Donnerstag, 29. April 2021

Das Polyversum der Geschwätzigkeit

 

„ICH HAB’N DOKTORTITEL UND DU NICH !!!“ (Bonetti auf Twitter zum Thema Menstruationszubehör)

Gibt es eigentlich noch Themen, die nicht politisch aufgeladen sind und kontrovers diskutiert werden? Geschlechterrollen sind ein politisches Thema, die Umwelt und vor allem das Klima, selbst Schweinenackensteaks, Urlaubsreisen und die Antriebsart von Fahrzeugen sind politisch geworden. Das ist einerseits gut, denn es entsteht eine Vielzahl von öffentlichen Diskussionen.

Es ist prinzipiell kein Problem, alles in Frage zu stellen und darüber zu debattieren. Das Problem ist eher, dass es keine Instanz gibt, die den Erkenntnisprozess moderiert. Weder die Politik noch die Medien spielen noch eine nennenswerte Rolle. Beide mögen Fachwissen akkumulieren und bewerten, aber sie sind nur zwei Stimmen unter vielen. Wenn jeder sich für einen Experten hält und alle anderen für Laien, gibt es kein Ergebnis. Man muss nichts mehr wissen, um mitreden zu können.

Die Diskussionen laufen endlos weiter, die Gesellschaft entwickelt sich nicht weiter, sondern zerfällt in eine unüberschaubare Zahl von Lagern. Schließlich sind die Gruppen, die z.B. über Ernährung und Mobilität diskutieren, nicht deckungsgleich. Es gibt den vegan lebenden Dieselfahrer ebenso wie den Fahrradfahrer, der gerne Fischstäbchen isst. Es gibt kein soziologisches Modell mehr, das diese zersplitterte Gesellschaft noch abbilden könnte.

Fragmentierung nennen das die Wissenschaftler, wenn sie über Gräben und Risse sprechen. Reflexive Moderne nannte man das in den Neunzigern, als man die Vielzahl der Debatten noch als positive Entwicklung betrachtet hat. Die mangelnde Struktur dieser Debatten, ihre Emotionalität und die Tatsache, dass mit dem Internet noch dem größten Schwachsinn eine landesweite bzw. internationale Plattform gegeben wird, empfinde ich inzwischen als Rückschritt. Wir haben unseren Bestand an Selbstverständlichkeiten und Gemeinsamkeiten schneller verbraucht als gedacht.

Robert Palmer - Every Kinda People (Official Video) - YouTube



 

10 Kommentare:

  1. Diskussion ? Sogar Diskussionen, also plural.
    Gibt es nicht mehr.
    Wenn man, selbst im bis dato sich selbst so verorteten liberalen, linken Freak, Kiffer, Friedensbewegung, Öko, Landselbstversorgermilieu eine ambivalente Sicht der Dinge hat wird man inzwischen grob zusammengeschrien. (Nicht nur bei Corona...)
    Mit erhobenem Kinn, angespannter Halsschlagader und erhöter Stimmlage.
    Nicht schön. Meistens mit "Überschriftenkompetenz".
    Ein smartphone hat dann doch jeder, und benutzt wird es auch. Aber eben nur wisch wisch wisch.
    Artikel werden nicht durchgelesen, Meinungen schnell gebildet.
    Manche dieser Leute benutzen dann sogar BILD online. Hrrgtttt.

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    1. Ich diskutiere auch nur noch mit guten Freunden. Ansonsten begnüge ich mich mit Smalltalk. Viele Leute haben eine kurze Zündschnur ;o)

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    2. @Altirgendwas: Wichtig ist, dass beim größten Projekt aller Zeiten die Wissenschaftler miteinander diskutieren. Was wir hier brabbeln, ist für den Weltenlauf scheißegal.

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    3. Nein, es ist nicht scheißegal, was die Leute denken.
      Erst mal, was ist das größte Projekt aller Zeiten ?
      Klimadings, Impfdings oder der nächste Bundestrainer ?
      Dann, es ist wichtig, welche Meinung die Majorität hat.
      Aus diesem Grund wird diese ja auch mit allen zur verfügung stehenden Mitteln gebildet.
      Systemmedien ? Na ja...ich will hier nicht in Querdenkersprache verfallen, es wird nicht unbedingt gelogen. Weggelassen durchaus. Nicht genehme Leute nicht veröffentlicht. Halt Meinung gemacht. Das ist offensichtlich.

