Sonntag, 21. Dezember 2014

Bodo von Buckelschreck

Er hatte seine Freundin in einem Geschäft mit dem schönen Namen „Wurzelglück“ kennengelernt, in dem sich die Veganer seiner Kleinstadt trafen. Sie standen beide vor einem Regal voller Gläser mit Brotaufstrich, als sich ihre Blicke begegneten. Linsencreme, Olivenpaste und Hanfaufstrich mit Kräutern waren mit einem Mal vergessen. Bodo hatte noch nicht einmal die Größe eines Hobbits, aber Sarah musste zu ihm aufschauen. Sein schütterer Abiturientenbart und seine schwarzen Locken gaben ihm etwas Verwegenes, Piratenhaftes. Sie erinnerte ihn mit ihren wasserhellen Augen und dem langen Haar an eine Elbenprinzessin.
Sie sprachen ein wenig über ihre Einkäufe, über Kresse und Sojamilch, lobten das veganeske Lebensmittelgeschäft von Pauline und Friedemann Schober, dann gingen sie noch auf einen koffeinfreien, laktoselosen Latte Macchiato ins Bio-Café „Petersilienstübchen“. Bodo erzählte er ihr von seiner Arbeit als Professor an der Fachhochschule Runkel. Wenn er nicht unterrichtete, saß er in seinem Arbeitszimmer, las Fachzeitschriften und arbeitete an seinen Publikationen. Frühmorgens und abends fuhr er mit dem Fahrrad durch den Taunus oder den Westerwald, er wanderte durch die nähere Umgebung und kannte jeden Feldweg im weiten Umkreis. Er trank nur selbstgemixte Smoothies und Früchtetee, Obst, Gemüse und selbstgebackenes Dinkelbrot bildeten den Grundstock seiner Ernährung. Er rauchte nicht, trank keinen Alkohol und hatte keinerlei Erfahrung mit Drogen.
Das alles gefiel Sarah Kurewka. Bodo war Mitte Dreißig, Beamter mit sicherem Einkommen und Pensionsberechtigung, lebte in seinem Elfenbeinturm und hatte keinerlei Erfahrung mit Frauen. Er war eine reife Frucht, die nur gepflückt werden musste. Sarah arbeitete halbtags als Arzthelferin in einer Tierarztpraxis und wohnte in einer kleinen Dachgeschosswohnung in der Nähe des Bahnhofs. Sie hatte drei Kinder von drei verschiedenen Vätern, die alle keinen Unterhalt zahlten. Einer reiste als Clown mit einem Wanderzirkus durch Bulgarien und Rumänien, einer war Hartz IV-Empfänger und einer wurde im vergangenen Jahr abgeschoben, nachdem sein Asylantrag abgelehnt worden war. Bodo war die perfekte Ergänzung ihrer Familie. Sie hatte ihn am Haken, das spürte sie. Nun musste der Fang nur noch an Land gezogen werden.
Langsamkeit ist der Schlüssel zu erfolgreicher Folter. Chinesische Foltermeister können einen Tod bis zu sieben Tage hinauszögern. Lingchi – schleichender Tod. Sarah hatte diese Fähigkeit zur Vollkommenheit gebracht. So wie bei der Bambusfolter die Sprossen der Pflanze den Körper des Opfers allmählich durchdringen und lebenswichtige Organe durchbohren, arbeiteten sich ihre Einflüsterungen ins Bewusstsein des Professors vor. „Meine Freundin fand dein Rezept für Auberginenauflauf übrigens total super“. „Ich habe dein Buch gelesen“. „Du bist ein unglaublich sensibler Mann“. „In dem schwarzen Jackett hast du bei der Podiumsdiskussion echt klasse ausgesehen“. „Ich fahre so gerne Fahrrad, du musst mir unbedingt deine Lieblingsstrecke im Westerwald zeigen“. „Du kannst so toll mit Kindern umgehen“. „Lasst uns alle zusammen in die Hundertwasser-Ausstellung gehen“. „Du bist so zärtlich, ich fühle mich echt wohl bei dir“. „Ich möchte mit dir gemeinsam alt werden“. „Mit dir kann ich meine Träume verwirklichen.“ Er konnte diesen Sirenengesängen nicht lange widerstehen. Nach einem Jahr lebte sie mit ihren Kindern in seinem Haus.
