Mittwoch, 11. August 2021

Ein kostenloses Upgrade Ihrer Umgangsformen


Es ist immer wieder erstaunlich, was sich in diesem Haus alles findet, obwohl man gar nicht danach sucht. Heute ist es ein Buch mit dem Titel „1 x 1 des guten Tons“ von Dr. Gertrud Oheim. Es erschien 1955, ich habe eine Ausgabe von 1967 entdeckt, mit der sich meine Eltern offenbar auf ein höheres gesellschaftliches Niveau katapultieren wollten.


Fangen wir mit einer leichten Übung an. Wie isst man einen Apfel? Der ungehobelte Bauerntölpel nimmt ihn in die Hand und beißt hinein. Das ist natürlich falsch und stellt in Gesellschaft von Menschen mit entsprechenden Umgangsformen einen Affront dar, der nicht wieder gutzumachen ist. Nehmen Sie in Zukunft das Obstbesteck, das ich neben Fischbesteck, Kuchengabeln, Parmesanhobel und einer Sauciere in Ihrem Haushalt erwarten darf, und schälen Sie zunächst den Apfel mit dem Obstmesser. Alsdann wir er geachtelt und mit dem Obstbesteck verzehrt – und nicht mit bloßen Händen gefressen!

Die nächste Übung: Sie betreten mit einer Dame ein Restaurant. Nachdem Sie ihr die Tür aufgehalten und ihr an der Garderobe den Mantel ausgezogen und auf einen Bügel gehängt haben, gehen Sie an den Tisch, den die Dame ausgewählt hat. Frage: Wann setzen Sie sich: a) vor der Dame, b) gemeinsam mit der Dame oder c) nach der Dame? Antwort C ist richtig. Der Herr schiebt den Stuhl der Dame zurecht, bevor er sich setzt. Sind mehrere Damen anwesend, setzt sich der Herr zuletzt.

Kopfbedeckung im Restaurant: der Herr nimmt den Hut ab, die Dame behält ihn auf.

Handschuhe im Theater: der Herr zieht die Handschuhe aus, die Dame behält ihre ärmellangen Abendhandschuhe an.

Käsebrote werden mit Messer und Gabel gegessen, ebenso Wurstbrote. Bei Letzteren wird die Pelle mit dem Besteck entfernt und am Tellerrand platziert. Benutzen Sie bitte für die Butter das Buttermesser!

Die Autorin beklagt beim Thema Essen die Hast, in der alles hinuntergeschlungen wird, ohne es tatsächlich zu genießen. „Der moderne Mensch fühlt sich verpflichtet, nie Zeit zu haben. (…) Er stürzt im Stehen seinen Morgenkaffee herunter, isst während der Arbeit in aller Eile sein Frühstücksbrot (…).“ 2021 trinkt man den Kaffee im Gehen und futtert einen Döner in der U-Bahn.

Anrede: Gnädige Frau und gnädiger Herr. Rektor einer Universität: Eure Magnifizenz, Dekan der Universität: Eure Spektabilität. Treffen Sie den Papst, heißt es korrekt „Eure Heiligkeit“, treffen Sie Bonetti, heißt es „Eure Exzellenz“.

Unter der Überschrift „Anstand im politischen Leben“ geht es schon 1955 um den Mangel an Höflichkeit und Rücksichtnahme, „Rechthaberei und Unduldsamkeit feiern Triumphe“. Die Autorin empfiehlt, sich persönlich in politische Sachverhalte einzuarbeiten, und sich nicht mit „vorgefassten, kleinlichen oder oberflächlichen Vorstellungen“ aus Medien und Parteiprogrammen zu begnügen.

Letzte Menschheitsfragen werden in diesem Buch gelöst: Das Frühstücksei wird nicht mit dem Messer geköpft, sondern bekommt mit dem Löffel den Schädel eingeschlagen. Den Hut lüpft man drei Schritte vor der Person, die man im Vorbeigehen grüßen möchte. Rauchen Sie im Kinderzimmer keine Zigarren!

Zum Abschluss noch ein Zitat aus dem Abschnitt „Die Kunst der Unterhaltung“, das perfekt zum Internet unserer Tage passt: „Die Kunst, Gespräche zu führen, ist in der Hast unserer Zeit ebenso selten geworden wie die Kunst, Briefe zu schreiben. Wenn Menschen zusammenkommen, sind ihre Gespräche sehr oft beeinflusst von der Unruhe, der Nervosität und Oberflächlichkeit unserer Tage, und aus diesen Eigenschaften ergeben sich nicht selten Rechthaberei, Besserwisserei und Rauheit.“

The Blow Monkeys - Digging Your Scene - YouTube 

9 Kommentare:

  1. SO habe ich es gelernt: Lasse dein Gegenüber ausreden... antworte nur, wenn ich gefragt werde... kaue mit geschlossenem Mund und rede dabei nicht 🤗 Nur so kommt FRAU - angepasst und demutsvoll durch's Leben 😉🤫😎... tja 🤦‍♀️

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Du bist die erste, die die Ironie im Text verstanden hat ;o)

      Löschen
  2. Mir dünkt, dieses Buch legte den Grundstein für die Comedy "Arschkrampen" ab 1986 im FSR. Deswegen heißt der Lieblingstreff (Kneipe) der Arschkrampen wohl auch Tante Gertrud.

    AntwortenLöschen
  3. Kenne Leute "aus bestem Hause".
    Mein lieber Man können die sich daneben benehmen.
    Und bei der Gelegenheit einem erzählen, wie man was richtig macht.
    Das beste Benehmen erlebt man immer noch in der Unterschicht.
    Zurückhaltung, Herzlichkeit, Großzügigkeit, Zusammenhalt.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Über 90% aller Morde werden in der Unterschicht begangen.

      Löschen
    2. Komplette Schichten mit solchen Stereotypen beschreiben - ist das nicht ein bisschen zu einfach?

      Löschen
    3. Statistik ist kalt und herzlos

      Löschen
    4. Finde ich auch. Das ist zu kurz gesprungen.

      Löschen
    5. Ich schrub ja nicht, das alle underdogs gute Menschen sind.
      Und das mit den Morden würde ich differenziert betrachten.
      Bei Spekulation mit z.B. Lebensmitteln oder Aktienbeteiligungen von Waffenfirmen bleiben ja auch ein paar Seelen hängen.

      Löschen