Donnerstag, 22. Juli 2021

The Flying Montanos

 

Die Villa Berg hätte jedem König als Residenz dienen können. Fünfzig Zimmer, ein Tanzsaal, ein eigenes Kino und ein Saal, in dem Johann Berg ein Bankett für hundert Gäste veranstalten konnte. Sein Urgroßvater hatte ein Unternehmen von Weltrang geschaffen, jeder Mensch kannte die Berg-Werke.

Als Corona kam, beschloss der alte Berg, seine Villa zu verlassen und sich auf seine Yacht zurückzuziehen. Im März 2020 flog er nach Teneriffa. Im Hafen von Santa Cruz de Tenerife ging er an Bord und schipperte fortan um die Kanarischen Inseln. Genug Proviant hatte er dabei, seine Crew kümmerte sich um alles. Berg war fest entschlossen, Deutschland erst wieder zu betreten, wenn die Seuche vorüber war. Sein Majordomus, Dietmar Krämer, ein ihm treu ergebener Junggeselle von altem Schrot und Korn, sollte seine Villa hüten, bis er wieder zurückkäme.

Krämer kümmerte sich in den ersten Monaten vorbildlich um das Anwesen. Er instruierte die Gartenbaufirma, die sich um den weitläufigen Park kümmerte. Er schloss alle Räume ab und hängte Tücher über die kostbaren Möbel, damit nicht alles einstaubte. Krämer lebte in seiner winzigen Kellerwohnung und ernährte sich aus den gut gefüllten Speisekammern und Kühlräumen. Als es im Sommer 2020 kaum noch Infizierte gab, rechnete er fest mit der Rückkehr seines Chefs. Aber dann kam die zweite Welle. Und Berg kam nicht.

Krämer verwahrloste. Er betrank sich jeden Tag. Teurer Rotwein, Champagner, alter Cognac. Nichts war ihm gut genug. Kaviar, Foie Gras, Kobe-Steaks. Warum sollte er nicht auch einmal wie ein Fürst leben? Wer weiß, ob der Alte überhaupt nochmal zurückkommen würde? So ging der Winter ins Land und der Frühling kam. Corona wütete und Krämer lebte in Saus und Braus.

Aber er war einsam. Und so beschloss er, sein Glück im Online-Dating zu versuchen. Gleich die erste Frau, mit der er sich in einem Café in der Stadt verabredet hatte, gefiel ihm ausgezeichnet. Sie hieß Rita Montano, war Anfang dreißig und hatte große dunkle Augen. Sie erzählte ihm, ihre Eltern seien die berühmten „Flying Montanos“ gewesen, Trapezkünstler, die mit dem Zirkus Krone die ganze Welt bereist hätten. Leider gab es den Zirkus nicht mehr und so verdienten die Familienmitglieder jetzt als Schausteller ihr Geld. Sie hatten ein Kettenkarussell, aber leider gab es seit einem Jahr keine Volksfeste und Rummelplätze mehr.   

Krämer liebte den Rummelplatz. Das Kreischen der Menschen auf der Achterbahn, der Geruch von gebrannten Mandeln, das chaotische Treiben im Auto-Scooter, Kinder mit Zuckerwatte und Luftballons, Bratwurststände und Bierzelte. Als Kind hatte er sich stundenlang auf dem Rummel herumgetrieben, selbst wenn er gar kein Geld in der Tasche hatte. Er mochte Rita, die aus dieser geheimnisvollen Welt stammte, und schon nach dem dritten Treffen nahm er sie mit nach Hause.

Als sie mit seinem Fiat 500 durch das gewaltige Steintor zur Villa fuhren, bekam Rita einen Schreck. Ob er hier einbrechen wolle, fragte sie ihn. Aber er lachte nur. Er sei Hausverwalter, das habe er ihr doch gesagt. Und das Haus sei eben sehr groß. Und so verbrachten sie den weiteren Abend vor dem gewaltigen Kamin, saßen zusammen auf dem Chesterfield-Sofa seines Chefs und tranken dessen 1998er Dom Perignon aus handgeschliffenen Kristallgläsern.

Rita blieb in dieser Nacht bei ihm. Krämer war verliebt. Zwei Wochen später zog sie bei ihm ein. Sie feierten rauschende Feste. Rita hatte fünf Geschwister. Alle waren verheiratet und hatten Kinder. Die Eltern kamen, Onkel und Tanten. Die vielen Freunde der Familie. Krämer war ihr Gastgeber und bewirtete sie freigiebig mit all den Köstlichkeiten, die das Haus zu bieten hatte. Natürlich blieben die Gäste über Nacht. Wer wollte nach der Party schon noch mit dem Auto nach Hause fahren? Die Villa bot genügend Platz.

Die Montanos blieben immer länger. Schließlich blieben sie ganz. Als Schausteller gab es nichts zu verdienen und auf diese Weise sparten sie sich die Miete. Nach und nach verschwanden Gemälde und teure Vasen, die Villa verwahrloste und verdreckte. Die Kinder bemalten die Seidentapeten mit ihren Buntstiften und Fingerfarben, überall ließen sie ihr Spielzeug achtlos liegen. Leere Flaschen, verdreckte Teller und verschimmelte Essensreste. Alles versank im Chaos.

Krämer wurde es zu viel. Er war das Temperament und die Ausgelassenheit dieser Menschen nicht gewohnt. Er vermisste seine Ruhe. Aber er war hilflos. Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt. Eines Tages verschwand Krämer spurlos. Niemand hat jemals wieder von ihm gehört.

Joyce Sims Come in to my life (Club Mix) - YouTube




Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen