Dienstag, 2. März 2021

Welcome to the show


Die Idee kam mir, als ich in Berlin-Mitte einen Mann gesehen hatte, der total ausgeflippt ist. Er war nicht einer von den üblichen Leuten, die schreiend durch die Stadt laufen und mit den Armen um sich schlagen wie ein Grizzly auf Speed. Es war einer dieser Schlipstypen in grauen Anzügen. Mit Aktentasche und glänzenden Lederschuhen. Keiner Ahnung, was er wollte, aber er schmiss eine Menge Sachen durch die Gegend. Einen Kaffeebecher, der seinen Inhalt in einen Gully ergoss. Ein Handy, das an einer Hauswand zerschellte. Irgendwelche Blätter voller Grafiken und Text. Und einen Ausweis.

Als der Mann um die Ecke verschwunden war, neuen Eskalationen entgegen, hob ich den Ausweis auf und nahm ihn mit. Als ich wieder zuhause war, sah ich mir das Ding genau an. Es war ein Firmenausweis mit einem Magnetstreifen. Tobias Zähringer, ungefähr mein Alter und meine Größe. Von der Berliner Versicherungsgesellschaft AG (BVG). Was sollte ich mit dem Ding? Andererseits war mir langweilig. Ich hatte nichts zu tun. Offiziell nannte ich mich Schriftsteller, aber eigentlich machte ich den ganzen Tag überhaupt nichts. Nach einer Flasche Wein hatte ich die Idee.

Am nächsten Morgen marschierte ich in meinem alten Anzug in die Zentrale der Versicherung an der Leipziger Straße. Ich zog meinen Firmenausweis durch einen Schlitz und passierte problemlos das Drehkreuz. Aber dann sprach mich eine Frau am Eingangsportal an. War ich aufgeflogen? Reflexartig zeigte ich ihr den Ausweis und sagte „Multipass“. Aber sie erklärte mir nur, ich solle zu Direktor Kramer in Zimmer 648 kommen. Also stieg ich in den Fahrstuhl und fuhr in den sechsten Stock. Was sollte schon passieren?

Kramer hat schlohweiße dünne Haare und das unbestimmte Alter von Reptilien. Er sah mich durch die daumendicken Gläser seine Hornbrille an und verzog angewidert den Mund. Meine Zahlen seien grauenhaft, sagte er. Was denn in meinem Bezirk los sei. Ich erzählte ihm etwas von schwierigen Kunden und der außergewöhnlichen Geschäftslage. Da ich keine Ahnung vom Versicherungsgeschäft hatte, hielt ich die Sache eher allgemein und fütterte ihn mit harmlosen Belanglosigkeiten. Um 14 Uhr sei ein Meeting im vierten Stock, schärfte er mir ein. Dann solle ich meine Zahlen präsentieren.

Auf meinem Ausweis stand meine Zimmernummer: 213. Also ging ich in mein Büro. Vorher nahm ich in der Teeküche der Abteilung einen Kaffee, einen Joghurt und ein Sandwich mit Eiersalat mit. Der Computer war nicht passwortgeschützt. Ich surfte den ganzen Vormittag im Netz. Punkt zwölf ging ich in die Kantine und bezahlte mit meinem Ausweis ein Cordon Bleu mit Pommes, eine große Cola, ein Stück Käsekuchen und einen Schokoriegel für später. Das Meeting habe ich natürlich geschwänzt. Irgendwann dachte ich, dass ich für heute genug gearbeitet hätte, und ging nach Hause.

Am Abend dachte ich über den Tag nach. Warum machte ich das Ganze nicht mit meinem eigenen Job als Schriftsteller? Ich musste nur den echten Kollegen ablenken und mit meinen eigenen Texten zur Lesung gehen. Niemand weiß, wie ein Schriftsteller aussieht.

Mit Waldo Hübner fing ich an. Ich suchte mir seine Mailadresse auf seiner Webseite und sagte im Namen einer Buchhandlung die Lesung ab. Bombendrohung. Wegen seiner Kritik an Neonazis. Er nahm die Terminverschiebung an. Wahrscheinlich ging ihm gerade der Arsch auf Grundeis.

