fremden Ländern die Museen, Weise gehen in die Tavernen.“
22. Juli. Beliebtes Spiel für einsame Menschen: Wer hat mich zuletzt lebend gesehen?
23. Juli. Sorgen und Hoffnungen haben oft die gleiche Quelle.
Peter Gabriel – Red Rain. https://www.youtube.com/watch?v=yeK4QM8rnEs

Samstag, 24. Januar 2015

Zurück im Klassenzimmer

Da bin ich also wieder. Meine alte Schule. Das Gebäude habe ich vor dreißig Jahren zuletzt betreten. Zur Abi-Feier. Jahrgang 1985. Für mich klingt das nicht nach ferner Vergangenheit. Hey, ich trage immer noch Jeans, meine Haare sind nicht wesentlich kürzer als damals - und sie sind noch komplett auf meinem Kopf und wachsen nicht aus meinen Ohren! Ich finde Dinge immer noch „cool“, notfalls kann ich auch „krass“ sagen und fühle mich immer noch als Rebell. Gut, meine Haare und mein Zip-Hoodie sind grau. Und mein Gewicht hat exakt um eine der beiden Abiturientinnen zugenommen, die mir heute ein paar Fragen stellen wollen. 24. Januar 2015.
Ich bin wieder in meinem alten Klassenzimmer. 5a. Damals war ich ein „Sextaner“. Das ist sowas wie ein Rekrut, ein Praktikant, ein Fahrschüler, ein Nichts. Dreizehn Jahre war ich auf der Schule, neun davon auf diesem Gymnasium. In diesem Gebäude. Die Schule hat ein paar Jahresringe bekommen, die Flure sind mit bunten Gemälden verziert, ich sehe keine Graffiti an den Außenwänden. Aber es ist mein Klassenzimmer. Und ich darf am Lehrertisch Platz nehmen. Die Scheinwerfer und die Kamera sind auf mich gerichtet. Ich habe ein Mikrophon in der Hand. Ein Glas Mineralwasser, Kinderschokolade und Kekse bilden den Rahmen für meine imposante Persönlichkeit.
Wie war die Schule damals? Was war schön? An was erinnere ich mich? Sie stellen einfache Fragen und ich rede wie ein alter Mann. Ich rede nicht vom Kampf gegen Unterdrückung und Ausbeutung, von unseren Träumen, von unseren kleinen Heldentaten. Ich erzähle vom Fußballverein und wie wir uns in der großen Pause Chips und Cola bei Penny um die Ecke gekauft haben. Die beiden jungen Frauen könnten meine Töchter sein. Als sie geboren wurden, habe ich längst als Wissenschaftler gearbeitet.
Ich erzähle, was wir nach dem Abi für Aktionen gestartet haben. Wir haben nachts eine Mauer quer durch den Flur im ersten Stock (vor dem Lehrerzimmer) gebaut, um die Sprachlosigkeit zwischen Schülern und Lehrern zu dokumentieren. Eine echte Mauer aus Hohlblocksteinen, Mörtel und Schnellbinder. Wir haben ein Schrottauto in den Eingangsbereich geschoben und mit Metallbügeln sämtliche Eingänge des Gebäudes zugeschweißt. Wir haben die Wände mit staatsfeindlichen Parolen verziert, für die heute der Verfassungsschutz anrücken würde. Sie verstehen es nicht.
Ich merke, wie fremd ich in dieser fröhlichen Lehranstalt bin. Der Direktor hat mir zum Abschied vor dreißig Jahren gesagt, er würde mich anzeigen und ich hätte Hausverbot. Nun bin ich wieder hier, der Direktor ist längst in Rente und die Interviewerinnen erklären mir lachend, die Sache sei verjährt. Ja, es ist verjährt. Es ist vorbei. Es hat sich nichts geändert. Am Ende frage ich die jungen Menschen, was mit den Interviews passieren wird. Es seien zwanzig ehemalige Schüler interviewt worden, sagen sie. Die lustigsten Antworten würden zu einem Video zusammengeschnitten, das bei der Feier zum 125. Jubiläum des Sebastian-Münster-Gymnasiums Ende Juni gezeigt werden wird. Ich bekomme eine Einladung, versprechen sie mir.
Als Geschenk lasse ich ein Exemplar meiner Gandhi-Biographie da, die ich vor knapp zehn Jahren bei Suhrkamp veröffentlicht habe. Vielleicht wirft in der Schulbibliothek einer der heutigen Schüler mal einen Blick hinein? Das Buch eines ehemaligen Schülers, der in dieser Viertelstunde an seiner alten Schule in Ingelheim begriffen hat, was dreißig Jahre bedeuten. Vielleicht wäre das Altwerden nicht so brutal, wenn man selbst Kinder hätte? Auf dem Heimweg pfeife ich mir einen Döner und ein Bier ein. „Können Sie Ihre Schulzeit in einem Wort zusammenfassen?“ „Lang“, habe ich geantwortet. „Diese Zeit ist mir einfach verdammt lang vorgekommen.“
Vera Lynn - We'll Meet Again. https://www.youtube.com/watch?v=cHcunREYzNY

