Sonntag, 30. April 2023

Schüttelreim reloaded

 

Der Nasenbär, der Nasenbär

Der hat es diesmal wirklich schwer

Denn seine Alte ist nicht nett

Liegt mit dem Murmeltier im Bett

Wer ist dieser Til Schweiger?

 

Es ist neun Uhr morgens. Wir sind am Set von „Andy Bonetti, Kaiser und Gott“. Ein Porsche Cayenne schlingert knapp an einer Kamera vorbei und kommt kurz vor dem Wohnwagen von Bonetti-Darsteller Jason Statham zum Stehen. Bonetti fällt aus dem Wagen, torkelt auf die Crew zu und lallt ein kurzes „Ihr Dreckschweine“, bevor er sich beim Catering eine Flasche Bier schnappt. Der Regisseur wurde von Bonettis Frau schon vorgewarnt. Der Medienmogul hatte bereits zum Frühstück Kaffee mit Cointreau, Schampus und ein paar Kurze. Zusammen mit dem Restalkohol der vergangenen Nacht eine gefährliche Mischung. Niemand solle ihm direkt in die Augen sehen, beschwor sie den Regisseur. Ein Praktikant wagt es, Bonetti anzusprechen. Er hat vergessen, ihn „Pontifex Maximus“ zu nennen und bekommt gleich eine gescheuert, dass die Plomben klingeln. So beginnt jeder der vierzig Drehtage, es ist die Hölle auf Erden. Aber es entsteht große Kunst. 

Samstag, 29. April 2023

Wie ich mein Immobilienimperium begründete


Die Schlossstraße in Berlin-Zehlendorf. Hier begann alles. Ein rein biodeutsches Wohngebiet mit großen Einfamilienhäusern. Oberschicht. Zahnärzte, Politiker, Anwälte, Unternehmer. Überdurchschnittliche Wahlergebnisse für die FDP.

Am Anfang ließ ich Flugblätter gegen ein geplantes Flüchtlingsheim verteilen. Natürlich hatte niemand vor, hier ein Flüchtlingsheim zu errichten, aber das Gerücht war in der Welt und es hielt sich hartnäckig. Ich engagierte ein paar kurzhaarige Studenten, die mit Protestplakaten auf den Bürgersteigen unterwegs waren.

Der nächste Schritt waren drei afrikanische Frauen mit Kinderwagen. Sie waren stundenlang auf der Schlossstraße unterwegs. Dann schickte ich ein paar arabische Jugendliche aus Neukölln los, die den Anwohnern Drogen verkaufen sollten. Bald fuhren die Leute im Auto in den Grunewald, weil sie auf ihrer Straße nicht mehr den Hund ausführen wollten.

Die letzte Stufe: Bettler und Sperrmüll. Dann hatte ich sie so weit. Ich machte den Hausbesitzern Kaufangebote. Die ersten Häuser bekam ich für zwei Drittel des Marktpreises. Ich überließ die Häuser syrischen, afghanischen und irakischen Familien, die einen befristeten Mietvertrag bekamen. Die weiteren Häuser bekam ich zum halben Marktpreis oder darunter. Bald gehörte mir die ganze Schlossstraße.

Die Migranten mussten wieder gehen und ich verkaufte das gesamte Paket an eine Immobilienfirma in London. Reingewinn: sieben Millionen Euro. Andere Straßen in Berlin und München folgten. Inzwischen leite ich mein Imperium von einer Strandvilla in Malibu per Videokonferenz, das Geschäftsmodell ist unschlagbar. 

 

Freitag, 28. April 2023

Bonetti: Irres Porno-Comeback im Sommer?

 

Blogstuff 794

„Ich weiß nicht, warum die Leute erwarten, dass Kunst Sinn macht. Das Leben macht keinen Sinn.“ (David Lynch)

Was haben wir nicht alles von den Amerikanern übernommen? Jeans und T-Shirts, Filme und Musik – selbst „1968“ ist nur eine Kopie. In den Vereinigten Staaten gab es in den sechziger Jahren Apartheid (getrennte Schulen, Toiletten, Sitzplätze in Bussen usw.), „Rassenunruhen“ (mit hunderten Toten, zerstörten Innenstädten, Malcom X und Martin Luther King wurden ermordet) und eine schwarze Bürgerrechtsbewegung. In Deutschland gab es keine Schwarzen und nur wenige (weiße) Gastarbeiter. Die USA hatten den Vietnamkrieg, fünfhunderttausend Mann kämpften in Übersee, zehntausende junge Männer starben in diesem sinnlosen Krieg, hunderttausende wurden seelisch und körperlich verkrüppelt. An den Universitäten und Schulen Amerikas wurden gleichzeitig neue Soldaten rekrutiert. In Deutschland gab es Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg, aber kein Deutscher war an diesem Krieg beteiligt. Lange Haare, Proteste, Hippie-Mode. Alles wurde von den jungen Deutschen adaptiert. Da war nichts Eigenes zu erkennen. Als die Hippiebewegung in Amerika und der Vietnamkrieg zu Ende gingen, hörte der Protest auch in Deutschland auf. Merkwürdigerweise hat keiner gegen den Einmarsch der Roten Armee im gleichen Jahr den Mund aufgemacht, als sowjetische Panzer den Prager Frühling niederwalzten. 1970 gingen in Amerika die Extremisten der Protestbewegung in den Untergrund („Weathermen“), im gleichen Jahr folgte ihnen die RAF in Deutschland.

Früher haben die jungen Leute noch am Klebstoff geschnüffelt. Das war mir viel sympathischer.

Andy Bonetti ist für siebzig Prozent aller Bigfoot-Sichtungen im Hunsrück verantwortlich.

Es gibt jetzt eine LPG Schwarzer Pfälzer. Danke, Heiner Lauterbach!

***

Sie: (zieht einen grünen Faden aus dem Mund)

Er: Was ist das?

Sie: Grabbelwank.

Er: Für was ist das gut?

Sie: Für nichts.

Er: Aber man kann es kaufen.

Sie: Ja.

Er: Dann ist es gut für die Wirtschaft.



Donnerstag, 27. April 2023

Helden der Nacht

 

Es war in jenem magischen Sommer 1985, als wir uns kennenlernten. Es war Freundschaft auf den ersten Blick. Wir passten perfekt zusammen: Wir interessierten uns beide für Literatur und Philosophie, wir soffen beide wie die Löcher, rauchten Kette, konnten Stunden am Flipper verbringen und hatten keinen Plan für unser weiteres Leben.

Ich hatte gerade Abitur gemacht und ein halbes Jahr Zeit, um zu machen, was mir gefällt, bevor der Zivildienst beginnen sollte. Ich schrieb meinen ersten Roman. „Drei Eimer Scheiße“. Inspiriert von den Strugatzki-Brüdern dachte ich mir die Geschichte von außerirdischen Besuchern aus, die aufgrund unserer Blödheit keinen Kontakt zur Menschheit aufnehmen wollten und bei ihrem Besuch nur einen Riesenhaufen Scheiße hinterließen, den der Ich-Erzähler fand. Zum Glück wollte kein Verlag dieses Elaborat je veröffentlichen. Ich fand drei Tuben Ölfarbe (blau, rot und gelb) und hatte eine kurze Phase als Maler, bis die Tuben leer waren. Geld für neue Farben hatte ich nicht. Ich zeichnete, machte Collagen aus den Fotos, die ich in alten Zeitschriften fand, die sich in meiner Messi-Bude stapelten. An den Wänden Bilder von James Dean, Borussia Mönchengladbach, der brennenden Hindenburg und Kafka-Zitate. Dazu war ich Gralshüter einer veritablen Pornosammlung, denn ich hatte ganze Jahrgänge von Playboy, Penthouse und Lui, die ich an die vielen sexgeilen Jungfrauen verliehen habe, die den ganzen Tag nicht die Finger von ihrem Schwanz lassen konnten. Als ich noch zur Schule ging, habe ich regelmäßig in einer Buchhandlung Zeitschriften und Bücher geklaut. Außerdem befriedigte ich meinen gigantischen Lesehunger in der Schulbibliothek, der Stadtbibliothek und der Werksbibliothek von Boehringer (via Vater). Ich schrieb für den Ingelheimer Lokalteil der Mainzer Allgemeinen Zeitung belanglose Artikel über Vereinssitzungen und Kindergarteneröffnungen und war immer noch mit dem Klapprad unterwegs, dass ich mit acht Jahren geschenkt bekommen hatte.

