Freitag, 26. Februar 2021

Was sieht ein Journalist?


Morgens sieht er sich selbst im Badezimmerspiegel, er sieht seinen Kaffee, sein Müsli und das Handydisplay.

Dann sieht er den Straßenverkehr. Er sieht andere Autos. Andere Menschen sieht er nur verschwommen. Er hat keine Zeit, um auf sie zu achten. Er betrachtet eine rote Ampel und wartet.

In der Redaktion sieht er Menschen, die den gleichen Job machen wie er. Er sieht stundenlang auf den Monitor. Meldungen der Nachrichtenagenturen. Artikel und Kommentare konkurrierender Journalisten aus anderen Redaktionen. Zum Mittagessen sieht er ein belegtes Brötchen und eine Kaffeetasse mit einem lustigen Spruch.

Er sieht am Nachmittag die Kollegen in der Redaktionskonferenz. Er sieht wieder seinen Monitor, weil er noch einen kurzen Artikel über einen Streik in Berlin-Mitte schreiben muss. Vier Jahre Grundschule, neun Jahre Gymnasium, sechs Jahre Universität und zwei Jahre Volontariat befähigen ihn für diese Tätigkeit.

Anschließend betrachtet er die Welt ein zweites Mal für eine Weile durch die Windschutzscheibe.

Abends sieht er auf seinen Fernseher, auf seinen Computer, auf sein Handy. Vielleicht sieht er fantastische Welten in einem Computerspiel. Vielleicht sieht er auch seine Frau und seine Kinder.

Manchmal geht er mit Freunden in die Kneipe. Er hat dieselbe Hautfarbe, eine vergleichbare akademische Ausbildung und den gleichen Sozialstatus wie sie. Es geht um Aktien und Eigentumswohnungen. Über das lächerliche Leben im Prenzlauer Berg, das längst zum Klischee erstarrt ist, und das sie niemals ändern möchten.

Sie haben in Wirklichkeit nichts gesehen. Sie schreiben für uns. Sie sind unsere Augen und Ohren. Der Auflagenschwund ist dramatisch.

Loverboy - Working for the Weekend (Official Audio) - YouTube




12 Kommentare:

  1. Erschwerend kommt hinzu

    "Wes' Brot ich ess, des' Lied ich sing."

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    1. Richtig. Und die fehlende Freiheit bei der Themenwahl. Wie jedes Jahr wird auch in diesen Tagen ein Redaktionsleiter bei der FAZ im Meeting die Frage stellen: "Wer schreibt den Artikel mit der Überschrift 'Frühjahrsputz in Ihrem Aktiendepot'?"

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  2. So viel zum Print- und Onlinejournalist.
    Was sieht der Hörfunk- und Fernsehjournalist?
    Sind letztere vor Ort? Wenn ja, warum?

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    1. Rundfunk und TV sind auch reine Bürojobs. Bis auf den Kasper, den sie in die Fußgängerzone schicken, um O-Töne von Rentnern zu sammeln. Eine Freundin hat lange als heute-Redakteurin auf dem Leichenberg gearbeitet. Sie hat Ticker-Meldungen zu Videotext-Meldungen umgeschrieben. Im Schicht- und Wochenendbetrieb als "feste Freie". Sie hat vor ein paar Jahren gekündigt.

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    2. Ja, ja..Nicht alle Autos sind gelb.. Aber die Bilder und O-Töne muss doch jemand gemacht haben?! Auch die von Reuters, dpa und so.. Was ist mit den Bildjournalisten, den Fotografen? Reportagen, Dokumentationen? War der Bednarz nie am Ende der Welt? War Gerd Ruge ein Relotius und nie in Russland? Alles nachgestellt, nä? Wie die Mondlandung.. alles nur Fototapete im Studio, nä? :-)

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    3. Schau dir mal das Korrespondentennetz der Fernsehsender an. Da sind zwei Leute für ganz Asien zuständig. Auf einen Ruge kommen tausend Sesselfurzer.

      Die Nachrichtenagenturen sind anders strukturiert, das ist richtig. Die meisten werten Pressemeldungen der Polizei, der Unternehmen und Organisationen sowie der Pressestellen der Regierungen aus. Die sind also nicht permanent vor Ort. Viel Zeit verbringen sie übrigens in Pressekonferenzen, die die Realität auch nicht unmittelbar abbilden. Ich kenne einen dpa-Mann, der hat mir immer sein Leid geklagt.

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  3. .....verdammt nochmal....was sollen die ÖR denn auch tun bei der Geldknappheit in ihrem Budget...und jetzt fehlen auch noch monatlich 0,86 €....

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    1. Wenn Bonetti Media die 8 Mrd. € p.a. vom ÖR hätte, dann wäre hier 24 Stunden am Tag Las Vegas!

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  4. Einer der wirksamsten Mittel des Journalismus ist Leserbriefe schreiben.

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  5. »Menschen werden JournalistInnen, weil sie gerne Geschichten erzählen – und Mathe hassen.«
    (Scott Maier)

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    1. Deswegen wollte ich auch als Jugendlicher Journalist werden. Mit 18 fing ich bei der Mainzer Allgemeinen Zeitung als Lokalreporter an. 25 Pfennig pro Zeile und du berichtest über die Eröffnung eines Kindergartens. Ein Jahr später habe ich den Nebenjob geschmissen.

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  6. Dazu passt recht gut, was Michael Miersch anmerkt (unter der Überschrift 'Das Schweigen im Blätterwald').

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