2007, Teil 1

Auszüge aus dem Notizbuch:
18. Januar, Berlin. Ein „Super-Orkan“ (Bild-Zeitung) soll heute über die Stadt toben. Welchen Lieferjungen hetze ich mit einer Bestellung hinaus in diese Sturmhölle? Ich will die Angst in seinen Augen sehen, die nackte Verzweiflung. Pizza und Rotwein? Mit einem wahrhaft diabolischen Lachen werde ich den Karton und die Flasche entgegen nehmen, der Spaß ist mir einen Zehner wert!
20. Januar. Wenn alles im Leben gut geht, hat man nie eine Chance, etwas zu ändern. Erst die Niederlagen geben dir die Möglichkeit eines Wechsels.
29. Januar. Er hat sich nur scheinbar unterworfen, in Wirklichkeit untergräbt er den Bau.
Idee für ein Gemälde: Rückansicht eines Eisbären und eines Mannes, die sich Arm in Arm das Nordlicht am Himmel anschauen.
31. Januar. Es gibt so viel zu tun – da habe ich schon gar keine Lust mehr anzufangen.
3. Februar. Ich fordere, die Zahl der Himmelsrichtungen auf drei zu reduzieren (Richtungsvereinfachungsgesetz).
7. Februar. Wenn es Vitamine mit Pizzageschmack gäbe, würde ich mich auch gesünder ernähren.
10. Februar. Seine Askese bezog sich nur auf körperliche Arbeit, nicht auf leibliche Genüsse.
21. Februar. Das Meer ist gut. Es verspricht nichts, es hält nichts, es verlangt nichts von dir.
12. März. Journalistische Grundregeln, Teil 162: Versuche ein wenig zu schlafen, während dein Interviewpartner redet.
19. März. Ein Blick ins Fernsehprogramm am Abend: Trocken stehe ich das nicht durch.
20. März. Am Morgen: Ein Bote tritt an mein Bett, übergibt mir mit einer ernsten und feierlichen Verbeugung eine versiegelte Schriftrolle und läuft zurück zu seinem Pferd, das er an meiner Garderobe angebunden hat.
21. März. Die Gräfin prüfte zunächst seinen Blick, dann mit ihren kühlen Fingerspitzen die Festigkeit seiner Wangen und ergriff schließlich seine Hände. „Diesen nehmen wir“, sagte sie, „er wird den alten Schreiber ersetzen. Vorläufig soll er ihm nur Gehilfe sein und alles lernen.“ Er war erleichtert, erschrak aber später im Haus der Grafenfamilie, als er den starken dunklen Blick und das makellose Gebiss des alten Schreibers sah.
5. April. Ich habe gerade Malcolm Lowrys wunderbar melancholische Säuferballade "Unter dem Vulkan" gelesen. Das Vorwort zeigt, wie er um sein wichtigstes Manuskript kämpfen musste, und ist sehr inspirierend. Im Alter würde ich gerne eines meiner Bücher in der Ramschkiste eines mexikanischen Antiquariats wiederfinden. Und wenn es ein wunderschön zerlesenes und mit Anmerkungen versehenes Exemplar ist, werde ich es auch kaufen.
18. April. Die verwahrlosten Industrieruinen von Weißenfels, die ich während der Zugfahrt von Berlin über Leipzig nach Bingen sehe. Dunkelrote Backsteingebäude, eingeworfene Scheiben, Müll und Graffiti, ganze Viertel an kleinen Flüssen stehen leer. Nicht verwunschen wie eine Burgruine, eher traurig und geheimnisleer. Und immer wieder diese hässlichen Häuser auf dem Land mit ihren buckligen Anbauten, denen man die Not, aus der sie geboren sind, ewig ansehen wird.
19. April, Schweppenhausen. Nächtlicher Spaziergang. Es ist, als ob die ruhigen Dorfhäuser den Geruch ihrer Vergangenheit ausströmen, hauptsächlich erloschenes Holzfeuer und Kuhmist.
21. April. Die Indianer hat man an Alkohol gewöhnt, bei uns war es das Fernsehen.
22. April. Das Licht ernährt die Pflanzen, die Pflanzen die Tiere, die Tiere den Menschen – und dann?
23. April. Hunger ist der Urbefehl. Dieser Befehl wird im Laufe des Lebens ausdifferenziert.
24. April. Andere fragt man, wie es ihrer Frau geht, mich fragt man nach dem Zustand meiner Leber.
25. April. Hätten Tische und Stühle, Schränke und Bänke auch vier Beine, wenn wir sieben Gliedmaßen hätten?
26. April. Eigentlich kann ich es immer noch nicht glauben. Ich schreibe davon, obwohl ich noch nicht einmal flüstern dürfte: Ich bin ihnen entkommen. Durchgeschlüpft, unbemerkt geblieben, regungslos im Schatten wartend. Wird dieses unbeschwerte Leben immer so weitergehen? Ohne Verpflichtungen und Verantwortung, ohne Sorgen und Termine. Wann werden sie mich erwischen? Und wohin bringen sie mich dann? Arbeitsdienst, Nervenheilanstalt oder Friedhof? Aber noch lebe ich wie ein alter Ire, singend, saufend und schreibend. Ich stehe auf, wann ich will, und mache, wozu ich Lust habe. Ich bin mit 36 Jahren aus dem regulären Arbeitsleben ausgeschieden – wie ein guter Fußballprofi.
28. April, Berlin. Junger Mensch in der U-Bahn, vollständig ohne Unterkiefer. Aussehen und Sprache wie ein Vogel, dürrer Leib, mit kleinem kugelförmigem Kopf.
30. April. Lob der Tätigkeit: Alles begann damit, dass ich am Abend meine Wohnungstür von innen verschloss. Nein, alles begann mit meiner Angst vor möglichen nächtlichen Überfallen. Im Schlaf ist man ungeschützt, das ist man in wachem Zustand zwar auch, aber dann ist man doch wenigstens wachsam. Eines Morgens brach der Schlüssel im Schloss ab, als ich aufsperren wollte. Nun war ich also eingesperrt. Was tun? Ich besaß kein Telefon und wusste auch nicht, wen ich anrufen sollte. Der Blick aus dem Fenster half nicht weiter, ich wohnte im siebten Stock, in der Ferne sah ich einen Mann mit Hut, der um die Ecke verschwand. Ansonsten nur der graue Dunst über der Stadt, an deren Namen ich mich nicht erinnern wollte. Ich musste aber doch hinaus, die Vorräte würden schwinden, ich musste etwas unternehmen. Mit einer Brechstange löste ich Stücke aus dem Parkettboden meiner Wohnung. Darunter fand ich Holzstreben, die ich mit einer Säge durchtrennte. Bald musste ich in der Wohnung eines anderen Menschen sein, aber zu meiner Überraschung traf ich auf festes dunkles Erdreich. Also holte ich die Schaufel und begann zu graben. Nach einigen Tagen war der Gang schon etliche Meter lang, mit herbei geschleppten Möbeln stützte ich die Decke. Der Gang führte schräg nach unten und sollte im Freien münden, aber ins Freie gelangte ich nie. Trotzdem grabe ich weiter, solange es meine Kräfte erlauben.
1. Mai. Ich wünsche jedem nutzlosen Ding ein langes Leben.
3. Mai. Für „das Böse“ findet man bei Google 1.250.000 Einträge. Was wäre, wenn das Böse sich heute an einem beliebigen Ort des Planeten inkarnieren würde? Wäre es immobil, würden ganze Busgesellschaften den Ort aufsuchen, es gäbe Andenkenstände und Fastfoodbuden mit Teufelsburgern und Todesfritten. Wäre es mobil, würde es von Fernsehteams verfolgt. Die Träne eines Kindes, die schwer an den langen Wimpern hinge, glitzerte in Großaufnahme im Scheinwerferlicht. Die Konsumgesellschaft könnte dem Ereignis nur einen Erlebnis-, einen Unterhaltungswert abgewinnen. Was macht das Böse jetzt? Schalten Sie auch morgen wieder ein, wenn es heißt: Neue Kriege und Seuchen geißeln die Menschheit! Wie wird es weiter gehen? Nach der Werbung erfahren Sie mehr! Sind Sie verzweifelt? Nehmen Sie Prozac, das pharmazeutische Licht der Zuversicht!
4. Mai. B. hat zehn Tage ihre sterbende Mutter gepflegt, die ihre krebszerfressenen Gedärme buchstäblich ausgekotzt hat. Der Versuch, dem Elend mit einer Überdosis Morphium ein Ende zu setzen (Was für eine Entscheidung: Jetzt töte ich meine Mutter), scheiterte qualvoll. Jetzt ist es vorbei, B. ist allein auf der Welt und arbeitslos.
5. Mai. Als Kind war ich ein großer Fan der Sesamstraße. Meine Lieblingsfigur – neben dem fröhlichen Anarchisten Ernie – war Oskar aus der Mülltonne (original: Oscar the Grouch, Oskar der Griesgram). Er lugte nur unter dem Mülltonnendeckel hervor und torpedierte die naive Heiterkeit der anderen Straßenbewohner. Sein erster Satz in Folge 1 war: „Don’t bang on my can! Go away!“ Das war sein Programm, seine Fanpost enthielt oft Müll. Seinem Haustier, einem Wurm namens Slimey, las er Gute-Nacht-Geschichten von Trash Gordon vor. Ein Individualist, ein Anti-Held und mein Vorbild. Werde ich langsam, werde ich endlich wie er? Sein steter Gruß: „Have a rotten day“ und „Go away and LEAVE ME ALONE !!”
9. Mai. Das hermetische Ganze ist vielleicht fragiler, als wir vermuten. Es lebt womöglich nur davon, dass wir es aufgegeben haben, an seine Tür zu klopfen. Resignation als Fundament der Herrschaft: abgestumpfte Politiker, abgestumpfte Massen.
The Clash - I Fought the Law. https://www.youtube.com/watch?v=KsS0cvTxU-8