Mein neuer bester Freund hatte nach dem Realschulabschluss eine Lehre als Großhandelskaufmann absolviert und arbeitete in einem Baumarkt. Er wohnte nicht weit von mir entfernt. Wir trafen uns meistens bei ihm, gelegentlich auch bei mir. Nebenbei hatte er einen Job als Filmvorführer im örtlichen Kino. In seinem ständig zugequalmten Zimmer hatte er Poster von Bruce-Lee-Filmen an den Wänden. Außerdem zog er die Kronkorken aller Biere, die er trank, auf Schnüre, die überall vor den Postern baumelten. Niemand hat sie je erzählt. Im Gegensatz zu mir hatte er ein Auto, einen Opel Kadett. Eines schönen nachmittags tranken wir einen kompletten Kasten Bier und beschlossen, in unsere Stammkneipe am Bahnhof zu fahren. Er überholte auf dem Weg dorthin in wilder Fahrt mehrere Autos. An der Kreuzung vor dem Bahnhof stieg der Mann im Audi hinter ihm aus. Er zog meinen Kumpel aus dem Wagen und legte ihm Handschellen an. Es war ein Polizist auf dem Weg zu seiner Dienststelle. 1,8 Promille. Führerscheinentzug für ein halbes Jahr. Ich torkelte zur Kneipe weiter, an den Rest des Tages konnte ich mich nicht mehr erinnern. Jetzt war er also auch Radfahrer. Einen Monat später, auf dem Weg nach Hause, legte er sich mit seinem Rad direkt vor der Polizeidienststelle in der Bahnhofsstraße auf die Schnauze. Die Polizisten kamen raus, nochmal eine Blutprobe, nochmal exakt 1,8 Promille, sechs weitere Monate Führerscheinentzug. Einmal haben wir auf einer Fahrt auf der Autobahn eine Wette abgeschlossen. Er glaubte nicht, dass ich bei über 100 km/h als Beifahrer vom vierten in den ersten Gang schalten könnte. Er trat auf die Kupplung, ich prügelte mit zwei Händen den Schaltknüppel in den ersten Gang und der Wagen rollte auf dem Standstreifen aus. Er war mir noch nicht mal böse.

Damals trafen wir uns jede Woche mehrmals, aber parallel dazu schrieben wir uns lange Briefe. Genau wie ich las und schrieb er einfach gerne. Die Briefe hatten manchmal fünf oder sechs Seiten Länge, ich habe sie heute noch. Obwohl wir uns gegenseitig besuchten, schickten wir uns die Briefe per Post. Wir sprachen auch nicht über die Briefe und unsere Gespräche wurden auch nicht in den Briefen thematisiert. Es war, als hätten wir zwei Freundschaften, eine Brieffreundschaft und eine „normale“ Freundschaft. Aber über seine Schicksalsschläge haben wir weder gesprochen noch geschrieben. Ich fand es heikel, das Thema anzuschneiden, und er schwieg beharrlich. Sein Vater hatte zehn Jahre in der Nervenheilanstalt in Alzey gesessen, Schizophrenie. Nach seiner Entlassung arbeitete er in der Leergutannahme eines Supermarkts. Als er wieder fremde Stimmen in seinem Kopf hörte, erhängte er sich im Keller ihres Hauses. Mein Freund hat ihn gefunden. Im nächsten Jahr wurde sein Bruder schizophren, auch er beging Selbstmord. Diese Familienkatastrophen erzählte er ganz nüchtern und sachlich, danach erwähnte er sie nie mehr. Er hatte sicher sein Leben lang Angst, dasselbe Schicksal zu erleiden.  

Vor einigen Jahren erkrankte er an Krebs und war sieben Monate in stationärer Behandlung. Über einen gemeinsamen Freund ließ er mir ausrichten, dass er mich gerne noch einmal sehen wolle. Nach überstandener Therapie trafen wir uns. Wir haben ein paar Gläser Weinschorle getrunken, die alten Zeiten wieder aufleben lassen und viel gelacht. Es war, als hätten wir uns erst gestern zum letzten Mal gesehen. Er ist inzwischen im Ruhestand und lebt nach dem Tod seiner Mutter allein in seinem Elternhaus. Er muss einen Rollator benutzen und hat als letzte Verwandte eine Schwester, die mit ihrem Mann in der Nähe von Bingen wohnt. Gelegentlich treffe ich Duffy, einen alten Weggefährten. Von ihm erfahre ich, wie es den Helden der Nacht heute geht.    

P.S.: Eine Anekdote noch. Als er Zivildienst bei „Behinderten- und Senioren-Reisen“ (BSR) in Ingelheim machte, wurde ihr VW-Bully von Ganoven geklaut, die damit einen Diamantenhändler in Idar-Oberstein überfielen, 1,5 Millionen Beute machten und anschließend den Kleinbus wieder zurückbrachten. Das Fahrzeug wurde natürlich von Zeugen gesehen. Am nächsten Tag hat das LKA Mainz die komplette Firma hochgenommen und zum Verhör in Handschellen abgeführt. Ich konnte meinem Kumpel für die Nacht ein Alibi geben. Es war Hexennacht und wir waren in unserer Stammkneipe gewesen. Anschließend bin ich mit ihm nach Hause gegangen. Aber er wurde wochenlang beschattet. Immer lustig, wenn zwei kurzhaarige Schweiger, die wir noch nie gesehen hatten, am Nachbartisch sitzen.

P.P.S.: Unser erstes Ingelheimer Rotweinfest im Herbst 1985 endete mit einer Schlägerei mit zwei anderen Jungs. Die amerikanische MP, die damals gemeinsam mit der deutschen Polizei für die Sicherheit bei diesem mehrtätigen Massenbesäufnis sorgte, beendete den Kampf und wir gingen nach Hause. Ungeschlagene Krieger vom Stamme der Suffnasen.     

 

Mittwoch, 26. April 2023

Ernst Huberty, Harry Belafonte – Gehen uns die Stars aus?

 

Blogstuff 793

„Ein Paranoid ist jemand, der ein wenig davon weiß, was los ist. Ein Psychotiker ist ein Typ, der gerade herausgefunden hat, was los ist. " (William S. Burroughs)

Ulis erstes Auto war eine Ente. Als sie mich zuhause abholte, erzählte sie mir, alle Entenfahrer würden sich grüßen. Und dann kommt uns nach zwei Minuten wirklich eine Ente entgegen und beide Fahrer winken sich zu. Ich dachte, ich spinne.

Ich träume, ich bin der chinesische Botschafter in Island. Ich bekomme meinen Reis per Diplomatenpost, aber er reicht nicht. In Reykjavik gibt es aber kaum Reis, denn die Isländer sind fanatische Nudelesser. Italiener nix dagegen. Vor der Stadt steht ein Turm, der sich in den Wolken verliert. Er stand schon, bevor die ersten Menschen die Insel vor tausend Jahren erreichten. Er hat weder Türen noch Fenster. 

Können Blinde Rassisten sein?

Nehmen wir mal an, ich sitze in einem Hubschrauber, der aufsteigt und sich dann zwei Stunden nicht von der Stelle rührt. Dann würde ich doch bei der Landung woanders sein, denn die Erde dreht sich ja permanent. Oder?

Hätten Sie’s gewusst? Wir haben in Rheinland-Pfalz ein Motorsportteam, das Frikadelli Racing heißt. Frikadelli Racing & Sabine Schmitz (frikadelli-racing-team.de)

Aus toten Augen läuft das Blut / Der Horrorfilm war wieder gut.

Letzte Straße. In Ludwigslust. Cooler Name.

Ein Bahnhof ist nur ein Einkaufszentrum mit Gleisanschluss. Die Technik ist uralt: Gleise aus Stahl, Bahnschwellen aus Beton. Die moderne Technik ist im Stellwerk und im Zug. Wann wird der Stuttgarter Hauptbahnhof denn endlich fertig? Zu Kaiser Willems Zeiten ging alles etwas flotter.

„Freiheit“ ist für viele Leute inzwischen das Synonym für Egoismus.

