Sonntag, 31. Oktober 2021

Sonntagnachmittag

 

Gibt es in deutschen Familien eigentlich nicht mehr die bürgerliche Tradition von Kaffee & Kuchen am Sonntagnachmittag oder werde ich einfach nicht mehr eingeladen?

Einst galt das eherne Gesetz: sonntags um 15:30 Uhr versammelt sich die Familie um den Esstisch. Dort stehen mindestens zwei Kuchen, die aus Supermarktbackmischungen hergestellt oder beim Bäcker gekauft wurden. Bei hohen Anlässen wie Geburtstagen oder Feiertagen auch drei Kuchen. Zum Standardrepertoire gehörten Käsekuchen, Streuselkuchen, Pflaumenkuchen, Erdbeerkuchen, Sandkuchen, Schokoladenkuchen und Marmorkuchen. Manchmal auch Bienenstich und ganz selten Schwarzwälder Kirschtorte.

Ein weiteres ungeschriebenes Gesetz lautete: Jeder Kuchen muss probiert werden. Wer weniger als drei Stück Kuchen aß, wurde behandelt wie ein Aussätziger und von der tödlich beleidigten Oma oder Mutter mit dem Vorwurf konfrontiert, es habe nicht geschmeckt. Zum Glück kann man in einer Familie nicht fristlos entlassen werden. Dazu wurde kannenweise Bohnenkaffee getrunken. „Die Krönung“ und andere edle Pulversorten aus goldenen Vakuumverpackungen. Die Kinder bekamen Limonade. Der erste Kaffee war ein Initiationsritus und wurde nicht vor dem 16. Geburtstag verabreicht.

Überhaupt haben wir am Sonntag gefressen, als gäbe es ab Montag nur noch Wasser und Brot. Zum Mittagessen Schweinebraten und Kartoffeln, dazu Wirsinggemüse. Im Anschluss eine Portion Erdbeeren, dick mit Zucker überstreut, oder eine Schüssel Dr. Oetker-Pudding mit Haut. Zwischen dem Essen und Kaffee & Kuchen lagen oft nur zwei Stunden, zwischen Kaffee & Kuchen und dem Abendbrot manchmal nur eine Stunde. Es war ein Mampfmarathon, den die Kriegsgeneration mit leuchtenden Augen genoss. Es erschien mir, als müssten sie sich des aktuellen Wohlstands jeden Sonntag neu versichern. Und wehe, es blieb etwas übrig.

Biréli Lagrène - One Take (Live) - YouTube



 

4 Kommentare:

  1. .....gemäss dem alten Landserspruch:.was du gefressen hast, kann dir keiner mehr klauen.....

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  2. Als wärst DU bei UNS daheim gewesen 🍽️ 🍖🍛🍧... ☕🍰🥧🧁... genau so war es... eine einzige Schlemmerei/Völlerei 👍😋🤗 NACHKRIEGSKINDER eben, als Erklärung 😉😀 essen für schlechte Zeiten, die ja kommen könnten 🙏🤣

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  3. Schon bei Goethe sah es nicht anders aus:
    "Die geregelten Mahlzeiten im Haus am Frauenplan liefen nach einem festen Vierstundenplan ab:
    6 Uhr: Erstes Frühstück, oft im Bett serviert: Milch, Schokolade, Fleischbrühe, Gebäck, Zwieback oder Weißbrot; im Alter eine Tasse Milchkaffee,
    10 Uhr: Zweites, kräftigeres Frühstück mit kalter Küche: geräucherte Zunge, kalte Beefsteaks, Kotelett, dazu ein Glas Madeira,
    14 bis 15 Uhr: Mittag, Goethes Hauptmahlzeit mit drei bis vier Schüsseln: Suppe, Fleisch mit Gemüse, Fisch, Pastete, Braten (Geflügel oder Wild), eine Mehlspeise, als Nachtisch Gelee oder Käse und eine Flasche Wein,
    18 Uhr: leichter Imbiß: Punsch, Suppe oder Tee, Obst, ein Brötchen." (aus einem Goethe-Handbuch)

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  4. Diese Tradition wurde abgelöst. Es gibt war noch Kaffee, aber keiner weiß mehr, wofür er gut ist. Die Jüngsten ballern sich Omas Sahnesyphon, während Mami und Papi die Nasen gen Kolumbien recken. Den Teenies geht das Microdosing beim Fahrradfahren auf den Sack und Opa holt noch schnell ein bisken Panzerschoki aus dem Schrank. Man kann sagen, was man will, aber Stimmung in der Bude ist gegeben.

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