Freitag, 23. Januar 2015

Bonettis größter Fan

Donny Wintzinger arbeitete als Schachkomponist, der sich auf das sogenannte Märchenschach spezialisiert hatte. Er entwarf Schachaufgaben für Zeitungen, bei denen neue Figuren zum Einsatz kamen. „Der Zauberer“ kann auf jedem beliebigen Feld des Schachbretts auftauchen, „Der Betrunkene“ kann in einem Zug immer nur einen diagonalen Schritt vorwärts nach rechts, dann einen diagonalen Schritt vorwärts nach links gehen. „Die Prinzessin“ hat drei Wunschzüge frei, muss dann aber vom Brett genommen werden, „Der Jedi-Ritter“ kann eine Figur schlagen, ohne das er bewegt werden muss, der „Laserstrahl“ kann bis zur Grundlinie durchgehen, falls keine andere Figur im Weg ist, und verwandelt sich in einen „Zonk“. Den „Zonk“ kann man einmal quer über das Schachbrett werfen. Alle Figuren, die umfallen, müssen vom Brett genommen werden.
Draußen vor dem Fenster der Blockhütte lag der Schnee meterhoch. Aber in der Hütte von Donny Wintzinger war es angenehm warm und dicke Buchenscheite prasselten im Kamin. Aus dem schmalen Gesicht des Alten sprangen die hellgrauen Augenbrauen hervor, buschig und dicht wie Wollmäuse, unter denen zwei schwarze Pupillen listig und lebhaft hervorblitzten. „Gibst du auf, Andy?“
„Du hast mich, Donny“, sagte Andy Bonetti und warf den König um. „Das nächste Mal bringe ich auch mal eine neue Figur ins Spiel. Den wilden Heinz. Der darf fünf Züge hintereinander machen.“ Dann lachte er und nahm einen tiefen Zug aus dem Zinnkrug, der mit heißem Grog gefüllt war.
Wintzinger schnitzte seine Schachfiguren selbst und verwendete dazu Lindenholz aus dem Wald, in dem er wohnte. Die Schachabende mit seinem alten Freund Andy Bonetti waren ihm zu einer lieben Gewohnheit geworden, in seiner Hütte hatte er weder Fernsehen, Radio, Internet noch Handyempfang. Einmal im Monat fuhr er nach Bad Nauheim, um Lebensmittel einzukaufen und seine Schachaufgaben bei diversen Zeitungsredaktionen abzuliefern. Und dann zog er sich wieder in seinen Wald südwestlich von Bad Nauheim und der A 5 zurück.
Wenig später verabschiedete sich Bonetti von Donny Wintzinger und stieg in seinen 1974er Ford Gran Torino. Die Hütte lag unterhalb des Altkönigs, einer der höchsten Erhebungen des Taunus, auf dem in grauer Vorzeit die Kelten eine Ringburg angelegt hatten. Der gewundene, abschüssige Weg war im hohen Schnee kaum zu erkennen. Aber Bonetti kannte den Weg und war ein ausgezeichneter Fahrer – vor allem, wenn er ein gewisses Quantum Rum intus hatte.
Da lief ein Dachs auf den Weg. Hielten diese Tiere keinen Winterschlaf? Ein Schlafwandler? Ein Dachs mit Schlafstörungen? Geistesgegenwärtig riss Bonetti das Steuer herum, die Scheinwerfer seines Wagens beleuchteten grell den breiten Stamm einer Eiche. Das war das letzte Bild. Dunkelheit. Stille.
Als er wieder aufwachte, blickte er in die Augen einer Frau. Einer dicken Frau mit dunkelblonder Dauerwelle, die ihn anlächelte.
„Wo … wo bin ich?“ krächzte Bonetti heiser.
„Sie sind bei mir zu Hause. Meine Name ist Melinda Katzenblick und ich habe sie im Wald gefunden.“
Sie reichte ihm eine Schnabeltasse mit heißem Kamillentee und Bonetti trank einen Schluck.
„Was ist passiert?“
„Sie hatten einen Unfall, Mister Bonetti. Nicht weit von meinem Haus entfernt. Ich habe sie ins Haus getragen und ich werde Sie pflegen, bis Sie wieder gesund sind. Ich habe früher als Krankenschwester gearbeitet.“
„Bin ich verletzt? Und woher kennen Sie meinen Namen?“
Sie schlug die Bettdecke zurück. Bonettis Beine waren komplett eingegipst. „Sie haben sich die Beine gebrochen. Außerdem haben Sie eine Gehirnerschütterung.“ Sie lächelte ihn an. „Ich bin Ihr größter Fan, Mister Bonetti. Ich habe alle Ihre Bücher gelesen.“
Bonetti fasste sich an den Kopf. Da war tatsächlich ein Verband. Und er sah die lange Reihe auf dem Bücherregal. „Stefan König, Dämonenjäger“, Band 1-47.
„Ich habe Ihr Notebook aus dem Wagen gerettet. Das Manuskript von Band 48 habe ich auch schon entdeckt. Es macht Ihnen doch nichts aus, dass ich es lese? Ich bin so schrecklich neugierig.“
Die folgenden Tage verbrachte Bonetti im Bett. Frau Katzenblick brachte ihm seine Mahlzeiten und las sein neues Buch.
Währenddessen suchte man in Bad Nauheim fieberhaft nach Andy Bonetti. Im Hessischen Rundfunk sendete man einen „Brennpunkt“ direkt nach der Tagesschau und sein Bild wurde auf die Rückseite von Cornflakes-Packungen gedruckt. „Vermisst: Hessischer Großschriftsteller von edler Gesinnung, der ungekrönte König der Bahnhofsbuchhandlungen, der Sultan des Satzbaus, der Maharadscha der Metapher, der Fürst der Phantasie." Aber in den tiefen Wäldern des Taunus suchte man ihn nicht und seinen Wagen hatte die perfide Krankenschwester mit Schnee zugeschaufelt.
Als sie wieder in sein Krankenzimmer kam, funkelten ihre kleinen Schweinsaugen böse. „Stefan König stirbt in Band 48. Das ist doch nicht Ihr Ernst, Bonetti?!“
„Doch, Frau Katzenblick. Mit dem Tod von König wollte ich die Reihe abschließen. Ich wollte eine neue Reihe anfangen: ‚Vampirette, die Kleine mit den großen Zähnen‘. Das ist alles schon mit dem Verlag abgesprochen.“
„Ich fürchte, dass kann ich nicht zulassen“, sagte sie. „Ich habe das Ende bereits gelöscht. Sie werden ein neues Ende schreiben. Ein besseres Ende.“ Ihre Stimme klang nicht so, als ob sie Widerspruch dulden würde.
Bonetti verfluchte seine Angewohnheit, erst nach Abschluss der Arbeit am Manuskript einen Ausdruck zu machen oder die Datei auf einen USB-Stick zu kopieren.
„Hier ist Ihr Notebook. Ich fahre jetzt zum Einkaufen. Wenn ich wieder da bin, möchte ich ein neues Ende sehen.“ Dann drehte sie sich um und verließ den Raum.
Bonetti wartete eine Weile, dann schlug er die Bettdecke zurück und richtete sich mühsam auf. Er klopfte vorsichtig auf den Gips. Komisch, das tat gar nicht weh. Er hievte die Beine aus dem Bett und stellte sich auf die Füße, während er sich an einem Bettpfosten festhielt. Dann stakste er aus dem Zimmer in die Küche. Mit einem Fleischklopfer schlug er Stück für Stück den Gips ab. Seine Beine waren gar nicht gebrochen! Dann ging er ins Badezimmer und nahm den Kopfverband ab. Im Spiegel sah er die dicke Beule. Er musste bei dem Unfall gegen das Lenkrad geschlagen sein und hatte das Bewusstsein verloren. Nur so konnte er sich alles erklären.
Dann ging er ins Wohnzimmer von Frau Katzenblick. Die Wände waren mit Fotos von Menschen bedeckt. Außerdem waren die ausgeschnittenen Rückseiten von Cornflakes-Verpackungen zu sehen. Er betrachtete sich die Gesichter genauer. Der verschwundene Förster. Der verschollene Bürgermeister von Kronberg. Der vermisste Direktor vom Opel-Zoo. Dazu ein paar Holländer vor ihrem Wohnwagen. Diese Frau war eine Serienkillerin.
Bonetti rannte hinaus in die Kälte und lief in den dunklen Forst. Würde er jemals wieder Bad Nauheim sehen? Und das Notebook hatte er auch liegengelassen. Die Arbeit von zwei Wochen war verloren. Noch nicht mal einen Schokoriegel hatte er eingesteckt, aber er hatte Angst, ins Haus des Schreckens zurückzukehren und irrte ziellos durch den Wald. Wenn diese Frau sein größter Fan war, wollte er die anderen gar nicht kennenlernen.
Pet Shop Boys - Love Comes Quickly. https://www.youtube.com/watch?v=Rws0CMfkGxE

Donnerstag, 22. Januar 2015

Nr. 54

Selbstmorde, verschollene Flugzeuge, Unglücksfälle – oder steckt mehr dahinter? In den letzten zwei Jahren sind 54 Banker ums Leben gekommen. Eine solche Serie regt die Phantasie an. Vielleicht gibt es einen geheimnisvollen Rächer, der die finsteren Schergen des Kapitals hinrichtet? Er hinterlässt keine Spuren und jeder einzelne Todesfall wirkt wie ein zufälliges Unglück. Oder es ist eine ganze Untergrundarmee, die endlich mit den fiesen Geldsäcken und Blutsaugern aufräumt. Vielleicht kommt eines Tages die ganze Wahrheit ans Licht? Es ist ein Traum, Stoff für einen Thriller …
http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2015/01/17/grossbritannien-top-banker-tot-im-gebirge-aufgefunden/