Im Frühling 1991 gab ich meine erste Zeitungsannonce auf. In der Zitty. Rubrik: Er sucht Sie. Der kurze Text begann mit „Save Our Souls“. Nur eine einzige Frau antwortete mir. Lena. Wir gingen ein paar Mal aus, ins Kino (Filmkunst 66), ins Yorckschlösschen in Kreuzberg. Dann reiste sie in die Schweiz und wir schrieben uns Briefe. Wir wussten beide: Wenn sie zurück in Berlin ist, werden wir ein Paar (Anrede im letzten Brief: „Matthi-As“, kein Witz!). Aber dann lernte sie im Zug einen anderen Mann kennen, verliebte sich und die beiden wurden ein Paar – für ein Jahr, wie ich später erfuhr. Ich habe sie nie wieder gesehen. Drei Monate später traf ich die Liebe meines Lebens.

In meinen ersten Semesterferien überführte ich einen Gebrauchtwagen nach Marseille. Dort sollte er nach Afrika gebracht werden. Das Auto war vollgetankt und ich bekam dreihundert Mark. Als ich in Marseille war, nahm ich mir ein billiges Hotelzimmer. In einer Kneipe lernte ich einen anderen Gebrauchtwagenhändler kennen. Am nächsten Tag fuhr ich nach Budapest.

Harry Belafonte - Try To Remember - YouTube

Dienstag, 25. April 2023

Giovanni Zarrella zu Gast in der Andy Bonetti Show


Blogstuff 792

„Alle hatten Angst vor Lücken in ihrem Lebenslauf. Aber niemand schien Angst davor zu haben, seine Träume zu verraten.“ (Benedict Wels: Spinner)

Ich finde es lustig, dass die Letzte Generation Berlin lahmlegen will. Das macht die Stadtverwaltung doch schon seit zwanzig Jahren.

Supermarkt und Impulskontrolle – mein großes Problem. Vor allem, wenn ich hungrig und ohne Einkaufszettel unterwegs bin. Zum ersten Mal seit zwanzig Jahren habe ich Knoppers zu Hause und warte jetzt jeden Tag auf halb zehn.

Außerdem habe ich mir eine Flasche Cinzano gekauft. Wann habe ich zuletzt Cinzano getrunken? Ich erinnere mich nur an einen völlig verregneten Vormittag im Mai 1991 auf einem Campingplatz in Südfrankreich, als ich mit zwei Freunden in meinem Golf saß. Jeder hatte eine Flasche Cinzano in Arbeit, dazu hörten wir dröhnend laut Musik und zogen uns damit den Hass der anderen Camper zu, feine Pinkel mit fetten Wohnmobilen und Surfbrettern. Am Sonntag dann der Senna-Sieg beim Grand Prix in Monte Carlo.

1887: Der Berliner Ingenieur Max Sielaff lässt sich den ersten Selbsttätigen Verkaufsapparat patentieren. Bald darauf stehen 10.000 Automaten in ganz Deutschland, an den man z.B. Süßigkeiten kaufen kann. 1902 bereist der Amerikaner Joseph Horn Europa und entdeckt in Berlin das erste Automatenrestaurant. Begeistert von der Idee, ein Restaurant ohne Kellner betreiben zu können, eröffnet er mit seinem Partner Frank Hardart ein Automatenrestaurant in Philadelphia mit Sielaff-Automaten. 1941 gab es bereits 157 Horn & Hardart-Restaurants in den Vereinigten Staaten; allein über fünfzig in New York, die täglich von 350.000 Kunden besucht wurden. Ein Tasse Kaffee kostete fünf Cent. Mit dem Aufstieg der Fast-Food-Ketten begann der Niedergang des Unternehmens, 1991 wurde das letzte Restaurant geschlossen.

Früher hieß es immer, man solle beim Schreiben als Ort der Handlung eine Stadt nehmen, die man persönlich kennt. Ein Kölner lässt seine Erzählung in Köln spielen und nicht in Honolulu, wo er vermutlich noch nie gewesen ist. Heute ist das anders. Warum sollte ich mir nicht Sandusky, Ohio, aussuchen? Die Basis-Infos bekomme ich mit einem Mausclick bei Wikipedia, bei Google Maps sehe ich mir Bilder der Stadt an und kann mir das Interieur und die Speisekarten diverser Restaurants anschauen, in denen vielleicht eine Szene spielt. Aktuelle News gibt’s auch im Internet. Ich gratuliere Teresa und Tom Sloma zu ihrem sechzigsten Hochzeitstag, sie haben drei Kinder und acht Enkel. Für größere Städte gibt es Streetview, so dass man jedes Gebäude beschreiben könnte. Das gilt auch für Straßen. Ich bin mal zehn Minuten einer Landstraße in Island gefolgt, weil ich wissen wollte, wie es dort überhaupt aussieht (öde). Die Menschen in Sandusky leben im Grunde genommen nicht anders als die Menschen in Gütersloh. Sie gehen morgens zur Arbeit oder in die Schule, sie fahren mit dem Auto, sie glotzen auf ihr Handy, sie schauen sich Filme und Serien an. Liebe und Hass, Reichtum und Armut, gute und schlechte Menschen, Streit und Versöhnung – das alles gibt es dort. Warum sollte mein nächster Roman nicht in Ohio spielen? 

 

Montag, 24. April 2023

Chaos beim FC Bayern – Jetzt äußert sich Andy Bonetti

 

Blogstuff 791

„Aber ich würde behaupten, dass ich in meinem Leben erheblich mehr interessanten Büchern begegnet bin als interessanten Menschen.“ (Fran Lebowitz)

Die SPD in Berlin hat sich entschieden. Schwarz-Rot haben wir in zwei Jahren auch in der Bundesregierung, von daher ist es ein Menetekel. Kai „Ich will deinen Vornamen wissen“ zieht ins Rote Rathaus ein.

Zu meiner Zeit gab es auf dem Campus drei Arten von Studenten: die Poser, die Streber und die Loser. Ich war nicht sportlich und nicht reich genug, um zu den Posern zu gehören. Für die Rolle des Strebers war ich zu faul, außerdem fehlte mir der Ehrgeiz.

Wettervorhersage am 20. April für Rheinland-Pfalz: Schnee in höheren Lagen, der bis zum Nachmittag liegen bleibt. Ohne Worte.

Ich frage mich, warum ein Freistoß in Tornähe beim Fußball immer noch ein bis zwei Minuten Spielzeit kostet, trotz Rasierschaumsprühdose des Schiedsrichters. Da werden die Stutzen hochgezogen, die Frisur wird gerichtet, das Augen-Makeup wird mit Eyeliner nachgezogen. Es kommt kein Sanitäter auf den Platz, sondern ein Visagist, bevor es endlich weitergeht.

Die Schnur in Ihrer Jogginghose verschwindet auf Nimmerwiedersehen? Bonetti-Lifehack: Gleich nach dem Kauf an den losen Enden Sektkorken befestigen.

Das Benefizfußballspiel einer Auswahl Hamburger Feuilletonisten gegen elf Hooligans von Dynamo Dresden endete in dem erwarteten Blutbad.

Hinter Wichtelbach liegt die Gegend 51, ein Sperrgebiet, das mit einem Elektrozaun hermetisch abgeriegelt ist. Hier wurde die Mondlandung gedreht, hier wurde das Bernsteinzimmer eingelagert und hier findet man auch das Lasergewehr, mit dem Kennedy von Marsianern ermordet wurde, weil die Amerikaner eins ihrer UFOs abgefangen hatten.

Zum Glück ist es die „Letzte Generation“. Noch eine würde ich nicht aushalten.

Sie hatte so viel schwarzes Make-Up um ihre Augen geschmiert, dass ich bei ihrem Anblick an einen Waschbären denken musste.

Der Mann vor mir legt bei Netto vier Flaschen Captain Morgan aufs Band. „Mehr darf ich nicht“, sagt er zur Kassiererin und lacht.

Uli Hoeneß muss wieder Manager werden und Jupp Heynckes Trainer. Ohne die Boomer läuft es nun mal nicht. Meine Meinung.

Jetzt habe ich doch tatsächlich in einem Roman das Wort „Bordsteinschwalbe“ gelesen. In längst vergangener Zeit wurde Prostitution noch poetisch verbrämt.

