Donnerstag, 4. November 2021

Ludwigshafen

 

„Wenn Sie jahrelang geglaubt haben, da ist einer, der ist ein Dorfdepp, der ist den Rhein raufgekommen, dann haben Sie jetzt ein Aha-Erlebnis.“ (Helmut Kohl)

Worte der Woche | ZEIT ONLINE

Im Sommer 1989 hatte ich das Grundstudium in Mainz abgeschlossen und schrieb mich an der Uni Heidelberg ein. Da ich in Heidelberg und selbst in Mannheim kein bezahlbares Zimmer fand, zog ich nach Ludwigshafen. Ein möbliertes Zimmer, kontrolliert von einem Hausdrachen – inklusive Rauchverbot. Wenn ich abends mit einer Kippe aka Glimmstengel aka Sargnagel (Worte, die längst vergessen sind) um den Block lief, bekam ich regelmäßig den Blues. In jedem Fenster das blaue Leuchten der Fernseher, Familien im Wohnzimmer, Gemütlichkeit als Vorhölle.

Ich bin nicht ein einziges Mal in diesen drei Monaten in einer Ludwigshafener Kneipe gewesen. Schließlich kannte ich hier kein Schwein. Aber ich habe viel gelesen. Zum Beispiel die komplette „Theorie des kommunikativen Handelns“ von Habermas. Hätte ich mir sparen können. Heute weiß ich, dass Reden nicht hilft. Freitags fuhr ich nach Ingelheim zurück, wo ich am Wochenende das soziale Leben nachholte. Im Sommersemester 1990 lief es genau umgekehrt. Ich war mit Freunden in eine WG in der Altstadt von Bad Kreuznach gezogen (nahe am Faust-Haus, liebe Goethe-Fans). Nur Party, kein einziger Schein, nix gelesen.

Ludwigshafen gäbe es ohne die BASF gar nicht. So wenig wie Wolfsburg ohne VW. Es gab zwei große Katastrophen in der Stadt. Die Explosion auf dem Werksgelände 1921 (den Knall hörte man sogar in München, die Brocken flogen bis Heidelberg und noch in Frankfurt gingen Fensterscheiben zu Bruch) und Helmut Kohls Geburt 1930. Er kam aus dem Stadtteil Friesenheim und zog 1960 nach Oggersheim. In die Marbacher Straße 11. „Die Pfalz beheimatet einen fröhlichen und weltoffenen Menschenschlag, der viel Sinn für gesellschaftliches Zusammenleben und die Freuden der Zeit hat und dem dogmatischen Denken abgeneigt ist“, schreibt der ehemalige Kanzler 1958 in seiner Doktorarbeit. Ich fand’s Scheiße.

Die Gaststätte Maffenbeier gibt es noch heute in Ludwigshafen. Hier gibt es Saumagen, Handkäse mit Musik, Winzersteak (Schweinenacken), Schwartenmagen und Wurstsalat.

Flash And The Pan - Midnight Man - YouTube

 

 

8 Kommentare:

  1. Was will man in Ludwigshafen auch anderes machen als zu lesen? Wenn ich schon dieses komische Hotel da am Bahnhof gesehen habe, habe ich immer gedacht "Das wird hier nichts". Ja, ich weiß, die Kotzkästen am Mannheimer Hbf, aber da wusste ich (Praxisteil meiner Umschulung), dass das innerlich anders ist. Außerdem war man von da aus schnell in den Quadraten und da gibt es schöne Ecken.

    Ich bin übrigens halb durch "Fast Forward" von Stephen Morris, der lässt leider ordentlich nach. "Record Play Pause" hatte mir wirklich gut gefallen.

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    1. Ich habe gerade ein Band mit Wiglaf Droste-Glossen gelesen und parallel mein erstes Stuckrad-Barre-Buch ("Livealbum"). Der Mann wird seit 1998 als "Pop-Literat" abgefeiert. Es war zwar amüsant, aber sicher keine Literatur. Aber für den Preis eines Döners gebraucht gekauft, da ist das zu verschmerzen ;o)

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    2. Droste war gut, Kaminer ist der bessere (Berlin-)Erzähler von beiden. Kaminer äußert aber bisweilen bizarre politische Ansichten, eher reaktionär. Stuckrad-Barre braucht keiner. Es gibt noch eine Frau, die das Berliner Woke-Milieu, Rezensionen nach, gut zerlegen soll. Name vergessen.

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  2. Die Pfälzer sind schon ein lustiges Völkchen.
    Schwer geplagt durch die vielen Französischen Feldzüge Richtung Osten, ja, auch die Franzosen zog es immer in den Osten, haben Sie doch der Lebenslust nicht entsagt.
    Was im Straßenbild auffällt, der Pfälzer ist gerne etwas übergewichtig.
    Es schmeckt aber auch vieles einfach besser in der Pfalz.
    Gerade Wurstwaren sind Konkurenzlos.

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  3. Ich habe drei Winter lang in Kaiserslautern und Landstuhl Weihnachtsbäume verkauft.
    Boah, ich habe nach drei Wochen die "Palz" und die "Pälzer" gehasst.
    Dieser elende Kommisston:"Aijo, mach mal de Beemsche uff". Kotz!
    Wären da nicht die ganzen GI's gewesen, die das alles wieder gerade gerückt haben, wäre ich bestimmt zum Amokläufer geworden.
    Später habe ich in der Nähe von Darmstadt verkauft, ein ganz anderer Menschenschlag. Viel angenehmer.

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    1. Sie sind kein Süddeutscher, oder ??
      Kommen aus Köln oder Nordrheinvandalen.
      Haben schwere Probleme mit dem Süddeutschen Idiom.....
      Der Pfälzer kann garnicht befehlen. Oder Kommisston.
      Geht nicht.
      Dafür ist diese Sprache nicht gemacht.
      Außerdem heißt es "des Beemsche". Es sei den Plural, also die Bäumchen,
      dann natürlich "de Beemsche".

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    2. Nee, ich bin kein "Süddoitscher". Ich habe nur gemerkt, je weiter ich im Süden war, um so herablassender und arroganter wurde der Ton. Gerade weil die Leute das an meinem nicht süddt. Idiom erkannt haben.
      Wo ich herkam sagt man "de Boom" und im pl. "de Bomen".

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    3. Nun, der Süddeutsche in Person eines Schwaben, aber auch Bayern, kann in der Tat sehr herablassend sein. Ich, selbst Schwabe, und das gerne, leide darunter auch.
      Gerade diese Selbstzufriedenheit, diese Haltung anderen gegenüber, man mache alles immer richtig, macht mich rasend.
      Vermute, es liegt am durchaus bestehenden Reichtum der Menschen. Die Leute bauen ihre Häuser, oft zu groß, auf Grundstücken aus Familienbesitz, das Ganze in Eigenleistung, geheizt wird mit Holz aus dem eigenen Wald, gegessen wird oft billig, da bleibt doch recht viel Kohle für den Daimler oder großen Audi übrig. Und der Besitz eines derartigen Autos ist ungemein wichtig und stellt den Platz auf der sozialen Leiter dar.
      Der Pfälzer hat keine Kohle, selbst wenn er bei der BASF schafft. Das merkt man.

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