Freitag, 15. Januar 2021

Die Mutter aller Mutationen

 

Als Klaus sein Handy gegen die Wand warf und anfing, wie ein Tier zu brüllen, wussten wir, dass es Zeit war zu gehen. Es hatte ihn erwischt. Aber wohin sollten wir gehen? Mit einem durchgedrehten Mutanten ist keine Wohngemeinschaft möglich. In den Wald? Es war Sommer und sehr warm, aber von was ernährte man sich dort, wenn die Vorräte zu Ende gingen?

Wir setzten uns erst mal ins Auto und überlegten. Dann kam Peter die rettende Idee. Schließlich war es ganz einfach. Wo gibt es genug zu essen und zu trinken? Wo gab es ein Dach über dem Kopf und genügend Platz für alle? Und das alles für lau? Richtig. Im Supermarkt. Wir suchten uns also den größten Supermarkt der Gegend. Er hatte die Größe von mehreren Fußballplätzen. Allein die Weinabteilung war so groß wie ein Handballfeld.

Wenig später kamen Jens, Peter und ich in Gensingen an. Niemand zu sehen. Noch nicht einmal ein Nachtwächter. Seit die Mutation X-42 das Land erfasst hatte, verschanzten sich alle in ihren Häusern und Wohnungen. Wir schlugen mit dem Radkreuz die Scheibe eines Sozialraums an der Rückseite ein, weil wir vermuteten, dass am Haupteingang eine Alarmanlage losgehen würde. Wir liefen in den Markt und mussten über unser Ziel gar nicht reden.

Kurze Zeit später saßen wir auf dem Boden der Spirituosenabteilung. Peter mit Johnny Walker Black Label, Jens mit Wodka und ich mit Ouzo. Wenn die Apokalypse kommt, ist der Supermarkt der beste Ort im Universum. Wir lachten und stießen an. Hier würde uns keiner mehr wegbekommen, soviel stand fest. Aber nach einer Stunde kamen uns Zweifel. Wenn wir auf die Idee gekommen waren, würden uns andere folgen. Und dann wäre der Spaß vorbei. Dann würden die Verteilungskämpfe beginnen. Wir waren nur zu dritt und unbewaffnet. Wir mussten den Supermarkt sichern.

Die automatische Tür war aus Glas und fünf Meter breit. Wir errichteten aus Euro-Paletten, die wir mit einem Gabelstapler aus dem Lager transportierten, eine Barrikade. Es war harte Arbeit, aber schließlich hatten wir es geschafft. Im Lager sah es wild aus, weil wir die Ladung von einigen Paletten runterschmeißen mussten. Aber bei leichten Waren wie Klopapier genügte ein kräftiger Schubser von zwei Mann und Jens, der den Staplerschein hatte, konnte die Palette wegfahren. Am Ende parkte er beide Stapler direkt vor der Barrikade, damit die Paletten nicht weggedrückt werden konnten.

Nach der ganzen Schufterei waren wir wieder nüchtern und total hungrig. Wir holten uns Wurst und Brot und krönten unser Nachtmahl mit ein paar Flaschen Champagner. Jetzt hatten wir es geschafft. Endlich sicher. Wir wurden müde und überlegten, wo wir schlafen sollten. Matratzen gab es nicht im Angebot und so baute sich jeder in der Klamottenabteilung aus Daunenjacken, Sockenbündeln, Pullovern und Kleidern ein eigenes Nest. Das war die erste Nacht unseres neuen Lebens.

Am nächsten Morgen überlegten wir beim Frühstück, wie es weitergehen sollte. Wie sollten wir uns warme Mahlzeiten machen? Im Sozialraum war eine Mikrowelle. Wir machten uns ein paar Mikrowellengerichte zum Mittagessen. Als wir um den Tisch saßen, wurde uns natürlich klar, dass das offene Fenster eine Schwachstelle war. Wie konnten wir das übersehen? Wir holten uns Werkzeug aus der Heimwerkerabteilung, nahmen zwei Paletten auseinander und vernagelten die Fensteröffnung. Sicherheitshalber trugen wir den Tisch und die Stühle in den Supermarkt, nahmen die Mikrowelle mit und schlossen die Tür des Sozialraums von außen ab. Wir würden es hören, wenn von dieser Seite Gefahr drohte.