Klimafreundlich geschrieben 

 

Sonntag, 23. April 2023

Lazy Sunday

 

Weiden Soll man meiden

Tannen soll man bannen

Eichen soll man weichen

Buchen soll man verfluchen

Fichten soll man richten

Kiefern soll man liefern




Band of Horses - Is There a Ghost [OFFICIAL VIDEO] - YouTube

Samstag, 22. April 2023

Feedback – eine Herzensangelegenheit für Bonetti Media

 

461 Worte. Der längste Leserbrief, den ich je bekommen habe. Der Verfasser ist ein ehemaliger Mitschüler von mir. Wir frequentierten in den späten Achtzigern in Ingelheim die gleichen Kneipen und in einer schwachen Stunde hat er mich damals als seinen besten Freund bezeichnet. Als ich 1991 nach Berlin gezogen bin, hat er mich dort allerdings nie besucht und auch nicht mehr angerufen. Der Kontakt brach ab. Jetzt meldet er sich plötzlich wieder.

Hannes Blech (Name von der Redaktion geändert), inzwischen VWL-Dozent an der Volkshochschule Pforzheim (ich ringe minutenlang mit dem Wortspielteufel), sein schrägstes Machwerk heißt „Der Liebesökonom“ (2005 im FAZ-Verlag erschienen, „Rein unter volkswirtschaftlichen Aspekten betrachtet er das Wesen von Beziehungen“), ist zum ersten Mal über meine publizistische Tätigkeit verärgert. Wie im akademischen Milieu üblich, ist der Text klar gegliedert und umfasst vier Hauptpunkte der Kritik. Ich zitiere nur in Auszügen.

1.     „Ein Schriftsteller darf erfinden, erdichten und dramatisieren. Du aber schreibst über reale Personen, verfälschst oder ignorierst aber den Kontext und erfindest Dinge – kurz gefasst: Du lügst. Aber bei Deinen Lesern erweckst den Eindruck, dass alles wahr ist. Vieles von dem, was Du in Deinem Blog über Bekannte und Erlebnisse geschrieben hast, ist falsch oder gelogen, aber Du erweckst den Anschein der Wahrheit. Das ist unredlich. Und das ist nicht Schriftstellerei. Als Journalist hättest Du mit dieser Arbeitsweise in keinem Medium die Probezeit überlebt.“ Sehr geehrter Herr Blech! Vermutlich ist es Ihnen entgangen, aber ich bin Schriftsteller und kein Journalist. Daher muss ich mich zum einen nicht vor einer imaginären Probezeit fürchten, zum anderen darf ich, wie in der Belletristik üblich, nach Belieben Fakten und Fiktion kombinieren. Fragen Sie Benjamin von Stuckrad-Barre oder Maxim Biller, die für ihre nur mühsam kaschierten Porträts von Freunden und Bekannten berühmt sind. Stellen Sie sich vor, Ihre Schwester wäre eine kleine Provinztippse, die jeden mit ihrer hochnäsigen Besserwisserei nervt und Ihnen bei sämtlichen Familientreffen eine Boulette in Sachen Homöopathie ans Ohr quatscht. In einem Roman stellen Sie eine solche Frau dar, aber sie verändern diverse Merkmale, z.B. ist sie weder eine Sekretärin noch die Schwester des Protagonisten. Das ist keine Lüge, das ist Kreativität. Schriftsteller benutzen die Realität, ihre Erinnerungen und Erfahrungen als Rohstoff. Ich empfehle Ihnen hierzu das gleichnamige Buch von Jörg Fauser, in dem dieses Grundprinzip sehr anschaulich erklärt wird. In einem Roman wird nie der Anschein der Wahrheit erweckt, es ist ja keine Reportage. Ein Schriftsteller ist nicht der Wahrheit verpflichtet, wenn man darunter nur die oberflächliche Welt der Tatsachen versteht, sondern bestenfalls einer höheren Wahrheit. Lesen Sie bitte Terry Pratchetts berühmte Scheibenwelt-Romane, Harry Potter oder Science-Fiction. Vielleicht begreifen Sie es dann.

2.     „Du bist frei, über Deine Mitmenschen zu denken, was Du willst. Aber gibt Dir das das Recht, Dich über andere zu erheben, sie öffentlich lächerlich zu machen, zu beleidigen (…)?“ Ja, siehe oben. Ich bin tatsächlich frei. Sie haben als Volkswirt natürlich noch nie einen Blick ins Grundgesetz geworfen, aber unsere wunderbare Verfassung gibt mir sogar ausdrücklich das Recht auf eine eigene Meinung. Wenn ich mich beispielsweise über Ihren legendären Geiz und Ihre absurde Geldgier lustig machen würde, erhebe ich mich nicht über Sie, ich halte Ihnen nur den satirischen Spiegel vor. Hierzu möchte ich Ihnen als Lektüre „Gullivers Reisen“ von Jonathan Swift ans Herz legen.

3.     „Mit diesen Beleidigungen und Denunziationen einher geht ein bemerkenswerter Mangel an Respekt: Du machst Dich lustig über andere Leute, die nicht Deine Ansichten und Deinen Lebensstil haben. Dieser Mangel an Toleranz für andere Lebensentwürfe und Ansichten sei Dir zugestanden.“ Wenn Sie mir mangelnde Toleranz zugestehen (vielen Dank übrigens, das ist sehr großzügig von Ihnen), warum ist es dann ein Kritikpunkt? Bitte redigieren Sie Ihre Leserbriefe in Zukunft noch einmal, bevor Sie in Ihrem infantilen Zorn eine solch endlose Suada auf die Reise schicken.

4.     „Was Deinem Blog gänzlich fehlt sind Demut, Selbstzweifel und die Bereitschaft, anderen Meinungen Gehör zu schenken. Was immer Du schreibst, Du lässt keinen Zweifel daran, dass Du im Besitz der einzigen Wahrheit bist. Andere Meinungen werden abgewertet, verhöhnt und lächerlich gemacht.“ Wer Don Blech kennt, weiß: Er ist ein selbstverliebter Egozentriker mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Auf gut deutsch: Er wichst vor seinem eigenen Spiegelbild. Woher hat dieser Giftzwerg Begriffe wie "Demut" oder "Selbstzweifel"? Schließlich hat er sie bisher noch nie benutzt. Ich vertrete selbstverständlich meine persönliche Meinung. Was sollte ich denn sonst tun? Ich begründe meine Positionen mit Argumenten und illustriere sie an Beispielen. Manchmal mache ich mich über die AfD, die CSU, den real existierenden Scholzialismus, Putin, Bayern München und am allerliebsten über mich selbst lustig. Schade, dass Ihnen der Humor meiner Beiträge bis heute nicht aufgefallen ist. Hier kriegt jeder sein Fett weg. Falls es für Ihre zartbesaitete Finanzmarktseele unerträglich ist, empfehle ich Ihnen, die Lektüre zu wechseln, anstatt darauf zu hoffen, dass ein Autor seinen Stil und seine Themen ändert.

Vielleicht konzentrieren Sie sich in Zukunft wieder auf Ihre eigentliche Tätigkeit in der Erwachsenenbildung, anstatt anderen Menschen in oberlehrerhaftem Tonfall Ratschläge zu erteilen, in deren Tätigkeitsbereich Ihnen ganz offensichtlich die fachliche Kompetenz fehlt. Ansonsten kann ich Ihnen auch gerne mal Ihren neoliberalen Propagandamüll erklären. Leben Sie wohl!

Freitag, 21. April 2023

Grandpa Simpson erinnert sich mal wieder an die gute alte Zeit

 

Blogstuff 790

„SPIEGEL: Sie haben sich zum Schreiben auf die Seychellen zurückgezogen. 

Bonetti: Ja, wenn es um Stuckrad-Barre geht, schreibt man besser am Strand.“

Jetzt wird überall herumgejammert, dass die NRW-Abiprüfungen auf Freitag verlegt werden – und ausgerechnet an diesem Tag streikt die Bahn. Ich bin in meiner Jugend jeden Morgen fünfzehn Kilometer bei Wind und Wetter zur Schule gelaufen, weil ich die dreißig Pfennig für den Bus nicht hatte!

