Sonntag, 27. Februar 2022

Zur Rationalität von Politik

 

„Leute, die Putin (oder irgendeinem Player auf der Weltbühne) Irrationalität unterstellen, halte ich für elende Sophisten, oder dumm, oder beides.“

Das schreibt Fefe am 26. Februar. Es ist wie bei Corona oder dem Klima: Wer nicht meiner Meinung ist, kann nur ein Schwachkopf oder ein Lügner sein. Kritiker sind grundsätzlich Trolle. Muss man nicht ernst nehmen. Einfach ignorieren. Aber so einfach ist es nicht. Was Putin oder Fefe rational erscheinen mag, kann und darf von anderen Menschen als irrationales Verhalten interpretiert werden.

Als Politikwissenschaftler habe ich gelernt, jedem „Player“ rationales Handeln zu unterstellen. Auch wenn es mir bei Trump sehr schwergefallen ist. Das schließt aber nicht aus, dass ein Akteur Fehler macht. Als Napoleon und Hitler Russland angegriffen haben, stellte sich diese Entscheidung, trotz anfänglicher Erfolge und sorgfältiger Planung, als schwerer Fehler heraus, der das Schicksal der beiden Feldherren letztlich besiegelt hat. Ob Putins Plan aufgeht, ist noch offen. Den Anfang des Krieges kann man planen, das Ende nicht. #Afghanistan #Vietnam #Libyen #Irak usw.

Wer von uns handelt immer rational? Es sind immer auch Emotionen im Spiel. Von Lust bis Zorn ist alles dabei. Nach 9/11 haben die Amerikaner ganz Afghanistan besetzt, um einen einzigen Mann, der zudem ein Araber war, zu fangen. Warum? Es hätten eine Geheimdienstoperation und ein Killerkommando genügt. Osama Bin Laden wurde schließlich von einer Handvoll Navy Seals in Pakistan exekutiert.

Paradebeispiele sind Leute wie Hitler, Gaddafi, Idi Amin oder Stalin. Hitler war bei Kriegsende ein drogenabhängiger Psychopath, der für seine Wutanfälle berühmt war und mit Phantasie-Divisionen operierte. Wie viele Diktatoren hatten eine schwere Paranoia und fürchteten sich Tag und Nacht vor Attentaten oder vor einem Putsch? Stalin führte regelmäßige „Säuberungen“ seines Parteiapparates durch, Saddam Hussein schlief jede Nacht in einem anderen Palast. Auch religiöser Fanatismus kann ein Kriegsgrund sein.

Wir sollten ebenfalls über den Größenwahn nachdenken, den so mancher Staatschef oder König entwickelt, wenn er nur lange genug an der Macht ist. Wenn es in seinem Umfeld keinen Menschen gibt, der ihn auf eine mögliche Fehleinschätzung hinweist und ihm die Gegenargumente zu seinem Plan vorträgt. Dazu gehört auch die Überschätzung der eigenen strategischen Fähigkeiten oder der Stärke des eigenen Landes. Ich sage nur: Welthauptstadt Germania.

Putin ist ein Vabanque-Spieler. Ich nehme mir die Krim. Es passiert nichts, bis auf ein paar Sanktiönchen. Ich unterstütze die Separatisten in Luhansk und Donezk, ich lasse sie ein Zivilflugzeug abschießen. Es passiert wieder nichts. Also erhöhe ich den Einsatz. Ich möchte Putin ausdrücklich nicht mit Hitler vergleichen. Er ist kein Massenmörder, Antisemit oder Rassist. Aber auch Hitler hat Vabanque gespielt. 1936 schickte er seine Truppen ins Rheinland, das von den Franzosen besetzt war. Damals war Frankreich dem Deutschen Reich noch militärisch überlegen. Ein riskantes Spiel. Aber es klappte. Hitler erhöhte den Einsatz: Österreich 1938, das Sudetenland und schließlich Tschechien 1939. Niemand stoppte ihn. Bei seinem Angriffskrieg auf Polen ging er auch davon aus, dass nichts passieren würde. Großbritannien und Frankreich erklärten dem Deutschen Reich zwar den Krieg, griffen aber in Polen nicht aktiv ein. Hitler erhöhte weiter den Einsatz: Krieg gegen Frankreich und Großbritannien, Besetzung diverser europäischer Staaten, Kriegseinsätze auf dem Balkan und in Afrika. Schließlich der Krieg gegen die Russen und die Amerikaner. Da hatte er sein Blatt längst überreizt – mit bekanntem Ausgang. Hoffen wir, dass Putin vernünftiger ist.