Bodo merkte bald, dass er in der Falle saß. Er hatte sich auf seinen ökonomischen Sachverstand, auf seine Fähigkeit zu kühler Berechnung einiges eingebildet. Aber jetzt hatte er für eine ganze Familie zu sorgen, für Kinder, deren leibliche Väter – zumindest zwei von ihnen – gelegentlich vorbei kamen, und auch für die weitläufige Verwandtschaft von Sarah. Ihre beiden jüngeren Brüder hatten ihn Deutschland noch nicht recht Fuß gefasst und suchten Arbeit, der Rest der Familie lebte in Polen an der ukrainischen Grenze, im Marktflecken Brodawka. An Arbeit war in seinem Haus nicht zu denken und so blieb er oft länger in der Fachhochschule, um an seinen Fachaufsätzen und Büchern zu schreiben. Die Kollegen, die meistens nur an zwei oder drei Tagen in der Woche anwesend waren, begannen sich über ihn lustig zu machen. Aber in den Semesterferien wurde es schwierig, einen guten Grund zu finden, um das Haus zu verlassen. Sarah wurde eifersüchtig, weil sie eine Affäre hinter seiner Heimlichtuerei vermutete. Arbeiten konnte er schließlich auch zu Hause. Sie war misstrauisch, schließlich war sie bereits dreimal sitzen gelassen worden. Und wenn die Kinder in dieser Zeit Schulferien hatten, musste Bodo ohnehin zu Hause bleiben und auf sie aufpassen.
Der kleine Professor fand jedoch Trost in der Musik. Sie war, neben seiner Arbeit und dem Sport, seine dritte Leidenschaft. Bodo spielte Keyboard in einer Band, die sich auf Cover-Versionen von Bands wie Modern Talking oder den Backstreet Boys spezialisiert hatte. Aber sie spielten auch „Atemlos“ von Helene Fischer oder Sarahs Lieblingslied „Zombie“ von den Cranberries. Da er keinen Alkohol trank, musste er den Bandbus fahren. Da er Sport machte (Free-Climbing, Nordic Walking, Mountain-Biking), musste er beim Aufbau die schweren Teile des Equipments tragen. Da er Professor war, musste er sich um die Technik kümmern. Da er ein Klugscheißer war, kümmerte er sich auch um die Buchhaltung, machte die Auftrittstermine klar, sprach mit dem Veranstalter und war der Kassenwart. Chef der Band war ein drei Zentner schwerer Leadsänger namens Manfred, der eine Gerüstbaufirma hatte. Obwohl Bodo nur das Omegatierchen der Band war, machten ihn die Proben und Auftritte trotzdem glücklich.
Bis eines Tages ein Bruder von Sarah auf einem Konzert auftauchte. Es war das jährliche Volksfest von Runkel und die ganze Stadt war auf dem Festplatz und in den Weinzelten versammelt. Marek, ein grobschlächtiger unfrommer Geselle, hatte am Morgen erfahren, dass er nach seiner Probezeit als Hilfsarbeiter in einer Baustoffhandlung nicht übernommen werden würde. Bodo hatte seinem Schwippschwager bereits zwanzig Euro gegeben, als er mit seinen Kollegen von „Drachenreiter“ das Schlagzeug und die PA auf die Bühne geschleppt hatte.
Als Mareks Freunde auftauchten, spielte die Band schon und er hatte das Geld vollständig in Glühwein umgesetzt. Die ortsbekannten Rabauken lungerten meistens in einer Rockerkneipe namens „Bones & Pain“ herum. Sie hatten ein paar Flaschen Weinbrand dabei, stellten sich vor die Bühne und forderten laut grölend „Highway to Hell“ von AC/DC. Marek hatte ein breites pausbäckiges Gesicht mit einer platten fleischigen Nase und riesigen Lücken zwischen den grauen Zähnen. Bodo erkannte den betrunkenen Hünen mit der Eintracht-Frankfurt-Kutte in der Menge und zu seinem Entsetzen versuchte Marek nun, zu ihm auf die Bühne zu klettern.
Offenbar wollte er ihm seinen Musikwunsch persönlich mitteilen. Der Bassist stellte sich vor ihn an den Bühnenrand, aber Marek drückte ihn nur unwillig beiseite. Manfred kündigte derweil am Mikrophon ungerührt das nächste Lied an: „Cheri, Cheri Lady“. Da traf ihn eine Schnapsflasche am Kopf, er taumelte und kippte nach vorne ins Publikum, das jedoch in Sachen Stagediving ungeübt war und eilig Platz für den herabstürzenden Leib des Sängers machte. Schlagartig war es still auf der Bühne und auch auf dem Festplatz. Man hörte nur noch Mareks laute Stimme, als er zum Keyboarder sagte: „Bodo, du bist mein bester Freund. Mach doch mal was von Metallica!“
Fortsetzung folgt.
Ultravox – We came to dance. https://www.youtube.com/watch?v=jj5pcbDJClE

Kommentare:

  1. Hier spricht der Vater des zweiten Kindes. Sobald die elende Schlampe den Trottel heiratet geh ich wieder einer geregelten Tätigkeit nach. Ich werde keinen cent zuviel an diese Körnerfresserin zahlen!!1!!!!!

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    1. Ich schätze mal, dass er sie heiraten muss, wenn sie von ihm schwanger ist ;o)

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