Langsam wird es unheimlich. Vier Tage hintereinander klingelt eine junge Frau in einem roten T-Shirt an meiner Haustür. Sie benutzt nicht die Klingel an der Gartentür, sondern betritt einfach das Grundstück und steht direkt hinter der Tür. Ich sehe sie durch die Mattglasscheibe als rote Silhouette. Sie klingelt ein zweites Mal und bleibt noch eine Weile stehen. Dann verlässt sie das Grundstück wieder. Ich beobachte sie vom Küchenfenster aus. Sie ist Ende zwanzig, trägt ein Klemmbrett und hat ihr schwarzes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie setzt sich in einen silbernen Mittelklassewagen mit Ingolstädter Kennzeichen, macht sich Notizen und sieht dabei immer wieder zu unserem Haus hinüber. Keine Ahnung, was das soll. Soll ich ihr irgendwann mal aufmachen?

Ü50-Freundschaften sind manchmal eine seltsame Sache. Ein Schulfreund, den es nach Mainz verschlagen hat, bezeichnet einen Schulfreund in Ingelheim, der Nachbarstadt, ernsthaft als seinen „besten Freund“. Die beiden sehen sich zwei- bis dreimal im Jahr auf ein Glas Wein (wg. Führerschein). Ein anderer lebt seit zwanzig Jahren in Saarbrücken. Er besucht einen alten „Freund“ in Ingelheim einmal im Jahr. Dieser „Freund“ war in all den Jahren nicht ein einziges Mal in Saarbrücken. Er hat die Frau und die drei Kinder des Saarbrückers, die älteste Tochter ist inzwischen fünfzehn, noch nie gesehen. Wenn ich sowas höre, bin ich über die Jungs und Mädels froh, mit denen ich Fußball oder Filme gucken und Pizza essen kann, die flüssigen Requisiten stets in Reichweite, auch wenn die Niederlage gegen die Skyblues letzte Woche bitter war (das Rückspiel haben wir uns erspart). Wir sind alle so herrlich Old School, ich habe in diesem Jahr schon zwei Ansichtskarten aus dem Urlaub bekommen und wir führen tatsächlich noch Telefongespräche.

Ich verstehe die heutige Studienordnung nicht. Erst macht man den Bachelor, für den sechs Semester vorgesehen sind, dann den Master in vier Semestern – wenn man sich an die Regelstudienzeit hält. Früher hieß der Bachelor Grundstudium. Dafür habe ich damals drei Semester gebraucht. Von den zwanzig Scheinen, die man zur Abschlussprüfung vorlegen musste, habe ich in diesen drei Semestern dreizehn gemacht, keiner besser benotet als 3. War mir egal, interessiert hinterher ohnehin niemanden mehr. Für die restlichen sieben Scheine, die Magisterarbeit und die mündliche Prüfung habe ich mir dann acht Semester Zeit gelassen. An zwei Tagen pro Woche Seminare, keine Vorlesungen. Ansonsten Baggersee und Party. Warum presst man die Studenten heutzutage in dieses elende Korsett, als gingen sie noch zur Schule?

Donnerstag, 20. April 2023

Angekommen

 

Es dauerte eine Stunde, bis ich in sein Büro gerufen wurde. Mir klopfte das Herz. Der 66. Stock im Springerhochhaus. Chefetage. Oder „Führerhauptquartier“, wie es im internen Jargon hieß.

Ich stand vor seinem Schreibtisch. Er schrieb gerade eine SMS. Dann sah er zu mir auf.

„Sie sind?“

„Letschko, Herr Döpfner. Florian Letschko.”

Er stand auf und sah mich prüfend an.

„Machen Sie mal den Oberkörper frei.“

Ich zog, Schlips, Hemd und Unterhemd aus und stand ungefragt stramm, die Arme eng an den Körper gelegt.

„Wo haben Sie gedient?“

„Landeszeitung für die Lüneburger Heide.“

Er trat einen Schritt näher und betastete die Muskulatur meiner Arme, dann meine Hände.

„Sie sind gesund und können mit zehn Fingern schreiben?“

„Sir, ja, Sir.“

„Es ist Ihnen klar, dass Sie mir mit Haut und Haaren gehören, wenn Sie für Springer arbeiten?“

„Sir, ja, Sir.“

„Gut. Vier Wochen unbezahltes Praktikum. Der Praktikantenraum ist im ersten Untergeschoss. Und geben Sie mir Ihre Handynummer.“

Zwei Stunden später kam die erste SMS von Döpfner. „Alle Ossis sind Entweder kommunisten; Odr Nazis. Vierzig zeilen bis morgeN.“

Ich begann mit meiner Recherche bei Wagenknecht, aber sie war schon lange keine Kommunistin mehr, sondern Unternehmerin. Ich machte mit Björn Höcke weiter, aber der ist Wessi. Schließlich schrieb ich was über Gysis Stasivergangenheit und die „Wilhelmsruher Türkenklatscher“, die es schon zu DDR-Zeiten gegeben hat, obwohl in der DDR gar keine Türken gelebt haben.

Als ich abends nach Hause kam, erhielt ich eine zweite SMS: „Wir Müssn druck auf Regirung erhöhn. Ötzdemür beim fleischessen zeigen.“

Das war schon schwieriger, denn zu diesem Thema gab es keine Bilder. Özdemir ist bekanntlich seit seiner Jugend Vegetarier. Also montierte ich mithilfe von Photoshop seinen Kopf auf den Körper von Peter Altmaier, der gerade auf einem Volksfest eine Bratwurst isst. Bildunterschrift: „Landwirtschaftsminister: lecker Schweinefleisch. So gesund, Herr Özdemir.“

Vier Wochen später begann meine unbezahlte Probezeit im ersten Stock.

Mittwoch, 19. April 2023

Hab's mal wieder nicht geschafft

 Ein Test zum Thema Prokrastination. Fünf Minuten. Hat mich echt geschafft.




Achtzig Euro für sechs Monate Anti-Prokrastinationstraining. Ich habe lange überlegt. Dann war die Zeit abgelaufen. Vielleicht probiere ich es morgen nochmal. Die sollten sich das echt überlegen, ob so eine runtertickende Uhr das richtige Marketinginstrument ist. Hat mich irgendwie getriggert oder so. Ich leg mich jetzt erstmal hin.

P.S.: Vorhin fand ich eine Nachricht in meiner Mailbox.



Mein Gott, diese Leute haben recht! Ich muss mich meinen Ängsten stellen und endlich das Bad putzen. Die seit Jahrzehnten geplante Diät machen. Allerdings habe ich weder Netflix noch ein Projekt. Und meine Zeit vergeude ich mit Tests zum Thema Zeitvergeudung ...

Wacht auf, Verdummte dieser Erde!

 

Blogstuff 789 

„An was denke ich? An eine Wurst denke ich. Es ist schrecklich.“ (Robert Walser)

Warum habe ich eigentlich so lange keinen Spießbraten mehr gemacht? Es muss viele Jahre her sein. Dabei ist es so einfach: einen fertigen Spießbraten (1 kg) beim Metzger holen, von allen Seiten scharf anbraten und dann für 1,5 h bei 160 Grad im Backofen lassen. Null Arbeit, köstlicher Genuss. Man braucht noch nicht mal Beilagen oder Soßen. Saftig, zart, reicht für zwei bis drei Portionen.

Kinder sind ein perfekter Kompromiss zwischen Vater und Mutter. Stellen Sie sich vor: ein blaues Auge von der Mutter, ein braunes Auge vom Vater, ein kurzer schlanker Arm von der Mutter, ein dicker langer Arm vom Vater, ein kurzes elegantes Bein von der Mutter, ein langes behaartes Bein vom Vater, ein Ei, ein Eierstock.

Warum steigen wir nach dem Atomausstieg nicht einfach wieder in die Atomenergie ein? Ein neues AKW kostet 12 bis 13 Milliarden Euro, wenn man sich an den aktuellen Bauvorhaben in Frankreich orientiert. Wenn wir also wieder zwanzig neue Kraftwerke haben wollen, werden ca. 250 Milliarden fällig. Die Energieversorgung ist von Helmut Kohl bekanntlich privatisiert worden. Die alten AKW wurden komplett mit Steuergeld gebaut. Welches private Unternehmen hätte das Geld für die neuen Kraftwerke? Keins in Deutschland, keins weltweit. Welche private Versicherung übernimmt die Haftung im Falle eines GAU? In einem dichtbesiedelten Land wie Deutschland kommen da leicht 50.000 bis 100.000 Tote zusammen. Keine Versicherung geht derart ins Risiko. Wann wären die neuen Atommeiler fertig, in einem Land, das für den Bau von Flughäfen, Bahnhöfen und Autobahnen Jahrzehnte braucht? Und das sind alles keine Hightech-Anlagen. Wir führen lauter Gespensterdebatten.

