Mittwoch, 2. Dezember 2020

Ein Lob dem Unterrichtsausfall

 

„Ein jeder scheidet aus dem Leben, als sei er gerade geboren.“ (Epikur)

Vierte Stunde, Mathe. Der Geruch von Kreide und Angstschweiß. Vor mir Julius, die dumme Sau, die alles weiß. Gebügeltes Hemd und selbstgestrickter Pullunder von Oma. An der Tafel Frau Peitz. Klein, fassförmig, das stumpfe, braune Haar ist in der Mitte gescheitelt. Sie trägt einen dunkelblauen Faltenrock und eine ockerfarbene Bluse, sie hat behaarte Unterarme und kleine Hände mit kurzen Fingern, die ein DIN A4-Blatt halten. Sie schaut sich lange um. Unsere Blicke treffen sich. Ich höre meinen Namen wie aus weiter Ferne und gehe in einem tranceartigen Zustand nach vorne.

Wenn ich heute daran zurückdenke, frage ich mich, wozu das alles gut war. Wir haben das ganze Wissen nie gebraucht. Die mathematischen Formeln und die lateinischen Vokabeln. Ordnungszahlen chemischer Elemente oder Notenlesen. Lesen, Schreiben und Rechnen haben wir schon in der Grundschule gelernt, der Rest war überflüssig. Seit Generationen das gleiche Spiel, das man erst durchschaut, wenn man nach seiner Schulzeit wie aus einem Traum erwacht und erkennt, welche Fähigkeiten und Erfahrungen im Alltag zählen.

Der wichtigste Grund für die Institution Schule: Disziplin. Habe ich das von Foucault? In der Schule wird der Mensch abgerichtet für das Berufsleben. Leistung – zunächst für die Noten, später für das Gehalt. Ruhe und Ordnung – zunächst zur Ermöglichung des Unterrichts, später für die Rolle als Untertan.

Der zweite Grund: Ablenkung von den eigenen Bedürfnissen. Was würde aus einem Menschen werden, der den ganzen Tag einfach macht, wonach ihm gerade ist? Der spazieren geht, wenn er Lust dazu hat? Der zu unregelmäßigen Zeiten seine Mahlzeiten einnimmt? Der liest, wenn er etwas wissen möchte? Der Fragen hat und selbständig nach Antworten sucht? Der lernt, ein Leben ohne Uhr und Kalender zu schätzen?

Der dritte Grund: Verwahranstalt. Die berufstätigen Eltern können sich nicht um ihre Kinder kümmern. Sie sollen ihre ganze Energie und Zeit in die Erwerbsarbeit stecken. Sie sollen Waren und Dienstleistungen produzieren und genügend Zeit haben, um Waren und Dienstleistungen konsumieren zu können. Kinder sind ein Störfaktor.

Der vierte Grund: Körper und Geist sollen ganz allgemein bei Verlassen der Bildungsanstalt befähigt sein, am Erwerbsleben teilzunehmen. Die Kinder müssen trainiert werden. Es ist egal, ob sie Gedichte oder Formeln auswendig lernen. Man könnte sie auch stundenlang Kreuzworträtsel oder Sudoku machen lassen. Wichtig ist, Kinderköpfe zu beschäftigen.    

So betrachtet ist Schule sinnvoll. Sie erzieht und entwickelt uns, sie dient der Kontrolle und der Überwachung. Man begreift es nur zu spät. Ich habe Jahre gebraucht, um nicht nur den Unterrichtsstoff, sondern auch alles andere zu vergessen. Jetzt, im Alter, bin ich fast wieder der Mensch, der ich im Vorschulalter gewesen bin.

RUN DMC - Walk This Way (Video) ft. Aerosmith - YouTube



13 Kommentare:

  1. Ich habe die Schule vom ersten bis zum letzten Tag abgrundtief gehasst.
    Ohne Scheiß.

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  2. Sobald der Samen die Eizelle trifft, ist das Todesurteil gefallen.

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  3. "Was würde aus einem Menschen werden, der den ganzen Tag einfach macht, wonach ihm gerade ist?" Bestenfalls ein Auswanderer. Schlimmstenfalls ein Selbstmörder. In der Zwischenzeit jemand, der von 83 Millionen (und deren Institutionen) bis auf das Blut gehasst wird und der schon morgens zum Anwalt rennen muss, nur damit er die nächsten Tage überhaupt überstehen kann (womit dann auch dafür gesorgt wäre, dass er eben nicht das tun kann, was er will, sofern er denn eine Rechtschutzversicherung hat).
    "Sie erzieht und entwickelt uns, sie dient der Kontrolle und der Überwachung." Letzteres: Ja (wie jede deutsche Institution). Für Ersteres müssen indes die Eltern sorgen. Eine Institution ist da höchstens Garant für das Scheitern.

    Von diesem möglichen Werdegang sind zwei Fälle befreit.

    1. Du gehörst zu den 1 %. Dann können einem Land, Leute & Institutionen gepflegt den Buckel runterrutschen. Falls jemand ernsthaft was will, kümmert sich jemand anderes darum. Professionell & endgültig.

    2. Du bist Penner und kombinierst Hunger, Durst, Not & Elend geschickt zu Deiner einzigen Lebensmaxime: Dem Überleben.

    "Ich habe Jahre gebraucht, um nicht nur den Unterrichtsstoff, sondern auch alles andere zu vergessen." Ich habe indes nicht vergessen und ich werde nicht vergeben!

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  4. „Ein jeder scheidet aus dem Leben, als sei er gerade geboren.“ (Epikur)

    Jetzt, im Alter, bin ich fast wieder der Mensch, der ich im Vorschulalter gewesen bin.

    ES SCHLIEßT SICH DER KREIS ... TOD ...METAMORPHOSE ... und es geht wieder von VORNE los !!!

    *tja...vielleicht*

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  5. Wir hatten in der Schule Schwimmunterricht. Das kann ich heute noch :)

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    1. Wusste nicht, dass die Deutsche Luft- und Raumfahtsgesellschaft das anbietet;) Auf dem Mond gibts doch Wasser nur in gefrorener Form :)

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    2. Eines Tages nehme ich dich mal mit, wenn wir wieder zu den Jupitermonden fliegen.

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    3. ja, hab´ Interesse. Jupiter , seine Monde und Saturn waren übrigens gut zu sehen in den letzten Monaten.
      Derzeit überholt der Mars uns auf der Außenbahn, ein schöner Anblick:

      https://www.wolframalpha.com/input/?i=schweppenhausen++skychart+10pm

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    4. Ich habe dir einen Platz auf der garantiert söderfreien Bonetti One reserviert. Wir starten am 31. Dezember um Mitternacht, damit es nicht so auffällt ;o)

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  6. ja ja, der crumb und seine weiberärsche...

    mehr davon!

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  7. Wir Kinder von Summerhill3. Dezember 2020 um 15:55

    Ach ja, Schulhass ist doch irgendwie infantil.
    Sollen alle wie in Summerhill aufwachsen ?
    Na gut, wer weiß....es war unsere Lektüre mit 12 oder so.
    Da dachte man, so muß es sein.

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