Ich ging an seiner Stelle hin. Endlich hatte ich meine erste Lesung. Ich zog ein weißes Hemd an, darüber einen dunkelblauen Pullunder. Und Cordhosen. Sicher würden Deutschlehrer anwesend sein. Tragen die nicht alle Cordhosen? Egal.

Die Buchhändlerin begrüßte mich in ihrem Laden und sprach ein paar einführende Worte zu den etwa zwanzig Gästen. Ich setzte mich derweil an den Tisch, trank einen Schluck Wasser und ordnete meine Manuskriptseiten. Zur Sicherheit las ich zunächst eine bekannte Kurzgeschichte von Waldo Hübner. Dann erklärte ich, aus noch unveröffentlichten Werken lesen zu wollen.

Ich begann mit „Die Dunkelheit am Ende des Tunnels“. Das Publikum nahm es klaglos hin, niemand verließ den Raum. Dann wurde ich mutiger und las ein Kapitel aus „Du bist an allem schuld, Ulla“, einer Abrechnung mit meiner Ex-Frau. Zum Abschluss las ich noch ein paar Gedichte aus meinem Zyklus „Rummenigge in Halberstadt“.

Durch diesen Erfolg mutig geworden, schrieb ich eine Woche später Eberhard Schwengel an. Der bekannte Autor war Rollstuhlfahrer. Ich schrieb ihm, der Veranstaltungsort sei nicht barrierefrei, und schickte ihn in die Markthalle am anderen Ende der Stadt. Auch er akzeptierte es, ohne misstrauisch zu werden.

In der Kreissparkasse sprach ich vor vierzig Leuten. Den Rollstuhl hatte ich mir für fünfzig Euro bei Ebay besorgt. Es war erneut ein großartiger Abend. Vor allem mein humoristisches Requiem „Endlich ist Günter Grass tot“ kam fantastisch an. Am Ende gab es stürmischen Applaus. Das Publikum erhob sich und konnte sich gar nicht einkriegen vor Begeisterung. Also erhob ich mich auch und verbeugte mich. Der Skandal war perfekt. Ich rannte um mein Leben.

Jetzt gehe ich zu Beerdigungen. Mein neues Hobby. Ich treffe Menschen, die Trost suchen. Oder einfach nur ein Gespräch mit einem mitfühlenden Menschen. Es gibt Kaffee und Kuchen und abends hat man immer frei.

Chicago - I'm a Man - 7/21/1970 - Tanglewood (Official) - YouTube



6 Kommentare:

  1. Ehre, wem Ehre gebührt (Steve Winwood)

    Spencer Davis Group - I'm a Man
    https://www.youtube.com/watch?v=4_gFF-z9OS8

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  2. LEBEN in/als ein ANDERER ... ich höre HOLLYWOOD rufen... ;)))

    "Das Leben der Anderen"
    Hollywood plant Remake
    Noch ist es Ulrich Mühe, der als Stasi-Spitzel in "Das Leben der Anderen" sein Unwesen treibt.
    Könnte bald aber auch Anthony Hopkins sein.
    Oder vielleicht Ed Harris?

    Aber bestimmt Matthias Bonetti sein !!!

    In Hollywood denkt man über eine Neuverfilmung des deutschen Oscar-Films nach.

    *zwinker*

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    1. Du wirst mir doch hoffentlich nach Hollywood folgen? In meiner riesigen Filmstar-Villa in Beverly Hills ist immer ein Platz für dich, Engelchen ;o)

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    2. ... ❤️ *DICH LIEB ANSTRAHL*

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  3. Schreib doch mal was, wo richtig viel kaputt geht.
    Wo die Regierung enthauptet wird und anschließend
    die Herrschaftlosigkeit herrscht. Irgendwas mit
    viel Bums und mit Held.

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  4. Wäre ich von der Filmbranche, würde ich mir die Rechte für diese Story sichern.
    Chapeau.

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