Der legendäre Porsche 956 wurde 1982 zum ersten Mal eingesetzt. Im 24-Stunden-Rennen von Le Mans gelang dem Werksteam ein Dreifachsieg vor zwei weiteren Porsche (935). Bester Nicht-Porsche war ein Ferrari auf Platz 6 mit 37 Runden Rückstand. Es gab also mal Zeiten, da war die deutsche Technik gar nicht so übel.

In der ZEIT heißt es jetzt „Witwerinnen“ statt Witwen. Gut. Machen wir das ab jetzt eben so.

Hätten Sie’s gewusst? Die Sahara hat eine Fläche von 9,2 Millionen qkm. Das entspricht der Fläche der USA oder Chinas (je 9,5 Mill.).

„Von der Wiege bis zur Bahre / Ist der Schnaps das einzig Wahre“ (Charles Bukowski zugeschrieben).

Kaum ist die Gespensterdebatte über E-Fuels, die es an keiner Tankstelle gibt, vorbei, tritt das Parteisurrogat FDP eine neue Gespensterdebatte los. Die Kernfusion soll unsere Energieversorgung sichern. Leider gibt es noch keinen einzigen Konfusionsreaktor auf der Welt, aber durch „Entbürokratisierung“ soll dieser Technologie in Deutschland endlich der Weg frei gemacht werden. Lindner, Kubicki, Dürr – ich glaube, da hilft nur noch die Entzugsklinik. #Fluxkompensator

 

Dienstag, 18. April 2023

Holgi

 

Ich kann mich nicht mehr erinnern, wer aus unserer Clique ihn eines Abends mitgebracht hatte. Wir haben uns damals entweder im Hobo oder im Pony Express getroffen, den beiden einzigen Kneipen in der Stadt, in der sich die Jugend allabendlich bei lauter Musik zum gemeinsamen Rausch zusammenfand. Aber irgendwann gehörte er einfach dazu.

Er stammte aus gutem Hause wie etwa die Hälfte von uns. Sein Vater verkörperte das gediegene Bildungsbürgertum der alten Bundesrepublik und war Chefredakteur der Lokalzeitung. Seine Mutter verbrachte den Tag im repräsentativen Anwesen am Stadtrand mit Sarkasmus, Rotwein und Selbstmitleid. Wie viele Jugendliche wollte er gegen seine spießigen Eltern rebellieren und weigerte sich, ans Gymnasium zu gehen. Er machte nur den Realschulabschluss und begann eine Lehre als Metzger.

Tagsüber zerhackte er Fleisch, abends besoff er sich in der Kneipe und spielte im schwarzen Jackett den Kleinstadtintellektuellen. Sein Nonkonformismus wirkte angestrengt und bisweilen verbissen. Wir studierten zu diesem Zeitpunkt schon, genossen aber den proletarischen Charme seiner selbstverliebten Ergüsse. Schließlich hatten wir noch zwei Leute vom örtlichen Baumarkt und von Woolworth am Tisch, die auch zu philosophischen und politischen Monologen ab 1,0 Promille aufwärts neigten. Es war eine gute Mischung, unterschiedliche Perspektiven und Meinungen, die lautstark, aber nie feindselig diskutiert wurden.

Sein Kinderzimmer war überraschend bürgerlich. Regalmeterweise ungelesene Weltliteratur (wie er mir eines Tages unter vier Augen gestand), die ihm sein kulturbesessener Vater geschenkt hatte, an der Wand ein echtes Ölgemälde, dessen Wert sämtliche Ersparnisse des Freundeskreises überstieg. Nach seiner Lehre drohte der Wehrdienst. Also ging er nach West-Berlin und nahm, zum Entsetzen seiner Eltern, Schauspielunterricht. Er wohnte in SO 36 und arbeitete als Briefträger. Natürlich wurde er nie Schauspieler, auch ein kurzes Intermezzo als Sänger einer Band verlief im Sand. Dann kam die Einheit und in ihrem Gefolge das Kreiswehrersatzamt. Tschüssikowski, Kreuzberg, Servus, Bayern. Er kam zu den Gebirgsjägern und unterschrieb gleich für zwei Jahre.

Keine Ahnung, was aus ihm geworden ist. Wir haben ihn aus den Augen verloren. Wahrscheinlich hat er eine Frau, zwei Kinder und ein Reihenhaus in der tiefsten Provinz. Oder er verprasst sein üppiges Erbe in Florida.

Montag, 17. April 2023

Ich sage nur: menschliche Abgründe

 

Blogstuff 788

„Die Industrielle Revolution, angetrieben von Sklaverei und Kolonialisierung, brachte dem globalen Norden unvorstellbaren Reichtum, besonders einer kleinen Minderheit der dort lebenden Menschen. Diese extreme Ungerechtigkeit ist die Grundlage, auf der unsere moderne Gesellschaft aufgebaut ist“ (Greta Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Thunberg)

Greta fordert in ihrem neuen Buch die Abschaffung des Kapitalismus. Wie sieht die Alternative aus? Der Staat soll unser Leben bis ins Detail regeln und mit planwirtschaftlichen Rationierungen (Eigentum, Wohnraum, Mobilität usw.) eingreifen. Klingt irgendwie bekannt, oder? Egon Krenz lebt noch. Die DDR war ja bekanntlich CO2-neutral. Lustig ist auch die Co-Autorin Sonja Guajajara, eine Indianerin aus Brasilien. Sie fordert, dass statt privilegierter weißer Männer Indianerinnen die Macht auf Erden haben sollten. Welches politische Amt hat Greta eigentlich? Ist sie irgendwo Entscheidungsträgerin? Oder ist es einfach mal wieder nur das übliche Gelaber? Natürlich wird ihrer Meinung nach viel zu wenig über das Thema Klimakrise berichtet und gesprochen: „Eigentlich sollte das jede Stunde unserer täglichen Nachrichten, jede politische Diskussion, jedes Business-Meeting und jede Minute unseres Alltagslebens beherrschen. Aber das geschieht nicht.“ Und nun zum Sport.

Jean-Louis Schlesser fuhr nur ein einziges Formel 1-Rennen, den Grand Prix in Monza 1988. Dabei schaffte er es, den sicheren Sieger Senna zwei Runden vor Schluss abzuschießen, als dieser ihn überrunden wollte. Ich könnte mich heute noch aufregen.

Söder will tatsächlich ein AKW weiterbetreiben, das ihm gar nicht gehört. Eigentümer: PreussenElektra, eine hundertprozentige Tochter von E.ON. Will dieser Populist von der Christlich Sozialistischen Union das Kraftwerk verstaatlichen? Wir leben in einer Marktwirtschaft. Das Unternehmen entscheidet, was mit dem Kraftwerk passiert. Es wird abgeschaltet. Ende der Durchsage.

Jogginghosen heißen jetzt Appartement-Pants. Für Sie im Internet gelesen.

Erst wirst du zu Hochzeiten eingeladen, dann zu Taufen, anschließend passiert ewig nix, weil Scheidungen nicht gefeiert werden, und später geht es mit den Beerdigungen los.

Liebe Nachfahren! Wir hatten den Atomstrom, ihr habt den Atommüll. Kommt damit klar, ihr Heulsusen!

Nochmal Greta: „Wir haben die unvorstellbar großartige Chance, im entscheidendsten Augenblick der Menschheitsgeschichte zu leben.“ Und was machen Sie? Lesen schon wieder diesen Stuss von Bonetti. Zum Beispiel: „Wie entsteht das Klima? Wenn ganz viel Wetter zusammenkommt, also ein richtig großer Haufen Wetter, dann sprechen wir von Klima. Klima gibt es in allen Farben und auch in einer Light-Version für Diabetiker.“

Sonntag, 16. April 2023

Seymour Hersh macht sich endgültig zur Lachnummer

 

Wissen Sie, wo die Ukraine Dieseltreibstoff für ihre Armee kauft? In Russland. Natürlich. Das hat Seymour Hersh herausgefunden.

