Freitag, 15. Mai 2015

Lagergeschichten

“One grain of luck sometimes worth more than whole rice field of wisdom.” (Charlie Chan at the Circus)
Ich gehöre ja noch zu der Generation, die von ihren Erziehungsberechtigten Geschichten aus dem Krieg und aus der Kriegsgefangenschaft zu hören bekommen hat. Ich weiß nicht, was heutige Eltern ihren Kindern erzählen. Horrorstorys vom großen Stromausfall bei IKEA in Pirmasens 1999? Darüber hat Prince übrigens ein Lied geschrieben, aber das nur nebenbei.
1945. Der Vater eines Freundes gerät als Siebzehnjähriger in russische Kriegsgefangenschaft. „Volkssturm“: alle Männer zwischen 16 und 60 werden am Ende eingezogen und bewaffnet, während sich die Profi-Soldaten absetzen. Der Teenager verdankt sein Leben der Musik. Er kann Ziehharmonika spielen. Jeden Abend, jede Nacht spielt er für die feiernden russischen Wachmannschaften. Sie füllen ihn mit Wodka ab. Er geht regelmäßig kotzen, kommt zurück in die Baracke und spielt weiter. So überlebt er den Krieg, genauer gesagt: die lange Gefangenschaft nach einem Krieg, der für ihn sehr kurz gewesen ist. Dann läuft er tausend Kilometer nach Hause.
1947. Er erzählt den zuständigen Behörden, er habe Abitur, sein Zeugnis sei aber in den Kriegswirren verloren gegangen. Er wird zum Studium der Architektur zugelassen und arbeitet später als freier Architekt für die evangelische Kirche. Er baut jahrzehntelang Kirchen und Gemeindezentren. Er gründet eine Familie und baut ein Haus. Neulich habe ich ihn mal wieder getroffen und wir haben miteinander angestoßen.
1945. Der Freund meiner Mutter gerät ebenfalls in russische Kriegsgefangenschaft. Auch er ist ein Jugendlicher gewesen, der allein unter fremden Männern überleben will. In seinem Kriegsgefangenenlager ist er „der Uhrmacher“. Die Russen haben im Krieg deutsche Armbanduhren erbeutet, auf die sie sehr stolz sind. Aber die Uhren bleiben immer wieder stehen. Keiner von ihnen weiß, dass man sie regelmäßig aufziehen muss. Also bringen sie die Uhren zu dem jungen Mann, der von sich behauptet, bei einem Uhrmacher gearbeitet zu haben. Er nimmt die Uhren mit in seine Baracke. Dort zieht er sie auf und bringt sie dann den Russen zurück. Sie sind glücklich über die „reparierten“ Uhren und er bekommt genügend Nahrungsmittel. Er bekommt sogar so viel, dass er sie mit den anderen Gefangenen in seiner Baracke teilen kann. Eines Tages droht ein älterer „Kamerad“, der neidisch auf ihn ist, sein Geheimnis an die Russen zu verraten. Schließlich könnten sie ja auch alle selbst ihre Uhren aufziehen. Mit dieser Information hofft der „Kamerad“, beim Wachpersonal punkten zu können. Josef, der Freund meiner Mutter, beschwört ihn, das Geheimnis des Uhrmachers zu bewahren. Schließlich bekämen sie ja auch alle Extrarationen wegen seiner bemerkenswerten technischen Fähigkeiten. Auch er überlebt die Lagerhaft. Er läuft wochenlang, bis er endlich wieder in Deutschland ist.
1947. Im Rheingau findet er Arbeit und bleibt dort bis an sein Lebensende. Er wird Vertreter für Farbspritzpistolen, die er an Handwerksbetriebe verkauft, gründet eine Familie, baut ein Haus, wird geschieden und fährt einen nagelneuen Ford Granada, als er meine Mutter nach ihrer Scheidung kennenlernt. Er war fünf Jahre lang mein „Onkel“ und hat niemals über die Unannehmlichkeiten und Unbequemlichkeiten der modernen Welt geklagt. Allerdings hat er auch nicht mehr die Rhabarberschorle und den Selfie Stick erlebt.
P.S.: Etwa 11,5 Millionen Deutsche waren 1945 in Kriegsgefangenschaft. Meinen Opa hat es damals als vierzigjährigen Arbeiter eines „kriegswichtigen“ Bergwerks auch noch erwischt: 14 Tage „Soldat“ kurz vor der Kapitulation, eineinhalb Jahre POW in Cherbourg, Frankreich. Es blieb sein einziger Auslandsaufenthalt. Mein anderer Opa hatte nicht so viel Glück. 1943 wurde er von einem russischen Scharfschützen erschossen.
Woody Guthrie - Tear the fascist down. https://www.youtube.com/watch?v=jKVnur5DkdI
There's a great and a bloody fight 'round this whole world tonight
And the battle, the bombs and shrapnel reign
Hitler told the world around he would tear our union down
But our union's gonna break them slavery chains
Our union's gonna break them slavery chains
I walked up on a mountain in the middle of the sky
Could see every farm and every town
I could see all the people in this whole wide world
That's the union that'll tear the fascists down, down, down
That's the union that'll tear the fascists down
When I think of the men and the ships going down
While the Russians fight on across the dawn
There's London in ruins and Paris in chains
Good people, what are we waiting on?
Good people, what are we waiting on?
So, I thank the Soviets and the mighty Chinese vets
The Allies the whole wide world around
To the battling British, thanks, you can have ten million Yanks
If it takes 'em to tear the fascists down, down, down
If it takes 'em to tear the fascists down
But when I think of the ships and the men going down
And the Russians fight on across the dawn
There's London in ruins and Paris in chains
Good people, what are we waiting on?
Good people, what are we waiting on?
So I thank the Soviets and the mighty Chinese vets
The Allies the whole wide world around
To the battling British, thanks, you can have ten million Yanks
If it takes 'em to tear the fascists down, down, down
If it takes 'em to tear the fascists down
Woody Guthrie - House of the rising sun. https://www.youtube.com/watch?v=UlbLs_bvimU