Samstag, 18. September 2021

Der Absacker

 

Eigentlich bin ich froh, abends in Ruhe meinen Wein trinken zu können. Keine schnöseligen Kellner, keine Selbstbedienung in totalem Gedränge, keine Besoffenen, keine schlechte Musik – und du musst dir um den Heimweg keine Sorgen mehr machen. Entweder pennst du auf dem Sofa ein oder du wankst ein paar Schritte in Richtung Schlafzimmer. Außerdem sparst du eine Menge Geld.

Aber eine Sache vermisse ich an den Kneipentouren von früher: den Absacker. Entweder alleine oder mit den Freunden, mit denen du den Abend und die Nacht verbracht hast. Noch ein letztes Bier oder einen letzten Schnaps, obwohl du längst abgefüllt bist. Wo ist um diese Uhrzeit noch etwas los? Jeder kennt in seiner Stadt die Alkoholikerbrennpunkte und Taxifahrerplätze. Ein Kiosk, eine Spelunke, ein Späti, eine Pommesbude. Sie sind noch offen und für einen letzten Schluck im Stehen haben sie alles im Angebot.

Auch den Imbiss nach Mitternacht fand ich immer großartig. Die Giftbrühe, mit der dein Magen bis zum Anschlag gefüllt ist, wird noch einmal mit dem übelsten Drecksfraß der Menschheitsgeschichte gefüllt. Die halbverbrannte Gekröserolle namens Currywurst, Pommes mit Mayo, alles vor Fett triefend, Döner mit alles und scharf. Und es schmeckt himmlisch. Du genießt jeden Bissen. In diesem Augenblick möchtest du nicht mit dem versnobten Gourmet aus dem Sterne-Restaurant tauschen. Es ist dir völlig egal, dass dein Körper den ganzen Müll in deinem Bauch nicht mehr verarbeiten kann. Du fällst glücklich ins Bett.

In Berlin war es immer die Pommesbude Bundesallee, Ecke Trautenaustraße. Direkt am Eingang zur U-Bahnstation Güntzelstraße. Dort bin ich bei meiner Heimkehr ausgestiegen. Dahinter war der Taxistand, direkt an der 24-Stunden-Tanke. Immer was los, egal, wann ich nach Hause kam. Alle besoffen und trotzdem durstig, alle voll und trotzdem hungrig, alle in dieser sympathischen Scheißegal-Stimmung, in der du mit jedem ins Gespräch kommst. Die Bude war in der Stadt berühmt, hier spielte eine Szene von Wim Wenders‘ „Himmel über Berlin“. Jetzt ist sie weg. Kein Absacker mehr. Gegenüber ist jetzt ein Bio-Markt.   

Queen - Love Of My Life (Official Video) - YouTube





 

6 Kommentare:

  1. Katze müsste ich sein - bei MIR - wäre wunderbar ;D
    Meine beiden Samtspoten dürfen fast alles ... auch Kotzen und Kacken,
    und ich mach´s weg ... auch, ohne Absacker hinterher ;)

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  2. Es ist natürlich im höchsten Maße bedauerlich, daß Sie keine wie oben beschriebene Lokalität mehr haben, um in aller Ruhe abzuhängen.
    Ich habe das außerordentliche Glück, daß meine Stammkneipe, gute Musik, rauchen erlaubt, behaglich, gut mit dem Fahrrad zu erreichen, nach der Aufgabe durch den alten Wirt von einem Verein übernommen wurde.
    Alles Stammgäste, die diese Katastrophe nicht akzeptieren konnten und die Sache selbst in die Hand genommen haben.
    Ich bin denen unendlich dankbar.

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    1. Das hört sich nach dem Druiden in Bremen-Walle an. 😃

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