Mittwoch, 7. April 2021

Glumm – das Buch zum Leben

 

„Im Leben ohne Rang,

Im Tod ohne Titel,

Nicht sammelnd irdische Güter,

Nicht sammelnd irdischen Ruhm,

So sind die ganz Großen.“

(Dschuang Dsi)


Einen Großteil seines Lebens hat Glumm einfach nur gelebt. Gelegentlich gearbeitet, aber in der Hauptsache sein Leben gelebt. Ganztägig. Es waren jede Menge Drogen im Spiel, Alkohol, Frauen, Freunde und Musik. Die meisten Menschen würden sich an ein solches Leben gar nicht mehr erinnern, aber Glumm hat ein ausgezeichnetes Gedächtnis. Der Mann ist permanent im Aufnahme-Modus. Sein Leben ist der gesamte Kosmos seiner Literatur. Er muss keine Figuren und Geschichten erfinden, er zeichnet auf, was gewesen ist. Lakonisch, mit trockenem Humor. Er stellt nicht die alberne Frage, warum das Leben so ist, wie es ist. Es ist eben so und nicht anders. Es ist sein Leben. Seine Erzählungen enthalten alle Antworten, ohne Fragen zu stellen. Glumm – das ist eine Geisteshaltung.

Sein erstes Buch ist gerade erschienen. „Geplant war Ewigkeit“. Glumm ist Jahrgang 1960. Er hat sich Zeit gelassen, der Kollege. Eine halbe Ewigkeit. Aber es hat sich gelohnt. Zum Glück hat er uns schon eine Menge online erzählt, so dass wir Glummiacs vorbereitet waren. Dreißig Erzählungen auf 360 Seiten. Ein Konzentrat aus seinen Blogs „Studio Glumm“ und „500Beine“, in denen er seit 2005 seine Texte veröffentlicht. Hochprozentiger Stoff, unverschnitten. Bekommst du praktisch nirgends. Aber für dich macht Glumm einen Sonderpreis. 12,99 Euro. Du kannst nicht nein sagen. Du liest es und bist angefixt. Du brauchst mehr von dem Zeug. Glumm weiß, wie der Laden läuft. Glumm ist der Laden.

Seine Abende und Nächte verbringt der junge Schriftsteller mit seinen Freunden am Tresen seiner Stammkneipe. Karlos, der dicke Hansen, Benzini und der Mitsubishi Boy. Hier sammelt er den Rohstoff, das Material. Wenn er am nächsten Tag seinen Rausch ausgeschlafen hat, beginnt er am Nachmittag mit dem Schreiben. Das ist sein Lebensrhythmus. Keine Zeit für irgendwelche Jobs. Gelegentlich schickt ihn das Arbeitsamt in einen Baumarkt oder er sucht sich McJobs: Kommissionierer in einem Kühlhaus, Nachtportier in einem Hotel. Aber von Beruf ist er Autor. Das ist amtlich. Glumm hat 1986 für eine Kurzgeschichte den Literaturpreis von NRW bekommen.   

Für unsere Generation – ich bin ein paar Jahre jünger als Glumm – sind seine Stories eine Zeitreise. Der Geruch von Fritten, Camel und Apfelshampoo. Chromdioxid-Kassetten und Jeansjacken, pelzige Männerdekolletés und endlose Nachmittage am Radio, Schallplatten und Bücher klauen, der vermasselte erste Sex im Elternschlafzimmer, Bongs und Trips – kenne ich alles. In seinen Erzählungen wird aus dem Alltag ein Heldenepos. Die Irrfahrten sind eines Odysseus würdig, bis er endlich wieder Heroin für einen Tag hat.

Das alles schildert Glumm ohne Selbstmitleid, ohne Reue. Der Irrwitz der Entzugserscheinungen, während die Menschen um ihn herum zur Arbeit fahren oder Einkaufen gehen. Glumm ist ein Fremdkörper. Zum Glück ist er unsichtbar. Ein guter Schriftsteller verkneift sich die Interpretation der geschilderten Ereignisse. Glumm beherrscht diese Technik perfekt. Er nimmt sich zurück, weil der Stoff, aus dem die Geschichten gewoben sind, sowieso gut genug ist.

