Mittwoch, 8. Juli 2026

Die phantastischen Fünf

 

Mein Name ist Magnus Hollunderbaum und ich war auf die glorreiche Idee gekommen, unsere alte Schulclique nach dreißig Jahren wieder an alter Wirkungsstätte zusammenzuführen. Leider waren die beiden Kneipen und die Disco, in der wir unsere gemeinsamen Abende verbrachten, schon seit Jahren geschlossen. Aber in der ehemaligen Ankerklause gab es jetzt ein Lokal namens Ferengi-Bar. An einem Samstagnachmittag, nur wenige Tische waren besetzt, war es endlich so weit.

Als erstes und auf die Minute pünktlich erschien Heiko Wunderlich. In seinem dunklen Anzug, den blank geputzten schwarzen Schuhen und der geschmacklos gepunkteten Krawatte sah er aus wie ein verklemmter CDU-Kommunalpolitiker mit chronischer Verstopfung.

Dann kam Rolf „Aperol“ Schmitz, den ich eigentlich nur besoffen in Erinnerung hatte. Er war stark übergewichtig, trug einen schwarzen Pullover mit ausgeleiertem Kragen und Birkenstocksandalen. Wenn man sein aufgedunsenes rotfleckiges Gesicht sah, machte man sich unwillkürlich Gedanken, wie lange er wohl noch zu leben hatte.

Infinity Jones war der Einzige, der wie ich in der Kleinstadt hängengeblieben war. Er war Künstler und machte aus Sperrmüll, der am Straßenrand abgestellt war, Skulpturen. Ein verrosteter Kinderfahrradrahmen, auf dem ein Puppenkopf den Sattel ersetzt hatte, zierte den Eingangsbereich der Volkshochschule. Er hatte sein langes graues Haar zu einem Zopf gebunden, der eigentlich nicht zu seiner Halbglatze passte.

Schließlich setzte sich Herodes Wurzelgruber an unseren Tisch, Sohn eines Professorenpaares. Cordjacke mit ledernen Ellbogenschonern, graue Stoffhosen und klobige braune Halbschuhe, die er eigentlich Infinity Jones, dessen bürgerlicher Name übrigens Johann Endlich lautete, für sein nächstes Projekt geben sollte.

Während der ersten drei Weizenbiere ging es um Erinnerungen an unsere Jugend. Anekdoten, in denen es hauptsächlich um Alkohol und weiche Drogen ging, Lästereien über unsere Lehrer, Pech mit Gebrauchtwagen und erfolglose Bemühungen um Frauen. Aber beim vierten Bier nahm das Unvermeidliche seinen Lauf. Was war die letzten dreißig Jahre passiert?

Heiko war während seiner Banklehre in Frankfurt beim Schmuggeln von drei Kilo Haschisch aus Maastricht erwischt worden und saß zwei Jahre im Gefängnis. Inzwischen war er bei den Zeugen Jehovas, verheiratet und hatte fünf Kinder. Sein Geld verdiente er als Anlageberater für christliche Anlagefonds.

Rolf arbeitete als Erdkunde- und Sportlehrer auf der anderen Rheinseite in einer Gesamtschule und war immer noch Single. Infinity war bekanntlich Künstler, lebte aber von der neuerdings Grundsicherung genannten Sozialleistung, die alle als Hartz IV in Erinnerung haben. Seine Freundin war Barkeeperin. Herodes arbeitete als Dozent für mittelalterliche Musik an der Universität Paderborn und war schwul – theoretisch.

Und ich? Ich habe einen Blog und schreibe dort unter Pseudonym Texte. Mein Avatar ist ein erfolgreicher und vermögender Berliner Schriftsteller, dessen Bücher in jeder Bahnhofsbuchhandlung zu kaufen sind. Mein Geld verdiene ich als Wirt der Ferengi-Bar. Das Leben kann so einfach sein. Kommen Sie doch mal vorbei. Zwischen 16 und 18 Uhr ist Jägermeister-Happy Hour.

 

1 Kommentar:

  1. Auf meinem letzten Klassentreffen sah ich viele alte Gesichter und neue Zähne.

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