Leserbriefe

Andy Bonetti war damals noch ein junger Autor und hatte es mit „Gefangener der Finsternis oder Stromausfall auf Pellworm“ gerade zu bescheidenem Ruhm gebracht. Da erreichten ihn, über seinen Verlag, die ersten Leserzuschriften. Wie alle Novizen fühlte er sich durch das Lob der Leser geschmeichelt, er las ihre positiven Urteile mehrfach und oft rettete ein solcher Brief den ganzen Tag. Aber es gab auch negative Zuschriften und es ärgerte ihn maßlos, wenn er falsch verstanden wurde. Zu seinem ersten Erfolg erreichte ihn folgender Brief von einer Frau Blaukraut:
„Sehr geehrter Herr Bonetti, ich lebe seit meiner Geburt auf Pellworm und bin über einige Unstimmigkeiten in Ihrem Roman gestolpert. Das geht schon mit dem Titel los. Der von Ihnen beschriebene Stromausfall findet größtenteils am helllichten Tage statt, von Finsternis kann also keine Rede sein. Und wir sind auch keine Gefangenen auf unserer Insel, denn die mit Diesel betriebene Fähre ist auch bei Stromausfall unterwegs, so dass wir jederzeit das Festland erreichen können. Die dramatische Szene, in der ein künstlich beatmeter Patient im Krankenhaus nach dem Stromausfall mit dem Tode ringt, kann sich niemals abspielen, da wir gar kein Krankenhaus mit Intensivstation haben. Wir haben hier nur einen Allgemeinmediziner und einen Tierarzt. Und wie kommen Sie überhaupt darauf, dass eine Sturmflut ein Stromkabel zum Festland zerstört? Wir haben hier ein eigenes Kraftwerk und zahlreiche Windkraftanlagen. Ihr Hauptdarsteller kann sich über viele Stunden seine heißgeliebte Paella nicht warmmachen, die angeblich eine regionale Spezialität sein soll. Wir essen gerne auch mal kalten Matjes. Ansonsten gehören Krabben, Meeräsche und Kabeljau zu den Gerichten, die hier gerne verzehrt werden, aber auch Lamm und Wildente. Und der hiesige Dialekt ist auch nicht Friesisch, das seit dem 18. Jahrhundert nicht mehr auf der Insel gesprochen wird, sondern Niederdeutsch. Die von Ihnen angesprochene ‚verheerende Sturmflut von 1993‘ ist mir ein Rätsel, die letzte große Sturmflut gab es 1825. Mit freundlichen Grüßen, Renate Blaukraut“
Bonetti war so wütend, dass er umgehend antwortete:
„Sehr geehrte Frau Blaukraut, es handelt sich bei den von Ihnen angesprochenen, vermeintlichen Fehlern um Allegorien. Um Metaphern, verstehen Sie? Die Hauptfigur, Benedikt Eisendraht, fühlt sich im existenzialistischen Sinne gefangen, auf der Insel wie auch in seinem bürgerlichen Leben. Daher habe ich ihm den Beruf des Leuchtturmwärters gegeben. Weil man in diesem Beruf auch sehr einsam ist. Es ist in diesem Zusammenhang auch nicht wichtig, ob es auf Ihrer Insel überhaupt einen Leuchtturm gibt. Verstehen Sie das Prinzip? Der Koma-Patient im Krankenhaus ist eine Metapher für die Abhängigkeit des Menschen von der Technik. Daher auch die Paella als Allegorie. Wenn Eisendraht kalten Hering essen würde, ergäbe das doch gar keinen Sinn! Und außerdem steht Paella für seine Sehnsucht nach Sonne, nach Urlaub und repräsentiert seine Erinnerungen an einen Urlaubsflirt in Palma de Mallorca im Jahr zuvor. Das Stromkabel, das Pellworm mit dem Festland verbindet, verkörpert in diesem Zusammenhang das Netzwerk der modernen Welt, in der alles mit allem verbunden ist. Es gibt Kaskadeneffekte, die bis auf die letzte abgelegene Insel zu spüren sind. Und so legt die Kurzschlussreaktion eines liebeskranken Ingenieurs im Kraftwerk auf dem Festland das Leben auf einer ganzen Insel lahm. Fehlende zwischenmenschliche Wärme = fehlende zwischenmenschliche Energie zum Kochen und für die Beleuchtung. Ich hoffe, Sie verstehen meinen Roman jetzt besser, und verbleibe mit freundlichen Grüßen, Andy Bonetti“
Schon zwei Tage später hatte er einen weiteren Brief von Frau Blaukraut im Briefkasten:
„Sehr geehrter Herr Bonetti, wenn in Ihrem Roman alles eine Metapher ist, bedeutet dann die Modelleisenbahn von Herrn Eisendraht, dass er sich im Kreise dreht? Hat er aufgrund seines Wohnorts eines Inselbegabung? Sind die fehlenden Dialoge in Ihrem Roman eine Allegorie auf die Sprachlosigkeit dieser Welt? Steht sein Single-Dasein stellvertretend für die allgemeine Bindungsunfähigkeit der Männer? Deutet die hellbraune Farbe seines Hauses auf Diarrhö hin – oder auf die Beschissenheit des Lebens im Allgemeinen? Wollen Sie dem Leser mit der Anekdote über die Pizza Pellworm, die niemals bestellt wird, weil alle glauben, sie wäre mit Gummistiefelstückchen belegt, etwas über die allgemeine Beschränktheit der menschlichen Rasse mitteilen oder machen Sie sich einfach nur über Menschen wie mich lustig? Jetzt mal ganz im Ernst: Waren Sie überhaupt schon einmal auf Pellworm? MfG, Blaukraut“
„Frau Blaukraut“, antwortete daraufhin Andy Bonetti, „lecken sie mich am Arsch!!!“
Seitdem hat er nie wieder einen Leserbrief beantwortet.
Tocotronic – Let There Be Rock. http://www.youtube.com/watch?v=l4gWsyK5G-0

Mittwoch, 21. Januar 2015

Ungeklärte Fragen

Warum verkauft die Post ihre 62 Cent-Briefmarken eigentlich für genau 62 Cent? Damit macht sie doch gar keinen Gewinn. Wie erhält sich das Unternehmen?
Dürfen Veganer fleischfressende Pflanzen essen?
Warum wollen die Menschen immer das, was sie nicht haben? Warum haben sie denn überhaupt das, was sie haben, wenn sie doch eigentlich etwas anderes haben wollen?
Folgende Frage konnte bereits geklärt werden: Was fährt tagsüber auf der Landstraße und spielt nachts Rock’n Roll?
Antwort: Ein Auto und eine Stereoanlage.
Nein, Jürgen. Es ist nicht „Truck Stop“. Die spielen nämlich Scheiße (vulgo: Country).
Viel Wissen ist verloren gegangen. Wer weiß heute noch, was ein Dalbo ist? Ein Dalbo war ein Bauer, der wilde Gegenden wie das Saarland mit bloßen Händen urbar gemacht hat. Das war in den Zeiten, als man mit „Hashtag“ noch ein kleines Stück karierten Papiers bezeichnete. Als man noch keine App benötigte, um die nächste Toilette zu finden, sondern es einfach laufen ließ, oft mitten im Gespräch.
P.S.: Am Ende habe ich noch einen guten Rat für Sie, den mir vor vielen Jahren ein erfahrener Redakteur gegeben hat: Erst die Leerzeichen eintippen, damit der Text schon mal Struktur bekommt. Dann einfach den Platz dazwischen mit Buchstaben ausfüllen. Überschrift und Thema kommen ganz am Schluss. Klappt immer.
P.P.S.: Beste Band, die es noch nicht gibt: Nora Pollawitz und die blinden Passagiere.
The Police - Voices Inside My Head. https://www.youtube.com/watch?v=vV9JM7vMv6M

Dienstag, 20. Januar 2015

Zurück aus Berlin

A: Du warst doch in Berlin. Was gibt’s denn Neues in der Hauptstadt?
B: Nichts.
A: Gar Nichts?
B: Nö … ein Hund hat gebellt.
A: Ein Hund hat gebellt?
B: Ja, da war eine Menschenmenge. Und da hat eben ein Hund gebellt.
A: Warum waren denn da so viele Menschen?
B: Nichts Besonderes … Es gab eine Schlägerei.
A: Eine Schlägerei? Wer hat sich denn geschlagen?
B: Ein Politiker. Ein Polizist hat ihn geschlagen, da hat er eben zurück geschlagen.
A: Ein Politiker? Warum hat der Polizist ihn denn geschlagen?
B: Weil er ihn verhaften wollte. Und der Politiker hat sich gewehrt.
A: Warum wollte er denn den Politiker verhaften?
B: Er hat sich bestechen lassen. Das ist rausgekommen.
A: Ein Politiker hat sich bestechen lassen. Aber das ist doch nichts Neues.
B: Hab ich dir doch gleich gesagt, dass es in Berlin nichts Neues gibt.

