Es musste schon weit nach
Mitternacht sein, als Bonetti durch den strömenden Regen auf das Taxi
zusteuerte. Schwarz und schwer lag der westfälische Himmel über Herne, als er
die Wagentür öffnete und sich ächzend auf die Rückbank quetschte.
Der Fahrer machte das Radio
leiser und betrachtete Bonetti im Rückspiegel. „Ahmt. Wo soll’s denn hingehen?“
„Ahmt. Pension Schöller, bitte.“
Der Fahrer tippte auf seinem
Navi herum. „Jacobystraße 18?“
„Ja“, antwortete Bonetti und
ließ sich in den Sitz zurücksinken. Er schloss für einen Moment die Augen. Es
war nicht die Lesung, die ihn so erschöpft hatte. Es war das anschließende
Gespräch mit den Vertretern der hiesigen „Intelligenz“, mit der lokalen Kulturmischpoke,
das ihn Kraft gekostet hatte. Da gab es Jakob Kieselmund, den adipösen und
ständig schwitzenden Leiter der Volkshochschule, der ihn eingeladen hatte und
ihm in den nächsten Tagen sein Honorar überweisen würde. Dann die beiden
älteren Studienrätinnen vom Flottmann-Gymnasium, Monika Bueckmann und Tatjana
Glomp, die ihre Deutsch-Leistungskursschüler demnächst mit Bonettis Novellen
traktieren wollten, sowie Lothar Rüsselkäfer vom Herne-Kurier, der unter dem
Pseudonym Rüdiger Ramone für das „Feuilleton“, wie er die Kulturseite
großspurig nannte, regelmäßig Texte fabrizierte.
„Das ist ein Wetterchen, was?“
sagte der Fahrer im jovialen Plaudertonfall aller berufsmäßigen Chauffeure, als
sie an einer roten Ampel warteten. „War denn bei Luigi überhaupt noch was los?“
„Luigi?“ fragte Bonetti müde
zurück.
„Sie kommen doch gerade vom
Italiener. Ich habe sie doch über die Straße rennen sehen. Trattoria Fungo
Velenoso. Wir in Herne nennen das Restaurant einfach Luigi. So heißt der Wirt.“
„Ja, ich war nach der Lesung
noch auf einen Dämmerschoppen und Antipasti eingeladen.“ Der dicke Kieselmund
hatte sich noch richtig den Wanst vollgeschlagen. Carpaccio, Linguine mit
Muscheln und Tiramisu - dazu eine ganze Flasche Brunello di Montalcino. Der alte Spesenritter konnte schließlich alles
über seine Volkshochschule abrechnen. Die beiden Lehrerinnen hatten nur
Frascati getrunken und ihm die ganze Zeit erklärt, es gäbe keine gute Literatur
mehr in Deutschland. Brunetti kannte die Diskussion zur Genüge. Es war immer
besser, in diese Litanei einzustimmen, anstatt seinen Zuhörern die wahren
Ursachen zu erklären. Dass man mit Literatur kein Geld verdienen könne, dass es
praktisch keine professionellen Dichter in Deutschland gäbe und man sich von
dem Geschreibsel der Amateure nicht allzu viel erhoffen dürfe. Die Musiker
können das Internet-Zeitalter mit Konzerten überleben, aber wer zahlt schon
fünfzig Euro Eintritt für eine Lesung? Und welcher Schriftsteller schafft es,
ein paar tausend Fans in einer Halle zu versammeln? Bonetti hatte routiniert
die Helden der Vergangenheit beschworen. Der Mann vom Herne-Kurier hatte drei
Weizenbier getrunken und sich Notizen gemacht. Über Bonetti selbst stand genug
im Internet. Und über seine Texte hatte sich das schnurrbärtige Frettchen
sicher schon eine Meinung gebildet, die Bonetti nicht interessierte. Er würde
den deprimierenden Text erst gar nicht lesen.
„Ach, Sie waren das heute mit
der Lesung? Volkshochschule, oder? Im Radio haben sie zehn Freikarten verlost“,
erzählte der Fahrer.
So konnte sich Bonetti schon mal
ein Viertel seiner Zuhörer erklären. „Ja, ich war das“, antwortete er und sah
aus dem Fenster.
