Sonntag, 1. April 2012

Ein Nachbar

Es kommen immer wieder alte Menschen nach Berlin, die hier in kürzester Zeit zugrunde gehen. Sie laufen durch die Kulissen ihrer Jugendträume, aber sie können den Zauber ihrer früheren Sehnsucht nach einem Leben jenseits bürgerlicher Konventionen nicht mehr heraufbeschwören. Sie geben ihr altes Leben in München oder Osnabrück auf (die Kinder haben sich längst ihre eigene Existenz aufgebaut, der Lebenspartner ist verstorben oder verschwunden), ziehen aus einer Altersverzweiflung heraus in die Hauptstadt und bleiben hier allein, weil sie vergessen haben (oder weil sie es nie wussten), dass man im Alter keine Freunde mehr findet; nur andere einsame Menschen, die jemanden suchen und die doch ähnlich abgestumpft und erloschen sind wie sie selbst. Sie ziehen in mein Viertel, meine Straße, mein Haus, um ein neues Leben zu beginnen, und sterben hier in der kürzesten Zeit. Womöglich erlangen sie erst hier das Stadium vollständiger Resignation und sie begreifen, dass ihnen all das Geld aus München oder Osnabrück im Diesseits nichts mehr nützen wird. Ein solcher Unglücksmensch lebt in der Wohnung neben mir. Ich sehe seinen Niedergang, er nimmt stetig ab und eitrige Geschwüre plagen ihn an Hals und Rücken. Einst ein stolzer und kräftiger Handwerksmeister, ist er binnen weniger Monate ein weinerlicher Greis geworden. Er überzieht jeden Mitbewohner mit seinem Wehklagen, seinem Zorn auf die Menschen, auf die Hitze und die Kälte, auf den Tag und die Nacht. Bald werden sie seinen Sarg zunageln und ihn eingraben, ich kenne diesen Zerfallsprozess, diesen Vernichtungsvorgang zur Genüge.