Montag, 10. August 2015

It’s the economy,stupid

„Die Menschen, die sich rühmen, ihre Ansicht niemals zu wechseln, sind Toren, die an ihre Unfehlbarkeit glauben.“ (Honoré de Balzac)
Wenn in diesen Tagen über Griechenland gesprochen wird, geht es immer nur um neue Kredite. Und es geht um die Forderungen der Gläubiger, die sich nicht mehr in den Modalitäten der Rückzahlung erschöpfen, sondern in massive innenpolitische Eingriffe ausarten. Griechenland ist nicht nur bankrott, sondern im Begriff, seine Freiheit zu verlieren.
Es wird ausschließlich über Finanzen gesprochen, aber nicht über Wirtschaft. Die Menschen in Griechenland brauchen aber keine neuen Kredite für den Staat, mit denen wiederum alte Kredite bedient werden. Sie brauchen Jobs. Sie brauchen Arbeit, mit der sich ein ausreichendes Einkommen erzielen lässt, um sich selbständig ernähren zu können. Massenarbeitslosigkeit, vor allem unter jungen Menschen, ist das Hauptproblem. Im Augenblick ist Griechenland ein Junkie, der von seinem EU-Dealer abhängig ist. Die Drogen sind Kredite und Importe.
Mein Vorschlag: der kalte Entzug. Unabhängigkeit vom Dealer. Keine neuen Drogen. Ich will es an einem Beispiel erläutern. Wenn Sie heute in Athen einen griechischen Salat bestellen, bekommen sie ein Essen serviert, dessen Bestandteile nicht aus Griechenland kommen. Nur der Name ist griechisch, aber die Tomaten und Gurken kommen aus Holland, die Oliven aus Spanien, der Schafskäse aus Bulgarien, Paprika und Zwiebeln aus Ungarn, das Olivenöl aus Italien, Salz und Pfeffer aus der Türkei. Der Wiederaufbau der griechischen Wirtschaft fängt bei den Nahrungsmitteln an. Kein Schweinefleisch mehr aus Deutschland importieren, sondern eine eigene Landwirtschaft aufbauen. Die Geschichte der Zivilisation beginnt mit dem Ackerbau und mit der Arbeitsteilung. So fängt auch Griechenland wieder an. Keine Importe. So viel wie möglich selbst machen. Das schafft Jobs. Zunächst in der Landwirtschaft, dann in der Industrie. Warum gibt es keine griechischen Autos oder Computer?
Unabhängigkeit ist das Stichwort. Dazu gehört eine eigene Währung. Weg mit dem Euro, diesem falschen Versprechen. Die neue Währung würde im Vergleich zum Euro stark abwerten, was die Importe automatisch verteuern würde. Gut für die eigene Wirtschaft. Der eigene Salat ist plötzlich billiger als die holländische Importware. Der Übergang in eine selbständige Wirtschaft ist selbstverständlich sehr mühselig. Europa könnte über eine Entwicklungsbank den Aufbau einer neuen Wirtschaft bottom-up finanzieren. Unterstützung braucht Griechenland in jedem Falle. Egal, wer an der jetzigen Lage schuld ist. Der Junkie braucht Hilfe. Aber keine neuen Kredite an die Regierung, sondern eine Art autonomer Graswurzelökonomie, an deren Aufbau sich jeder beteiligen kann. Die Mikrokredite an Bauern, Handwerker und Kleinunternehmer in den Entwicklungsländern sind ein gutes Beispiel.
Ansonsten besteht für die verarmten Massen Griechenlands keine Hoffnung mehr. Dann bricht die Gesellschaft zusammen, dann geht das Land unter. Freiheit oder Tod. Das ist die Wahl, die Griechenland in diesem Sommer hat. Aber die Berichterstattung in den Medien erschöpft sich im finanzpolitischen Klein-Klein, in der bloßen Wiedergabe des diplomatischen Geplänkels im fernen Brüssel oder im verschlafenen Berlin und anderen Spielarten des systemkonformen Meinungsmanagements.
Wenn Sie also in Athen einen griechischen Salat bestellen, bekommen sie das Problem serviert – und die Lösung. Beim Essen hat man oft die besten Ideen.
P.S.: Generell wäre das Ende des Euro eine Befreiung für ganz Europa. Das Schisma Euro- vs. Nicht-Euro-Länder wäre aufgehoben. In Deutschland würde die neue Mark massiv aufwerten, was dem Exportwunder und dem vielfach kritisierten Außenhandelsüberschuss ein Ende bereiten würde. Dem Verlust von einigen hunderttausend Jobs in der Exportindustrie stünde ein Wohlstandszuwachs der gesamten Bevölkerung gegenüber, da die Importe plötzlich viel günstiger wären. Man bekommt mehr für sein Geld, das Benzin wird billiger, der Whisky, die Italienreise. Es wäre eine Gehaltserhöhung für alle. Und die neuen Arbeitslosen verschwinden durch den demographischen Wandel und den Bedarf in anderen Branchen ganz schnell aus der Statistik (Stichwort „Fachkräftemangel“).
Captain Sensible - Wot (Original 12 inch). https://www.youtube.com/watch?v=gOIsqWfHQOg

