Freitag, 4. Dezember 2020

Wer bin ich?


Es gab einmal eine Fernsehsendung, die Robert Lembke moderierte: „Was bin ich?“ In dieser Sendung beschränkte sich die Frage auf den Beruf des Gastes, der von anderen Menschen erraten werden musste. Einziger Hinweis: eine typische Handbewegung.

Wenn wir uns die Frage stellen, wer wir sind, oder wenn wir gefragt werden, wer wir seien, beginnen wir meistens mit unserem Namen, unserem Beruf, unserem Wohnort, unserem Alter und unserem Familienstand. Es ist ein Skelett an Informationen, das zunächst nicht viel über uns aussagt. Ein 43jähriger Verwaltungsangestellter aus Herne – das öffnet vielleicht ein paar Schubladen, in die wir gerne andere Menschen stecken, um die Anstrengung des Nachdenkens zu vermeiden. Aber es ist zu wenig, um die eigentliche Frage zu beantworten.

Die nächste Stufe sind dann Informationen zur Familiengeschichte, zum Geburtsort, zu Geschwistern und zur Schulzeit. Soziologische und geographische Informationen, die das Bild schärfen, aber den eigentlichen Kern ebenfalls unberührt lassen. Lassen wir an diesem Punkt mit unserer Neugier nicht nach, betreten wir die Welt der Anekdoten. Die Menschen erzählen Geschichten über sich. Kindheitserlebnisse, unterhaltsame Erzählungen auf dem Niveau von „Mein schönstes Ferienerlebnis“. Sie erzählen, wie sie ihre Frau kennengelernt haben. Von einem Autounfall. Vom Verhältnis zu ihrem Vorgesetzten, der eine schreckliche Nervensäge ist.

Wir wissen immer noch nicht, wer wir sind. Ich könnte auf Anhieb keine drei Charaktereigenschaften nennen, wenn man mich fragen würde. Was sagen die Sterne? „Personen, die im Sternzeichen Löwe geboren wurden, sind sehr charismatisch, optimistisch und extrovertiert. Sie strotzen vor Selbstbewusstsein und lieben es, im Mittelpunkt zu stehen. Löwe-Geborene lieben Luxus und wollen das Leben in vollen Zügen genießen.“ Klingt gut, aber so bin ich nicht. Ich bin eher pessimistisch, introvertiert und voller Selbstzweifel. Aber das kann ich in dieser Klarheit nicht unterschreiben, denn es gibt auch Momente des Größenwahns und der hemmungslosen Selbstverliebtheit (dann übernimmt „Bonetti“). Das mit dem Genuss mag stimmen, aber Luxus brauche ich nicht. Selbst wenn ich eine Million Euro im Lotto gewinnen würde, hinge mein Herz immer noch an der guten alten Currywurst mit Pommes rot-weiß.

Gibt es irgendwelche Neigungen und Fähigkeiten, die mich auszeichnen? Müsste ich einen Fragebogen ausfüllen, stünde bei Hobbys: Essen, Trinken, Lesen und Musik hören. Das ist banal. Ich kann auch nichts. Weder mit Werkzeug umgehen oder kochen, ich beherrsche keine Sportart, weil ich seit fünfzehn Jahren keinen Sport mehr betreibe. Wer bin ich? Je länger ich mir diese Frage stelle, umso weniger kann ich sie beantworten. Habe ich mich seit meiner Kindheit verändert? Vermutlich. Aber wie habe ich mich verändert? Keine Ahnung. Hoffentlich zum Guten, aber auch das ist ungewiss.

Und so bleiben wir alle in unserer Welt der oberflächlichen Informationen und kleinen Erzählungen gefangen, ohne das Geheimnis, wer wir sind, vor unserem Tod lösen zu können.

Bap - Lisa - YouTube



 

8 Kommentare:

  1. hauptsache ist doch wir sind da. müssen wir uns definieren? wir verändern uns und bleiben doch in manchem gleich, sollen andere menschen erkennen oder lassen. wir docken da an, wo jemand zu uns passt, oder etwas. ich bin ganz viele und einmalig, wie jeder/jede.

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  2. "Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen /
    Den Vorhang zu und alle Fragen offen."
    (Brecht)

    oder

    Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?
    (Precht)

    ...tja ?!?

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  3. Ich kann mich erinnern , dass Gysi und Schäuble (die schwarze Null) meinten, sie seien zur Selbsterkenntnis nicht fähig. Das war kokett, hat mich aber getröstet.

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  4. Es gibt über die Jahrzehnte äußerst wenige Fotos von mir. Die wenigen Bilder aus vergangenen Zeiten zeigen mir eine Person, die ich selbstverständlich erkenne, mit der mich aber mit jedem Jahr Entfernung weniger verbindet.
    Selbst der Dreißigjährige ist schon so weit weg, dass ich nichts mehr von seinen Träumen, Wünschen oder Ängsten weiß.
    Ich glaube, mein ganzes Leben war ich nie älter als 8 Jahre. Wozu auch? Carpe diem.

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    1. Ich schreibe gerade meinen Einkaufszettel für morgen. Er beginnt mit "Duplo". 8 Jahre? Dann bist du weit gekommen ;o)

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  5. #FACKEL https://www.youtube.com/watch?v=WQhYNxwmuY8

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  6. Von wegen: ”Ich kann auch nichts.“ Du kannst gut schreiben und hast die besten Sprüche im Netz drauf.

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