Das ganze Leben ist ein Krieg in Zeitlupe. Glumms Weggefährten sterben lautlos nacheinander, die Frauen erscheinen und verschwinden wieder vom Radarschirm des Chronisten. Wir lernen seine Eltern kennen, aber begegnen ihnen erst richtig, als er Abschied von ihnen nimmt. Als sie aufhören, selbstverständlich zu sein. Der Junkie treibt wie ein Korken auf den Wellen, schleicht O-beinig durch die Tage, zugedröhnt und ohne Ziel, bis er schließlich bei Susanne Eggert, der „Gräfin“, endgültig vor Anker geht. Glumm hat drei oder vier Sachen im Leben richtig gemacht. Die Gräfin gehört dazu.

Andreas Glumm ist der klassische Außenseiter, der Künstler am Rande einer Gesellschaft, die in ihrer oberflächlichen Gier nach Geld, Tinnef und drittklassiger Unterhaltung nicht begreift, wer unerkannt in ihrer Mitte lebt. Der Poète maudit wird oft erst nach seinem Tod verstanden, sein Werk viel zu spät geehrt. Das ist das Schicksal aller Genies, die ihrer Zeit weit voraus sind. Ich kann selbst ein Lied davon singen. Im Ernst: Die Gräfin, der Hund (erst Frau Moll, dann Leo) und Glumm bilden ein Triumvirat, das irgendwo im Schutt der untergegangenen Industriegesellschaft – nennen wir den Ort Solingen – dem räudigen Leben alles Schöne und Kluge, Wahre und Witzige abgerungen und abgetrotzt hat, was möglich war. Mehr ist nicht zu sagen. Mögen in den ferner Zukunft Archäologen dieses Buch finden und kein CDU-Parteiprogramm. Es wird ihr Urteil hoffentlich milde stimmen.

Gloria Gaynor - Never Can Say Goodbye (Disco) - YouTube



Andreas Glumm 1986. "Wie buchstabiert man noch mal Chrysantheme? Ach komm, ich schreib Rose."

 

Nachtrag:

Ich habe das Osterwochenende in Solingen verbracht. In drei Tagen habe ich „Geplant war Ewigkeit“ gelesen. Nur unterbrochen von einem Essen mit meiner Familie. Hirschragout und Heroin. Die geballte Ladung Glumm. Ohne Sättigungsbeilage und Salat. Ich stelle mir vor, wie ich ihn im Bergischen Land besuche. Aber selbst ohne Corona und mit Auto wäre es nicht richtig. Wir würden mit dem Hund spazieren gehen oder in seiner Küche sitzen und hätten uns nichts zu sagen. Nervöses Schweigen. Irgendwo tickt eine Uhr. Schriftsteller sind wie Eisbären. Sie kennen sich aus der Ferne und gehen sich ansonsten aus dem Weg. In den Achtzigern hätten wir zusammen eine Bong geraucht und Musik gehört. Es wäre unkompliziert gewesen. Vielleicht ist in zwanzig Jahren der richtige Zeitpunkt für ein Treffen. Wir sind alte Männer und sitzen im Park der Seniorenresidenz Waldesruh auf einer Bank. Glumm hat seinen Slade-Rollator neben sich geparkt, ich den AC/DC-Rollator auf meiner Seite. Wir gucken traumblöde in die Sonne und gelegentlich einer Krankenschwester auf den Knackarsch. Wir erzählen uns Geschichten von früher. Nichts ist uns peinlich, weil in dem Alter sowieso alles egal ist. So wäre es gut. Das würde passen.

Lesen Sie weiter: Kiezschreiber: About Glumm

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12 Kommentare:

  1. Habe im Rahmen einer Fete im Freien mal eine kleine Lesung veranstaltet.
    Geburtstag und so, Bier, Feuer, alte Weggefährten. Bin auch frühe 60er.
    Ich gab einen seiner Texte über LSD zum besten. Horrortrip.
    Der Großteil der Gäste wußte genau bescheid, alles schon selbst erlebt.
    Es war mucksmäuschenstill, alle hörten gebannt zu. Es war großartig.
    Der Vollständigkeit halber, dazu noch Kiezneurotiker, Wolfgang Neuss sowie der legendäre Englische Radioreporter, der das Elfmeterschießen England-Spanien Euro 96 kommentierte.
    "England are through and you boys are out...."
    Es war ein gebürtiger Brite dabei, der sich sehr freute.