Wissen Sie, dass die Ukraine Waffen und Munition, die sie vom Westen geliefert bekam, an private Waffenhändler in aller Welt verkauft? Auch das hat Seymour Hersh herausgefunden. Er hat mit jemandem geredet, schreibt er.

Der findet ja alles raus. Alles findet der raus, dieser Teufelskerl.

Neuster Artikel von US-Reporter Seymour Hersh über die Habgier Selenskyjs und den «totalen Bruch» zwischen dem Weissen Haus und dem Geheimdienst, weil die Nord-Stream-Sprengung im Voraus nicht diskutiert wurde (weltwoche.ch)

Verliert Bonetti seine Zulassung als Blogger?

 

Blogstuff 787

„Was immer du schreibst – schreibe kurz, und sie werden es lesen, schreibe klar, und sie werden es verstehen, schreibe bildhaft, und sie werden es im Gedächtnis behalten.“ (Joseph Pulitzer)

Acht Uhr morgens im Bus. Die resignierten Gesichter der zwei Jungs, die in Bretzenheim aussteigen. Mit gesenkten Köpfen gehen sie auf die andere Straßenseite. Dort steht eine Fabrikhalle. Wenn es gut läuft, sind sie irgendwann verheiratet und haben ein Reihenhaus. Das ist das Maximum, aber keiner weiß, wie ihre Chancen stehen. Wie hält man das in diesem Alter aus?

Auf was im Leben hat uns eigentlich der Barren vorbereitet?

„Danke Peter Nidetzky in Wien! Wir schalten zu Konrad Toenz in Zürich. Gibt es neue Erkenntnisse?“ – „Andy Bonetti ist nur verhaltensauffällig, nicht verhaltensgestört. Das ist ein großer Unterschied.“

Pythagoras selbst war unberechenbar.

Propaganda erkennt man immer daran, dass eine Geschichte nur vom Ende her erzählt wird. Die USA werfen Atombomben auf Japan. Böse. Punkt. Den imperialistischen Eroberungskrieg eines faschistischen Staats in China und Südostasien mit Millionen Toten, der diesem Angriff vorausging? Geschenkt. Die NATO hat Jugoslawien bombardiert. Böse. Punkt. Der Bürgerkrieg ab 1991, die jahrelangen Verhandlungen mit Milosevic, die nichts gebracht haben, das Massaker von Srebrenica? Zählt alles nicht. Wollen wir nicht hören. Und dann wundern sich diese Leute, warum niemand mit ihnen diskutieren will.

Wann kapieren die jungen Klimaaktivisten endlich, dass die alten und uralten Menschen in Deutschland klar in der Mehrheit sind? Alte wollen nichts verändern, Grundbesitzer, Aktionäre und SUV-Fahrer schon gar nicht. Verzicht ist utopisch, Verzicht bedeutet Versagen. Was ich mir leisten kann, das will ich auch haben. Die Deutschen sind eine Schafherde. Gib ihnen genug zu fressen und sie halten das Maul. Millionen Menschen wehren sich gegen einen Regierungsbeschluss? Das ist Frankreich, Leute. In Mordor herrschen willenloser Gehorsam und pflichtbewusster Untertanengeist. Gib Hitler eine Jack-Wolfskin-Jacke und drück ihm einen Beyond-Meat-Burger in die Hand – wir werden ihm folgen.

Eine unglaubliche Künstlerbiografie. Ich habe mir gleich mal „Tagebuch eines Diebs“ bestellt. Jean Genet – Wikipedia

Die „Wiener Zeitung“ ist die älteste noch existierende Tageszeitung der Welt. Sie existiert seit 1703. Jetzt ist Schluss.

Natürlich gibt es Geister. Wir können uns mit den Verstorbenen in Gedanken unterhalten und sie tauchen in unseren Träumen auf. Sie leben in unseren Erinnerungen. Von diesem Punkt aus ist es nicht weit, um an die Geister der anderen glauben, die überall herumspuken. Vielleicht entstand so der Aberglaube.

Samstag, 15. April 2023

Bonetti wird nicht abgeschaltet

 

Blogstuff 786

„Mein Vorschlag. Friedensnobelpreis für Trump. Und ibama wieder wegnehmen.“ (Mathias Döpfner)

„Große Überraschung: Langjähriger Chef von niederträchtiger, rechtspopulistischer, rassistischer, volksverhetzender und lobbyistischer Zeitung selber auch niederträchtig, rechtspopulistisch, rassistisch, volksverhetzend und lobbyistisch.“ (Der Gazetteur)

Seit die AKW vom Netz sind, läuft mein Internet total langsam und es ist auch irgendwie dunkler in meiner Wohnung.

In den letzten Wochen haben CDU, CSU und FDP über das Ende der Atomkraft in Deutschland gejammert und geklagt, gezetert und gekeift wie drei alte Waschweiber. Fun Fact: Genau diese drei Parteien haben 2011 den Atomausstieg beschlossen. Diese Hysterie erinnert mich an vergangenes Jahr, als uns allen ein Winter mit kalten Wohnungen und Blackouts prophezeit wurde. Kassandra ist eine Deutsche.

Letztes Jahr stiegen wegen des Krieges die Energiekosten, damit die Produktionskosten und letztlich die Preise. Die Inflation 2022 lässt sich einfach erklären. Aber was ist in diesem Jahr? Die Energiekosten sind teilweise wieder auf Vorkriegsniveau, die Produktionskosten sinken, aber nicht die Preise. Und jetzt die Eine-Million-Euro-Frage: Warum bleiben die Preise hoch? Ein guter Indikator zur Beantwortung dieser Frage sind die Unternehmensgewinne. Sie gehen gerade durch die Decke, Aktionäre bekommen Rekorddividenden, Managergehälter steigen. Man kennt dieses Spiel seit Jahrzehnten an der Tankstelle. Steigen die Rohölpreise, wird dieser Anstieg ganz schnell an den Kunden weitergegeben, sinkende Preise allerhöchstens teilweise und mit Verzögerung („Wir haben ja noch so viel teures Öl auf Lager.“), in der Hoffnung, der doofe Kunde hätte die früheren Preise vergessen. Man nennt das auch ganz einfach „Volksverarschung“.



Pubertät heißt, sich von den Eltern zu lösen. Das macht man, indem man die Beziehung langsam erkalten lässt, wie bei einer Paarbeziehung. Mürrische Blicke, maulfaule Antworten, oft nicht mehr als ein oder zwei Worte, mutwillige Verwahrlosung des Zimmers, peinliches Verhalten (in den Vorgarten kotzen, in der Schule sitzenbleiben). Eltern lieben uns bis über den Tod hinaus, wenn es sein muss. Dann pilgern sie an unsere Gräber, was wir umgekehrt nie machen würden. Nach der Scheidung (Auszug) werden die Eltern erstmal geghostet, dann werden strenge Besuchsregeln vereinbart, z.B. nur an Weihnachten, Ostern, Geburtstagen und anderen Familienfesten.  

Bayern-Fan: Vielleicht geschieht ja noch ein Wunder. – Ich: Jesus hat auch Wunder vollbracht. Aber nicht gegen ManCity.

Beim Joggen verliert man kein Gewicht, aber seine Würde.

Freitag, 14. April 2023

Das Treffen

 

Sie kannten sich seit vielen Jahren, hatten über soziale Medien regelmäßig Kontakt und lasen gegenseitig ihre Blogposts im Internet. Jetzt wollten sie sich zum ersten Mal „in echt“ treffen. Er war nervös. Was sollten sie miteinander reden? Er kannte sämtliche Katastrophen und Todesfälle im Leben des anderen. Das musste er in jedem Fall elegant umschiffen und für den Anfang nur Unverbindliches zur Sprache bringen. Wo stand dieser Mann eigentlich politisch? Würde nach einer Viertelstunde verlegenes Schweigen wie Blei über der peinlichen Szenerie liegen? Er wollte ihn am Bahnhof seiner Heimatstadt abholen. Würden sie zu ihm nach Hause gehen, wo er auf seine Frau treffen würde? Wäre er ein Fremdkörper, ein unverschämter Eindringling ins häusliche Idyll? Sollte er ein Gastgeschenk kaufen oder wirkte das spießig und antiquiert?

