Donnerstag, 9. September 2021

Der perfekte Urlaub


Wann gibt sich der Deutsche mit Miniaturbratwürsten zufrieden? Am Hotelbuffet. Er schaufelt sich ein halbes Kilo Rührei und sechs Würste auf den Teller und geht zurück an seinen Tisch. Es folgen drei Brötchen, fingerdick mit Bierschinken oder Käse belegt, danach noch ein Croissant, das in ein Nutella-Fässchen getaucht wird. Dazu ein Liter Milchkaffee mit viel Zucker. So hat er schon um acht Uhr morgens die ersten zweitausend Kalorien auf der Uhr. Es muss sich ja lohnen. Schließlich hat der Opelfahrer und Reihenhausinsasse aus Darmstadt einen All-Inclusive-Urlaub am Mittelmeer gebucht.

Ich habe schon Frühstücksbuffets mit Pizza oder Pommes erlebt. Seien Sie ehrlich: Wären Sie daran vorbeigekommen? Ich bin willensschwach und leicht zu manipulieren. Es ist echt fies, eine Schüssel Pommes und eine Flasche Ketchup auf den reich gedeckten Gabentisch zu stellen. Aber am Buffet wird grundsätzlich bis zur Kotzgrenze gefressen. Scham- und würdelos. Zum Glück ist man in der Fremde, wo man sich das erlauben kann, ohne sich das Genörgel von den vegan lebenden Nachbarn anhören zu müssen.

So wie das Rindvieh sich zur Verdauung auf die Weide legt, geht der Deutsche nach dem Frühstück auf einer Liege am Pool in die Horizontale. Der Mensch kehrt in seinen Urzustand zurück. Fressen, Saufen und Dösen. Ist das nicht der eigentliche Wesenskern des Daseins? Fünfzig Meter weiter ist der Strand, aber er wird nicht im Meer schwimmen. Er wird höchstens die aufgedunsenen Füße bis zu den qualligen Knöcheln ins Wasser halten.

Es ist halb elf. Kann man schon Alkohol? Neben dem Pool ist die Bar. Der Deutsche gönnt sich mal was. Nicht eine ordinäre Pulle Bier, sondern Sangria oder einen Cocktail. Dazu ein Schälchen gesalzene Erdnüsse. Aber nur eins. Noch einen Obstler und dann zurück auf die Liege.

Eine Stunde später wird er wach. Um sich herum Hektik. Das Mittagesbuffet ist eröffnet. Wie viele Schweinenackensteaks passen auf einen Teller? Der Urlaub kostet hundert Euro am Tag, inklusive Flug. Wenn er berechnet, was die Mahlzeiten und Getränke einzeln im Restaurant gekostet hätten, ist die Reise praktisch umsonst.

Nach einer Siesta im Hotelzimmer hängt der Deutsche am Nachmittag seine knallrote Mastwampe wieder in die Sonne. Das Kreuzworträtselheft liegt neben ihm. Es ist zu heiß zum Nachdenken. Seine Frau träumt von Handtaschen und einer neuen Frisur.

Abends wird dann richtig gesoffen. Die teuren Sachen: Whisky, Sekt und Rotwein. Karaoke. Andere Deutsche. Alle haben dieselbe Sachbearbeitervisage. Als ob man Günter Jauch geklont hätte. Dann folgt der unvermeidliche Mitternachtssnack. Der Kalorienzähler springt in den fünfstelligen Bereich. Im Zimmer noch ein bisschen RTL in der Glotze gucken. Zuhause wird er berichten, dass es schön war. 

Frank Zappa - Apostrophe (') - Don't Eat the Yellow Snow Suite - YouTube




4 Kommentare:

  1. Der wahre Frühstyxsbuffett-Connaisseur nimmt sein Jourgebäck mit Bierschinken und Käse. Kochschinken ist für Anfänger, da zu wenich fettich.

    AntwortenLöschen
  2. Sie waren schon mal dabei ?
    Alles aus erster Hand ?
    Na ja....
    Ich hatte schon mal einen all inclusive. Malle. ( Der erste und wahrscheinlich letzte, aber einmal im Leben musste sein. ) Nur Halbpension, trotzdem sehr gute Küche. Die oben beschriebenen Würstchen gab es tatsächlich zum Frühstück, waren aber klasse, super gewürzt, da kann sich manche Metzgerei hier mal wortwörtlich ne Scheibe abschneiden. Das Abendessen, also Buffet, war auch sehr gut. Das ganze für 500 die Woche, also mit Flug. Da können wir uns jetzt alle ausrechnen, was die Köche, Zimmermädels und überhaupt alle, die dort malochen, verdienen.
    Die beschriebenen Auswüchse sah ich dort nicht, die Gäste waren in der Mehrzahl schön anzuschauen, abgesehen von dem einen oder anderen Arschgeweih oder anderen Tatooentgleisungen. Muß wohl sein.
    Nur die Handtücher auf den Liegen, man glaubt es nicht, bevor man es nicht mit eigenen Augen gesehen hat, waren tatsächlich da.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. So schön! Ich liebe diese Impressionen aus 1. Hand.

      Löschen
    2. David Foster Wallace hat sich als Journalist mal in die Hölle einer Karibik-Kreuzfahrt begeben, und die letzten Tage in seiner Kabine verbracht, weil er die Leute nicht mehr ertragen hat. Sein Buch über diese Erfahrung ist echt witzig.

      Wenn ich den Mut hätte, würde ich auch mal eine Woche all-inclusive auf Malle machen. Es muss brutal sein, wenn sich ein ganzes Rudel Russen, Deutsche und Engländer auf den Fleischberg am Buffet stürzt und mit blutunterlaufenen Augen die Beute für die eigene Brut sichert.

      Löschen