Sonntag, 19. April 2026

Der Tod in Wilmersdorf

 

Ich bin an einem Freitag gestorben. Allein. In meinem Bett. Mein Herz ist einfach stehengeblieben.

Nach meinem Tod bewegte sich mein Astralleib aus meiner Wohnung in den Hausflur zum Fahrstuhl. Er öffnete sich und ich musste keinen Knopf drücken. Er fuhr nach unten. Ich hatte nichts anderes erwartet.

Im Erdgeschoss stieg ich aus. Aus der Wohnung von Brigitte Hartnack drang Musik. Ich ging zu ihrer Tür, die zu meiner Überraschung offen war. Ich trat ein.

„Hi, schön, dass du da bist.“

Frau Hartnack trug einen knallroten Lederbody, schwarze Strümpfe und war wie eine Katze geschminkt. Obwohl sich Katzen natürlich nicht schminken – aber sie wissen, was ich meine.

Sie führte mich ins Wohnzimmer, wo etwa ein Dutzend Gäste standen. Sie deutete auf den Tisch, auf dem ein Buffet aufgebaut war. Panierte Kuhaugen, Quallensalat und eine Schweineblutbowle.

„Hallo“, sprach mich ein Mann an. „Ich bin der Siggi und ich bin Anlageberater. Im Augenblick ist am Finanzmarkt die Hölle los und ich habe die besten Tipps, wenn du richtig Geld verdienen willst.“ Aus den Ärmeln seines Jacketts krochen dicke schwarze Käfer.

Ich ging zur Bar hinüber, wo die harten Sachen standen. Eine Frau lächelte mich an. Ihre Zähne waren spitz, als würde ihr Gebiss nur aus Eckzähnen bestehen. „Ich heiße Gesine Vogelsang und ich bin Heilpraktikerin.“ Sie zündete sich eine Zigarette an. Alle rauchten auf dieser Party. Der Raum war mit stinkendem Nebel angefüllt.

Ich ging auf den Balkon. Mein fifty-fifty Gin Tonic schmeckte nach nichts und hatte auch keine Wirkung. Der Ausblick war ganz anders, als ich ihn von meiner Wohnung in Erinnerung hatte. Eine laute Kreuzung voller wütender Autofahrer, Menschen schrien sich an und in einem Truck brüllte das Schlachtvieh.

Ein großer Mann stellte sich neben mich. Seine Haut war rot wie Feuer, sein Anzug schwarz wie die tiefste Finsternis. „Ich bin der Gastgeber. Schön, dass Sie es heute Abend einrichten konnten.“

 

 

6 Kommentare:

  1. Gute Geschichte. Jedoch: Astralleiber brauchen eigentlich keine Fahrstühle. Und Satan trägt derzeit auch nicht schwarz, denn (Zitat aus der Herrenausstatterhölle): "Warme Erdtöne sind das Herzstück der aktuellen Mode. Besonders gefragt sind Farben wie Mokka, Cognac, Schokolade und Beige."

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    1. Vielleicht war es ja ein Astralfahrstuhl? ;o)

      Und der Teufel trägt nie die aktuelle Mode. Das tun nur die Verdammten dieser Erde ...

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  2. Sorry, aber so einfach wird's wohl nicht abgehen ...

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  3. Ich dachte immer , nach Deinem Tod ruft der Camerlengo dreimal Deinen Namen...

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