Fazit: Der Glaube an die pure Rationalität von Politik ist naiv – oder dumm.

P.S.: „Besonders bekannt wurde dieser Begriff durch ein überliefertes Gespräch zwischen Hermann Göring und Adolf Hitler anlässlich der britischen Kriegserklärung 1939. Göring riet Hitler: „Wir wollen doch das Vabanque-Spiel lassen“, worauf Hitler antwortete: „Ich habe in meinem Leben immer Vabanque gespielt.“ (Wikipedia: Va banque)



 

29 Kommentare:

  1. Das gelebte Leben oder besser die Umstände verändern die Menschen immer nachhaltig.
    Freund von mir ist Unternehmer, hat so 50 Leute. Der hat sich über die Jahrzehnte auch verändert.
    Auch, sorry, Lehrer.
    Wenn man nie Widerspruch erfährt gräbt sich so manches in die Persönlichkeit ein.
    Also direkter Widerspruch, natürlich müssen die oben genannten sich mit Kunden oder Schülern rummärgern, aber in der Haupsache sind Sie doch immer der Chef.
    Und als Maurer wird man hart wie Stein.

    AntwortenLöschen
  2. Wurde schon bekannt, welche Aktien er kaufte?

    AntwortenLöschen
  3. Fefe und der Duke haben mit Trump und Bannon mehr gemeinsam als sie glauben.

    AntwortenLöschen
  4. "Warum gibt es nicht ein paar, drei, fünf, zehn, die zusammenstehn und auf den Plätzen schreien:

    Genug!

    Und erschossen werden und wenigstens ihr Leben dafür gegeben haben, daß es genug sei, während die draußen jetzt nur noch untergehen, damit das Entsetzliche währe und währe... "

    Rainer Maria Rilke,

    zitiert nach Piper,Ernst:
    Nacht über Europa.
    Kulturgeschichte des 1.Weltkrieges, Berlin 2013, S. 230

    💔🇺🇦🕊️🙏

    AntwortenLöschen
  5. "Daß der Russ’ nicht in die Ukraine einmarschieren und den Dritten Weltkrieg riskieren wird, wußte ich schon, als der wertpapierorientierte Westen im Dezember sein großes Säbelrasseln begann."

    Kay Sokolowksy am 18. Februar.

    Schlecht gealtert

    AntwortenLöschen
  6. Sehe ich auch so: Macht kann grössenwahnsinnig und paranoid machen. Autoritäre Machthaber schalten jede Opposition aus und leben schliesslich in einer Blase von Claqueuren. Soll sogar im Netz so sein...

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Bei Wladimir Erdmann sammeln sich jetzt die Russland-Querversteher.

      Löschen
    2. Traurig anzuschauen. Ein Häuflein alter weisser Männer, die sich nur noch gegenseitig Schlagzeilen zuwerfen und sich daran empören. Ein Dutzend noch. Höchstens. Deren Kommentare könnten auch von AfD-Anhängern stammen...

      Löschen
    3. Ach Hüssilein, du bist auch so erbärmlich, dein Gegeifer nach Anerkennung.
      Dafür holst du auch immer wieder das bescheuerte Hufeisen raus. Merkst du noch? Oder zu viel Pflanzenschutzmittel eingeatmet?

      Löschen
    4. DasKleineTeilchen27. Februar 2022 um 17:07

      ach wie nett; der herr karl faselt was von "alten, weissen männern"...endlich haste wieder n narrativ als keule zur profilierung, ne?

      goddabefuckingkiddingme.