Harlan A. Levey

Was wären Menschen wie ich, die gleichzeitig faul und neugierig sind, ohne das Internet? Eine Erinnerung, eine Visitenkarte und ein Notizbuch. Dann werfe ich die Suchmaschine an, der alte Motor stottert, es qualmt – und dann verzieht sich der süße Duft von kalifornischem Gras und ich sehe alles wieder ganz klar vor mir.
Er lebt inzwischen in Santa Cruz, „Surf City USA“. Und hier ist er in seiner ganzen Datenpracht zu sehen. Das Beste: Als Rasse wird „Hawaiianer“ angegeben. Der Haftbefehl von 2012:
http://sccounty01.co.santa-cruz.ca.us/SHF/SearchWarrants/Detailsview.aspx?warrantid=417931&lastname=l
Angeklagt wegen Hausfriedensbruch (California Penal Code Section 602.5). Darauf steht bis zu einem Jahr Knast. Und er ist gar nicht erst zu seiner Verhandlung erschienen (California Penal Code Section 853.7).
Es war im Sommer 1993 und wir rollten gegen Abend in Cambria ein. Route 1, Kalifornien. C. und ich kauften ein paar Flaschen Wein und checkten im billigsten Motel ein, das wir finden konnten. Der Korken der ersten Flasche ließ sich mit dem Daumen nicht eindrücken. Ich durchsuchte meine Jeansjacke nach einem geeigneten Werkzeug und fand den Schlüssel unseres Mietwagens. Beim Versuch, diesen steinharten Korken zu knacken, brach der Schlüssel ab. Der erste Tag meines Lebens in einem Mietwagen, meine erste Fernreise. Ich fluchte wie ein Sizilianer. Wir würden in dem Kaff hängen bleiben – und nüchtern waren wir auch noch!
Während ich in Schwermut und Agonie verfiel, ging C. zur Managerin des Motels, einer einarmigen Frau um die Vierzig. Sie lieh sich einen Korkenzieher und bekam auch noch die Telefonnummer des ortsansässigen „Locksmith“. Der Abend war gerettet, wir betranken uns auf dem Kingsize-Bett und am nächsten Morgen kam der Schlosser. Kostete gerade mal 3,50 Dollar. Zur Feier des Tages gingen wir in ein Restaurant, um unsere Weiterreise nach Süden mit einem opulenten Frühstück zu beginnen. Der Kellner hatte einen edlen Anzug an und war sehr freundlich. Er war braungebrannt und hatte schulterlange Haare. Wir kamen ins Gespräch und irgendwann sagte er uns, um zwölf Uhr hätte er Feierabend. Ob wir nicht Lust hätten, mit zu ihm zu kommen. Er sei eigentlich Musiker. Wir hatten ohnehin keinen Plan – außer dass wir am Ende der fünfwöchigen Reise in New York ein Flugzeug erwischen mussten – und warteten nach dem Frühstück noch eine Viertelstunde, bis sein Arbeitstag beendet war.
Als wir ihn auf dem Parkplatz trafen, hätten wir ihn fast nicht wiedererkannt. Er trug ein Batik-Shirt, abgeschnittene Jeans und Turnschuhe. Er ging zu einem VW Käfer, der aus einer Million bunter Farbtupfer bestand, und bat uns, ihm zu folgen. Ein paar Minuten später waren wir in seinem winzigen Haus, das er sich mit ein paar anderen Jungs teilte. Sein Zimmer bestand aus einem kompletten Tonstudio. Er nahm eigene Stücke auf und produzierte Jingles für die örtlichen Radiosender. Erst vor einem halben Jahr hatte man ihm die komplette Anlage geklaut, jetzt jobbte er als Kellner, um seine Schulden für das neue Equipment abzustottern. Wir tranken den ganzen Nachmittag Eistee und rauchten Gras, während er uns seine Musik vorspielte und Geschichten erzählte. Seine Visitenkarte habe ich bis heute: Harlan Andrew Levey, True Light Productions.
Als ich wieder in Berlin war, rief ich ihn an. Wir telefonierten regelmäßig und schrieben uns Briefe. Wenn morgens um sechs Uhr das Telefon klingelte, wusste ich genau, dass es Harlan war. Er schickte mir Videokassetten mit Musik, die den Titel „Surfbeat“ trugen. Zu Harlans Punkrock waren er und seine Freunde beim Surfen oder Snowboarden zu sehen. Die Tapes waren phantastisch! Da ich zu diesem Zeitpunkt bei FAB („Fernsehen aus Berlin“), ganz in der Nähe meiner Wohnung in einem Hinterhof an der Nollendorfstraße, als freier Mitarbeiter jobbte, sollte ich das Material bei irgendeinem Fernsehsender unterbringen. Ich hatte die europaweiten Exklusivrechte für True Light Productions, ich stand kurz vor meinem ganz großen Durchbruch. Echt, Mann! Aber leider wollte niemand die Bänder kaufen. Irgendwann schlief der Kontakt zu Harlan ein.
Vor zehn Jahren habe ich mal im Netz nach ihm Ausschau gehalten. Da hat er als Musiklehrer an einer kalifornischen Grundschule gearbeitet. Keiner von uns hat Karriere gemacht, aber jeder ist seinem Traum treu geblieben. Er macht Musik, ich schreibe. Heute, am 20. Januar 2015, wird dieser Mann fünfzig Jahre alt. Herzlichen Glückwunsch, Harlan!
Wir hören den “King of the Surf Guitar”: Dick Dale & The Del Tones – Misirlou. https://www.youtube.com/watch?v=ZIU0RMV_II8
Die Pulp-Fiction-Version: https://www.youtube.com/watch?v=dld8MmLbjQg

