Montag, 5. Juli 2021

Wie entstehen eigentlich diese blöden Politikerbücher?


Seit Tagen geistert eine Debatte durchs Sommerloch, die mich köstlich amüsiert. Wutbürger und Wahlkämpfer regen sich über das Buch „Jetzt“ von Annalena Baerbock auf. Es ist ein typisches Politikerbuch und es ist natürlich selbst ein Stück Wahlkampf. Deswegen erscheint es ja gerade … jetzt.

Vielleicht ist es vielen Menschen nicht ganz klar, wie so ein Buch entsteht. Wenn sie in der Buchhandlung prominente Autorennamen lesen, Richard von Weizsäcker, Sigmar Gabriel oder Oskar Lafontaine, glauben sie, diese Politiker hätten ihr Buch selbst geschrieben. Politiker haben ihre Bücher aber noch nie eigenständig verfasst. Oft sind noch nicht einmal ihre Doktorarbeiten von ihnen.

Woher sollten sie auch die Zeit dafür nehmen? Ich bin selbst Buchautor. Ich weiß, wie lange es dauert, bis zwei- oder dreihundert Seiten fertig sind. Und ich recherchiere noch nicht einmal für meine Romane und Kurzgeschichten. Politik ist ein Fulltime-Job, manche haben sogar noch Familie oder Aufsichtsratsmandate.

Spitzenpolitiker haben einen ganzen Stab von Mitarbeitern, die ihre Reden, Grußworte und Beiträge für Zeitungen schreiben. Manchmal ziehen sie auch einen Ghostwriter hinzu. Man holt sich einfach Profis, gibt ihnen die roten Linien vor und lässt von anderen Mitarbeitern die Daten und Fakten recherchieren. Danach wird es vom Verlag redigiert und lektoriert. Jedes dieser Bücher ist ein Stück Teamwork.  

Das ist in anderen Branchen nicht anders. Der Vorstandsvorsitzende von Audi baut die Autos schließlich auch nicht selbst, er hat dafür seine Leute. Ich hatte mal das Angebot, für einen Top-Manager ein Buch zu schreiben. Hat sich leider nicht ergeben. Wäre sicher lukrativ geworden. Der Preis: Diskretion. Die eigentlichen Autoren werden bei solchen Büchern, auch bei Memoiren von Dieter Bohlen & Co., nicht genannt.  

P.S.: Wenn es einzelne Plagiate in Baerbocks Machwerk gibt, war ihr Ghostwriter genauso schlampig wie der von Guttenberg.

P.P.S.: Ein Lektor hat mir mal erzählt, dass neunzig Prozent aller Politikerbücher verschenkt und nicht gelesen werden. Schenker und Beschenkter dürfen sich als Angehörige des politisch interessierten Bildungsbürgertums fühlen und das Buch ist die Zierde jedes Wohnzimmerregals.

P.P.P.S.: Habeck ist Politiker und Autor.

P.P.P.P.S.: Hätte es diese ganze Debatte überhaupt gegeben, wenn die Grünen keine Kanzlerkandidatin aufgestellt hätten?   

Vanilla Fudge - You Keep Me Hangin' On (1967) - YouTube



1 Kommentar:

  1. ....sogar das Buch des "grössten Feldherrn aller Zeiten" wurde nicht von ihm allen geschrieben....und der hatte doch wohl in Landsberg am Lech damals ´ne Menge Zeit.....

    AntwortenLöschen