Sonntag, 1. August 2021

Ghost-Writing in der Krise?

 

Wer kennt sie nicht, die Mutter aller Plagiate? Guttenberg, dessen Stern am Berliner Himmel gerade aufgegangen war und der bereits als zukünftiger Bundeskanzler gehandelt wurde, musste 2011 seinen Rücktritt als Verteidigungsminister erklären, nachdem die Universität Bayreuth ihm seinen Doktortitel aberkannt hatte, weil sich in seiner Doktorarbeit etliche Stellen als Plagiate herausgestellt hatten. Er war damals sichtlich entrüstet und konnte es wohl selbst nicht glauben. Der Grund ist ganz einfach: Er wusste nichts von diesen Fälschungen, weil er sich auf seinen Ghost-Writer verlassen hatte.

So ist es seitdem vielen Politikern ergangen, aktuell sind die Causa Laschet und die Causa Baerbock im Gespräch. Wobei Laschets Verfehlungen von den Medien nach nur einem Tag zu den Akten gelegt wurden. Schließlich will man es sich mit dem nächsten Bundeskanzler nicht verscherzen. Interview-Termine werden schwer zu bekommen sein, wenn man dem christdemokratischen Lachsack allzu sehr ans Bein pinkelt.

Wie kam es zu dieser Welle an Plagiaten in den letzten zehn Jahren?

Natürlich sind die Möglichkeiten begrenzt, wenn man ein Buch über Politik schreiben möchte. Erstens will man keine Ecken und Kanten bieten, an denen sich der Gegner und die Presse abarbeiten können. Also bitte nicht konkret werden. Zweitens ist die Zahl der Phrasen und Buzzwords begrenzt. Ghost-Writer werden nicht dafür bezahlt, neue Begriffe oder gar neue Ideen zu entwickeln. Neue Ideen sind in der deutschen Politik ohnehin eine aussterbende Art. Wer kann sich an den letzten bahnbrechenden Vorschlag eines Politikers erinnern? Hierzulande gilt bereits die Forderung nach einem „Ruck“ als revolutionärer Akt.

Inzwischen sind auch die Möglichkeiten, Plagiate zu finden, sehr viel größer als in früheren Zeiten. Man kann im Internet Textstellen abgleichen. Es gibt spezielle Software, die Professoren beispielsweise bei der Überprüfung von Hausarbeiten einsetzen. Der Beruf des Plagiatsjägers ist erst in diesem Jahrhundert entstanden. Wer weiß, wie viele Magister- und Doktorarbeiten, wie viele Politikerbücher in der Vergangenheit aus Versatzstücken zusammengeschustert wurden? Schließlich haben die Politiker schon vor fünfzig Jahren ihre Bücher nicht selbst geschrieben. Politiker können verhandeln und organisieren, aber sie sind keine Autoren.

Meine Hypothese: Es gibt heute keine guten Ghostwriter mehr. Die Pisa-Generation erreicht die Teams der Spitzenpolitiker. Es gibt weder gute Bücher noch mitreißende Reden von Politikern, weil sie von mittelmäßigen Leuten umgeben sind, die ein drittklassiges Studium an einer Massenuniversität hinter sich gebracht haben. Ich könnte mir auch vorstellen, dass Ghostwriter nicht gut bezahlt werden und der Zeitdruck sehr viel höher ist als früher. In einem halben Jahr ist Bundestagswahl? Lasst uns schnell ein Buch machen. Nehmt die ausgelutschten Ideen meiner letzten dreißig Reden und das Parteiprogramm. Rührt alles zusammen. Entscheidend sind sowieso nur der Titel und die PR-Kampagne. Kein Schwein liest das Buch. Welcher Journalist beim SPIEGEL oder der BILD hat die Zeit, zweihundert Seiten zu lesen?

Wann erkennen Politiker endlich, dass sie für ihre Karriere weder Bücher noch akademische Grade brauchen? Es würde uns viel Elend ersparen und die Ghostwriter würden unter ihrem eigenen Namen endlich die Bücher veröffentlichen, die sie immer schon mal schreiben wollten.  

P.S.: In Franken ist Baerbocks Buch „Jetzt“ übrigens unter dem Titel „Edzerdla“ erschienen.

She Wants Revenge - Written In Blood - YouTube

Dieses üble Machwerk wurde im November 2020 veröffentlicht – es ist jetzt schon veraltet. Gelaber, das keiner braucht.

3 Kommentare:

  1. Politiker, die Bücher schrieben und dafür einen Literatur-Nobelpreis bekamen:
    Bjørnson, Echegaray, Churchill, Andrić …

    Politiker, die Bücher schrieben und dafür noch keinen Literatur-Nobelpreis bekamen:
    Merz, Scholz, Baerbock, Laschet …

    Woran das wohl liegen mag?

    AntwortenLöschen
  2. Der Thilo Sarrazin hätte als vollkommen
    erfolgloser Politik-Buchautor alles in Deutschland werden können.
    Man muss die niederen Triebe der Deutschen zum klingen bringen.
    Die Latentfaschisten sind noch unter uns.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Sarrazin hat es nach seiner Karriere in der Berliner Landespolitik und seinem Bundesbank-Job vorgezogen, unter die Autoren zu gehen. Er beackert publizistisch aber recht erfolgreich das Feld der AfD-Wähler. Im Gegensatz zu Baerbock und Laschet verdient er gutes Geld mit seinen Büchern. Im behaglichen Lesesessel kann der rechtsextreme Biedermeier und Brandstifter all das studieren, was man "nicht sagen darf".

      Löschen