„Ich habe sogar mal was von
Ihnen gelesen“, sagte der Fahrer. Es lag Stolz in seiner Stimme, während er an
einer Kreuzung abbog. „Meine Frau hat mir ein Hörbuch geschenkt. Wenn ich mich
mal langweile, verstehen Sie? ‚Tod in Bochum‘ oder so hieß das.“
„Borkum oder Tod“, korrigierte
Bonetti. Es war vor zwei Jahren erschienen und hatte den Untertitel „Eine
intellektuelle Zwischenmahlzeit für gestandene Germanisten“. Eigentlich war es
eine Parodie auf Texte, die von Amateuren bei Literaturpreisen in der Provinz
eingereicht werden. Es handelte von einer Schriftstellerin, die sich von
Stipendiat zu Stipendiat hangelt, mal ein Jahr in Bottrop als Stadtschreiberin
ist und dann wieder ein halbes Jahr auf Borkum, wo man gerade eine
Inselschreiberin sucht. Die trost- und seelenlose Welt der Stipendien und
Preisgelder, die an ehemalige Geliebte von Professoren oder narzisstische
Studenten mit zwanghaftem Mitteilungsbedürfnis verteilt wurden.
„Genau“, pflichtete der Fahrer
treuherzig bei und blickte Bonetti im Rückspiegel an. „Da ging es doch um eine
junge Frau, die an einem Roman über das Leben einer Schriftstellerin schreibt.
Aber sie findet nie die Ruhe und dann kommt sie auf diese Insel und lernt einen
Pfarrer kennen.“
„Einen Deutschlehrer.“
„Ja, ich kann mich erinnern“,
sagte der Fahrer und bog in die Jacobystraße ein. „Aber wissen Sie was? Sie
müssten mal ein Buch über Taxifahrer schreiben. Ich könnte Ihnen Geschichten
erzählen. Da könnte man glatt drei Bücher draus machen.“
Bonetti sah die Lichter der
Pension und war erleichtert.
„Ich habe zum Beispiel mal einen
Fahrgast gehabt, der war hier in Herne auf einer Beerdigung. Und wollte dann
tatsächlich, dass ich ihn mit dem Taxi nach Köln fahre. Er hat mir erzählt, er
hätte geerbt. Ich habe dann erstmal mit der Zentrale geredet, ob das überhaupt
geht.“ Das Taxi hielt an und der Fahrer drehte sich zu Bonetti um. „Und was man
hier in der Gegend mit Fußballfans erlebt, brauche ich Ihnen ja nicht zu
erzählen. Dann, passen sie auf, das ist eine ganz tolle Geschichte, dann ist
mal ein Mann in meine Taxe gesprungen und ich soll ihn nach Gelsenkirchen
fahren. Der hat seine Frau am Bahnhof verpasst und will jetzt in Gelsenkirchen
in den Zug, in dem seine Frau sitzt. Also muss ich Vollgas geben und bin nach Gelsenkirchen.“
Seine Stimme wurde immer lauter. „Ich weiß allerdings nicht, ob er den Zug noch
erwischt hat. Manchmal hat man ja eine Fuhre nach der anderen.“
Bonetti hielt seine Brieftasche
schon in der Hand.
„Was sich in meiner Taxe schon
Leute gezofft haben, Pärchen nach der Disco, das glauben Sie nicht.“
„Würden Sie mir bitte eine
Quittung geben?“ fragte Bonetti leise und hielt dem Fahrer einen
Zwanzig-Euro-Schein unter die Nase. Die Leute können mich ruhig für ein
arrogantes Arschloch halten, dachte er.
Dieser Fahrer hatte mehr an
Bonetti verdient, als Bonetti jemals an ihm verdienen würde. Das ist die
nüchterne Wahrheit des Kulturbetriebs.
Nein, zehn Schritt vom Leibe mit dem ganzen Bonetti-Salat ... hier wird scharf geschossen! Wenn ich Bonetti und Kulturbetrieb höre ... entsichere ich meinen Browning!
AntwortenLöschenLeider kommt das alles in der Klausur vor, also werden Sie jeden einzelnen Post lesen müssen.
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