Kommentare:

  1. ...und was ist mit dem Ouzo? :-)

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  2. Sehr geehrter H. Eberling.
    Ich bin ein begeisterter Leser Ihrer Geschichten. Kleinode, die den tristen Alltag erhellen.
    Aber dennoch, Schuster bleib bei Deinen Leisten.
    Sprich Finger weg von einer Karre mit elektronischer Einspritzung, wenn man nix davon versteht.
    Oder von Wirtschaft, es sei denn, man will was essen gehen.
    Ich bin auch kein enthusiastischer Europäer wie die ganzen anderen Idioten. Fischer, Kohl, Merkel. Aber der Euro als solches ist per se nicht schuld.
    Oder sollen Wir hier in Deutschland auch eine Ost-Mark einführen ??
    Dort ist das Lohnniveau ja auch sehr viel tiefer als beispielsweise im Südwesten.
    Oder die Mieten in den Ballungszentren.
    Oder bestell mal in Franken, wie von Ihnen ja sehr schön besungen, einen Schweinebraten mit div. Bieren.
    Wenn es dann zum Zahlen geht muss man schauen, daß man keinen Lachkrampf bekommt.
    Hier im Südwesten ist es sehr viel teurer. Pizza ?? 10 Euro. Kurz mal......Also.
    Wir haben auch innerhalb Deutschlands extrem unterschiedliche Regionen mit unterschiedlichem Lohn und Preisgefüge.
    Ist deshalb Unterfranken oder MeckPomm extrem attraktiv für irgendwelche Investoren oder was ? Ich sage nö ! Höchstens um die Zuschüsse abzusahnen und dann wieder zu verschwinden.
    Besser mal dem Varu zuhören. Und staunen.

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    1. Was ist die Alternative? Weiter so? "Hilfspaket" 3, dann Nr. 4, Nr. 5 usw. Wettbewerbsfähig wird die griechische Wirtschaft nur entweder über eine Abwertung (und dazu braucht man eine eigene Währung, mit der man das machen kann) oder massive Lohnkürzungen, wie sie Sinn vorschlägt (um zwei Drittel!!!). Wählt man letzteren Weg, versinkt das Land in Chaos und Anarchie.

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  3. Eine abgewertete Drachme ist Lohnkürzung !
    Er schreibt ja selbst, daß eine Aufwertung einer gedachten neuen D-Mark auch einer Lohnerhöhung in D gleich kommen würde.
    So what nu ?
    Nee, überleg mal was da für eine Währungsspekulation abgehen würde !
    Wieder mir Mark, Franc und Lire.
    War doch schon in den 70/80ern, kurz vor Einführung des € der volle Wahn.
    Ich wiederhole mich nur ungern.
    Varufakis hat in letzter Zeit unzählige Interviews gegeben.
    Wenn dabei nur, sagen Wir, 30% wahr ist wäre das schon der Hammer.
    Und Wir wissen alle, das der Prozentsatz höher ist.

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    1. Eine abgewertete Drachme ist nur eine Lohnkürzung, wenn weiterhin alles teuer importiert wird. Ansonsten bleiben die Lebenshaltungskosten für die Bürger gleich. Die Kaufkraft auf dem griechischen Binnenmarkt macht die Preise. Natürlich werden die Menschen dann auf Coca-Cola und Toblerone verzichten müssen. Das wäre der Preis für Autarkie.