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  2. INTERESSANT ... was bekommst DU, pro verkauftem Buch ... ?!? *hehe*

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    1. Die Autorenhonorare liegen bei 80 Cent
      bis einen Euro für 100 Seiten und
      einssechzig bis 2 € für 200 Seiten.
      Je nach Verlach ist das Lektorat mit drin
      oder nicht und/oder Freiexemplare, die daheim
      verstauben. Echt lukrativ, die Buchschreiberei.

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    2. Da hat offensichtlich jemand noch nie einen Verlagsvertrag gesehen oder gar unterschrieben. Der Autor ist mit einem Gewissen Prozentsatz am Verkaufserlös nach Abzug der Steuer (7%) beteiligt. Das sind im Regelfall 10% bei Normalsterblichen und bis zu 30% bei Bestseller-Autoren.

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    3. 10% sind ja etwa nen Euro+/- bei 100 Seiten
      für nen Verkaufspreis von 10 € minus Dingens.
      Bonetti kriegt 30%, keine Frage :-)

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    4. Du hast es immer noch nicht begriffen. Macht aber nix :o)))

      Bonetti bekommt übrigens 70 Prozent, weil er selbst der Verleger ist und seit 2011 ("Weißer Wedding" im Emons Verlag) keinen Vertrag mehr unterschrieben hat.

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    5. Was habe ich nicht begriffen?
      Der Autor bekommt vom Erlös 10%,
      nach Abzug für Papier, Druck, Umschlag,
      Design, Werbung, Lektorat, Vertrieb, Steuern etc.
      Uuuui, da klingelt aber die Kasse! :-)
      "Für Auflage muss man sich lange an der Muschi
      spielen und aufschreiben was man dabei denkt."
      meinte die Roche.

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    6. Wieder nicht begriffen :o)))

      Aber sehr lustig, dass vom Autorenhonorar die Kosten für das Papier usw. abgezogen werden. Kann man dich als Clown für Kindergeburtstage buchen?

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    7. Lassen wir es doch einfach mal so stehen, daß ( ich liebe daß ) dem verehrten Autor einige extra Biere auf den Tresen gestellt werden.
      Auch eines auf meine Rechnung, sprich ich werde mir das Ding zulegen.
      Wer ist schon Bukowski.

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  3. Neulich beim Kiezschreiber7. April 2021 um 10:01

    Was wollte ich noch mal machen? Warum bin ich hier hin gegangen? Während ich das denke, gehen Leute vorbei. Sie sehen mich an, gehen um mich herum, reden über mich. Einer von ihnen stupst mich an. Was erwartet er?

    "Hübsch."
    "Was soll er darstellen?"
    "Er ist wirklich sehr gut."
    "Ich glaube, ich sah, wie sich seine Augen bewegten."

    Sie werfen mir Münzen vor die Füße.

    "Moment mal," wollte ich sagen: "Wartet, Leute, ich bin keine lebende Statue. Ich habe nur einen Moment lang vergessen, was ich hier eigentlich wollte."

    Aber sie sind schon weg ...

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  4. Ja, da sitzen wir nun auf dem Abstellgleis, letzter Halt Nirvana.
    Und kein Trip, keine Harley und nicht mal der Euro-Jackpot können das wieder bringen, was uns wirklich fehlt.
    Das Gefühl, man könnte ewig leben, das Gefühl unbesiegbar zu sein.
    Komme mir Keiner mit dem Schwachsinn von "so alt, wie man sich fühlt". Die Wunden, Narben und Risse, die als unlöschbare Tattoos auf Psyche und Seele lasten, würden bei jedem Einzelnen dafür sorgen, daß das Ego des Zwanzigjährigen bei einer Zeitreise den Sechzigjährigen anglotzen würde, wie das Schwein ein Gewitter und umgekehrt.

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