Montag, 19. Januar 2015

2006, Teil 3

Auszüge aus dem Notizbuch:
30. Oktober. In seinem Reich geht die Sonne nie auf.
Es wird viel vom „Weg“ gesprochen. Aber wer redet vom Rückweg?
Was macht Musik mit uns, wenn wir nicht wach sind?
3. November. Home is where the toilet is. Buchtitel: „Furz und Bedeutung“.
4. November. Essay „Kunst und Durst“: Während der Durst mit sogenannten geistigen Getränken gelöscht wird, verwandelt er sich in eine künstlerische Ausdrucksform.
5. November. Die Sonne macht kein Geräusch, die Stille am Morgen und im Weltall.
7. November. Wenn ich mit meinem Notebook etwas herunterlade, knistert das elektronische Lagerfeuer richtig in den Dioden, die Kiste vibriert leicht und wird warm – wie meine alte elektrische Schreibmaschine.
11. November. Ich glaube ja, dass sie Dumm-Macher ins Billigbier tun, damit das Proletariat nicht revoltiert.
12. November. Wer sich im Wasser nicht bewegt, geht unter. Wer sich auf dem Land nicht bewegt, wird gefressen. Also bleiben wir alle permanent aktiv, nur wenige finden die Autobahnabfahrt in die selig lächelnde Gelassenheit echter Untätigkeit. Gute Reise!
Seit Jahren hört man in Deutschland praktisch nichts mehr von Bankräubern und Tresorknackern in den Medien. Wo sind die Leute geblieben, die den Reichen ihren Überfluss nehmen? Das Verbrechen fällt als Korrektiv der wachsenden Ungleichheit genauso weg wie die öffentliche Kritik.
13. November. Kommen Sie in mein Museum! Sehen Sie das älteste ungespülte Geschirr der Welt!
14. November. Das Leben ist herrlich, wenn man nichts erwartet. Man freut sich, wenn die Sonne plötzlich hell zum Fenster herein leuchtet, bleibt lächelnd vor einem schönen Haus stehen oder kickt Steinchen über den Bürgersteig.
Ich sehe in die Ferne, einige Birken und Fichten sind im Dunst zu erkennen. Das machen nicht viele. Die anderen haben Fernseher.
25. November. Frauen haben Angst vor Hässlichkeit, Männer vor Schwäche. Das Alter versetzt die Frauen in Panik, die Krankheit die Männer.
26. November. Es gibt nicht nur einen „Arbeitskreis Deutscher Sauerbraten“, sondern sogar eine Sauerbraten-WM. Der menschliche Fortschritt ist praktisch nicht mehr aufzuhalten.
A: Was machst du, wenn du alleine bist? B: Ich versende telepathische Botschaften.
Jetzt, da ich begreife, verlässt mich das Glück. Als Idiot konnte ich mich immer auf glückliche Zufälle verlassen. Wissend oder unwissend sein – was ist besser?
27. November. A: Möchtest du die geheime Liebesformel wissen, willst du den Schlüssel zum vollkommenen Leben?
B: Klar.
A begann, auf einem Bierdeckel zu schreiben, und erklärte: I plus I gleich G. Wie alle großen Formeln der Menschheitsgeschichte ist auch diese Formel sehr einfach.
B: Und was bedeutet sie?
A: Idiot + Idiot = Glück.
28. November. Habe ich so etwas wie „Kultur“? Wenn ich zwischen einem Kasten Bier und einer Eintrittskarte fürs Museum wählen könnte, würde ich immer das Bier nehmen.
Der verbotene Apfel im Paradies der Bibel war vielleicht ein vergorener Apfel, der den ersten Rausch ausgelöst hat. Heute ist der Tabubruch organisiert und industrialisiert – keine Kultur ohne Stimulanz- und Rauschmittel.
Die lachenden Kindergesichter kleiner Japanerinnen in der U-Bahn.
Ich sitze allein im „Engelbecken“ am Lietzensee und lausche den Eitelkeiten der Menschen. Früher gab es wenige große Themen, heute viele viele kleine: I c h.
Ich mag den Gesang der Krähen. Das Gezwitscher der Singvögel hört sich immer an wie Handy-Klingeltöne.
29. November. Warum stehen die Todesanzeigen eigentlich im Feuilleton und nicht im Reiseteil?
Leute, die gar nichts machen, nennt man oft „Lebenskünstler“.
Habe heute Nacht von einer Kneipe geträumt, in der der Wirt kleine Löcher in die Biergläser gebohrt hat, damit die Gäste schneller trinken.
2. Dezember. Ein paar Tage in Wroclaw/Breslau. Einzelne beeindruckende Orte wie das Rathaus und seine unmittelbare Umgebung oder die Dominsel wechseln sich mit Orten unbeschreiblicher Hässlichkeit (sozialistische Nachkriegsarchitektur) ab. In den Vororten das gleiche: der Charme der heruntergekommenen Mietskasernen (Kreuzberg) und Plattenbauelend (Marzahn). So ist die Stadt: Du gehst um eine Ecke und hast plötzlich das Gefühl, etwas bräche ab, als sei die Zivilisation hier zu Ende. Man wundert sich, dass manche Ruine überhaupt bewohnt ist. Dreckige Hinterhöfe, Betrunkene am Vormittag, ziellos wandernd. An manchen Häusern sind noch die stählernen Luftschutzfenster aus dem Zweiten Weltkrieg angebracht. Schön wiederum der alte Hörsaal in der Universität, in dem die Studenten wie in einer Kirche sitzen. Die schmalen Häuser am Rynek, dem Hauptplatz der Altstadt wirken, als wären tatsächlich Märchen in ihnen geschehen. So wie die Geschichte von dem alten Mann, der nie arbeitet, trotzdem immer Geld hat und dessen Lachen überall zu hören ist. Als die Nachbarn ihn fragen, wie er das anstellt, erzählt er ihnen von einem Schatz, den er in seinem Haus versteckt hält. In der folgenden Nacht, der alte Mann trinkt gerade im Ratskeller Bier, wird sein Haus von Einbrechern durchsucht. Aber sie finden nichts. Als der Mann davon erfährt, lacht er lange und laut. Der Schatz, so erklärt er, sei unsichtbar. Nur er könne ihn sehen und etwas Geld zum Leben entnehmen. Das besondere und vielleicht einmalige an der Stadt ist, dass die Bevölkerung nach dem Krieg komplett ausgetauscht wurde. Die Deutschen mussten gehen, die Lemberger Polen übernahmen die leere Stadt. Vertriebene vertrieben andere Vertriebene. Breslau im zwanzigsten Jahrhundert ist ein Spielball totalitärer Politik, Menschen wurden zu Schachfiguren degradiert. Der Größenwahn ehemals kleiner Leute wie Stalin und Hitler.
5. Dezember. Wir entdecken keine Wahrheiten, wir erfinden Meinungen.
9. Dezember, Prag. Einsamkeit, Wandern, Trinken, Beobachten, Schreiben, Scheitern. Vorbilder: Franz Kafka, Robert Walser, Thomas Bernhard und Robert Musil. Am frühen Morgen bin ich auf dem Hradschin und habe das unfassbare Glück, alleine im Goldenen Gässchen zu sein. Ab neun Uhr fallen hier die Touristen wie Heuschreckenschwärme ein und für das Betreten der Gasse wird sogar Eintritt genommen. Kafkas Häuschen mit der Nummer 22 ist inzwischen ein Kafka-Laden, wenig später kommen zwei junge Frauen, die das Geschäft aufschließen. Ich darf eintreten und genieße sogar für kurze Zeit, während die Frauen Waren holen und hereintragen, die Einsamkeit und den Blick in den tiefen Burggraben. Das Haus besteht nur aus einem Raum und einer Kammer in Schrankgröße, es ist kaum höher als ich. In den Achtzigern war das Betreten nicht erlaubt. Dann der Veitsdom, Horden von Japanern umwogen mich. Arbeitet heute jemand in Tokio? Die strahlende Morgensonne dringt durch die farbigen Fenster und lässt selbst die Steinsäulen aufleuchten. Am Strahov-Kloser ein Bettler mit blutigen Beinstümpfen. An der Hungermauer hinab laufe ich auf die Kleinseite mit der liebenswerten Kampa und über die Karlsbrücke, auf der es zugeht wie in der Rüdesheimer Drosselgasse, zum Altstädter Ring. Die Teynkirche gebietet wie bei jeder Reise Ehrfurcht und Schweigen. Die Häuser vor ihr wirken wie ein Schutzriegel vor allem neuen und lauten. Kafkas Denkmal am Geburtshaus wird von lärmenden Reisegruppen belagert, im Inneren des Gebäudes gibt es sogar ein Restaurant, das seinen Namen trägt. Im U Vejvodu: Trinken und Schreiben. Nachmittags: Robert Walser-Ausstellung im Klementinum. „Ich erwarte, verlange ja im Grunde vom Leben nichts“, schreibt er. Eine Stunde lang bin ich der einzige Besucher. Schön ist der Nachbau des winzigen Mansardenzimmers, in dem er gelebt hat. Am nächsten Morgen stehe ich dreißig Minuten ganz allein an Kafkas Grab. Es ist wie eine Meditation. Ich beschließe, meine eigene Verbindung von Sinn und Genuss bis zur Neige auszukosten: Leben und Schreiben, bis auch dieses Menschenleben zu Ende gelebt ist. Später sitze ich in der Altneusynagoge, ein karges Wohnzimmer, das schon viel erlebt haben muss. Menschen sitzen hier und schreiben, also tue ich es ihnen gleich und sitze ein Weilchen mit einer bescheuerten blauen Plastik-Kippa in der Ecke hinter der Tür. Anschließend trinke ich in einer Vorortkneipe, wo sich die Mittagstrinker offenbar alle gegenseitig kennen, köstliches Gambrinus.
11. Dezember. Bernhards „Kalkwerk“: Der zwanghafte Kampf um Ruhe als Ursache der Unruhe. Vollkommene Stille als Voraussetzung der Arbeit. Geräusche eliminieren, indem die Geräuschquellen eliminiert werden.
12. Dezember. Ein Fenster ging ein Haus suchen.
31. Dezember. Natürlich gibt es ein Leben nach dem Tod, aber man sollte die Sache nicht egoistisch betrachten. Es ist das Leben der Anderen.
Queen - Seven Seas of Rhye. https://www.youtube.com/watch?v=P1j-6vRykFs

Sonntag, 18. Januar 2015

Exklusiv: Merkel tritt zurück!

2006, Teil 2

Auszüge aus dem Notizbuch:
20. Juni. Fußballweltmeisterschaft, am Brandenburger Tor geht es zu wie in Woodstock. Selbst in Kreuzberg hängen schwarz-rot-goldene Fahnen, wo sonst nur Revolutionsflaggen zu sehen sind. Die Stimmung war nur beim Fall der Mauer 1989 besser. Trotzdem bleibt der Berliner ruhig. Als ein arabischer Jugendlicher aufmunternd „Ihr seid Deutschland“ in die Menge ruft, kommt als Antwort: „Ick bin arbeitslos.“
25. Juni. Phußball und Filosophie: Der Ball ist unstet, er springt mal hierhin, mal dorthin. Und alle Leute laufen ihm besinnungslos hinterher. Die Weltmeisterschaft ist wie eine Betäubungsspritze: real, irreal, scheißegal.
9. Juli. Was einfach ausgedrückt wird, bleibt erhalten, denn das Einfache kann nicht vernichtet werden, weil es eben jeder versteht. Alles Komplizierte kann dagegen sehr leicht zerstört werden.
22. Juli. Die besten Texte der Menschheit sind bereits geschrieben, sie sind da draußen, aber sie sind noch nicht geborgen. Niemand kümmert sich um sie, die Medien sind blind für diese Texte. Nicht jeder Autor ist ein guter Selbstvermarkter oder hat Fürsprecher.
24. Juli. Ich bin so arm, selbst die Fliegen haben mich gestern verlassen. Viel Glück!
25. Juli. Flussgeschichten: Herr L. erwachte in einem kleinen Boot. Zunächst fand er die beiden Ruderhölzer und begann zu rudern. Bald hörte er den Wasserfall, auf den er zu trieb. Da erkannte er, dass rudern sinnlos war. Daraufhin begann er, den Wasserfall und alles Wasser zu verteufeln und sich die Zustände an beiden Ufern paradiesisch vorzustellen. Schließlich wurde er tief religiös und erkannte die Ursünde als Ursache für das Unvermeidliche. Herr M. erwachte ebenfalls in einem Boot, blinzelte träge in die Sonne und blieb einfach liegen. Die Reise war die gleiche.
29. Juli. Meine Handschrift ist in Hollywood zu sehen, wenn es z.B. um Abschiedsbriefe geht. Ich bin ein Stunt-Schreiber.
8. August. Niemand will arm sein. Warum eigentlich nicht?
Es gibt zwei Typen von Menschen: Selbstmörder und Amokläufer.
Derzeit lese ich Robert Walser, ein Träumer wie Kafka, der seinen Traum vom Scheitern Wirklichkeit werden ließ. Ein naiver Nichtsnutz – was wäre uns nicht alles erspart geblieben, wenn es mehr von seiner Sorte gegeben hätte.
Mutig und ängstlich zugleich sein: Die Angst steigert die Empfindungsfähigkeit, der Mut die Ausdrucksfähigkeit.
14. August. Mein vierzigster Geburtstag, jetzt kommt das Wochenende meines Lebens. Ich hatte nie einen Plan für die Zeit danach, denn ich hatte nie erwartet, so alt zu werden. Andere reden von ihren nächsten Projekten, ich habe mit allem abgeschlossen wie ein Sterbenskranker.
15. August. Fußballer sehen in Fernsehzeitlupen oft bescheuert aus, vor allem beim Kopfball. Wie wir wohl manches Mal in Zeitlupe aussehen würden? Beim Essen, beim Lachen usw.?
Die Fische hatten mit der Sintflut kein Problem.
16. August. Die kleinen Augenblicke des Glücks sind in die Zeit eingestreut wie funkelnde Diamantsplitter. Diesen Aphorismus widme ich Gisela Neumond-Barschhacke.
21. August. Wenn ich jetzt auch noch zu faul zum Atmen wäre, gäbe es ein Unglück.
22. August. Das selbstbewusste Dehnen und Strecken in einem frisch bezogenen Bett, wohlig vom Duft der Sauberkeit betäubt. Oder sich zusammenrollen in einer finsteren, feuchten und kalten Ecke. Schon im Augenblick des Einschlafens gibt es gewaltige Unterschiede zwischen den Menschen.
23. August. Was mir alles in den wenigen Sekunden einfällt, während ich den Wohnungsschlüssel aus der Hosentasche ziehe: meine von einem Platzregen tropfnassen Haare mit einem Handtuch trockenrubbeln, die eingekauften Lebensmittel im Kühlschrank deponieren, nach dem umfangreichen Mittagessen ein kleines Nickerchen machen, später dann eine Flasche Wein öffnen usw. – und dann ist mir tatsächlich zum ersten Mal in meinem Leben der Schlüssel im Türschloss abgebrochen. Zwei Stunden habe ich auf den Schlüsselnotdienst gewartet. Hätte ich doch wenigstens die Weinflasche öffnen können!
26. August. Was können wir von erfolgreichen Verbrechern lernen? Stichworte: Projektarbeit, Personalauswahl, Organisation, Vertrauen, Präzision, Erfolgsdruck, Flexibilität, Tarnung, Flucht, Täuschung. Analog: Was können wir von Kindern, Naturvölkern oder Geisteskranken lernen?
1. September. Reichtum stumpft ab, Armut fördert die Aufmerksamkeit. Für einen Reichen, der alles haben kann, ist nichts wirklich wertvoll, für einen Armen ist alles kostbar.
2. September. Seit Wochen der zermürbende Lärm einer Baustelle gegenüber meiner Wohnung, Montag bis Samstag ab sieben Uhr morgens. Hammerschläge, Bohren, das Klappern aufeinander fallender Holzlatten, das Rauschen abgekippten Schutts, das helle Kreischen einer elektrischen Säge und ganz besonders schön der unglaubliche Krach der Presslufthämmer und Dampframmen.
3. September. Er kam sich vor wie eine Ameise, die versucht, den Ku’damm zu überqueren.
4. September. In der Natur wirken unterschiedliche Kräfte, die der Zersetzung und Zerstörung des Bestehenden dienen. Es gibt einzelne Ereignisse ungeheurer Tragweite wie Meteoriteneinschläge oder Flutwellen, es gibt begrenzte Zeiträume negativer Entwicklung wie Dürreperioden oder Eiszeiten – und es gibt die zeitlose schleichende Erosion durch Regen und Wind. Manchmal sind es die weniger auffälligen Phänomene und Veränderungen, auf dich sich unser Blick richten sollte: die unsichtbare Erosion der Gesellschaft. Es sind nicht Terroristen oder Tsunamis, die unsere Zivilisation bedrohen, sondern das alltägliche Vergehen des Gemeinwesens in der schleichenden Spaltung, Verblödung und Vergreisung.
5. September. Die Schleimigkeit und Wurstigkeit des modernen Erwerbsmenschen.
9. September. Gott bringt es auf etwa 55 Millionen Einträge im Internet, ich nur auf tausend. Diese Welt ist einfach ungerecht.
18. September. Google-Suchbegriffe ohne Treffer: Himmelarschsackzement, Rotkrautrülpser, Vorstadtarschloch, Blutwurstvisage. Noch mehr Wissen: Der Begriff „Gammler“ leitet sich vom althochdeutschen „gaman“ (=Lust) ab.
17. Oktober. Dir wurde das Leben geschenkt, du hast nicht danach gefragt. Also frag auch nicht nach dem Tod, genieße das Leben wie Geld, das du auf der Straße gefunden hast. Gestern sah ich in Schöneberg eine bewusstlose Frau auf der Straße liegen, den Kopf in einer riesigen Blutlache. Sanitäter und Schaulustige waren bereits da, Aluminiumfolie war über ihrem Körper ausgebreitet, die in der Sonne glänzte. Alles wirkte so unwirklich, als wären es Filmdreharbeiten, an denen man in Berlin so oft vorbei kommt. Heute lese ich, dass die Frau gestorben ist, direkt an der Friedhofsmauer von St. Matthias in der Monumentenstraße.
19. Oktober. Man rächt sich für das Ferne immer am Naheliegenden.
29. Oktober. Ergebnis eines Selbstgesprächs: Ich bin immer noch interessanter als das Fernsehen. Aber mein Schiff segelt an einer Grenze, links die tiefen schwarzen Gewässer der Müdigkeit, rechts die klaren grauen Gewässer der Nüchternheit.
Osten: Land der aufgehenden Sonne. Westen: Land der untergehenden Träume.
Der süßliche, schwere Geruch des bevorstehenden Todes, der aus dem geöffneten Fenster eines Altersheims strömt.
Das sympathische Nicht-vorwärts-kommen-WOLLEN, der Zauber der Resignation – das zeichnet Wien und Berlin gleichermaßen aus.
Man kann aufsässig sein, weil man Hoffnung auf die Verbesserung seiner Lage hat. Man kann aber auch ohne Hoffnung aufsässig sein. Der sinnlos gewordene Trotz ist der letzte Kampf.
Blur - Song 2. https://www.youtube.com/watch?v=SSbBvKaM6sk

