Samstag, 21. Juni 2014

Lohr am Main

Es gibt ja nichts Schöneres als unverhoffte Entdeckungen. Du bist gezwungen, vom Plan abzuweichen, und dann passiert etwas Gutes. Mit meinem Kumpel N. und seinem alten Kriegspony, einem Meisterwerk ostasiatischen Automobilbaus aus dem vergangenen Jahrhundert mit 270.000 Kilometern auf dem Tacho und einer nagelneuen TÜV-Plakete, bin ich am Wochenende nach Franken gefahren. Auf der Autobahn war hinter Aschaffenburg Stau und so sind wir auf die Landstraße abgebogen und fuhren alsbald durch die prachtvollen Wälder des Spessarts. Gegen Halbelf – nachdem wir die Themen WM, Schirrmacher-Tod und Vergeblichkeit des Seins abgehandelt hatten – wehten uns Hunger und Durst an. Begriffe wie „zweites Frühstück“ und „erstes Bier“ (aber wirklich nur eins – wegen Plan und so) waberten durch die Fahrgastkabine des Mitsubishi Lancer und alsbald erreichten wir Lohr am Main.
Wie es sich herausstellte, besitzt dieser bezaubernde Ort, der für sich reklamiert, die Heimat Schneewittchens zu sein (wir glauben es gerne), nicht nur eine hübsche und lebhafte Altstadt mit intakter lokaler Geschäftswelt (kein McDonald’s, kein Deichmann, kein Lidl), sondern auch eine eigene Brauerei, an die sich ein Lokal mit Biergarten anschmiegt. Die kleinen zarten Fachwerkperlen des Ortskerns wirken, als seien sie von Kindern gemalt und mit Kindermalfarben verputzt worden. Wohlgefällig ruht unser Blick vom Wirtshaustisch unter einer alten Platane auf der Hauptkreuzung, wo junge Männer reifenquietschend mit Kleinwagen vorbeirasen, aus dessen offenen Fenstern völlig ironiefrei deutsche Schlagermusik herausdröhnt. Eine freundliche Kellnerin nimmt unsere Bestellung auf und alsbald dürfen wir vom Keiler Kellerbier kosten. Dieses anbetungswürdige Getränk wird in bauchigen Glaskrügen gereicht und ist einfach zum Niederknien köstlich. Ein Augenblick des Glücks, wie er uns in dieser Reinheit im diesseitigen Leben kaum einmal vergönnt wird. Ich verzehre mit gutem Appetit ein Paar Weißwürste an Laugenstange und süßem Senf, auch weitere Biere der Brauerei wollen verkostet werden. N. erzählt von den noblen Hotels in Zürich, die er für seine Recherche zu einem Zürich-Reiseführer aufgesucht hat und in denen es sogar ein „Pillow Menu“ gegeben hat, aus dem man sich das Kopfkissen für die Nacht aussuchen durfte (es gab sogar eins, das mit Kirschkernen gefüllt war) – hier in Lohr gibt es nur Keiler-Bier. Und das ist auch gut so.
Nach drei Bier erreichen wir schließlich doch Würzburg. Schloss und Garten werden besichtigt. Die Innenstadt enttäuscht ein wenig. Wieso hat eigentlich Dresden das tragische Weltkriegsschicksal scheinbar exklusiv gepachtet? Würzburg wurde im März 1945 in einer zwanzigminütigen Zerstörungsorgie zu achtzig Prozent vernichtet. Immerhin findet sich in einem verwunschenen Winkel das Grab Walthers von der Vogelweide, dem Urvater der Bloggergemeinde. Frische Blumen liegen auf dem kastenförmigen Grabstein. Der Dichter wollte, dass nach seinem Tod hier Vögel gefüttert werden, und so weist der Stein vier Vertiefungen für Futter und Wasser auf. Die Mainbrücke wirkt wie die kleine Schwester der Prager Karlsbrücke. Wir ziehen uns in den Hofbräukeller zurück, um bei heimischem Bier und Schweinebraten die gewonnenen Eindrücke einwirken zu lassen. Auf der Rückreise sitzen wir in Marktheidenfeld am malerischen Mainufer und trinken ein abschließendes Weizenbier, von der Rückbank des Kriegsponys hören wir auf der Fahrt das lustige Klimpern unserer flüssigen Souvenirs.
The Communards – Don’t Leave Me This Way. http://www.youtube.com/watch?v=ifAtvI48R_0

Kommentare:

  1. Sehr schön. Hab Deine kleine Unterfrankenreise gerne gelesen.

    War einige Jahre in Würzburg zum Studium, und Lohr galt dort als Synonym für Psychiatrie, bzw. psychisch krank sein. Das wird dem Städtchen nicht gerecht.

    Essen und Bier können sie, die Franken.

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