Mit diesen Gedanken belastet ging er am Tag der Reise zum Bahnhof. Es war stürmisch und winzige Hagelkörner trafen sein Gesicht wie Nadelstiche. Gegen den Wind gelehnt und mit gesenktem Kopf quälte er sich Schritt für Schritt, bis er endlich den Bahnsteig erreichte. Die Fahrt durch das Rheintal war ereignislos. Er hatte nicht die Ruhe, um auf den Fluss und die vielen Burgen zu schauen, die ihm früher immer die kleine Reise angenehm gemacht hatten.

In Köln musste er umsteigen. Er fühlte sich nicht gut. Vielleicht sollte ich mich erstmal bei einem Glas Bier entspannen, dachte er. Aber im Kölner Bahnhofsviertel gab es nur Kölsch. Er brauchte kein wässriges Biersurrogat in viel zu kleinen Gläsern, der Sinn stand ihm nach einem kräftigen Guinness, möglicherweise von einem Single Malt begleitet. Er kannte sich in der Stadt nicht aus und ging ziellos durch die Straßen. Es dauerte eine halbe Stunde, bis er einen Irish Pub fand.

Im Inneren war es warm und behaglich. Sein von der Kälte taubes Gesicht begann aufzutauen. Seine klammen Hände schlossen sich alsbald um ein köstliches Pint der gälischen Göttergabe. In drei Zügen hatte er das Glas geleert. Wärme breitete sich in seinem Inneren aus und strömte wie ein Frühlingserwachen durch seinen ganzen Körper. Die Wirtin nickte ihm anerkennend zu und begann, ein zweites Pint zu zapfen. Er nahm es dankend entgegen und wählte einen Bushmills Malt zur geistigen Erhebung.

Bald war er in ein Gespräch mit einem neunschrötigen Galgenstrick verwickelt, der zwei Barhocker weiter saß. Erst ging es um Bier und Whisky, dann um Fußball, schließlich um das Leben selbst in seiner ganzen unergründlichen und faszinierenden Pracht. Als er schließlich zahlte und die Kneipe verließ, dämmerte es bereits. Natürlich fand er den Rückweg nicht und rief schließlich ein Taxi, dass ihn zum Bahnhof brachte.

Sie wissen natürlich längst, wie die Geschichte endet. Er fuhr mit dem Zug nach Hause und hat den Bloggerkollegen bis heute nicht getroffen. Aber sie verstehen sich immer noch großartig. Vermutlich war die Erleichterung über die gescheiterte Begegnung auf beiden Seiten groß.

Donnerstag, 13. April 2023

Liebe Internetteilnehmer an allen Empfangsgeräten

 

Blogstuff 785

„Kaum ist man mal für Waffenlieferungen und Kriegseinsätze, wird man in so’ne grüne Ecke gedrängt.“ (Harald Schmidt)

Sportgeschichte: Der FC Bayern hat nur ein einziges Mal in der Bundesligageschichte einen Drei-Tore-Vorsprung wieder abgegeben. Das war 1973, vor fünfzig Jahren, auf dem Betzenberg. Die Münchner führten 4:1 und bekamen von den roten Teufeln anschließend noch sechs Tore eingeschenkt. Sieben Gegentore gab es auch beim 0:7 gegen Schalke 1976 und beim 1:7 gegen Düsseldorf 1978.

Ich habe die 26cm-Pizza von meinem Stammitaliener mal nachgemessen. 22 cm. So wird man einen langjährigen Kunden los. Greedflation im Hunsrück.

Kulinarischer Link der Woche: Pastetenvogel – Wikipedia

Folgende Zusatzstoffe sind ab dem 1. Mai in Lebensmitteln verboten: Sägemehl, Asche, Sand, zermahlenes Glas, Schlamm, Gülle, Eiter, E 17, E 32, E49, Superzahl: 3.

50.000 Jahre v.Chr.: Der Grand-Marnier-Mensch betritt die Weltbühne.

Letzte Woche habe ich mir einen Teleskop-Rückenkratzer gekauft und ich kann nur sagen: Er hat mein Leben verändert.

„Man nannte ihn Mulatten-Freddie, obwohl er nur einen großen Leberfleck auf der linken Backe hatte.“ (Beginn einer langweiligen Sozialstudie über Bochum in den siebziger Jahren)

Django Fandango war ein alter Hase in diesem Geschäft, eigentlich ein Dinosaurier. Zeitdruck war sein Lebenselixier, Redaktionsschluss war wie starker Kaffee. Er schrieb seine Texte, ohne auch nur einmal die Hände von der Tastatur zu nehmen. Sein eigentlicher Name war Winfried Bockmelker, aber seine Kollegen nannten ihn einfach nur Django Fandango. Er war auf altmodische Weise elegant, trug Tweedanzüge und braune Lederschuhe. Bei jedem Wetter hatte er einen Regenschirm dabei und hielt Frauen ungefragt die Tür auf.

Bonetti Media plant einen Film, in dem es um ein Gourmet-Steakhaus gehen soll. Arbeitstitel: „Wagyu Göthe.“

Neben mir im Bus sitzen zwei Zwangsneurotiker, die sich offenbar aus der Therapie kennen. Der Ältere ist vierzig und wohnt wieder bei den Eltern, erzählt von seinem Waschzwang, während er sich permanent mit der rechten Faust gegen den Schädel klopft. Dann fragt er den Jüngeren: „Wo kommst du eigentlich her?“ Er antwortet: „Aus Karlsruhe.“ „Ist auch trist, oder? Da im Schwarzwald.“

In der BL-Rückrundentabelle steht Mainz auf Platz 3, nur einen Punkt hinter den Bayern.

Mittwoch, 12. April 2023

Andy Bonetti spielt Andy Bonetti in “Andy Bonetti”

 

Hinter der oberflächlichen Welt gibt es eine zweite Ebene. Wir nennen uns „Der Dienst“. Wir bewegen uns in dieser Welt, aber wir gehören nicht dazu. Jede Tür steht uns offen. Nachts holen wir uns aus den Geschäften, was wir brauchen. Wir leben in Wohnungen von Leuten, die gerade verreist sind.

Ursprünglich war es unsere Aufgabe, für Ruhe und Ordnung in der Gesellschaft zu sorgen. Aber eben nicht mit Polizeiknüppel und Verboten, sondern auf subtile und subkutane Art. Rädelsführer der Arbeiterbewegung wurden in heiße Liebesaffären verwickelt, ewig Unzufriedene fanden „zufällig“ einen Batzen Geld auf der Straße, Revoluzzer versorgten wir mit harten Drogen.

Heute ist das alles nicht mehr nötig. Es gibt Streamingdienste und andere Medien, Computerspiele, soziale Medien, billigen Alkohol und Sedativa. Alles ist ruhig. Menschen fotografieren sich selbst oder ihre Mahlzeiten. Aber „Der Dienst“ ist immer noch da. Wir spazieren durch die Stadt, beobachten Menschenaufläufe, belauschen Gespräche an der Theke und schreiben unsere Berichte.

Tagsüber sitze ich im Kino, wenn sonst niemand Zeit hat. Abends gehe ich in die besten Restaurants der Stadt, die Kreditkarte meiner Organisation ist immer gedeckt. So hätte es ewig weiter gehen können, aber dann kam alles anders. Ich hätte es mir ja denken können. Die Zombie-Apokalypse. Plötzlich waren überall kreischende Untote, die Appetit auf Gehirn hatten.

Glücklicherweise konnte ich mich in ein Waffengeschäft retten. Ich lud ein halbes Dutzend automatischer Gewehre und Pumpguns durch und verschanzte mich hinter der Ladentheke. Dann kamen sie. Es war wie eine Safari auf einer Hühnerfarm. Irgendwann blockierte der Leichenberg den Eingang.

Ich hängte mir zwei Gewehre um, nahm genügend Munition mit, dazu eine Thermoskanne Kaffee und Mürbegebäck, dann floh ich durch den Hinterausgang. Dort stand eine Enduro, mit der ich in eine Holzhütte in den Bergen floh. Dort wartete ich auf die nächste Zombie-Attacke.