Samstag, 17. Januar 2015

2006, Teil 1

Auszüge aus dem Notizbuch:
10. Januar, Berlin. Ich kenne persönlich Menschen, die waren so besoffen, dass sie am nächsten Tag ihre TV-Fernbedienung im Kühlschrank wiedergefunden haben. Oder sie fanden sich selbst ohne Schuhe auf der Straße wieder, ohne sich an die Stunden zuvor erinnern zu können.
18. Januar. Unser Denken kommt keinen Augenblick zur Ruhe, die Gegenwart ist eine rasende Flipperkugel.
9. Februar. Mein Großvater war ein unglaublicher Trinker. Ich erinnere mich, wie ich ihn als Kind vom Fenster aus beobachtete, während er die hundert Meter von der Dorfkneipe zu unserem Haus hinter sich brachte. Er schwankte schwer, breitbeinig und wie blind tastend torkelte er die schmale Gasse entlang. Manchmal mussten ihn auch zwei starke Männer nach Hause tragen – und das war erst der Vormittag. Am Nachmittag wiederholte sich diese Prozedur. Keinen Tag ließ er aus, ein Mann mit Prinzipien.
3. März. E. wird wegen seiner miesen Pointen in mehreren Ländern steckbrieflich gesucht.
4. März. Wer trinkt, verliert sein Gedächtnis. Also schreiben viele Trinker. Nicht um zu vergessen, sondern um sich an etwas zu erinnern.
6. März. Heute gab es bei McDonald’s vergünstigte Bahnfahrkarten und so ging ich zur nächstgelegenen Filiale an der Tauentzienstraße. Ausgerechnet diese Filiale wurde offenbar vom Management für die Medien freigegeben, denn es warteten Viertel vor Acht nicht nur ein Dutzend Kunden, meistens Rentner, sondern ebenso viele Kamerateams. Endlich konnte ich einmal sämtlichen großen Fernsehsendern ein Interview verweigern wie ein Filmstar. Als um acht Uhr die Türen geöffnet wurden, ging ich in ein Blitzlichtgewitter und durch ein Spalier von Kameras wie ein frisch gewählter Bundeskanzler. Ich stellte mich an einer der fünf Kassen an – genau die, die nicht funktionierte. Nach quälenden Minuten des Wartens, in denen ich registrierte, dass weder Burger fertig waren noch die Fritteuse in Betrieb war (ich hätte etwas zu essen bestellen sollen, dann hätte ich den Laden vor der ganzen Presse blamiert), hatte ich endlich meine Tickets. Auf SAT 1 sah man mich abends in den Nachrichten: beim Schlangestehen, beim Reingehen, beim Bezahlen. Und später auch noch auf Pro7. Danke!
11. April. Plötzlich bin ich nicht mehr einer der vielen Bekloppten und Gescheiterten in dieser großen Stadt, sondern „Suhrkamp-Autor“. Unter diesem Label macht plötzlich alles einen Sinn: der Suff, der Schmutz, die Tage im Bett. Ja, so leben Schriftsteller eben. Das ist exzentrisch, nicht asozial! „Er hielt, wie viele damals, einen Autor kaum für etwas Besseres als einen Hanswurst, Windbeutel, Trunkenbold oder Spaßmacher nach Art eines Seiltänzers“ (Gontscharow im „Oblomov“). Viele stellen sich dieses Schriftstellerleben ganz einfach vor, aber die Zeit zwischen Verkatert-Sein und Besoffen-Sein ist knapp bemessen!
12. April. Letzter Satz einer Diskussion, die ich bei einem Nickerchen träumte: „Nichts wirklich Anziehendes hat seine Wurzel in der Materie.“
14. April. Die Beute überrascht den Jäger im Schlaf. Noch ehe er vollständig wach ist, hat sie ihre spitzen Zähne tief in das warme Fleisch seines Halses geschlagen.
15. April. Warten und Erwarten erzeugen Langeweile. Wer nichts erwartet, kann jeden Augenblick genießen.
16. April. Das Gehirn ist zur Lösung kleiner überschaubarer Aufgaben gemacht, nicht für große Gedanken. Kann sich jemand sein gesamtes eigenes Wissen vorstellen? Das gelingt so wenig wie die Vorstellung, eine Million Menschen seien in einem Krieg oder einer Hungersnot umgekommen. Alles Große sprengt unsere Vorstellungskraft und verflüchtigt sich ins Abstrakte, in die Dämonenwelt der Zahlen.
17. April. Die Schönheit der Ruinen, die sie ihrer Nutzlosigkeit verdanken. Die Ruine als Idealbild der Muße. Unsterbliche Botschaft, sterbender Bote.
19 April. Aus dem Logbuch der Realität, geschrieben bei acht Glasen: Die einzige Macht, die einzige Autorität, die der Pirat anerkennt, ist der Tod. Keine Regierung, keinen Gott. Daher die Piratenflagge mit Totenkopf und gekreuzten Knochen.
17. Mai. Gegen sechs Uhr morgens wurde die Stadt Wolfsleben angetrieben. Langsam drückten sich ihre ersten Häuser gegen die hölzernen Bootsstege am Ufer, die schließlich, nachdem sie wie gequält geklungen hatten, krachend zerbarsten. Wenig später saß sie endgültig und ein wenig schief auf dem Strand fest. Wir rieben uns verwundert die Augen, in den angeschwemmten Häusern wurden die ersten Fenster geöffnet. Nach einer Weile öffnete sich auch eine Tür, ein Mensch trat heraus und fragte, wo er denn sei. Die Stadt musste sich nachts losgerissen haben und wurde offenbar von der Strömung hierher getrieben. Wir waren alle ein wenig ratlos.
18. Mai. Suchen bringt Segen, Finden Fluch.
Der Papst nennt sich jetzt TAFKAR: The Artist formerly known as Ratzinger.
22. Mai. An dieser Stelle könnte der Text enden. Aber der Text endet nicht, das Selbstgespräch, die Selbstbeschimpfung enden nicht. Es geht weiter. Solange Blut durch diese Adern und Tinte durch diesen Stift fließen, geht es weiter. Das Wort „Ende“ wird eine völlig neue Bewertung, nein: eine abschließende und endgültige Neubewertung erfahren, mit diesem Wort wird buchstäblich alles vorbei sein. Ich werde mich Jonathan von und zu Ende nennen, wenn es vorbei ist, wenn der letzte Satz geschrieben ist. Ungeheuerlicherweise ist es jetzt fünf Uhr morgens, es ist Montag. Eigentlich fängt alles gerade erst an. Hier endet also nichts, gar nichts werde ich hier beenden. Ganz im Gegenteil beginnt hier etwas, eine neue Textform wird geboren, die Negation des Endes, das Ende des Endes wird hier erschaffen. Jeder Text soll zukünftig in diese Endlosigkeit, in diese Unendlichkeit münden, sich in sie ergießen wie ein Fluss ins Meer, nicht aufhören, sondern aufgehen im Strom der Erzählung, in der offenen See des Erzählens. Ein solches Ende ist eine neue Gestaltungsform und wahrlich diesen ersten Schluck Wein wert, der die Woche einleitet.
30. Mai. Dieser Satz eines vierjährigen Mädchens ist ein gutes Beispiel für magischen Realismus: „Der Flaschenöffner ist ein nützliches Haustier.“
11. Juni. Sehr sympathisch ist das Motto auf der brasilianischen Flagge: Orgien und Prosecco.
Beck – Loser. https://www.youtube.com/watch?v=YgSPaXgAdzE