Montag, 28. Dezember 2020

Das Menschenrecht auf Tampons

 

Worüber haben wir eigentlich 2019 „zwischen den Jahren“ diskutiert? Richtig. Meine Oma ist eine Umweltsau. Und dieses Jahr? Kostenlose Tampons auf öffentlichen Toiletten. Die saturierte Mittelschicht ist nach Weihnachten mal wieder gelangweilt und braucht ein neues Thema. Das Bürgertum spricht am liebsten über sich selbst, seine unendlichen Bedürfnisse, seine Befindlichkeiten, seine Gefühle.

Was fehlt den Pastorentöchtern und Zahnarztgattinnen, den It-Girls und Influencerinnen noch zu ihrem Glück? Kostenlose Tampons auf öffentlichen Toiletten natürlich. First things first. Endlich mal eine sinnvolle Debatte. Haben wir neulich nicht schon die Mehrwertsteuersenkung bei Hygieneprodukten diskutiert? Wurde es vom Bundestag nicht beschlossen?

Das reicht nicht. Wir haben das namenlose Leid des Weibes, seine endlose Verzweiflung in diesem Männeruniversum, seine in Stein gemeißelte Opferrolle noch nicht ausreichend gewürdigt. Die Diskussion muss natürlich typisch deutsch geführt werden: Es geht ums Prinzip, es ist eine Frage der Moral und es wird nicht ohne überschäumende Emotionen, ohne Empörung enden. Betroffenheit war gestern. Jetzt herrscht Wut, denn es geht um nicht weniger als unsere Grundsätze. Wie wollen wir leben? Tampons für alle!

Eine kurze Bemerkung: Wo gibt es öffentliche Toiletten? In der Gastronomie, in Kaufhäusern, in Bahnhöfen und Personenzügen, in Autobahnraststätten. Alle diese Toiletten werden also von Unternehmen betrieben. Der Neoliberalismus und sein Credo von der Privatisierung hat nicht viel Toiletten übriggelassen, die vom Staat angeboten werden. Was werden die Unternehmen machen? Sie werden sich die Kosten für die kostenlos angebotenen Hygieneartikel vom Kunden zurückholen. There is no free lunch. Bezahlen muss man also immer, liebe Damen.

P.S.: Stellen wir uns vor, im Männerklo gäbe es kostenlose Kondome. Würde jeder Mann wirklich nur dann zugreifen, wenn er an diesem Abend eins bräuchte? Wie schnell wäre der Korb mit den kostenlosen Tampons im Frauenklo leer?

Nina Hagen-Auf m Bahnhof Zoo - YouTube

  


Deutsche Debattenkultur (Symbolbild).

4 Kommentare:

  1. Hatte früher eine Zeit lang immer ein Tampongröllchen in der Jackentasche.
    ( Tatsache ! )
    Da war ich IMMER der Held.
    Inzwischen blutet das Klientel nicht mehr, somit hat sich das erledigt.
    Was immer noch gut kommt ist ein Plaster im Geldbeutel. So zwischen den Scheinen.
    Trägt nicht auf und wird doch ab und zu gebraucht.
    Auch hier wieder : HELD

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  2. Anspieltipp dazu: https://www.youtube.com/watch?v=6MQilDqX52M&t=1s

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  3. Die Frauen die ich kenne haben immer Tampons dabei. Kann man sich auch selbst drum kümmern, nennt sich Eigenverantowrtung oder so.

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    1. Wenn die Restaurants, Kinos, Theater usw. irgendwann 2021 wieder öffnen, werden sie andere Sorgen haben, als den Anspruch auf kostenlose Tampons zu befriedigen.

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