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    4. @Altirgendwas: "Dann, es ist wichtig, welche Meinung die Majorität hat."

      Die ist aber steuerbar, wie wir täglich beobachten dürfen.
      Das "größte Projekt aller Zeiten": Über 90.000 innerhalb eines Jahres erstellte Papers, die zum größten Teil zudem allen mit Internetanschluss kostenlos zur Verfügung stehen, warten darauf auch von dir gelesen zu werden.
      Die Kritiker mögen tolle Fachleute (gewesen) sein. Dann wissen sie aber automatisch, wie wissenschaftliche Kritik geht. Die besteht nicht darin, irgendwelche Behauptungen auf Telepolis aufzustellen, sondern bei den einschlägigen Journalen eine Veröffentlichung anzustreben und sich so dem Fachpublikum auszusetzen.
      Zu deinen anderen Punkten habe ich in ca. 13 Jahren gefühlt mehr als 10.000 Links bei feynsinn hinterlassen, die die letzten 400 Jahre Wirtschaft, Politik, Soziologie und Psychologie umfassen. Dein Weltbild scheint mir unterkomplex, was aber der Kürze der Kommentare hier geschuldet sein kann. Sorry.

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    5. Ha Ha....unterkomplex.
      Die Überheblichkeit der linken Intelligenz.
      (Gerne auch Intelligenzija, um Ihren Ansprüchen zu genügen.)
      Ich habe lange den feynsinn gelesen, anfangs mit Begeisterung, später in langsam ermüdendem Plichtbewustsein, inzwischen ist mir das Geschreibsel zu eindimensional.
      Bitte beschäftigt euch auch mal mit "normalen Menschen", Arbeitern, Handwerkern, die zum einen nicht die Zeit haben, 10 000de links durchzuarbeiten, zum anderen, man muß es so sagen, ohne den Menschen einen Vorwurf zu machen, diese Sprachen oft gar nicht verstehen. Oft recht, um dieses Wort zu verwenden, komplexe Texte, gespickt mit Querverweisen, mit Wissen, das vorausgesetzt wird und in einer nicht gesprochenen Sprache.
      Aus diesem Grund wird ja Meinung auch mit einfacher Sprache gemacht, gell ??
      Gut, nicht nur, wer Bock auf die ZEIT hat soll das durchackern, 6 Wo. Probeabo war genug.
      Aber man kann mit einfacher Sprache auch ein breiteres Spektrum der Wirklichkeit darstellen, so man will.
      Das ist meine These.

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    6. "Die Überheblichkeit der linken Intelligenz."

      Danke, an der Stelle beende ich die Unterhaltung.

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  2. Die UNO hat eine weltweite Umfrage durchgeführt.
    Die Frage lautete: "Geben sie uns bitte ihre ehrliche Meinung zur Lösung der Nahrungs-Knappheit im Rest der Welt ab."
    Die Umfrage stellte sich, nicht unerwartet, als Riesenflop heraus:

    In Afrika wussten die Teilnehmer nicht was Nahrung ist.

    Osteuropa wusste nicht, was ehrlich heißt.

    Westeuropa kannte das Wort Knappheit nicht.

    Die Chinesen wussten nicht, was Meinung ist.

    Der Nahe Osten fragte nach, was denn Lösung bedeute.

    Südamerika kannte den Sinn des Wortes bitte nicht.

    In den USA wusste niemand, was der Rest der Welt ist.

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  3. Ist nicht alles so, wie es immer schon war? Nur ungemütlicher, das schon. Aber dann begegnet mir gestern auf dem Weg in den Park ein junges verliebtes Pärchen, das nicht genug kriegen kann voneinander, und ich denk so für mich: na ja, dann.

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    1. Früher gab's halt nicht das Internet. Da saß man in der Kneipe zusammen und hat so diskutiert, dass man sich am nächsten Abend wieder in die Augen sehen konnte.

      Frühlingsgefühle hatte ich auch mal - im vergangenen Jahrhundert ;o)

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