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  4. Autarkie !
    Ökoromantik. Vergiss es.
    Die meisten hauen dann vollends ab.
    Das wird dann wie DDR, nur ohne Mauer.

    Noch was: die Griechen sind aber auch Pfeifen !
    Warum gibt es in G. nur eine Hochschule ?
    Die jungen Griechen gehen alle in's Ausland um zu studieren.
    Frag Deinen griechischen Freund.
    Allg. geht irgendwie nix. Es sieht aus wie die Sau, alte Autos und Müll landet in der Landschaft. Korruption ohne Ende. Du kannst nicht mal ein Auto anmelden ohne Bakschisch.
    Oder Du musst 2 Wochen warten.
    Es ist furchtbar, das Leben dort ist wie in Sirup. Auch mit Kohle.
    Mein Gott.........Es ist nicht immer das gnadenlose Weltkapital.
    Aber oft.

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  5. Noch einer:
    In der gr. Ägäis soll es große Erdölvorkommen geben.
    Die nur noch nicht angezapft sind.
    Wenn die Inseln dann verkauft sind...........

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  6. Den Vergleich der deutsch-deutschen Währungsunion mit der Europäischen kann man nicht machen - in D haben wir einen Nationalstaat mit einem nationalem Budget, einen Finanzausgleich, nationale Gesetze, höhere Arbeitskräftemobilität etc.
    Und die Produktivitätsunterschiede innerhalb von D sind bei weitem nicht so hoch wie zwischen Gr und D, deswegen bleiben auch nur zwei Möglichkeiten: Die Griechen werden billiger (durch Lohnsenkungen oder Abwertung) oder die Deutschen werden teurer (und zwar massiv teurer), was dann möglichweise die zwei Millionen Arbeitslose, die in den vergangenen zehn Jahren wieder einen Job gefunden haben, wieder in die Arbeitslosen-Statistik zurück katapultiert. So oder so, egal wie man sich entscheidet: Es wird für Gr schmerzhaft werden, und für uns auch. Der Unterschied zwischen einer inneren Abwertung (Lohnsenkung) und einer Abwertung der Währung besteht letztlich nur in der Sicht- und Fühlbarkeit und in der Lastenverteilung (eine Abwertung ist wohl auch politisch leichter durchzusetzen), beide haben den gleichen Effekt - sie machen griechische Waren billiger Alles andere wird nicht funktionieren.

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  7. Ah...endlich einer der's blickt.
    Aber kann mir endlich mal einer erzählen, was tatsächlich abgeht?
    Es ist doch so:
    Ein Kneiper ( Banken ) macht seinem übelsten Gast, von dem er weis, er ist Alki, Harzer und vielleicht noch Spieler, längere Zeit einen Deckel. Er weis also ganz genau, vom dem kriegt er die Kohle nie wieder. Auch wenn er seine alte Karre in Zahlung nimmt, oder sein Fahrrad. Sonst besitzt er ja nix. Den Kredit hat er sich von seinen anderen Gästen, bzw. von deren Frauen, ( div. Banken ) abgeschnorrt.
    Denen hat er erzählt, der Typ hätte noch Geld in der Hinterhand, eine Erbschaft steht an, also alles kein Problem.
    Und die anderen Gäste haben Ihm auch noch teuren Plunder angedreht, I-Phone u.s.w. ( U-Boote, Panzer ). Genau so in dem Wissen, daß keine Kohle da ist.
    Jetzt sagt der Kneipier, wenn Ihr ( die anderen Gäste ) diesen Kredit nicht bedient, bekommt Ihr kein Bier mehr.
    Das ist natürlich auch frech, denn wenn die Gäste aus bleiben geht bei Ihm ja auch nix mehr.
    Zumal manche Gäste bzw. deren Frauen auf den Kredit, den Sie dem Säufer auf Umweg über den Kneiper gewährt haben, ja ordentlich Zinsen bekommen. Die Männer finanzieren also über Umwege Ihre Frauen.
    Gut, das kennen Wir alle. Nix neues.
    Aber die tatsächliche Motivation des Kneipier ??????

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