Mein
Name ist Magnus Hollunderbaum und ich war auf die glorreiche Idee gekommen,
unsere alte Schulclique nach dreißig Jahren wieder an alter Wirkungsstätte
zusammenzuführen. Leider waren die beiden Kneipen und die Disco, in der wir
unsere gemeinsamen Abende verbrachten, schon seit Jahren geschlossen. Aber in
der ehemaligen Ankerklause gab es jetzt ein Lokal namens Ferengi-Bar. An einem
Samstagnachmittag, nur wenige Tische waren besetzt, war es endlich so weit.
Als
erstes und auf die Minute pünktlich erschien Heiko Wunderlich. In seinem
dunklen Anzug, den blank geputzten schwarzen Schuhen und der geschmacklos
gepunkteten Krawatte sah er aus wie ein verklemmter CDU-Kommunalpolitiker mit
chronischer Verstopfung.
Dann
kam Rolf „Aperol“ Schmitz, den ich eigentlich nur besoffen in Erinnerung hatte.
Er war stark übergewichtig, trug einen schwarzen Pullover mit ausgeleiertem Kragen
und Birkenstocksandalen. Wenn man sein aufgedunsenes rotfleckiges Gesicht sah,
machte man sich unwillkürlich Gedanken, wie lange er wohl noch zu leben hatte.
Infinity
Jones war der Einzige, der wie ich in der Kleinstadt hängengeblieben war. Er
war Künstler und machte aus Sperrmüll, der am Straßenrand abgestellt war,
Skulpturen. Ein verrosteter Kinderfahrradrahmen, auf dem ein Puppenkopf den
Sattel ersetzt hatte, zierte den Eingangsbereich der Volkshochschule. Er hatte
sein langes graues Haar zu einem Zopf gebunden, der eigentlich nicht zu seiner
Halbglatze passte.
Schließlich
setzte sich Herodes Wurzelgruber an unseren Tisch, Sohn eines
Professorenpaares. Cordjacke mit ledernen Ellbogenschonern, graue Stoffhosen
und klobige braune Halbschuhe, die er eigentlich Infinity Jones, dessen
bürgerlicher Name übrigens Johann Endlich lautete, für sein nächstes Projekt geben
sollte.
Während
der ersten drei Weizenbiere ging es um Erinnerungen an unsere Jugend. Anekdoten,
in denen es hauptsächlich um Alkohol und weiche Drogen ging, Lästereien über
unsere Lehrer, Pech mit Gebrauchtwagen und erfolglose Bemühungen um Frauen.
Aber beim vierten Bier nahm das Unvermeidliche seinen Lauf. Was war die letzten
dreißig Jahre passiert?
Heiko
war während seiner Banklehre in Frankfurt beim Schmuggeln von drei Kilo
Haschisch aus Maastricht erwischt worden und saß zwei Jahre im Gefängnis. Inzwischen
war er bei den Zeugen Jehovas, verheiratet und hatte fünf Kinder. Sein Geld
verdiente er als Anlageberater für christliche Anlagefonds.
Rolf
arbeitete als Erdkunde- und Sportlehrer auf der anderen Rheinseite in einer Gesamtschule
und war immer noch Single. Infinity war bekanntlich Künstler, lebte aber von
der neuerdings Grundsicherung genannten Sozialleistung, die alle als Hartz IV
in Erinnerung haben. Seine Freundin war Barkeeperin. Herodes arbeitete als
Dozent für mittelalterliche Musik an der Universität Paderborn und war schwul –
theoretisch.
Und
ich? Ich habe einen Blog und schreibe dort unter Pseudonym Texte. Mein Avatar
ist ein erfolgreicher und vermögender Berliner Schriftsteller, dessen Bücher in
jeder Bahnhofsbuchhandlung zu kaufen sind. Mein Geld verdiene ich als Wirt der
Ferengi-Bar. Das Leben kann so einfach sein. Kommen Sie doch mal vorbei.
Zwischen 16 und 18 Uhr ist Jägermeister-Happy Hour.
Auf meinem letzten Klassentreffen sah ich viele alte Gesichter und neue Zähne.
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