      Löschen
    5. DasKleineTeilchen27. Februar 2022 um 17:10

      @anoym,firstpost:

      keiner hindert dich dran, deine sicht der dinge auch dort zu äussern.

      Löschen
  7. Was mir diesen Blogpost doch schwer verdaulich macht ist die Tatsache, dass man das Gefühl hat, dieser Putin agiert im luftleeren Raum.
    Nein, natürlich gibt es keine Gegenspieler im Westen, sondern er hat einfach immer weiter den Einsatz erhöht, und Berlin, Brüssel oder Washington existieren gar nicht.
    Niemand hat der Ukraine über 7 lange Jahre vorgegaukelt, sie kämen in die NATO oder die EU, und niemand hat die Ukraine darin unterstützt, Minsk II von Anfang an zu sabotieren.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Die demokratisch gewählte Regierung der Ukraine und die Mehrheit der Bevölkerung orientieren sich nach Westen. Das sollten alle akzeptieren. Das hat auch historische Gründe, Stichwort Holodomor. In Kiew sitzt kein Marionettenregime der USA, genauso wenig wie in Paris, London, Berlin, Rom oder Madrid Marionettenregimes sitzen, die von der CIA an die Macht geputscht wurden.

      Löschen
    2. P.S.: Auch die Staaten des ehemaligen Warschauer Pakts wurden nicht in die NATO gezwungen. Ihr Beitritt war die Reaktion auf die Erfahrungen mit der sowjetischen Gewaltherrschaft.

      DDR 1953

      Ungarn 1956

      CSSR 1968

      Polen 1980

      Diese Staaten sind ebenfalls unabhängig und haben demokratisch gewählte Regierungen. Über ihr Schicksal wird seit 1990 nicht mehr in Moskau entschieden. Haben Sie damit ein Problem?

      Löschen
  8. "Das "Gleichgewicht des Schreckens" funktioniert. Niemand rechnet in Zeiten von Pandemie und Klimakatastrophe mit einem globalen Atomkrieg. Wer sollte ihn beginnen und warum?"

    So lautete es hier noch vor kurzem. Nicht einmal auf so eine geniale Konstruktion wie dem "Gleichgewicht des Schreckens" ist heute mehr Verlass.

    AntwortenLöschen
  9. Vladimir Putins Cousine
    Du hast mir Glück gebracht..

    Das sang Funny van Dannen noch vor Jahren
    Was Hamm wa jedoch....

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Scheiß handy Vorschlagschreiberei.
      Jelacht wollte ich haben.

      Löschen
  10. Putins Handeln war angesichts der Bedrohung durch den westlichen Raketenabwehrring sehr rational.
    Der Abwehrring rund um Russland war jederzeit mit nuklearen Angriffswaffen zu bestücken, was die Vorwarnzeit für jeden Punkt in Russland auf nahe null herabgesetzt hätte.

    Man findet die Raketenstationen als Grafik im Menü der Seite.
    Man sieht dort auch die ( nun ehemaligen ) Abschussrampen in der Ukraine.


    https://www.basenation.us/

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Die Reaktionszeit der Sowjetunion nach der NATO-"Nach"rüstung in den 80er Jahren mit Pershing II und Cruise Missiles betrug auch nur wenige Minuten.

      Ernstgemeinte Frage: Was ändert sich an der Situation durch den Einmarsch in die atomwaffenfreie Ukraine?

      Löschen
    2. Die Reaktionszeit auf den Abschuss von Interkontinentalraketen ( SS 20 / Pershing ) betrug damals mindestens 15 Minuten. Das genügte für einen Gegenschlag. Zumindest für einen gedachten ,damit es für keine Kriegspartei etwas zu gewinnen gab.
      So irre es klingt, kann es einen Gewinner geben, sobald dem Gegner mangels Vorwarnzeit keine Gegenschlagoption bleibt.
      Der Rest sollte zu verstehen gewesen sein. Es ging um eine Kannbestückung des defensiven Raketenschildes mit Angriffswaffen. Das in der Ukraine Nuklearwaffen stationiert sind, habe ich nicht behauptet.
      Was wollte die NATO in der Ukraine, 400 km Luftlinie von Moskau entfernt ? Ab und an mal freundlich winken ?

