Montag, 16. November 2020

O Brother, Where Art Thou?

 

Der Bahnhof ist längst geschlossen, der Platz vor dem verwitterten Gebäude ist menschenleer. Eine schwarze Stretchlimousine rollt langsam über das Kopfsteinpflaster und hält vor einer Kneipe. Zwei Männer in dunklen Sonnenbrillen, schwarzen Anzügen und Knopf im Ohr steigen aus und betreten das Gebäude.

„Gesichert.“

„Gesichert.“

Dann steigt der Chauffeur aus und öffnet die hintere Tür des Wagens. M. schaut sich kurz um und betritt die Kneipe. Dreißig Jahre ist das jetzt her. Es sind immer noch dieselben Tische und Stühle, derselbe Tresen. Hier hat er die Abende seiner wilden Jugend verbracht. Damals, als er noch lange Haare und ein Mofa hatte. Man hat extra den alten Wirt aus dem Altersheim geholt. Auf den Tischen liegen die Speise- und Getränkekarten von damals. Preise in D-Mark. Flasche Henninger Export zweifuffzich, Weizenbier drei Mark. Herrliche Zeiten sind das gewesen. Heute ist er allein hier. Aus Sicherheitsgründen ist alles abgesperrt.

„Mensch, Rolf, altes Haus! Alles klar bei dir? Bring mir doch mal ein Kristallweizen!“ M. klopft dem Wirt jovial auf die Schulter.

Er setzt sich an den runden Tisch, wo er in seiner Jugendzeit im Kreise der anderen Stammgäste so manche Räuberpistole und so manches Husarenstück zum Besten gegeben hat. Was ist aus den alten Kameraden geworden? Einer wurde Verkäufer, einer Schaffner, der nächste ein kleiner Beamter, ein anderer wiederum Hausmeister. Sie waren alle in dem unseligen Provinznest klebengeblieben. Dennoch hatte sich nach seinem Umzug in die Hauptstadt die Runde verflüchtigt und war nie wieder zusammengetreten.

Wie oft war er der einzige gewesen, der sich eine Pizza oder einen Hamburger leisten konnte? Hungrig, um nicht zu sagen sehnsüchtig, hatten ihm die anderen beim Essen zugeschaut, während er mit vollen Backen die weltpolitische Lage erörterte oder aus einem seiner vielen Fachgebiete dozierte. Natürlich hatte er ihnen nie ein Stück Pizza angeboten, weil er sie nicht demütigen wollte. Diese braven Leute, von denen zwei auch heute noch bei ihren Müttern wohnen und ihr Kinderzimmer nie verlassen haben, hatten ja zuhause schon ihr karges Graubrot mit Aufschnitt genossen.

Der Hausmeister hatte eine unheilvolle Neigung zum Monolog, der regelmäßig nach dem dritten Schoppen seinen Anfang nahm. Wie oft durfte M. über seine wirren Thesen lachen. Ein Stammtischphilosoph, ein Kneipenprophet erster Güte. Gerne machte er düstere Vorhersagen und finstere Andeutungen, die sich im Nachhinein selbstverständlich immer als haltlos erwiesen. Bei Wer-kennt-wen, einem deutschen Vorläufer von Facebook, hatte er unter seinen Namen geschrieben: „Kontaktaufnahme ohne philosophische Vorkenntnisse zwecklos“. Dabei hatte er gerade einmal mit Mühe den Realschulabschluss geschafft und später eine Vorliebe für graue Kittel entwickelt.

Das lieben die Menschen an mir, denkt sich M. Meine Verbundenheit mit den einfachen Leuten. Meine Bodenständigkeit. Meine Gradlinigkeit. Meine Ehrlichkeit. Dann steht er auf und geht wieder. Heute Abend ist er bei Markus Lanz zu Gast.

The Fools – Psycho Chicken. https://www.youtube.com/watch?v=UnBlst3T7bY

 


Kommentare:

  1. Ich finde, den Söder hättest Du bestimmt besser parodieren können.

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  2. Denke wir können machen was wir wollen.
    Er wird es.
    Der Bock zum Gärtner.

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