Dienstag, 2. November 2021

Der kleine Gefallen

 

Ich gebe zu, dass ich eine Weile überlegen musste. Sein Name sagte mir gar nichts. Aber als er von unserer Klassenfahrt nach Prag erzählte, fiel mir alles wieder ein. Michael kannte ich aus der Oberstufe, aber er war nach der zwölften Klasse mit Fachabitur abgegangen. Ein paar Jahre später war er aus unserer Stadt weggezogen. Jetzt war er wieder da und fragte mich am Telefon, ob wir uns auf ein Bier im Hobo treffen könnten, unserer alten Stammkneipe.

Ich hätte ihn nicht wiedererkannt, als er sich an meinen Tisch setzte. Kurze, gegelte Haare, Sonnenbrille und ein dunkler Anzug. Wir bestellten zwei Kristallweizen und kamen ins Gespräch.

„Ich bin Schriftsteller“, erzählte ich ihm. „Aber ich wohne immer noch zuhause. Die Mieten sind ja heutzutage obszön. Aus Gründen des Klimaschutzes fahre ich kein Auto und reise auch nicht mit dem Flugzeug. Eigentlich bin ich am liebsten in meinem Zimmer und lese. Und wie läuft es bei dir?“

Er lächelte und zeigte eine Reihe makelloser Zähne. Ich hatte mir das Lachen längst abgewöhnt, schon seit zehn Jahren war ich bei keinem Zahnarzt mehr gewesen und hatte Zahnlücken in handelsunüblichen Mengen.

„Ich lebe in Amerika. Langley, West Virginia. Ich bin bei einer Behörde angestellt. Nichts Aufregendes, aber ich verdiene ganz gut. Ich heiße nicht mehr Michael Schmidt, sondern Mike Smith. Ich wollte fragen, ob du mir einen kleinen Gefallen tun kannst.“

„Um was geht es denn?“

„Ich möchte dir eine Reise nach Prag spendieren. Du erinnerst dich doch sicher noch. Das gute Bier, Gulasch mit Knödeln, die nette Altstadt.“

„Du weißt ja, dass ich Kafka-Fan bin. Ich war schon ewig nicht mehr da. Ist bestimmt fünfzehn Jahre her. Wie komme ich zu der Ehre?“

„Es geht da um einen alten Freund von mir. Du sollst ihm nur einen USB-Stick übergeben. Das ist alles. Kein großes Ding. Ich habe dir in der Innenstadt ein Hotelzimmer gemietet. Drei Nächte. Die Zugfahrkarte habe ich bei mir.“

Prag. Meine alte Liebe. Ich dachte mir nichts dabei, als ich die Reiseunterlagen einsteckte. Dann verabschiedete ich mich von Mike.

Schon der schwarze SUV mit den getönten Scheiben hätte mich stutzig machen sollen. Er folgte mir im Schritttempo bis vor meine Haustür. Auch der Hubschrauber über mir hätte ein ernstzunehmender Hinweis sein können, aber ich war in Gedanken schon beim ersten Pilsner Urquell.

Am nächsten Morgen bestieg ich den Zug nach Prag. Eine geheimnisvolle Schönheit mit vanillepuddingblonden Haaren und hautengen schwarzen Lederhosen setzte sich mir gegenüber ins Abteil und warf mir verführerische Blicke zu.

„Wohin fahren Sie?“ fragte sie mich.

„Nach Prag“, antwortete ich.

„Was für ein Zufall. Ich auch.“

Und schon waren wir im Gespräch und bis zur Einfahrt in den Prager Hauptbahnhof hatte ich ihr alles erzählt, was sie wissen wollte und was ich wusste. Die Zeit verging wie im Flug. Aber warum wollte sie meine Hoteladresse haben und meine Blutgruppe?

Nachdem ich im Hotel angekommen war, rief ich Igor an, meine Kontaktperson. Wir verabredeten uns für den Abend im Hostinec U Černého vola, im schwarzen Ochsen, unweit des Hradschin. Das helle Kozel gehört zu den besten Bieren der Welt. Ich sollte Igor an einer Nelke im Knopfloch erkennen.

Ich war pünktlich am vereinbarten Treffpunkt und trank ein Helles. Dann das Zweite. Schließlich ließ ich mir ein drittes Bier und ein Schmalzbrot bringen. Igor kam nicht.

Der schwarze Ochse.


Plötzlich schien die Kneipe zu explodieren. Die Tür wurde eingetreten, das Fenster zur Straße eingeschlagen, eine Rauchgasgranate hüllte den Gastraum in Nebel ein, Schüsse fielen. Tische und Stühle wurden umgeworfen, Biergläser gingen zu Bruch, Frauen schrien hysterisch.

Ich sprang durch das rückseitige Fenster auf den Hinterhof und floh durch die dunklen Gassen. Ins Hotel konnte ich unmöglich zurück. Ich versteckte mich im Park, der im Süden an den Burgberg grenzte.

Im Spiegel-Irrgarten setzte ich mich still in eine Ecke und beruhigte mich langsam wieder. Was war auf dem Stick? Informationen für einen Geheimdienst? Oder gar nichts?

„Michael, Michael“, dachte ich mir. „Wenn ich dich in die Finger kriege. Immer noch zu kleinen Streichen aufgelegt, was?“

Der Spiegel-Irrgarten von Prag.

INXS - Devil Inside - YouTube

5 Kommentare:

  1. Internationaler Tag gegen Straflosigkeit für Verbrechen an Journalisten 2021
    2. November 2021 in der Welt

    "Immer noch zu kleinen Streichen aufgelegt, was?“

    KINDHEIT ... ich hör dich trapsen ;)

    https://de.wikipedia.org/wiki/Squid_Game ... kennste, sind auch nur Kinderspiele ;/ *GULP*

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  2. Kozel? Das steht hier im Supermarkt neben Sternburg.

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    1. Wenn der Marktleiter das so entschieden hat, kann es natürlich nicht schmecken. Kennt man ja von den anderen tschechischen Bieren. Finger weg!

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  3. Im Spiegel-Irrgarten kann Bonetti slim fit tragen , zumindest von Zeit zu Zeit ;)

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  4. ......Kozel....hatten mal ne geile Werbung...."hol dir den Bock".....

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