Sonntag, 5. April 2026

Das kleine Glück


So hätte es ewig weitergehen können. Ich lebte wie ein Kind, das wegen Masern oder Windpocken zuhause bleiben musste. Den ganzen Tag verbrachte ich lesend, schreibend, Musik hörend und fernsehend im Bett. Um neun Uhr morgens zog ich mir einen flauschigen Bademantel an und ging zur Küche, wo die Witwe Hagelmann schon das Frühstück auf den Tisch gestellt hatte: Brot, Brötchen, Butter, Marmelade, Honig, Schinken, Aufschnitt und Käse, dazu für jeden von uns ein Frühstücksei.

Wir waren drei Zimmerherren, die alle im Erdgeschoss lebten. Herbert, der geschiedene Handwerker, Volker, der pensionierte Beamte und ich, der Bonvivant alter Schule. Mein Zimmer lag auf der Gartenseite, es war ruhig und schattig. Volkers Zimmer war auf der anderen Seite des Flurs, zur Straße lagen die Küche und Herberts Zimmer. Wir teilten uns ein kleines Duschbad. Die Witwe wohnte im ersten Stock, den wir aus Höflichkeit nie betraten.

Mittags um eins stellte uns die Dame des Hauses die Mahlzeiten auf den Küchentisch, die wir aus unserer Kindheit kannten. Rouladen mit Kartoffeln und Rotkraut, Schweinebraten mit Klößen, Gulasch mit Nudeln, Rührei mit Kartoffelbrei und Spinat, Pellkartoffeln mit Quark oder Linsensuppe mit Würstchen. Das kleine Glück am Stadtrand kostete jeden von uns tausend Euro im Monat. Wir lebten im Paradies.

Eines Morgens kamen wir in die Küche und der Tisch war leer. Wir waren ratlos und ahnten nichts Gutes. Schließlich ging Herbert nach oben und fand die tote Witwe in ihrem Bett. Was sollten wir tun? Das Leben in der Stadt war sehr teuer geworden, keiner von uns hätte es sich allein leisten können. Da kam mir eine Idee. Warum sollten wir nicht den Leichnam der Hausherrin in die Tiefkühltruhe packen und weiterleben wie bisher? Die Nebenkosten für das Haus wurden weiter von ihrem Konto abgebucht und wir sparten eine Menge Geld.

Wir beschlossen, den Haushalt selbst zu führen. Eine Putzfrau würde uns möglicherweise auf die Schliche kommen. In den ersten Tagen lebten wir von den wenigen Nahrungsmittel, die wir von der Tiefkühltruhe in den Kühlschrank geschafft hatten. Aus Gründen der Pietät betraten wir den ersten Stock und den Keller nicht mehr, gemeinsam erstellten wir einen Putz- und einen Einkaufsplan.

Anfangs lief es noch ganz gut, aber ich begann, die Bettwäsche nicht mehr zu wechseln oder in meinem Zimmer Staub zu wischen. Dann verlotterten Bad und Küche. Kochen konnte keiner von uns, also beschlossen wir, dass jeder selbst für seine Versorgung zuständig war. Als ich feststellte, dass jemand meine Joghurts aß, kaufte ich mir einen eigenen kleinen Kühlschrank und schloss fortan meine Zimmertür ab.

Es kam, wie es kommen musste. Stromausfall im Hochsommer, ausgerechnet Freitagnachmittag. Bürgermeister auf dem Golfplatz, die Witwe taut auf. Wir mieten einen Ford Transit und bringen die Leiche in einem Teppich in den Wagen. Herbert soll sie in den Wald fahren, verliert die Nerven, fährt die Mühle in den Graben, die Polizei kommt zufällig vorbei, Geständnis und plötzlich klingelt es an der Haustür.

Ich flüchte im Bademantel durch das Fenster in den Garten und klettere über den Zaun auf das Nachbargrundstück. Zum Glück habe ich noch meine Brieftasche mitgenommen. Seitdem bin ich in Filzpantoffeln und Goofy-Schlafanzug auf der Flucht.

 

3 Kommentare:

  1. Ist das Hagelmann-Haus inzwischen käuflich zu erwerben? Was soll es kosten? Wie groß ist der Garten?

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    1. Die Leute, die diesen Blog lesen, haben nicht genug Geld für Immobilienkäufe :o)

      Ich empfehle den Stone-Rich-Real-Estate-Power-Podcast von Sandy Bonetti.

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  2. "Die Leute, die diesen Blog lesen, haben nicht genug Geld für Immobilienkäufe :o)"
    Kreditwürdigkeit ist der Sex des Bloglesers ;)

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