Donnerstag, 26. November 2020

Ich trinke auf unsere Gesundheit

 

Gesundheit ist vielleicht das größte Thema unserer Zeit. Als erstes waren die Raucher dran. Wurden geächtet, wo es nur ging. Kneipen und Restaurants wurden zu rauchfreien Zonen erklärt. Kneipen! Eine Kneipe, die nicht verraucht war, hätte ich mir früher gar nicht vorstellen können. Wegen frischer Luft geht man in den Wald, aber in die Kneipe geht man, um im Kreis seiner Freunde gepflegt eine Kippe nach der anderen zu qualmen. Inzwischen sind Raucher in Ghettos verbannt, aufgemalte Vierecke auf dem Bahnsteig – oder sie stehen bei Wind und Wetter vor irgendeiner Tür wie Hunde, die nicht mit ins Geschäft reinkommen dürfen.

Dann ging der Feldzug weiter und mit jedem Sieg wurde das Heer der Gesundheitsapostel größer. Jetzt waren die Dicken dran, die Unbeweglichen, die Schnitzelabhängigen und Schokoladenjunkies. Alle Leute, die keinen Sport machten. Plötzlich war der Body Mass Index da, überall gab es Fitnessstudios, Yoga-Kurse und Pilates. Die Leute schnallten sich irgendwelche High Tech-Armbänder um, damit sie ständig ihren Puls, ihre Schuhgröße und was weiß ich noch alles messen konnten. Der Arbeitgeber und die Politik verlangten nicht nur lebenslanges Lernen für die Birne, sondern auch lebenslanges Trainieren für den Körper. Selbstoptimierer gaben auf jeder Party den Ton an.

Zu diesem Jahrhundertthema gehört selbstredend auch der Kampf gegen Covid-19. Wir müssen gesünder werden. Gegen die Viren kämpfen. Den ganzen Tag in uns reinhorchen, ob der Apparat auch rund läuft. Wir sind Humankapital. Das muss erhalten werden. Da steckt doch jede Menge Kohle drin, für Schule und Weiterbildung, für Arztbehandlungen und Vorsorgetermine. Da kannst du nicht einfach rauchen, saufen, auf dem Sofa rumhocken und vielleicht noch massenweise Leute während einer Pandemie treffen. Gesundheit ist wichtig, um nicht zu sagen lebenswichtig. Funktioniert auch prächtig auf der Ego-Ebene. Wir wollen am liebsten ewig leben, weil wir uns alle für wahnsinnig toll halten.

Was hat der Staat von dieser Politik? Was hat die Wirtschaft von dieser Ideologie? Man könnte denken: Die mögen uns einfach, die wollen, dass es uns gut geht. Bonetti ist ja auch ein Prachtkerl. Hoffentlich passiert ihm nix. Auf den müssen wir besonders aufpassen. Oder man denkt sich: Die Bevölkerung stagniert, aber wir wollen trotzdem Wachstum generieren. Wie macht man das, wenn die Bevölkerungszahl gleichbleibt? Richtig. Der Einzelne muss länger leben. Länger arbeiten. Länger konsumieren. Da sind höhere Profite und höhere Steuereinnahmen drin. Win-win-Situation. Deswegen ist der Produktions- und der Konsumbereich auch vom Lockdown ausgeschlossen; die Schulen sind nur offen, damit die Eltern ungestört produzieren und konsumieren können.

Der Bürger macht selbstverständlich mit. Wer würde sich ernsthaft einem Feldzug für die Förderung der Volksgesundheit entgegenstellen? Es gibt kein Leben außerhalb der Matrix. Wir sind Schlafschafe? Was denn sonst? Niemand ist wach, es gibt weder eine blaue noch eine rote Pille. Widerstand ist zwecklos. Querdenken ist nur eine Geschäftsidee, ein weiterer Knoten in der Peitsche der Kapitalisten.  

Sex Pistols - Holiday In The Sun - YouTube



 

9 Kommentare:

  1. Schöne Jugendzeit26. November 2020 um 11:47

    Kowid...hach ja.
    War mal mit einer Medizinerin in Ausbildung zusammen.
    ( Klingt doch besser als Medizinstudentin, oder ? )
    Mit das wichtigste Fachbuch in dieser Disziplin ist der Pschyrembel.
    Nennt sich klinisches Wörterbuch, es sind einfach sämmtliche Krankheiten drin beschrieben, die es so auf der Welt gibt. Z.T. mit Fotos.
    Da muß man nur 5 min. drin blättern um sich zu wundern, daß man überhaupt noch lebt.
    Es gibt unglaubliche Krankheiten, und davon massig.
    So gesehen ist Corona nur eine von vielen Möglichkeiten, sich den Tag zu versauen.
    Das Leben ist lebensgefährlich. 24 Stunden am Tag.

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  2. Der Schäfer hütet die Schafe. Ist doch klar. Und an Ostern schweigen die Lämmer.

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  3. Lohnsklaven müssen bis zum Ende ihrer Verwertbarkeit gesund bleiben,
    sind schliesslich nicht billig.

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  4. Früher konnte man praktisch überall rauchen. In jedem Zug gab es Raucherabteile und ich habe sogar noch in einem Raucherkino gesessen. Mir gefällt die Vorstellung von einer Gesellschaft, in der das Laster überall wie selbstverständlich geduldet wird. Vorbei, verweht, nie wieder...

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    1. Ich habe in Texas eine Nacht im Knast verbracht, weil ich aus einer Whiskyflasche getrunken habe, die nicht in einer Papiertüte gesteckt hat. Leider denkt niemand bei "Freiheit" an Drogen, Suff und Kippen. Haben Leute wie wir keine Grundrechte? ;o)

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  6. (Nochmal wegen Korretur)

    War es nicht Manfred Lütz, der dem Gesundheitswahn den Status einer Religion verliehen hat?

    - Man kann ,,Sündigen''.
    - Für seine ,,Sünden'' muss man ,,Büßen'', sonst folgt die Strafe Gottes (Krankheit).
    - Es gibt feste Dogmen (,,Du MUSST jeden Tag xy Gramm von z essen! DU MUSST!'').
    - Am Ende winkt als Versprechen das ewige Leben ...

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    1. Habe gerade mal ein bisschen durchs Netz geblättert. Ich kannte den Mann gar nicht, weil ich zu den Themen Ernährung und Sport nix lese (Sport sehe ich genug in der Sportschau am Samstag). Sympathische Einstellung gegen Fitnesswahn und Körnerfresserei. Kommt meinem Lebensstil sehr entgegen :o)

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    2. Manfred Lütz ist ganz witzig. Die Kombination von Psychiatrie und Theologie ist nur auf den ersten Blick seltsam. ;-)

      In seinen Bücher gibt er auch gerne Anekdoten aus dem psychiatrischen Klinikbetrieb zum Besten -- aber immer freundlich-respektvoll den Patienten gegenüber und sich immer wieder gerne selber in die Pfanne hauend. Ich will nicht behaupten, ein Fan von dem Mann zu sein , aber er ist unterhaltsam und man kann doch so einiges bei ihm mitnehmen.

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