      Löschen
    3. Glauben sie wirklich, die NATO hätte Russland, das größte Land der Erde und eine Atommacht, mit konventionellen Waffen angegriffen, selbst wenn die Ukraine Mitglied geworden wäre? Und warum? Aber vielleicht haben Sie ja recht und die Bundeswehr marschiert bis nach Wladiwostok :o)))

      Löschen
    4. Es genügt, fortwährend die Sicherheitsinteressen eines Landes nicht zu respektieren. Wer redet von einem "Angriff" der NATO ?
      Die Russen sollten nichts richtig machen dürfen. Sie haben sich mehrmals um Verhandlungen zu Minsk II bemüht. Diese Bemühungen wurden von Kiew untergraben.
      Dann ging es um die russische Schwarzmeerflotte in Sewastopol. Auch nicht unwichtig ,wenn man nur einen eisfreien Hafen besitzt.
      Es gibt viele Gründe warum Putin auf Nachvornverteidigung geschaltet hat. Ob Angriff die beste Verteidigung war, wird sich noch zeigen.

      Löschen
    5. Die NATO hat sich nicht an Absprachen gehalten. Die Absprache mit "Gorbi" war die, dass die NATO aus den ehemaligen Staaten des Warschauer Paktes bleibt, dass diese Zone nicht militarisiert wird.
      Die haben die Russen für dumm verkauft. Um "Angriffe' der NATO ging es nie.

      Löschen
    6. @ Anonym 21:16

      "Es genügt, fortwährend die Sicherheitsinteressen eines Landes nicht zu respektieren."

      Tut mir leid, da liegen Sie leider falsch. Es geht nicht exklusiv um russische Interessen. Länder wie die Ukraine, Polen, Litauen usw. haben auch Interessen. Diese unabhängigen Staaten haben sich eben anders entschieden, als Moskau es gewollt hat.

      Löschen
    7. @ Anonym 21: 23

      Die Interessen unabhängiger Staaten werden nicht mit Gorbi oder Wladi abgesprochen. Diese Zeiten sind vorbei. Moskau befiehlt nicht mehr, wie andere Menschen denken sollen. Die Staaten des ehemaligen Warschauer Paktes haben die Entscheidung getroffen, den russischen Machtbereich zu verlassen. Punkt.

      Löschen
    8. Das mag faktisch richtig sein. Es existieren keine anders lautenden Vertragswerke und es gilt die freie Bündniswahl.

      Praktisch ist dieser Standpunkt jedoch fatal, weil diese Sicht Russland als Welt-, und Atommacht unterschlägt.

      Außerdem wird die Blockkonfrontation von außen an Russland herangetragen.
      Russland selbst war lange an einem neuen Sicherheitsbündnis interessiert und wollte eigene Ressourcen als Grundstock in eine gemeinsame, neue Weltordnung mit Europa einbringen.
      Die ausgestreckte Hand wurde ausgeschlagen.
      Das war dumm und arrogant vom transatlantisch gesteuertem Westen.
      Im Konflikt steckt viel gekränkte Eitelkeit. Als Zeitschinder für einen Kapitalismus im Endstadium musste sich Russland zu schade sein.

      Löschen
  11. Aaaaach lasst doch gut sein.
    Hamm alle wohl eine schwere Jugend gehabt.
    Schrei nach Liebe oder so.
    Egal wie Sie heißen, die Jonsons, Trumps oder von der Leihens.
    Die Liste ist lang.
    Zu kleiner Schwanz, nie den richtigen Man/Frau gekriegt, was weiß ich.
    Leckt mich doch.
    Atombombe? Gerne, warum nicht morgen.

    AntwortenLöschen