So lebten wir zwei Wochen friedlich vor uns hin. Es gab ein paar Romane in einem Regal im Non-Food-Bereich, dazu Zeitungen und Zeitschriften. Mit den Akkus unserer Handys gingen wir vorsichtig um. Keiner hatte daran gedacht, sein Ladegerät mitzunehmen, als wir überstürzt die WG verlassen hatten. Die Nachrichten waren nicht gut. Deutschland löste sich ganz allmählich in seine Bestandteile auf. Niemand ging zur Arbeit, niemand hielt sich an die Regeln und die Mutanten tobten durch die Straßen. Nur wenige Polizisten stellten sich ihnen entgegen, die Regierung war an einen geheimen Ort gebracht worden und die Bundeswehr existierte praktisch nicht mehr.

Nach zwei Wochen fiel der Strom aus. Damit verloren wir natürlich auch den Tiefkühlbereich und die Kühlschränke. Wir machten uns Sorgen, was passieren würde, wenn die ganzen Lebensmittel zu stinken anfangen würden. Aber wir fanden eine Lösung. Es gab eine Treppe auf das Flachdach. Also schafften wir den ganzen Mist nach draußen und warfen es vom Dach. Es gab genügend Konserven und haltbare Lebensmittel wie Salami und Knäckebrot. Dosenöffner gab es in der Haushaltswarenabteilung. Kerzen und Feuerzeuge waren auch genügend da. Wir hatten endlos Einwegbesteck, Pappteller, Mineralwasser, Bier und Wein. Süßigkeiten und Chips. Wir würden sicher nicht verhungern oder verdursten.

Aber wir hatten ein neues Problem. Die Toilette und die Dusche neben dem Sozialraum funktionierten nicht mehr. Also benutzte jeder von uns einen Eimer, den wir vom Dach leerten. Die Körperpflege reduzierten wir auf ein Minimum, weil wir damit kostbares Trinkwasser verschwendeten. Es hatte aber auch einen Vorteil. Ab diesem Tag tranken wir nur noch Bier und Wein. Zum Frühstück gab es H-Milch und alkoholfreies Bier. Wir rasierten uns die Schädel mit Einwegrasierern, damit wir uns das Haarewaschen sparen konnten. Klamotten zum Wechseln gab es ja genug im Supermarkt, obwohl wir bald aussahen wie rumänische Wanderarbeiter.

Wir entdeckten die Spielwarenabteilung für uns. Wir hatten die Auswahl zwischen Dutzenden Brettspielen. Wir spielten stundenlang Risiko, Monopoly oder Siedler. Wir spielten Karten um das Münzgeld, das es in rauen Mengen in den Kassen gab. Manchmal spielten wir sogar Lego, wenn wir betrunken waren. Es gab auch genügend Fußbälle und wir spielten in den Gängen. Peter erfand Fußballgolf. Wir stellten Weidenkörbe im Supermarkt auf und man musste mit möglichst wenig Schüssen den Ball vom Startpunkt in den Korb schießen.

Gelegentlich saßen wir auf dem Dach und machten uns aus Kartonage, Papiergeld und leeren Obstkisten ein kleines Feuerchen, auf dem wir uns etwas Warmes zu essen machten. Noch konnte man die Eier essen und die eingeschweißte Bratwurst, aber auch das würde bald vorbei sein. An kalte Suppen aus der Blechdose würden wir uns eines Tages gewöhnen müssen.  

Dann kam der Tag, vor dem wir uns alle gefürchtet hatten. Ein paar Autos hielten vor dem Supermarkt, als Jens gerade seinen Eimer vom Supermarktdach leerte. Das Glas der Eingangstür splitterte. Ein paar Männer mit Eisenstangen und Vorschlaghämmern versuchten, den Supermarkt zu stürmen, aber die Barrikade hielt. Nach einer Weile fuhren sie wieder weg. Leider haben wir keine Nachrichten mehr von draußen bekommen, weil unsere Akkus leer sind. Wir können es hier noch ein paar Monate aushalten. Dann gehen wir hinaus uns sehen uns die neue Welt an.

***

„Was machst du da?“

„Ich schreibe über unser Leben.“

Talking Heads - This Must Be The Place - YouTube

 


3 Kommentare:

  1. Deutsche Sqatter15. Januar 2021 um 10:50

    "und Jens, der den Staplerschein hatte"

    Keine Besetzung ohne Staplerschein und Ladegerät ...

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  2. Jens hat den Staplerschein. Nun bin ich beruhigt.

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  3. HAT HOLLYWOOD schon die FILMRECHTE ?!? *grußel*

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