Mittwoch, 30. Dezember 2020

In der Garderobe

 

Die Tür zu meiner Garderobe geht auf. Es ist Fanny, meine Pressesprecherin. „Draußen ist der Reichelt von der BILD. Er will ein Interview.“

„Jetzt nicht“, sage ich und drücke die Tür zu, obwohl sie sich von der anderen Seite mit ihrem ganzen Gewicht dagegenstemmt.

Vor dem Spiegel arbeite ich an dem arroganten Blick, für den Bonetti berühmt ist. Leider kann ich keine Augenbraue einzeln hochziehen.

Es klopft wieder an die Tür. „Herr Eberling, hier ist der Zylinder aus Zobelfell, den Sie für den Auftritt haben wollten.“

„Ja ja“, sage ich zu dem Boten. „Legen Sie ihn auf den Tisch.“

Wie soll ich mich nur auf meine Rolle in der Talkshow konzentrieren? Wie ertrage ich diesen dämlichen Lanz?

Ich atme tief durch und schaue in den Spiegel. Nach einigen Augenblicken strahle ich die stoische Gelassenheit und den unergründlichen Gleichmut aus, den man gewöhnlich den Ostasiaten zuschreibt.

Die Show kann beginnen. Ich nehme meinen Spazierstock und den Zylinder, dann verlasse ich die Garderobe. Einer muss Bonetti spielen, einer muss da sein.

 


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