Donnerstag, 22. Oktober 2026

Zwei Krankenhausgeschichten


Die Schreier

Schreier sind ein Phänomen, mit dem ich gar nicht gerechnet habe. Da gibt es den Mann, der immer „Hallo!“ ruft. Tage später kommt ein zweiter, der stundenlang „Hilfe!“ ruft. Der Dritte im Chor wird von wechselnden Personen gespielt. Er ruft „Schwester!“ Dazu kommen die grauenhaften Schmerzensschreie und das laute Stöhnen, als wäre ich in einem Feldlazarett an der Ostfront. Man kommt sich vor wie in einer Inszenierung von Frank Castorf.

 

Der Hühnermann

Am Abend wird das leere Bett neben mir belegt. Ein kleiner dicker Mann Mitte dreißig, der seinen kargen Haarkranz mit einem Vollbart kombiniert hat. Bei seiner Ankunft bittet er er gleich um Messer und Gabel. Meine Neugier ist geweckt. Das ist seine Geschichte: Er sitzt bei Nhas City Chicken am Stutti und wartet auf sein halbes Hähnchen mit Pommes. Plötzlich wird er ohnmächtig und fällt auf den Boden. Die Angestellten rufen einen Krankenwagen und geben einem Sanitäter noch die Bestellung mit. Sehr aufmerksam. Im Krankenhaus isst er dann sein mitgebrachtes Abendessen. Er hatte übrigens schon zwei Bypässe am Herz.

 

5 Kommentare:

  1. Ihr nächster Krankenhausaufenthalt wird nicht besser. Übrigens ist das alles keine Satire sondern Trauerspiel "Leben". Sie sind mitten drin.

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  2. Die Hühnermann-Geschichte ist famos, Kompliment!

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  3. Danke recht schön für die beiden maladen Miniaturen; von wahren Krankenhausgeschichten kann ich gar nicht genug bekommen!

    PS.
    Hier eine von mir: vor ein paar Jahren wurde mir im Jüdischen Krankenhaus im Wedding (gibt's das eigentlich noch?) vom Gallenspezialisten Dr. Pfitzmann (tatsächlich verwandt mit dem legendären Bülowbogen-Praktiker) die Gallenblase entfernt, da prall gefüllt mit Dutzenden scharfkantiger kleiner Steinchen, die mir damals immer häufiger immer üblere Koliken beschert hatten.
    Im OP-Vorgespräch (mit dem echten Herrn Dr., versteht sich) erwähnte ich, dass in meinem Befund zusätzlich sog. Nierenkelchkonkremente vermerkt wären und bat ihn darum, da in dieser Hinsicht beschwerdefrei, mir nicht versehentlich an die Nieren zu gehen. Antwort: "Keine Sorge, ich mache nichts anderes als Galle. Ich hab keine Ahnung, wo die Niere eigentlich ist."

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  4. Alles harmlos. Solange der Chirurg nicht drohend fragt, ob tatsächlich nur Auserwählte Zugang zum Kiezschreiberblog haben...

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  5. Ich schreibe regelmäßig über meine Krankenpflegerarbeit. Gestern huschte eine demente Frau herum. Jemand klingelte. "Wir sind zu dritt in einem 2-Bett-Zimmer. Eine ist zu viel hier."

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