Montag, 18. April 2016

Der Verlust

„Ihr seid mit Zahlen bewachsen, ihr wimmelt von Zahlen wie von Läusen. Man muss alles von euch herunterreißen und euch nackt in die Wälder jagen.“ (Jewgenij Samjatin: Wir)
Sie strich sich eine Strähne hinter das Ohr. Der neue Wet-Look passte wirklich ausgezeichnet zu ihrem hellblauen Kaschmirpullover. Ein kristallklares Bild, der handgeschliffene Spiegel war jeden Cent der dreitausend Dollar wert, die sie für ihn bezahlt hatte.
Sie drehte sich um und folgte dem Architekten, der von der Wärme der Steingutfliesen und der apricotfarbenen Wände schwärmte, durch den Flur.
„Und das ist Ihre Küche. Kochinsel aus Eichenholz, die neuesten Geräte und komplett ausgestattet.“
Er öffnete einen Schrank und zeigte ihr die glänzenden neuen Töpfe und Pfannen.
„Denken Sie nur mal daran, wie es hier noch vor zwei Monaten ausgesehen hat. Der dreckverkrustete Herd, der Gestank, das Ungeziefer.“
Sie war im ersten Moment entsetzt gewesen. Die ganze Wohnung hatte einen verwahrlosten Eindruck gemacht, das Mobiliar war eine Ansammlung von Sperrmüll. Aber Mister Jones hatte die Dinge für sie geregelt. Hatte die Haustür ausgehängt und den nasskalten Winter in Vancouver seine Arbeit machen lassen. Hatte regelmäßig Strom und Wasser abgestellt und den Bewohnern ihre Kündigungen zustellen lassen. Persönlich von zwei sportlich aussehenden Mitarbeitern. Mehrfach.
Der alte Mann war schließlich ausgezogen. Alkoholiker. Hoffnungsloser Fall. Er hatte keine neue Wohnung gefunden und lebte inzwischen in einem Obdachlosenasyl.
„Und hier machen wir den Durchbruch. In der Nachbarwohnung nehmen wir alle nichttragenden Wände heraus. Das wird ein riesiges Wohnzimmer. Von dort wird eine Wendeltreppe in den ersten Stock führen.“
Hier hatte eine alleinerziehende Mutter gewohnt. Das Sozialamt hatte ihr und den zwei Kindern eine neue Bleibe in einem Hochhaus am Stadtrand vermittelt.
„Welche Idee haben Sie für das Badezimmer?“ fragte sie den untersetzten Endvierziger mit dem Pferdeschwanz. Seine himbeerfarbene Trinkernase erinnerte sie an die Farbe des Merlot, den er so gerne trank.
„Aus einer der oberen Wohnungen machen wir einen kompletten Spa-Bereich mit Whirlpool und Sauna. Aus der anderen Wohnung ein Schlaf- und ein Ankleidezimmer.“
„Ist denn genug Platz für alles vorhanden?“
Sie sah ihn misstrauisch an, und in diesem Augenblick hatte er den Eindruck, als habe sich eine lebenslange Kränkung tief in ihre Gesichtszüge eingegraben.
„Keine Sorge. Wir werden das Treppenhaus miteinbeziehen. Das brauchen wir ja nicht mehr, wenn wir aus vier Wohnungen eine einzige machen. Dann kommen wir auf über zweihundert Quadratmeter Wohnfläche.“
Sie schaute aus dem Fenster. Die Sonne schien durch die Baumkronen und warf ein Schattenmuster auf den Rasen, mit dem der Wind spielte. In der Ferne sah man das Meer.
„Wie geht es im Garten voran?“
Auf der Stirn des Architekten bildeten sich wellenförmige Sorgenfalten.
„Wir haben beim Ausschachten für den Pool Menschenknochen gefunden. Keine Sorge. Hier wurde kein Verbrechen begangen. Die Knochen sind uralt. Offenbar war hier ein Indianerfriedhof. Leider haben es die Nachkommen des Stammes irgendwie mitbekommen.“
„Wir konnte das passieren?“ Sie war entsetzt. Das klang nach Ärger.
„Das wissen wir auch nicht. Es war auf keiner Karte verzeichnet. Sie wollen uns verklagen.“ Er schwitzte wie ein übriggebliebenes Käsebrötchen in einer Mensa-Vitrine.
„Haben Sie schon mit meinem Rechtsanwalt gesprochen?“ Sie hatte vor acht Jahren zum letzten Mal gelacht und sich dabei einen Gesichtsmuskel gezerrt.
„Ja, Mister Jones hat ihn gleich angerufen. Er meinte, es liefe auf einen Vergleich heraus.“
Das würde teuer werden. Geld, Geld, Geld, dachte sie verbittert. Alle wollen immer nur mein Geld. Geht es denn um nichts anderes mehr auf der Welt?
Chuck Berry - No particular place to go. https://www.youtube.com/watch?v=cpitvLeNjuE

Kommentare:

  1. Hatten wir nicht ausgemacht, dass du Einzelheiten meiner Wohnsituation nicht für deine Geschichten verwendest?

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    1. Das weite Feld der Messie-Haushalte werde ich noch gesondert abhandeln ;o)))

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  2. mir gefällt der untersetzte envieziger mit pferdeschwanz am besten (nicht wegen dem untersetzt, wer ist das nicht) fehlt nur noch der lässig um den hals geschlungene architektenschal. fertig ist mein lieblingsmitbürger.
    grüße
    michali

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  3. Ich fordere eine Entsensibilisierungskonditionierung für diese arme Sau, die an ihrem von uns allen verschuldeten Idealismus zu Grunde zu gehen droht.

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